Die Meditationsalben von Assja Turgenjewa (1890–1966).
In dem autobiografischen Roman ‹Aufzeichnungen eines Sonderlings› beschreibt Andrej Belyj die glückliche Zeit, die er mit seiner Partnerin, der Künstlerin Assja Turgenjewa, im norwegischen Ljan, einem Vorort von Kristiania (Oslo), verbracht hat. Im Mai 1912 waren die beiden in Köln Rudolf Steiner begegnet, der sie nach München zum Besuch der Mysteriendramen einlud. Dieser Einladung folgten sie und erhielten dort im persönlichen Gespräch mit Steiner einen ersten Meditationstext. Es folgten weitere Treffen und Unterweisungen durch den spirituellen Lehrer, den sie fortan – sofern es die finanziellen Mittel zuließen – auf seinen Vortragsreisen durch Europa begleiteten. So begaben sie sich im September 1913 nach Kristiania, wo Rudolf Steiner Anfang Oktober einen Kurs zum ‹Fünften Evangelium› hielt. Wie intensiv sie sich dort ihrer Meditationsarbeit widmeten, schildert Belyj in seinem Roman, in dem er seine Partnerin unter dem Namen Nelly fiktionalisiert hat:
«Die Orte wechselten; das unwandelbare Zentrum blieb – die Arbeit am Gedanken; und – die Gedanken dachten sich selbst; und – Nelly ging glühend darin auf; und – wir erkannten einander – jeder im anderen; und – wir ergründeten einander bis in die tiefsten Tiefen; […] ich fand bei Nelly in einem Album Gedankenbilder meines Lebens gezeichnet; da gab es – eine ausgebreitete Taube aus Licht; und – ein Hexagramm; und – Flügel ohne Köpfe; und – einen geflügelten Kristall; und – ein Spiralornament (den Pulsschlag des Ätherleibes); und – einen Becher (oder Kehlkopf – den Gral), ein Nilpferd (oder – die Leber); und – Schlangen (die Därme); ich weiß, dass die Zeichnungen nur Symbole für die Rhythmen des lebendigen Impulses sind, der uns als Gedankenstrahl durchdrang.»1 (s. Abb. 1 u. 3)
Dass Turgenjewa wie auch Belyj ihre inneren Erlebnisse auf dem anthroposophischen Schulungsweg in Tagebüchern und Alben festhielten, ist bekannt. Weil sie die deutsche Sprache nur rudimentär beherrschten, taten sie dies in Bildern, die sie dann Rudolf Steiner vorlegten. In der internationalen Belyj-Forschung ist man bislang davon ausgegangen, dass außer den 124 Blättern mit Meditationszeichnungen von Andrej Belyj, die sich im Rudolf Steiner Archiv befinden, und einigen anderen Konvoluten in russischen Archiven nichts von diesen Aufzeichnungen erhalten geblieben sei. Vor einem guten Jahr wurden jedoch von der damaligen Archivmitarbeiterin Silvana Gabrielli im Depot des Rudolf Steiner Archivs die Zeichnungen Assja Turgenjewas gefunden: In einem unbeschrifteten, in Packpapier eingewickelten Paket kamen vier Skizzenalben zum Vorschein, die eine Vielzahl von Zeichnungen in Bleistift, Kohle und Farbe aus den Jahren 1911 bis 1917 enthalten. Sie decken eine Zeitspanne ab, die kurz vor der Begegnung des Paares mit Rudolf Steiner bis zu dem Jahr nach der Abreise Belyjs aus Dornach reicht. Künstlerisch umspannen sie den Weg der gelernten Graveurin Turgenjewa von Bleistiftetüden der sinnlich wahrnehmbaren Welt über farbige Darstellungen innerer Erlebnisse und Visionen bis zur erneuten Beschäftigung mit der Grafik und der Entwicklung einer Hell-Dunkel-Technik, die sie unter Anleitung Steiners in den Folgejahren zu einer anthroposophischen grafischen Stilrichtung ausarbeitete.
