Runter vom Zauberberg

Das erste redaktionelle Gespräch nach der Urlaubspause führte uns auf den ‹Zauberberg›. Wie viele anthroposophische Initiativen liegen auf einem Hügel, herausgehoben oder erhaben in ihrer Umgebung? Wie oft erklimmen wir ideelle Höhen und verlieren darüber das belebte Tal aus den Augen, lassen den Blick über die sonnengeküssten Gipfel schweifen, während es sich unter uns zuzieht? Wenn man von der Autobahn kommend auf Dornach zufährt, blickt man von der Flussebene neben dem alten Dorfkern hoch in die grünen Hügel, aus denen das Goetheanum wie geistiges Felsgestein herausragt. Jedes Mal wieder werde ich aus dieser Perspektive von seiner schieren Größe, der Übergröße in dieser Umgebung, überrascht. Aus der Nähe kenne ich das Gebäude mittlerweile so gut, dass mir seine Winkel häuslich erscheinen. Aus dem Tal geschaut, mit einem gewissen Abstand, verstehe ich die Überwältigung und in heutiger Zeit vielleicht Befremdung, die es auslöst. Ich stelle mir vor, dass es Pilgernden im Mittelalter ähnlich erging, wenn sie das erste Mal vor einer riesigen Kathedrale wie in Chartres standen. Nur hat die Größe anderes in ihren Seelen ausgelöst als heute, wo wir uns individuell erfahren wollen. Wenn das Goetheanum – als ein weltumspannender Impuls geschaut – wirken soll, ist es Zeit für eine neue Reformation: nicht Latein, sondern zuhören und viele Sprachen sprechen lernen. Zeit, um durch Interesse Brücken zu schlagen.


Bild Goetheanum, Foto: Xue Li

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