Über die Klüfte ‹übersetzen› – Mantrenarbeit in Japan
Als ich mich ernsthaft fragte, ob ich Mitglied der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft werden wollte, beschäftigten mich die Gedanken des Philosophen Takeshi Umehara (1925–2019). Lange rang ich mit der Frage, ob auch der anthroposophische Schulungsweg im Sinne des Fortschritts zu denken sei, als ein Hinaufsteigen. Erst durch Begegnungen mit Michaela Glöckler, Sergej Prokofieff und anderen sowie durch die Lektüre der Weihnachtstagung und der ‹Philosophie der Freiheit› konnte ich mir sagen, der anthroposophische Schulungsweg sei nicht dazu da, sich selbst zu erhöhen; es gehe vielmehr um Selbstlosigkeit, die in jedem Erkennen erreicht werde und durch die sich der Erdenorganismus verwandle. Darin sah ich einen Einklang mit dem Grundprinzip der japanisch-buddhistischen Spiritualität, wonach nicht nur Menschen, sondern alle Gräser, Bäume und das gesamte Land (die Erde/Natur) ausnahmslos die Buddhaschaft (Erleuchtung) erlangen, auf das auch Umehara hinwies. Mit dieser Gesinnung ersuchte ich um die Aufnahme in die Hochschule.
In Japan wurde die Klassenarbeit seit 1992 von den ersten Klassenlesern Yuji Agematsu und Tsuneo Ishikawa getragen. 2018 veröffentlichte Iwao Takahashi seine Übersetzung der Klassenstunden als Buch, damit jeder, der den anthroposophischen Erkenntnisweg sucht, ihn finden kann. Agematsu hielt seine Übersetzung dagegen nur für Hochschulmitglieder bereit, um den Ernst und das Leben der Klassenarbeit zu bewahren. Beide Haltungen sind berechtigt, und beide konnten nur entstehen, weil deutsche Texte ins Japanische übertragen werden mussten. Schon die Wahl der Fachwörter – Geist, Seele oder Anthroposophie – hat bei uns Gruppierungen hervorgebracht. Hinter sozialen Spaltungen sehe ich immer auch ein Problem der Sprache.
Auf Einladung von Ishikawa und Agematsu haben sich die acht Vermittlerinnen und Vermittler Japans zu einem Kreis zusammengeschlossen, der sich zweimal im Jahr trifft. Vier von ihnen arbeiten mit eigenen Übersetzungen. Das ist verständlich: Mit der Übersetzung eines anderen lässt sich in einer Klassenstunde schwer arbeiten, wenn man den Denkweg nicht kennt, der zu den einzelnen Ausdrücken geführt hat. Nun erwägen wir, an einem gemeinsamen Standardtext zu arbeiten, von dem wir ausgehen und zu dem wir zurückkehren, während wir die verschiedenen Fassungen respektieren.
Noch schwieriger ist das Mantrische. Wie gibt man Rhythmus und Reim, die Rudolf Steiner für den Weg ins Übersinnliche so wesentlich hielt, im Japanischen wieder, wo Verse nach Silben gezählt werden, wie im Haiku, und nicht nach Betonungen? Eine Vermittlerin aus Taiwan erzählte mir, wie anders buddhistische und anthroposophische Mantren in ihr wirken. Ich selbst habe ausschließlich auf Deutsch meditiert; da wurde mir bewusst, dass heute viele Menschen mit übersetzten Mantren meditieren. Mein stärkstes Meditationserlebnis hatte ich mit sechzehn, als ich mich anhand der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› in das Sinnbild des Rosenkreuzes versenkte. Ich fühlte mich in eine andere Welt versetzt, ein starker Wind drohte mich fortzublasen, und ich konnte mich nur halten, indem ich mich auf die einzelnen Rosen am schwarzen Kreuz konzentrierte. Sinnbilder lassen sich über Kulturgrenzen hinweg teilen; Mantren müssen übersetzt werden.