Die aufgefundenen Meditationsalben
Die vier äußerlich unscheinbaren Alben sind auf dem Umschlag mit den römischen Ziffern I bis IV nummeriert (siehe Titelbild). Viele der darin enthaltenen Zeichnungen sind ergänzt durch knappe Kommentare, die meist von Assja Turgenjewa zunächst auf Russisch in Bleistift und später mit Kugelschreiber in deutscher Übersetzung aufgeschrieben wurden. Für sie dürfte gelten, was Turgenjewa in einem Begleitschreiben zu den Meditationszeichnungen von Belyj festhielt: dass sie die Zeichnungen unmittelbar nach den Besuchen bei Steiner auf Russisch mit dessen Kommentaren versehen und diese dann im August 1966, also wenige Monate vor ihrem Tod am 16. Oktober, ins Deutsche rückübersetzt habe.
Bei ihren eigenen Zeichnungen hat Turgenjewa manchmal mit Kugelschreiber auch Orte und Jahreszahlen ergänzt, oft mit einem Fragezeichen. In einzelnen Fällen hat sie ihre Zeichnungen zudem mit ausführlicheren eigenen Erläuterungen auf Deutsch oder Russisch begleitet. Und zweimal findet sich ein Kommentar Steiners in dessen Handschrift – er hat also auch direkt in die Arbeiten seiner esoterischen Schülerinnen und Schüler hineingeschrieben.
Album I enthält Zeichnungen in Bleistift und Farbe und ist von beiden Seiten her genutzt worden. Begonnen wurde es offensichtlich auf einer gemeinsamen Reise des Paars. Von Dezember 1910 bis April 1911 waren sie über Italien nach Tunesien, Ägypten und Palästina gereist, um dann mit dem Schiff über das Mittelmeer und das Schwarze Meer nach Russland zurückzukehren. Die Bleistiftzeichnungen halten Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Menschen aus Russland, Palästina und Ägypten fest. (s. Abb. 2)
Von der anderen Seite her, auf der die römische Ziffer I steht, beginnt das Album mit farbig gestalteten Bildern und Bleistiftzeichnungen aus Vitznau am Vierwaldstättersee, wo das Paar den Oktober 1912 verbrachte. Hier wurden von «Dr. St[einer]» als «Nebeldämonen» identifizierte geflügelte Tiere, verschiedene Vogelwesen, Symbole, verzerrte Gesichter und Tiere gezeichnet, die laut Steiners Kommentaren das innere imaginative Leben seiner esoterischen Schülerin spiegeln. Das Album endet mit Zeichnungen aus Berlin, wo sich Turgenjewa und Belyj im Dezember 1912 aufhielten.
Das zweite Album eröffnet mit Aufzeichnungen vom 13. Dezember 1912 in Berlin. Es beginnt mit illustrierten Beschreibungen konkreter Meditationsübungen und den daraus resultierenden Erlebnissen und reicht bis in die ersten Monate des Jahres 1913.
Album III besteht aus perforierten Blättern, die zum Bemalen herausgetrennt und dann wieder zwischen die Buchdeckel hineingelegt wurden. Es enthält sorgfältiger ausgeführte farbige Bilder, aber auch Entwürfe in Bleistift, die aus der Zeit von 1911 (Russland) bis 1917 (Dornach) stammen, umfasst also sowohl die frühesten wie auch die spätesten Bilder des Konvoluts.
Auch Album IV enthält Arbeiten in Bleistift und Farbe, sie umspannen den Zeitraum von 1914 bis Weihnachten 1917.
Begegnung mit Andrej Belyj
Assja Turgenjewa, die väterlicherseits aus der Familie des Schriftstellers Iwan Turgenjew und mütterlicherseits aus der des Anarchisten Michail Bakunin abstammt, wurde am 12. Juni 1890 bei Moskau geboren. 1909 lernte sie Boris Bugajew kennen, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein umstrittener Dichter des russischen Symbolismus war und unter dem Pseudonym Andrej Belyj publizierte. Turgenjewa stand im neunzehnten Lebensjahr und machte in Brüssel eine Ausbildung zur Graveurin. Anlass für das erste Gespräch der beiden war ein Foto Rudolf Steiners, über dessen Gedanken sie sich austauschten. Turgenjewa schlug vor, Belyj zu zeichnen, und die beiden kamen sich näher.
