Ist man im hebräischen Sprachraum und in einer zwar laizistischen, dennoch von Anthroposophie überzeugten Familie aufgewachsen, sind einem manche mantrischen Formeln des jüdischen Ritus trotzdem geläufig. Solche sind Grundlage eines Dialogs mit einem Gott ohne Antlitz, ohne Gestalt. Die hebräische Sprache selbst erzeugt einen Widerhall, welcher im rituellen Vollzug Spiritualität zu vergegenwärtigen vermag.
Die Übersetzung der Texte und Mantren der 19 Stunden der Ersten Klasse stellte eine doppelte Herausforderung dar. Jegliche Worte und Begriffe, die auf Hebräisch auf Geistiges hindeuten, rufen Konnotationen aus der jüdischen, über zweitausend Jahre alten rituellen Tradition hervor. Die Sprache ist durchdrungen von alttestamentlichen, talmudischen, kabbalistischen und mystischen Inhalten und von in Sprache gegossenen Imaginationen. Einerseits ist es die Fülle und Vieldeutigkeit von Begriffen, welche beispielsweise den Begriff ‹Seele› jeweils beschreiben und verschiedene Perspektiven dieser benennen. Das erschwert die Wahl – wenn im deutschen Text nur ein einziger Begriff vorkommt, der dennoch verschiedene Nuancen der Seele anspricht. Wird ‹Neschamah› statt ‹Nefesch› gewählt, taucht im Hintergrund Genesis 2,7 auf: «Er blies in ihn den Lebensgeist (Neschamah) ein und Adam wurde zur lebendigen Seele (Nefesch).» Was meinte Steiner? Eher die mehr emotionale Seele, oder die verfeinerte, ‹Höhere›? Die hebräische Sprache ist von jüdischer Geistesart quasi besetzt; die Wiedergabe der Klassen-Mantren verlangt die Suche nach einer Sprache, welche dem anthroposophischen Geist des 20. Jahrhunderts entspricht und vermittelt. Doch immerhin sind Seraphim, Cherubim, die Namen der Erzengel, hebräische Namen. Hebräisch hat auch heute noch die identische Grammatik wie im alttestamentlichen Text. Dass – so Rudolf Steiner – sie eine Ursprache ist, offenbart sich auch an deren sehr hohen Elastizität, welche auf einem äußerst strukturierten, präzisen Gerüst basiert. Die hebräische Sprache ist sparsam. Kurze Sätze. Worte werden nicht verbunden. Eine völlig andere Syntax als im Deutschen. Und sie hat keine Verwandtschaft mit indogermanischen Sprachen. Und doch: eine geistnahe Sprache.
Da stand ich nun: Zwei Sprachen und ein Urtext, welcher auch für Deutschsprachige ungewöhnlich, innovativ und einmalig in Wortwahl und Satzstellungen ist. Es besteht wohl kaum eine intensivere Art, sich mit solchen Texten auseinanderzusetzen, als durch die Übersetzung. Ich erinnere mich an das Jahr 1976, an die erste von Rudolf Grosse am Goetheanum frei gehaltene Klassenstunde. An den Moment, in dem die mantrischen Texte, umhüllt von einem innerlich verarbeiteten Text, völlig neu tönten und, von einem neuen Licht beleuchtet, hörbar wurden. Gerade derartige Texte, Dichtungen und Mantren haben sehr persönliche, sehr unterschiedliche Lese- und Verständnisarten.
In einer israelischen sozialtherapeutischen Dorfgemeinschaft in der Wüste Negev entstand das Bedürfnis, mit den Hochschultexten zu arbeiten. Es bestand bereits eine kleine Gruppe Hochschulmitglieder, die Lektorin, heute Klassenvermittlerin genannt, kam periodisch aus Jerusalem. Es existierte eine notdürftige, handschriftliche Übertragung, welche jedoch sprachlich defizitär war und nur in der Vermittlung dieser einen Person akzeptabel war. Dann beantragten alle langjährigen Mitarbeitenden die Mitgliedschaft an der Hochschule – damals eher eine Seltenheit in der Bewegung. Der Wunsch war jedoch (1999–2000), dass jedes Mitglied bei den Zusammenkünften den Text mitlesen kann. Die Antwort auf meine Anfrage als Vermittler und Übersetzer an den damaligen Ersten Vorsitzenden der AAG, Manfred Schmidt-Brabant, ob das in einer Zeit möglich sei, in der derartiges noch weitgehend unüblich war, lautete: «Wir vertrauen denen, die wir als Lektoren nominiert haben, entscheiden Sie das selbst.» Dieses Vertrauen galt auch der Übersetzungsarbeit und bedeutete eine zusätzliche Motivation. Dies geschah zu einer Zeit, als der Umgang mit den Texten der Klassenstunden noch konservativer war als heute.
Der Prozess dauerte zwei Jahre und fand an den Rändern des sozialtherapeutischen Alltags statt. Ein Alltag, an dem die ständige Begegnung, Beziehung und Kommunikation mit Menschen stattfindet, insbesondere mit Menschen, welche im Verlauf ihrer Biografie massive Hemmungen im Äußern ihres inneren Lebens erleben und erlebbar machen. Auf indirekte Art war die fast tägliche Beschäftigung mit dem Text eine Unterstützung im Alltag. Die Auseinandersetzung mit verschlüsseltem Offenbaren schien unerwartet zu einem schrittweisen, täglichen Umgang mit dem Karma-Gedanken und Alltag zu werden. Zum Wagnis, wahrnehmen zu dürfen, wie geheimnisvoll Verschlüsseltes sich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten lässt und sich allmählich aufhellt. Blicke ich nach einem Vierteljahrhundert auf die damalige Übersetzung, würde ich diese am liebsten von Neuem beginnen. Übersetzen ist ein Entlassen der Texte in die Wortlosigkeit und das Bemühen, die Inhalte in ein neues Gefäß einzusammeln. Gefäße – Sprachgefäße – sind zuweilen brüchig, ersetzbar. Eigentlich wäre es angemessen, stets mehr als nur eine Übertragung der Mantren zu haben.
Bild ‹Fourteen› von Helem Comerford

