Lives matter

Gerald Häfner, Leiter der Sektion für Sozialwissenschaft, nimmt in einem Video Stellung zu der Tötung von George Floyd durch die Polizei. Er beschreibt die Kälte, Rücksichtlosigkeit und Ignoranz der Polizisten gegenüber den Hilferufen von Floyd und den Bitten der Passanten. Es seien Reminiszenzen aus der Zeit des Sklavenhandels, die sich hier abspielten und ein weltweites Problem darstellten. Dahinter stehe das Gefühl, sich als Herren über Leben und Freiheit anderer Wesen zu verstehen, das, so Häfner, auch Motor des seelenlosen Umgangs mit Tieren in der industrialisierten Landwirtschaft sei. Deshalb sei Europa hier keinesfalls schuldlos. Häfner betont den Gegensatz, dass in der Coronakrise mittels Lockdown und Intensivmedizin um jedes Menschenleben gekämpft werde, während zugleich auf der Straße grundlos getötet wird. Die durchschnittlich nur 19 Wochen dauernde Polizeiausbildung in den USA beinhalte, schießen, aber nicht reden zu lernen. Deeskalation und Mediation kämen nicht vor.

Im weltweiten Protest zeige sich nicht nur die 400-jährige Erfahrung mit der Sklaverei in der Neuzeit, sondern auch ein neuer Respekt vor der Würde des einzelnen Menschen, sodass sich weltweit Menschen niederknieten, um für George Floyd um Verzeihung zu bitten.

Vor kaum mehr als hundert Jahren gab es in Deutschland das schreckliche Wort, so Häfner: «Jeder Tritt ein Brit, jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos.» Man schrieb alle Rechte dem eigenen Volk zu und sprach den Nachbarn ihr Menschsein ab. Weltweit herrschen Kriege, in denen Religion und Ethnie darüber entscheiden, ob man leben darf oder nicht. Bis in die 80er-Jahre habe es gedauert, bis Menschen anderer sexueller Orientierung respektiert würden. Die Würde des Menschen ist also ein erst wenige Jahrzehnte gewachsenes Gut, das, so Häfner, nach unser aller Engagement, nach einer radikalen Entscheidung für den einzelnen Menschen rufe. Selbstkritisch schließt Häfner damit, auch die anthroposophische Bewegung tue zu wenig dafür, Menschen, die dem Willen anderer Menschen unterworfen seien, zu befreien. Das gelte auch ökonomisch und verlange deshalb nach einer radikal neuen Wirtschafts- und Arbeitsordnung und nach Mitwirkung. Anthroposophie sei hier der Zeit voraus, weil sie dafür Sozialentwürfe bereitstellen könne.


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