Wir sprechen von ‹Asien›, doch in diesem Raum werden über 2000 Sprachen gesprochen, und verständigen können wir uns meist nur auf Englisch. Hätte es Sinn, wenn wir im asiatisch-pazifischen Raum gemeinsam eine neue ‹englische Übersetzung› gestalteten, die weniger britisch oder amerikanisch wirkte als vielmehr wie ein Kreol?
Die künstliche Intelligenz baut auf den sprachlichen Erfahrungen der Menschheit auf. Furcht vor ihr wie übermäßige Verehrung erscheinen mir als verfremdete Formen eines Ahnenkults. Da Maschinen heute auch Mantren in andere Sprachen übersetzen können, liegt es an uns zu erproben, worin sich Maschinen- und Menschenübersetzung unterscheiden. Dann zeigt sich, dass es darauf ankommt, die Vorgänge im Übersetzungsakt zu erleben. Die Verantwortung, die Entstehung des Wortes zu begleiten, wird aber beim Menschen bleiben. Übersetzungen haben uns bisher die abgründigen Unterschiede zwischen West und Ost, Nord und Süd bewusst gemacht. Gerade in der Zeit der KI können wir die Aufgabe ergreifen, aus der Quelle der Geisteswissenschaft heraus die Konflikte und Polarisierungen unserer Welt zu überwinden, indem wir uns über die Klüfte ‹übersetzen›. Kai Iruma
Einschüchternd – verwirrend – vertraut
Wie fast alles, was mit der Michael-Schule zu tun hat, ist auch die Begegnung mit den Stunden der Hochschule für Geisteswissenschaft eine zutiefst persönliche Erfahrung – auch dann, wenn sie in der Gemeinsamkeit einer 50-jährigen Ehe stattfindet. Sie ist verbunden mit der Entscheidung, selbst eine Rolle in der Geschichte der Mysterien zu übernehmen. Marguerite und Douglas Miller
Marguerite Meine frühesten Fragen nach dem Sinn des Lebens trafen auf Aberglauben in meiner Familie. Die Sehnsucht nach Wissen führte mich zu zwei Universitätsabschlüssen in deutscher Literatur, zu Goethe und zu Rudolf Steiner; aus Antworten wurden Fragen, und diese führten zu einem noch unscharfen Bewusstsein für die Erste Klasse und ihre Stunden. Die Hochschule rückte mehr in den Mittelpunkt, als mein Mann zum Klassenvermittler ernannt worden war, wodurch all die Bücher und der mit dieser Aufgabe verbundene Ernst Einzug in unser Leben und unser Zuhause hielten. Auf seine Bitte hin willigte ich ein, die Diskretion zu wahren, die man damals im Umgang mit diesen Dokumenten pflegte. Diese Verpflichtung besteht unverändert – trotz Veröffentlichung der Texte, auch im Internet – und sie erinnert daran, dass dies eine esoterische Schule ist, mit einzigartigen Notwendigkeiten und Herausforderungen verbunden.
Meine eigene Begegnung mit den Klassenstunden ereignete sich einige Jahre später. Eine alte Freundin, ebenfalls Klassenleserin, wohnte bei uns während einer Tagung für Hochschulmitglieder, die in der Nähe stattfand. Wie mein Mann und ich lebte sie in einer eher abgelegenen Gegend. Sie fragte: Warum nahm ich nicht teil? Wieso war ich noch nicht in die Hochschule eingetreten? Erklärungen wertete sie als Ausreden. So kam es, dass ich am letzten Morgen der Tagung die 19. Klassenstunde hörte, in frei gehaltener Form – und ihr Mantra erklang durch die Zeit in Worten, die mein Herz schon kannte. An diesem Ende des Klassenstunden-Zyklus fühlte ich mich umgekrempelt und auf den Kopf gestellt, hatte flüchtig Dinge erblickt, die mir vertraut und doch neu waren.
