‹Árrhēton› hieß in der Antike das Unaussprechliche, das, was nicht gesagt, nicht mitgeteilt werden könne. So schreibt Herodot von seiner Reise durch ägyptische Einweihungsorte in den ‹Historien II›: «Doch darüber, obwohl ich recht gut weiß, was da vorgeht, soll Schweigen gebreitet sein.» Heute gibt es keine Mauern, keine Wächter mehr, die Esoterisches von Exoterischem trennen. Und doch zitieren wir trotz aller Entäußerung Ludwig Wittgenstein, der vor hundert Jahren schrieb: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Wer selbst einmal ein Geheimnis ausgesprochen hat, weiß, dass der hier angesprochene Schutz nicht dem Geheimnis gilt, sondern seinem Träger, seiner Trägerin. Wir selbst kommen zu Schaden, wenn wir ein Árrhēton zu einem Rhēton machen. In Russlands Krieg in der Ukraine bringt das Drohnenauge das unaussprechliche Leid und Grauen weltweit auf die Bildschirme. Da prägt sich in uns ein das Unaussprechliche. Im Anschauen sprechen wir es aus. Da geschieht globale Selbstverletzung. Da brauchen alle Heilung, mit Opfer und Täter auch die Zeugen und Zeuginnen.
Bild Poltava in der Ukraine im August 2022, Foto: Margarita Marushevska/Unsplash

