Göttliches Spiel

Eine neue Flöte wurde in China erfunden und ein japanischer Meistermusiker hörte die Schönheit ihres Klanges. Er nahm die Flöte mit nach Japan und spielte sie überall im Land. Nach seinem Spiel in einem Dorf herrschte tiefe Stille. «Wie ein Gott», sagte dann der älteste Mann. Die Menschen fragten, wie lange es dauern würde, bis man die Flöte so spielen könne? «Jahre», sagte der Meister, aber er war bereit, einen Schüler anzunehmen. Die Dorfbewohner wählten einen talentierten, hart arbeitenden jungen Musiker aus. Der Meister gab ihm eine einfache Melodie und er schaffte es, sie zu spielen, aber es fehlte etwas. Er wollte seinen Lehrer beeindrucken und versuchte es immer weiter. Aber es fehlte immer noch etwas. Er wurde immer verzweifelter und frustrierter, genoss seine Musik nicht mehr und fiel in Armut. Nach langer Zeit kehrte er in sein Dorf zurück und wurde überredet, noch einmal zu spielen. Er war voller Scham, hatte seine alte Flöte in der Hand und nichts zu gewinnen oder zu verlieren. Und er spielte. Am Ende war absolute Stille im Raum und man hörte den Ältesten sagen: «Wie ein Gott».

Das Sanskritwort ‹Lila› bedeutet ‹göttliches Spiel› und beinhaltet das Vergehen und Werden des Kosmos, das Spiel der Götter. Es ist die Essenz der Kreativität. Es ist freies Spiel, in dem es nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren gibt.


Bild Offenes Atelier der Plastikschule am Goetheanum mit Ulrikke Stokholm während der World Teachers’ Conference in April 2023, Foto: Xue Li

Print Friendly, PDF & Email

Letzte Kommentare