Die erste Stunde folgte Monate später, der Weg entfaltete sich; drei Jahre vergingen, bis wieder die 19. Stunde erklang. Diese wahrhaftigen Worte, diese Mantren – einschüchternd, verwirrend, vertraut. Die kosmischen Räume, die sie beschreiben, und die Wesen, die diese bevölkern, wurden mir langsam zur Versicherung, dass Michaels Schüler sie vor ihrer Geburt schon gehört hatten und die Erinnerung daran in dieses Leben mitgebracht haben. Sie auf richtige Art wieder zu hören, mit Demut – sie in zwei Sprachen wieder aufleben zu lassen, in meditativer Ruhe zu horchen und zu schauen –, das wurde mir zur Aufgabe.
Was ist mit der blauen Mitgliedskarte? – Indem sie Teil der Stunde ist, hält sie das Bewusstsein dafür wach, dass die hier gesprochenen Michael-Worte diese Gemeinsamkeit und die Verpflichtung zur Ernsthaftigkeit des Zuhörens brauchen, wenn sich die Gemeinschaft der Meditierenden auf beiden Seiten der Schwelle versammelt. Sie offenbart sich als rosenkreuzerisches Zeichen dafür, dass es dem esoterischen Lehrer in Wort und Tat um das Wohlergehen seiner Schüler in diesen machtvollen Sphären zu tun ist; ein Ausdruck des Vertrauens in uns, dass wir zu Recht anstreben, seine Kollegen zu werden, während wir uns in Freiheit Schritt für Schritt auf diesen Weg machen und dafür Sorge tragen, dass michaelische Erkenntnis weiterhin in den Mysterien angesiedelt bleibt.
Auf dieser Grundlage begründete ich wenige Wochen, nachdem ich die 19. Stunde gehört hatte, einen Sektionsnewsletter; diese Auffassungen prägten meine jahrzehntelange Mitgliedschaft im Nordamerika-Kollegium der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft; sie waren mein Antrieb, als ich die erste Tagung zu den 19 Klassenstunden in Nordamerika organisierte; sie durchdringen meine Methode und meine Arbeit als Übersetzerin; sie ziehen sich als roter Faden durch mein Leben. Und doch scheint es so wenig in Anbetracht dessen, was Rudolf Steiner über die Nöte der Menschheit wusste.
Douglas Als Kind wuchs ich in zwei sehr unterschiedlichen Landschaften auf: im Winter in einer Stadt mit Kohlenstaub in der Luft und in Beton eingezwängter Natur; im Sommer auf einer Farm in den amerikanischen Plains, wo es greifbar war, wie die Kräfte der Erde das Getreide wachsen ließen, und wo Sterne nachts am Himmel strahlten. Ich lebte zwischen diesen Welten und sehnte mich nach einer Brücke, die beide Erfahrungen verbinden könnte. Im Studium von Goethes dichterischem und wissenschaftlichem Werk an der Universität fand ich eine erste Verbindung; eine viel tiefergehende erschloss sich mir, als ich Rudolf Steiners anthroposophische Forschung kennenlernte. All dies brachte mich dazu, Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft in Amerika zu werden und auch in der Ersten Klasse, mit der Rudolf Steiner einen michaelischen Weg weist, der vom Irdischen ins Übersinnliche führt: «Eine esoterische Schule ist nur dann als solche da, wenn sie der irdische Abglanz ist von dem, was in übersinnlichen Welten begründet wird.» (GA 270, S. 372)
Es wurde eine lange, oft anstrengende Entdeckungsreise. Zu der Zeit, als ich in die Freie Hochschule eintrat und schließlich – 1979 – Klassenvermittler wurde, hielt man die Klassenstunden als reines Lesen des Textes. Selbst das brachte Herausforderungen mit sich, da ich ja auf Englisch las – auch hier wieder eine Kluft, die es zu überbrücken galt. Als später ein freies Halten und Gespräch als Form für die Klassenstunden aufkam, brachte dies neue Chancen, aber auch neue Hürden, weil für die inhaltliche Bedeutung ein sprachlicher Ausdruck erst gefunden werden musste. Jedes Mal hatte ich mich zu fragen: «Genügen meine Worte dem Anspruch, ein ‹irdischer Abglanz› des Inhalts zu sein?»
