Unerhörtes aus der Bibel

Die 33 Kapitel dieses Buches sind überarbeitete Aufsätze, die in den letzten Jahren in der Zeitschrift ‹Die Christengemeinschaft› erschienen sind. Sie thematisieren die Fragen, was Fügungen sind, und was ihr Ziel.


Mit diesen Fragen werden das Alte und das Neue Testament betrachtet. Drei Kapitel hier als Beispiel. Im 2. Kapitel ‹Treffpunkt Brunnen› heißt es: «Brunnen sind Orte, an denen Geschichte geschrieben wird.»1 Die Ahnenreihe Jesu beginnt mit Abraham. Seine Frau Sara ist noch immer kinderlos. Die Magd Hagar flieht vor deren Zorn in die Wüste, wo ihr an einem Brunnen der Engel des Herrn die Zukunft ihres Sohnes Ismael prophezeit. Sara ist 90 Jahre alt, als ihr Sohn Isaak geboren wird. – Die Generationen folgen aufeinander. Da geschieht Jakobs Betrug an Esau um des Erstgeburtsrechts willen. Er wird die zwölf Stämme Israels begründen. Eine seltsame Geschichte webt um Jakob und Rahel. Ist das Böse eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung? «So jedenfalls hat man sich die Vorgeschichte Jesu nicht vorgestellt. […] Doch ist es fast so, als ginge es genau darum, die leiblichen Bedingungen Christi mit dem zu imprägnieren, was als Folge des Sündenfalls der Erlösung bedarf.»2 Rahel gebiert Josef, durch den die Hebräer nach Ägypten gelangen. Josef träumt, aber er muss seine Träume vergessen, ehe sie sich erfüllen können. Hier erscheint ein ausgetrockneter Brunnen als Ort der Wandlung.

Schicksalswege

Im 5. Kapitel ‹Moses und sein Auftrag – Unterwegs zum Ich› werden weitere Bedingungen der Entwicklung herausgearbeitet. «Immer sind es ganz herausragende Momente in der Menschheitsgeschichte, in denen genau das Gegenteil des Beabsichtigten geschieht. Es sind diese Momente der Vereitelung, der Durchkreuzung, in denen sich der Geist der Geschichte auf seine besondere Weise ins Spiel bringt. […].»3 Da eine Missernte droht, befiehlt der Pharao, alle hebräischen Kinder zu töten. Das ist die Grundlage der Moses-Geschichte. Das Kind wird in einem Korb auf dem Nil ausgesetzt. Die Tochter des Pharaos findet es und handelt aus Mitleid ihrem Vater zuwider. Sie nennt es Moses, ‹Sohn ohne Vater›. Amme wird die Mutter des Moses. So lebt das Kind bis vier Jahre oder länger bei seinen Eltern. Schon diese Wege des Schicksals sind unerhört. Danach wird Moses zum Ägypter erzogen, in alle ägyptische Weisheit eingeweiht und könnte Nachfolger des Pharaos werden. Mit 40 Jahren erkennt er die Fron der Hebräer, tötet den ägyptischen Aufseher und muss sich verbergen. Erst dem Achtzigjährigen trägt aus einem brennenden Dornbusch eine Stimme auf, die Israeliten nach 500 Jahren ins Gelobte Land zu führen. Auf seine Frage, wer da spricht, ertönt das Wort: ‹Ich bin der Ich-Bin›. Moses wird der erste, dem sich das Welten-Ich offenbart: als Gesetz, noch nicht als Gnade.

Im Kapitel 25 ‹Warum der Messias auch der Gottesknecht ist› geht es um das Mysterium des Opfers Christi. Der Messias wird nicht erkannt, weil man in ihm trotz Jesajas Prophetie den Gottesknecht nicht sieht. Den Menschen muss ihr Unverstand vergeben werden, um der Heilung ihres Gottesbezuges willen.

Im Ganzen ist dieses Buch eine kritische Untersuchung des Alten und des Neuen Testaments. Bibeltext und Alltagssprache wechseln sich ab, was den Eindruck der Aktualität des uralten Textes verstärkt. Auffällig ist die Wirkung des jeweils letzten Satzes im Kapitel – wie ein Schwungholen für das Folgende. Manches erscheint mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln. Ob Moses den Gott seiner Väter kannte? Nur für die Pharaotochter war er ein vaterloser Sohn. Ist es nicht möglich, dass er im Elternhaus bereits vom Elend der Hebräer erfuhr?

Das Buch ist ein Schlüssel zu den biblischen Geschichten. Ruth Ewertowskis tiefgründige, gedankenvolle Arbeit beantwortet manch lang bewegte Frage. Aufregend sind die überraschenden Verknüpfungen sowie die Prüfung anderer Deutungen (Emil Bock). Ihr Buch lässt die unerhörten Fügungen verstehen im Blick auf das Endziel: Das Erscheinen Christi und die dadurch mögliche Ich-Entwicklung für alle Menschen.


Buch Ruth Ewertowski, Das Buch der Fügungen, Schlüsselereignisse in der Bibel. Urachhaus, Stuttgart 2022

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Footnotes

  1. Ruth Ewertowski, Das Buch der Fügungen. Schlüsselereignisse in der Bibel. Urachhaus, Stuttgart 2022. S. 14
  2. Ebd. S. 137
  3. Ebd. S. 137

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