Turgenjewa interessierte sich für okkultistische Literatur, hatte auch ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› und ‹Das Christentum als mystische Tatsache› von Rudolf Steiner gelesen. Immer wieder wurde sie von mediumistischen Erscheinungen heimgesucht. In Brüssel, wo sie ihre Ausbildung beendete und von Belyj begleitet wurde, begegneten den beiden seltsame Gestalten und sie hatten einen identischen Fiebertraum. Dies wurde zum Anlass, Anfang Mai 1912 spontan nach Köln zu einem Vortrag Steiners zu fahren. Obgleich Turgenjewa des Deutschen nicht mächtig war, hatte sie die Empfindung, ihre «ureigenste Heimat» gefunden zu haben. Einen unwiderruflichen Eindruck hinterließ auch die persönliche Unterredung am nächsten Tag. Rudolf Steiner empfing sie freundlich und lud sie für den Sommer nach München ein. Dort erhielten sie im Juli 1912 ihre ersten Unterweisungen in der anthroposophischen Meditation. Turgenjewa erinnert sich:
«So wanderten wir mit klopfendem Herzen zu der vorgesehenen Zeit in die Adalbertstraße. Durch ein beinahe ärmliches Treppenhaus kam man in eine mit Wartenden überfüllte Wohnung. Nach längerer Wartezeit wurden wir bei Dr. Steiner vorgelassen, der ohne jegliche Vorrede jedem einen Spruch als Meditation mit seiner schönen, sorgfältigen Schrift aufschrieb. Fräulein von Sivers übersetzte mir den meinigen und entließ uns mit dem Versprechen, uns bald wieder zu rufen. […] Ein neuer Lebensabschnitt von mehreren Jahren begann mit diesem Tage. Erlebnisse, wachgerufen an dem gegebenen Spruche, begannen eine wichtige Rolle im Leben zu spielen. Dr. Steiner ermunterte uns, das Erfahrene aufzuzeichnen, erläuterte es und knüpfte weitere Anregungen daran.»2 Auch Belyj berichtet in seinen autobiografischen Aufzeichnungen von Tagebüchern und Rechenschaftsberichten, die sie für Steiner verfasst hätten. In einem Brief an Assjas Schwester Natascha schrieb er im Dezember 1912: «Von Vitznau an haben wir für den Doktor vieles vorbereitet: Jeder von uns beiden ein Heft», und bemerkt weiter: «von Basel an hat Assja für den Doktor alles aufgemalt, was sie schaute».3 Das erste Album Turgenjewas beginnt tatsächlich mit der Angabe «in Wizzenau / 2 октябрь». Dort, am Vierwaldstättersee, verbrachten sie den Oktober und praktizierten intensiv die ihnen aufgegebenen Meditationen. Im November waren sie in Degerloch bei Stuttgart bei Belyjs Freund Ellis (Lew Kobylinski) und dessen Partnerin Johanna van der Meulen, die zu diesem Zeitpunkt noch esoterische Schüler Steiners waren. Degerloch figuriert ebenfalls als Ortsangabe im ersten Album (s. Abb. 3). Im Dezember siedelten Turgenjewa und Belyj nach Berlin um, wo sie am Weihnachtsprogramm der Theosophischen Gesellschaft teilnahmen. Turgenjewa erinnert die «unvergessliche Wärme» und das tiefe Ergriffensein von Steiners Weihnachtsvortrag, verbunden mit einer «Steigerung der Erlebnisse wie nie zuvor».4
Leben im Umfeld Steiners
Bis zum Februar 1913 hielten sich Turgenjewa und Belyj im Umkreis Steiners auf, waren bei der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft dabei und traten am 28. Dezember 1912 der Gesellschaft bei. Danach mussten sie sich nach Wolhynien (heute Ukraine) auf das Landgut von Assjas Stiefvater zurückziehen, da ihnen die finanziellen Mittel ausgingen. Im Mai konnten sie nach Helsingfors (Helsinki) zum Zyklus über ‹Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita› fahren und wurden in Steiners Esoterische Schule aufgenommen.