Rudolf Steiner hat mit Nachdruck betont, dass die Texte der Klassenstunden gar nicht wirklich existieren. Sie sind Teil der veröffentlichten Ausgabe der Klassenstunden, aber ich bin zu der Auffassung gelangt, dass ihr Text eigentlich wandelbar ist (so wie er auch bei Rudolf Steiners Wiederholungsstunden nicht ganz derselbe war). Nur die Mantren an sich sind unveränderlich – der Polarstern über den Stunden. Im Laufe der Jahre habe ich entdeckt, dass der Impuls der Ersten Klasse in der jeweils individuellen Aufgabe besteht, die mantrische Meditation aufzubauen; der Text, mit dem man sie umgibt, kann Inspirationen für diesen Eintritt in eine übersinnliche Situation anbieten. «Wir müssen den Mut und das Feuer finden, Aktivität in unser Denken zu bringen. […] Wenn wir uns in der entsprechenden Weise zum schaffenden Denken vorbereiten, strömt in unser schaffendes Denken die geistige Welt ein.» (GA 270, S. 45) So kann die Brücke zwischen zwei Welten entstehen.
Es geschieht intim und zwischen den Teilnehmenden
Die Suche nach dem Verständnis der Welt fällt in hohem Maße mit der Suche nach Selbsterkenntnis zusammen. Vor 26 Jahren begegnete ich dem Goetheanum. Als junger Mensch war dies eine einzigartige Erfahrung, in der etwas Großes in meinem Leben geschah. Ich entwickelte mein Studium in Anthroposophie und forschte in der Naturwissenschaftlichen Sektion und der Sektion für Landwirtschaft. Ich begegnete den Impulsen und der Suche junger Menschen in der Jugendsektion. Ich identifizierte mich als Teil der esoterischen Michael-Schule. Im Laufe der Jahre ist diese Reise immer intimer geworden und sie möchte sich der Welt in Form von Taten und Initiativen präsentieren.
Meine Lebenslandschaft veränderte sich äußerlich und innerlich, doch die Suche nach Selbsterkenntnis und Wissen kannte keine Grenzen. Heute in Brasilien, als Mitglied der Michael-Schule und als Vermittlerin der Ersten Klasse, versuche ich, den Menschen durch die portugiesisch-brasilianische Sprache einen unmittelbaren Zugang zu eröffnen. Persönliche Begegnungen, die von Herzen kommen, sind äußerst wichtig. Offen zuzuhören und Gespräche zu führen, in denen sich alle frei und angeregt fühlen, sich auszudrücken, Erfahrungen und Entdeckungen auszutauschen, ist die Geste und Ermutigung, die ich zu fördern versuche. In den Treffen im Rahmen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die sehr intim sein können, findet die Wärme der Liebe ihre Erfüllung. Etwas geschieht individuell und intim, aber auch im ‹Dazwischen› der Teilnehmenden offenbart sich das Wesentliche.
Die Sprache der einleitenden Texte und Mantren ist in der Übersetzung ins brasilianische Portugiesisch mit dem verbunden, was subtil im Sinn und in der Bedeutung existiert. Die sprühenden und melodischen Wendungen der Sprache und der Anordnungen der Kompositionen der Imagination der Mantren verlebendigen die Empfindungen. Die Arbeit mit den Texten hilft uns, dem Weg zu folgen, der zum Reichtum der von lebendigen Bildern genährten Mantren führt.
Brasilianisches Portugiesisch ist eine Sprache, die durch die afrikanischen und die Sprachen der ursprünglichen Bevölkerung Brasiliens bereichert wurde, ganz zu schweigen von späteren sprachlichen Einflüssen. Der Klang ist fließend, seine Melodie regt die Seele an, farbenfrohe Imaginationen mit großer Vielfalt zu erleben. Diese Eigenschaft verbessert die Bilder, die verinnerlicht und meditiert werden sollen. Sicherlich ist es eine unserer Aufgaben, diese reiche und zum Nachdenken anregende Qualität der brasilianischen Sprache in den Klassenstunden zu vertiefen. Ich bin jedoch überzeugt, dass im Herzen des Individuums die wahre Bedeutung und das Gefühl der Zugehörigkeit zur Michael-Schule in Brasilien und weltweit widerhallen.
