Warum schauen wir zum Himmel?

Die astrophysikalische Forschung hat mit der Entdeckung der Lichtgeschwindigkeit durch Ole Römer 1676 und dann mit den Erkenntnissen von Edwin Hubble Anfang des 20. Jahrhunderts herausgefunden, dass das Licht der Sterne Jahrhunderte, Jahrtausende, ja Millionen von Jahren auf dem Weg zur Erde ist.


Der Sternenhimmel ist somit die Gegenwart eines Vergangenen. Lenkt man den Blick dann wie hier im Kalender auf die Konstellationen der Planeten, so gilt: Keine Sekunde ist wie die andere. Jede Stellung der Planeten mag einer späteren ähneln, identisch ist sie niemals. Durch die Planeten gibt es eine kosmische Gegenwart, so wie es durch die Sterne eine kosmische Vergangenheit gibt. Denkt man nun noch daran, dass die Erde auf einer interessanten Spiralbewegung, ihrer sogenannten Apexbewegung, Richtung Sternbild Herkules wandert, so schauen wir beim Blick auf Herkules auf den Ort, den die Erde einmal durchwandern wird, wir schauen in die Zukunft, die sich im Kosmos verräumlicht. So gehört zur Erde die kosmische Zukunft, zu den Planeten die Gegenwart und zu den Sternen die Vergangenheit. Beim Blick in den Nachthimmel mag man die Einheit der Zeit fühlen, die sich so durch Erde, Planeten und Sterne ergibt. Gerade in Zeiten des Wandels und der Krise ist die Empfindung für die Einheit der Zeit etwas hochgradig Beruhigendes und Inspirierendes. Deshalb schweifen in schweren Zeiten die eigenen Gedanken in die Kindheit, um diese Weite der Zeit biografisch zu fassen. Vielleicht schauen wir auch deshalb hinaus, weil wir so über die Zeitlichkeit hinauswachsen und uns etwas sicherer werden, was in uns selbst ewig ist.


Aus: Wolfgang Held, Sternkalender 2021/22, erscheint Oktober 2020.

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