Zauber und Mühen des Anfangs

Ein hochinteressantes Buch über die Persönlichkeiten, welche die Gründungsjahre der anthroposophischen Arbeit in Stuttgart geprägt haben.


Hartwig Schiller resümiert: «Stuttgart als Verwaltungsort der Weltgesellschaft hatte sich als zu eng und wirkungsarm erwiesen. Es hatte mit dem Wachstum der Gesellschaft nicht Schritt gehalten bzw. den neu sich stellenden Aufgaben nicht genügt. Dies zu erwarten wäre allerdings unbillig gewesen. Es konnte sehr wohl Berlin als Aktions- und Verwaltungszentrum der deutschen Sektion in der theosophischen Gesellschaft ablösen und dabei eine spezielle Führung übernehmen, wie sie München für die künstlerische, Berlin für die verlegerische und inhaltliche oder Köln für die kommunikative Arbeit zeitweise innegehabt hatten. Mit der Bildung eines weltweiten Zentrums war es jedoch hoffnungslos überfordert. Sein Zweighaus war für den Bedarf eines örtlichen Kreises eingerichtet, die Gründung der Waldorfschule von persönlichen Konstellationen abhängig. Alles das forderte die Kräfte in ungünstiger Zeitlage bereits aufs Äußerste. Das eigentliche Zentrum lag jedoch in der Person Rudolf Steiners, die ein dem Wachstum der anthroposophischen Bewegung angemessenes äußeres Zentrum durch glückliche Fügung in der Schweiz fand. Stuttgart war eine produktive Station auf dem Weg.»1

Wie diese produktive Station aus ersten Anfängen der theosophischen Arbeit entstand und sich mäanderartig weiterentwickelte, schildern die fast fünfhundert Seiten des Buches, das auch von einem subtilen Humor durchzogen ist. Präzise und, wo die Quellenlage manches offen lässt, fokussiert lenkt Schiller seinen Blick auf den Stuttgarter Raum, flankiert von einschlägigen Zitaten aus Rudolf Steiners Vorträgen und Besprechungen, vornehmlich im Zusammenhang mit Sitzungen des ‹Dreißigerkreises›.

Schiller schreibt wie ein Komponist, der ein bestimmtes Motiv aufgreift, dann verlässt, um es immer wieder, metamorphosiert, aufzugreifen. Das verleiht dem Buch eine Spannung, der man gerne folgt.

Eine spürbare Mysteriendramatik durchzieht die Erzählung dieser Schicksale, gerade wo es um die praktische Verwirklichung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ideale ging.

Eine spürbare Mysteriendramatik durchzieht die Erzählung dieser Schicksale, gerade wo es um die praktische Verwirklichung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ideale bis in Bauformen hinein ging, wie am Beispiel des Malscher Baumodells und des Stuttgarter Zweighauses nachvollziehbar wird.

Es handelte sich zunächst um Ergebnisse aus Impulsen, die infolge des Münchner Kongresses 1907 entstanden waren. Aber andere Herausforderungen sollten mit dem Wachsen der anthroposophischen Gesellschaft wie ein rauer Wind die Uhlandshöhe aufsuchen. Deutlich wird das an den finanziellen Voraussetzungen und Hindernissen in Bezug auf viele Projekte, wie sie später mit der Gründung der Gesellschaft ‹Der Kommende Tag› verbunden waren. Damit rückt die Geschichte der Stuttgarter Arbeit und des ‹Stuttgarter Systems› sogar in die Nähe des vierten Mysteriendramas ‹Der Seelen Erwachen›: Hilarius Gottgetreu und dessen Schwierigkeiten, seine Ideale zu verwirklichen – ein Kampf mit luziferischen Illusionen und mit ahrimanischen Mächten, aber auch ein Drama, das viel mit den Beziehungen der handelnden Personen untereinander zu tun hat. So auch im Stuttgarter Drama, in dessen Verlauf, dank dem standfesten Einsatz von Emil Molt, die Zukunft der Schulbewegung gerettet werden konnte. Denn es gab Schuleltern, die dem Nazi-Regime hörig waren und das Rückgrat der Waldorfschule brechen wollten.

So begegnen wir, dank packenden biografischen Skizzen, unter anderem Adolf Arenson und Carl Unger, José del Monte, Emil Molt und Emil Leinhas mit ihren bewegten Schicksalen, genauso wie weiteren bedeutenden Geistern wie Toni Völker, E. A. Karl Stockmeyer, Herbert Hahn, Christoph Boy, Walter Johannes Stein, Hannah Lang, Hertha Koegel und Caroline von Heydebrand.

Schiller erzählt aus dem Fundus eingehender Forschungen, die auch manches Neue an den Tag bringen – besonders in biografischer Hinsicht. Dazu gehört das Schicksal der Eurythmistin Alice Fels, «der ersten Lehrerin einer Schule außerhalb des Goetheanum» und späteren Mitträgerin der Stuttgarter Eurythmieschule.

Mit der Schilderung von Rudolf Steiners Tod und dessen Auswirkungen auf die schmerzlich-schwere Geschichte von Bewegung und Gesellschaft lässt Schiller diese dankenswerte Arbeit in Gedanken gipfeln, die zu einer Antwort auf die Frage einer zukünftigen Leitung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft führen können.


Buch Hartwig Schiller, Aller Anfang Gründergestalten der anthroposophischen Arbeit in Stuttgart, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2020

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Fußnoten

  1. Alle Zitate stammen
    aus dem rezensierten Buch.

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