Wie kann ich die tägliche landwirtschaftliche Arbeit durch die Erfahrungen mit den Inhalten der Klassenstunden stärken und andere Menschen daran beteiligen? Diese Frage ist für mich ständig in Bewegung, wenn ich auf die Reiche der Natur und die vier Elemente stoße. In der Landwirtschaft beschäftigen wir uns mit der sinnlichen Welt, aber auch mit den Kräften, die diese Existenz und ihre Rhythmen antreiben. Wir beobachten die himmlischen Rhythmen in der Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten sowie ihr Mitwirken in der landwirtschaftlichen Praxis. Als Landwirtinnen und Landwirte sind wir in die Erfahrung zweier Welten eingebettet: der sinnlichen und der übersinnlichen. Brücken zwischen ihnen zu bauen, wird zur herausfordernden Aufgabe. In den Reichen der Natur finde ich, was mich als spirituelles Wesen verankert. Von den Elementen empfinde ich den Anreiz in den Kräften, die mich dazu bewegen, mich zu verwandeln, um zu lernen, mein Herz für die Bedürfnisse der Zukunft der Erde und der Menschheit zu öffnen. Die Arbeit auf dem Land ist die Praxis der Meditation in Form von Handlungen, in der Verwirklichung der Vermenschlichung des Individuums. «Der Landwirt ist ein Meditant!» Diese Erwähnung von Rudolf Steiner im Landwirtschaftlichen Kurs berührt. Die tägliche Erfahrung der Elemente, Rhythmen und Reiche der Natur lädt ein, subtile Dimensionen des Lebens wahrzunehmen und ein Denken zu entwickeln, das sich in der Beziehung zwischen den Offenbarungen bewegt. Die Sinneswelt wird transparenter für das Handeln des Geistes, da sind wir aktiver Teil des Prozesses. Andrea D’Angelo
Zur Übertragung der 19 Klassenstunden ins Hebräische
Ist man im hebräischen Sprachraum und in einer zwar laizistischen, dennoch von Anthroposophie überzeugten Familie aufgewachsen, sind einem manche mantrischen Formeln des jüdischen Ritus trotzdem geläufig. Solche sind Grundlage eines Dialogs mit einem Gott ohne Antlitz, ohne Gestalt. Die hebräische Sprache selbst erzeugt einen Widerhall, welcher im rituellen Vollzug Spiritualität zu vergegenwärtigen vermag.
Die Übersetzung der Texte und Mantren der 19 Stunden der Ersten Klasse stellte eine doppelte Herausforderung dar. Jegliche Worte und Begriffe, die auf Hebräisch auf Geistiges hindeuten, rufen Konnotationen aus der jüdischen, über zweitausend Jahre alten rituellen Tradition hervor. Die Sprache ist durchdrungen von alttestamentlichen, talmudischen, kabbalistischen und mystischen Inhalten und von in Sprache gegossenen Imaginationen. Einerseits ist es die Fülle und Vieldeutigkeit von Begriffen, welche beispielsweise den Begriff ‹Seele› jeweils beschreiben und verschiedene Perspektiven dieser benennen. Das erschwert die Wahl – wenn im deutschen Text nur ein einziger Begriff vorkommt, der dennoch verschiedene Nuancen der Seele anspricht. Wird ‹Neschamah› statt ‹Nefesch› gewählt, taucht im Hintergrund Genesis 2,7 auf: «Er blies in ihn den Lebensgeist (Neschamah) ein und Adam wurde zur lebendigen Seele (Nefesch).» Was meinte Steiner? Eher die mehr emotionale Seele, oder die verfeinerte, ‹Höhere›? Die hebräische Sprache ist von jüdischer Geistesart quasi besetzt; die Wiedergabe der Klassen-Mantren verlangt die Suche nach einer Sprache, welche dem anthroposophischen Geist des 20. Jahrhunderts entspricht und vermittelt. Doch immerhin sind Seraphim, Cherubim, die Namen der Erzengel, hebräische Namen. Hebräisch hat auch heute noch die identische Grammatik wie im alttestamentlichen Text. Dass – so Rudolf Steiner – sie eine Ursprache ist, offenbart sich auch an deren sehr hohen Elastizität, welche auf einem äußerst strukturierten, präzisen Gerüst basiert. Die hebräische Sprache ist sparsam. Kurze Sätze. Worte werden nicht verbunden. Eine völlig andere Syntax als im Deutschen. Und sie hat keine Verwandtschaft mit indogermanischen Sprachen. Und doch: eine geistnahe Sprache.
