Wie sollten wir auf die Jugend blicken? Ein Kommentar zu den Demonstrationen in Frankreich.
Es war ein Ereignis, das auf der ganzen Welt zur Kenntnis genommen wurde. Die Präsidenten der USA und Russlands sprachen von apokalyptischen Ereignissen, von der Dekadenz Europas, verursacht durch die immer multikultureller werdende europäische Gesellschaft. In Spanien war man sich sicher, alles sei die Schuld von Muslimen und den Linksparteien. In Deutschland war man sehr besorgt über die nie abreißende Demonstrations- und Streikwelle im Nachbarland. In Italien und Belgien fühlten sich Jugendliche aufgerufen, ihrerseits auf die Straßen zu gehen. In Frankreich sprach der Premierminister von einem Volksaufstand, der absichtlich von der politischen Gegenseite geschürt worden sei, und kündigte bei kommenden Demos ein gnadenloses Vorgehen der Polizei an. Ausgangssperren und Versammlungsverbote wurden verhängt.
Grund dafür: die Ereignisse des 17. Oktober, als 800 000 Menschen, vor allem Jugendliche, auf die Straße gingen, zunächst friedlich, mit Musik und witzigen Parolen. Ab dem frühen Nachmittag kam es dann in vielen Städten zu Straßenschlachten, viele Jugendliche und Polizisten wurden verletzt, Rathäuser und andere öffentliche Gebäude gingen in Flammen auf, unzählige Scheiben wurden zerschlagen, Geschäfte geplündert, Autos verbrannt, Barrikaden errichtet. «Die Lichter gehen aus im Land der Aufklärung» (Les lumières s’éteignent au pays des lumières), stand neben einem zerstörten Geschäft in Paris.
Warum denn das? Wie konnte solch eine Hysterie aufkommen?
Am Anfang ging es weder um Politik noch um Migration oder Religion. Es ging um Pädagogik. Um Stundenplangestaltung, um häufig ausfallenden Unterricht, um fehlende Lehrpersonen und heruntergekommene Schulgebäude. Und ein anderer, wichtiger Punkt für die Jugendlichen an den Oberstufen: Sie wollen ihren Studienplatz nach dem Abitur frei wählen können und ihn nicht durch ein zentrales Softwareprogramm zugeteilt bekommen. Am 16. September haben Schüler und Schülerinnen eines Gymnasiums in einem Pariser Vorort mit diesen Forderungen protestiert und ihr Schulgebäude blockiert. Mit Zustimmung der Lehrpersonen. Ihre Aktion fand dann sofort Nachahmende in anderen Gymnasien im ganzen Land.
Viele Schüler und Lehrpersonen fanden die Forderungen berechtigt. Erziehungswissenschaftler betonten in Beiträgen für große Tageszeitungen, die Jugendlichen forderten hier, was die Forschung schon seit zwanzig Jahren aufzeige: Stundenpläne der Gymnasien entsprechen selten den Hinweisen aus Chronobiologie und Erziehungswissenschaft. Von Schülern wird eine Präsenz von 8 bis 18 Uhr gefordert, am Ende des Tages gibt es immer wieder Unterricht, der hohe Konzentration erfordert, während es tagsüber viele Stunden ohne Unterricht gibt – lange Wartezeiten, die wegen schlechter Infrastruktur in den Schulen von den Jugendlichen nicht kreativ genutzt werden können.
Sicher lassen sich diese pädagogischen Fragen in einem Land, in dem Schule zentralistisch verwaltet wird, nicht schnell lösen. Aber eine Anerkennung der Berechtigung der Fragen, Dialog mit Schülervertretern und Bürgerforen mit Beteiligung von Lehrpersonen, Schülern und Vertretern der Schulaufsicht hätten sehr wahrscheinlich den Protest in Grenzen gehalten. Er wäre dann Gelegenheit für Brainstorming aller Beteiligten gewesen, Gelegenheit zur Entwicklung neuer Ideen zur Verbesserung der gymnasialen Bildung.
Stattdessen gab es vonseiten der Regierung vor allen Dingen Zynismus und Gewalt. Die Schüler seien wie Zahnpasta, so äußerte sich ein Politiker. Wenn sie einmal aus der Tube gequetscht seien, würde man sie nur schwer dahin zurückbringen. Streiks und Schulblockaden seien nur Ausdruck von Faulheit. Chinesische Schüler hätten bei der Pisa-Studie deshalb so gut abgeschnitten, weil sie brav im Klassenzimmer lernten und nicht dauernd streikten. An den ersten friedlichen Demonstrationen im September nahmen fast ausschließlich Schüler und Schülerinnen teil, die aber durch ein überdimensioniertes gewaltbereites Polizeiaufgebot provoziert wurden.
Die Jugendlichen, denen eine Hand abgerissen wurde oder die ein Auge verloren, hatten sich nicht gewalttätig verhalten. Die linksliberalen Medien und viele Stimmen aus Erziehung und Wissenschaft gaben den Schülern recht und forderten die Regierung zum Dialog auf. Dieser fand nicht statt, und so wuchs die Wut. Nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei Studierenden und in weiten Teilen der Gesellschaft. Und die kleine Gruppe von Mitbürgern, die sich an Gewalttaten berauscht und dadurch ihr Selbstgefühl steigert, war von dieser Situation elektrisiert. Dieser Cocktail explodierte dann am 17. Oktober.
Dabei wollten ursprünglich ein paar Schüler einfach zum Ausdruck bringen, dass sie lernen wollen und bessere Lernbedingungen haben möchten.
Wie können wir in Bezug auf die Kinder und Jugendlichen einen prophetischen Blick entwickeln? Einen Blick, der nicht stehen bleibt bei der gegenwärtigen Erscheinung, sondern der die Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten jedes Kindes vorausfühlt, vorausdenkt? Einen Blick, der sich nicht durch unangenehmes Verhalten benebeln lässt, sondern sich mit dem noch unbewussten Lernwillen verbindet und das große Potenzial der werdenden Individualität innerlich erschaut?
Dieser Blick der Pädagogen unterstützt den Lernwillen der Jugendlichen viel stärker als jede Belohnung oder Bestrafung. Wenn seitens der Erwachsenen aber nur der andere Blick entgegenkommt – ‹Ihr seid faul, dumm und gefährlich› –, wenn durch die schulischen Lernbedingungen Kreativität und Spontaneität geknebelt und gelähmt werden, dann … dann kann es zu einer Gewalt kommen, die auch die Mächtigen dieser Welt bemerken.
Im Grunde geht es um eine Form des Lernens, die eine neue Art des Denkens ermöglicht: ein herzerfülltes Denken, ein Denken im Zeichen Michaels, wie man mit Rudolf Steiner sagen könnte. Eine junge Frau trug bei der Demonstration in Paris ein Schild mit der Aufschrift: «Contre les violences institutionnelles, pour l’intelligence émotionnelle» – «Gegen institutionelle Gewalt – für emotionale Intelligenz».