Erst im August 1913 waren sie wieder in Deutschland und legten Steiner in München die Resultate ihrer meditativen Arbeit vor, die von ihm ausführlich besprochen und kommentiert wurden. Der Herbst stand erneut unter dem Vorzeichen intensiver Meditationsübungen und unter dem erschütternden Eindruck, den die Vorträge Steiners zum ‹Fünften Evangelium› in ihnen hervorriefen: «Immer mehr verschwand während der Vorträge der banal ausstaffierte Saal mit seinen an die Decke gemalten Tauben. Die Tauben flatterten weg, und etwas wie eine Himmelskuppel, von Lichtwesenhaftem bevölkert, senkte sich über uns. Und unten reihten sich diejenigen, die man nicht sah, deren Anwesenheit man doch zu fühlen vermochte … In der Mitte Rudolf Steiner, so zart und zerbrechlich in seinem schwarzen Gehrock, mit weit auf das Geschaute sich öffnendem Blick. […] Selbst zutiefst erschüttert, versagte ihm manchmal die Stimme, die Worte kamen zaghaft, mit Mühe gesprochen.»5
Unter dem Eindruck dieser Vorträge entschlossen sich Turgenjewa und Belyj, ihr Leben ganz der anthroposophischen Sache zu widmen. Im Februar 1914 siedelten sie in die Schweiz über, wohnten zunächst in Basel, dann in Arlesheim und schließlich in Dornach im Blumenweg 3a mit Blick auf die Villa Hansi. Turgenjewa stellte ihre künstlerischen Fähigkeiten fortan in den Dienst der anthroposophischen Bewegung, indem sie sich zunächst an den Schnitzarbeiten des Ersten Goetheanum in leitender Funktion beteiligte, dann in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner eine Schraffurtechnik für das Hell-Dunkel-Zeichnen entwickelte und schließlich an der Gestaltung der Glasfenster für das Zweite Goetheanum wesentlich beteiligt war. Nach Steiners Tod kuratierte sie die ersten Ausstellungen mit seinen Kunstwerken und Wandtafelzeichnungen und wirkte an der Entstehung der Gesamtausgabe mit, indem sie Steiners Wandtafelzeichnungen zu den Vorträgen für die Wiedergabe im Druck in Schraffurtechnik umsetzte und Buchcover gestaltete.
Wiederkehrende Motive in den Meditationsalben
Thematisch lassen sich in Turgenjewas Meditationsalben vier Felder unterscheiden, auf denen sich die Zeichnungen der Jahre 1912 bis 1916 bewegen. Um 1917 erfolgte dann der Übergang zu einer neuen Technik des Hell-Dunkel und zu einer Art sakraler Kunst, die geistiges Erleben in religiösen Symbolen zum Ausdruck bringt. (s. Abb. 7)
In den Meditationsbildern von Assja Turgenjewa finden sich Tiergestalten – realistische und fantastische –, die von Steiner als Imaginationen einzelner Körperteile oder von bestimmten Seelenstimmungen charakterisiert wurden. So erschien die «Leber» der Meditierenden in Gestalt eines gehörnten Tierwesens (s. Abb. 3), das Belyj in einem Brief und auch in dem eingangs angeführten Zitat als «Nilpferd» bezeichnete. Den «Bauch» respektive die «Därme» wiederum imaginiert Turgenjewa als Schlangen. Belyj kommentiert dies Anfang Dezember 1912 im Brief an Natascha mit den Worten: «Die Meditation entwickelt die Imagination; du siehst dann imaginativ Vielfältiges. Aber du kannst es nicht zuordnen: die Hinweise des Doktors aber sind erschütternd real […] Assja hat er eine Reihe von Bildern als Selbstwahrnehmungen der ätherischen Organe erklärt (das Nilpferd entspricht der Leber, das Herz der Schilddrüse, die Schlangen dem Magen)».6 Auch Turgenjewa bezieht sich in ihren Erinnerungen auf diese Sitzung mit dem «Doktor» und gibt aus dem Gedächtnis seine Worte wieder: «Wie sinnlich wahrgenommene Spiegelungen des Ich im physischen Leibe, so schauen Sie die Spiegelung Ihres Astralleibes im Ätherleib, auch aus der Akasha-Chronik Kommendes. Später werden Sie sich als Ganzes kennen.»7
Ein weiteres Thema in den Meditationsalben sind Reminiszenzen an vergangene Inkarnationen. In ihren ‹Erinnerungen› berichtet Turgenjewa, dass Steiner bei einer Audienz zu einer ihrer Zeichnungen gesagt habe: «Und das sind Sie in einem Ihrer früheren Leben.»8 Die innere Erregung Turgenjewas angesichts dieser Mitteilung spiegelt sich in der Sprach- und Schriftverwirrung, die ihr beim Aufzeichnen von Steiners Kommentar auf dieser Zeichnung vom 14. Oktober 1912 unterlaufen ist: Anstelle des russischen Wortes für Priester (священник) schrieb sie auf Russisch «пристер», schuf also einen Germanismus, auf Deutsch aber benutzte sie kyrillische Buchstaben und ging erst in der Mitte des Wortes ins lateinische Alphabet über: «приster». (s. Abb. 4)
Steiner forderte sie bei dieser Audienz auf, an der Erinnerung an ihre vergangenen Leben zu arbeiten. So gibt es in der Folge immer wieder Zeichnungen, die mit «Erinnerung» betitelt sind und auf Inkarnationen in einem mittelalterlichen Mönchsorden sowie in Ägypten verweisen.