Da stand ich nun: Zwei Sprachen und ein Urtext, welcher auch für Deutschsprachige ungewöhnlich, innovativ und einmalig in Wortwahl und Satzstellungen ist. Es besteht wohl kaum eine intensivere Art, sich mit solchen Texten auseinanderzusetzen, als durch die Übersetzung. Ich erinnere mich an das Jahr 1976, an die erste von Rudolf Grosse am Goetheanum frei gehaltene Klassenstunde. An den Moment, in dem die mantrischen Texte, umhüllt von einem innerlich verarbeiteten Text, völlig neu tönten und, von einem neuen Licht beleuchtet, hörbar wurden. Gerade derartige Texte, Dichtungen und Mantren haben sehr persönliche, sehr unterschiedliche Lese- und Verständnisarten.
In einer israelischen sozialtherapeutischen Dorfgemeinschaft in der Wüste Negev entstand das Bedürfnis, mit den Hochschultexten zu arbeiten. Es bestand bereits eine kleine Gruppe Hochschulmitglieder, die Lektorin, heute Klassenvermittlerin genannt, kam periodisch aus Jerusalem. Es existierte eine notdürftige, handschriftliche Übertragung, welche jedoch sprachlich defizitär war und nur in der Vermittlung dieser einen Person akzeptabel war. Dann beantragten alle langjährigen Mitarbeitenden die Mitgliedschaft an der Hochschule – damals eher eine Seltenheit in der Bewegung. Der Wunsch war jedoch (1999–2000), dass jedes Mitglied bei den Zusammenkünften den Text mitlesen kann. Die Antwort auf meine Anfrage als Vermittler und Übersetzer an den damaligen Ersten Vorsitzenden der AAG, Manfred Schmidt-Brabant, ob das in einer Zeit möglich sei, in der derartiges noch weitgehend unüblich war, lautete: «Wir vertrauen denen, die wir als Lektoren nominiert haben, entscheiden Sie das selbst.» Dieses Vertrauen galt auch der Übersetzungsarbeit und bedeutete eine zusätzliche Motivation. Dies geschah zu einer Zeit, als der Umgang mit den Texten der Klassenstunden noch konservativer war als heute.
Der Prozess dauerte zwei Jahre und fand an den Rändern des sozialtherapeutischen Alltags statt. Ein Alltag, an dem die ständige Begegnung, Beziehung und Kommunikation mit Menschen stattfindet, insbesondere mit Menschen, welche im Verlauf ihrer Biografie massive Hemmungen im Äußern ihres inneren Lebens erleben und erlebbar machen. Auf indirekte Art war die fast tägliche Beschäftigung mit dem Text eine Unterstützung im Alltag. Die Auseinandersetzung mit verschlüsseltem Offenbaren schien unerwartet zu einem schrittweisen, täglichen Umgang mit dem Karma-Gedanken und Alltag zu werden. Zum Wagnis, wahrnehmen zu dürfen, wie geheimnisvoll Verschlüsseltes sich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten lässt und sich allmählich aufhellt. Blicke ich nach einem Vierteljahrhundert auf die damalige Übersetzung, würde ich diese am liebsten von Neuem beginnen. Übersetzen ist ein Entlassen der Texte in die Wortlosigkeit und das Bemühen, die Inhalte in ein neues Gefäß einzusammeln. Gefäße – Sprachgefäße – sind zuweilen brüchig, ersetzbar. Eigentlich wäre es angemessen, stets mehr als nur eine Übertragung der Mantren zu haben. Udi Levy
Titelbild ‹Sixteen›; alle Bilder von Helen Comerford