Ein weiteres wiederkehrendes Thema der Meditationszeichnungen sind Träume. Belyj berichtet, dass die Veränderungen, die Steiner im Dezember 1912 bei ihm an der meditativen Arbeit vornahm, zu «seltsamen Bewusstseinszuständen» und zu einer Veränderung der Beziehung zwischen Wachen und Schlafen geführt hätten.9 In ‹Wie erlangt man […]› bemerkt Steiner, dass sich durch das meditative Leben und die Entwicklung des Ätherleibes das Bewusstsein während des Träumens verändere. Die Träume würden aufhören, «bloße Tatsachen der physischen Umgebung oder des eigenen sinnlichen Leibes widerzuspiegeln»; unter die Traumbilder mischten sich solche, die «Ausdruck von Dingen und Verhältnissen einer anderen Welt» seien.10 Auf einem von Turgenjewas Traumbildern sind drei Figuren zu sehen, wobei die linke Gestalt mit «Ich» beschriftet ist, also die Künstlerin selbst darzustellen scheint. Die Umrisse der beiden Gestalten dahinter scheinen von männlicher Statur und könnten sich auf Belyj beziehen. Das Bild ist auf «München [19]13» datiert, entstand also während des Besuchs der Mysteriendramen im August 1913. Links im Bild sind in der Landschaftsformation zwei Fratzen zu erkennen, und Pfeile zeigen verschiedene Bewegungsrichtungen an. Rudolf Steiner hat mit eigener Hand auf die Rückseite dieses Blattes geschrieben: «Objektivierung bestimmter Grundgefühle die zwischen Ihnen leben». (s. Abb. 5)
Ein zentrales Thema der Alben sind natürlich die meditativen Übungen selbst, deren Verlauf Assja Turgenjewa immer wieder festhält. Abbildung 6 zeigt das dritte Blatt einer Reihe. Die Meditierende ist hier liegend zu sehen. Ihr «Ich» fühlt sie oberhalb des Kopfes und ihren Leib nimmt sie als «sehr groß und warm» wahr. Ihr Bewusstsein blickt in einen «dunk[len] kalt[en] Raum» und erblickt plötzlich ein «gold[enes] Kreuz», das in der Darstellung einen siebenfältigen Rosenkranz trägt. Sie will das Kreuz anhalten, aber es schwebt «sehr s[ch]nell» davon. Die Beschreibung endet mit den Worten: «So bl[ieb] ich lange [Z]eit in [E]insamkeit und warten[d].» Weiter ist von einem «sehr großen Adler» und einer Figur die Rede, die ganz unten in Gelb aufgezeichnet wurde. (s. Abb. 6)
Die meditierende Person wird in Turgenjewas Alben oft im Liegen abgebildet. Entsprechend finden sich bei Belyj Beschreibungen einer Form der Meditation, die offensichtlich während des Einschlafens praktiziert wurde und darin bestand, den Austritt von Astralleib und Ich aus dem physischen und ätherischen Leib im Moment des Einschlafens bewusst zu erleben, um sich so bei vollem Bewusstsein in die geistige Welt zu erheben.
Übergang zur Hell-Dunkel-Kunst
In den Kriegsjahren trat die meditative Arbeit in den Hintergrund. Zum einen stellte Steiner die Esoterische Schule mit Kriegsbeginn ein, zum anderen waren durch die schwere körperliche Betätigung am Bau die Kräfte ganz auf die Realisierung dieses Gemeinschaftskunstwerks ausgerichtet. Entsprechend gibt es in den Alben nur wenige Zeichnungen aus den Jahren 1915 und 1916.
Im Sommer 1916 wurde Belyj zum Kriegsdienst einberufen und musste Dornach verlassen. Turgenjewa erkrankte im Winter nach seiner Abreise schwer, ihre Kräfte waren aufgezehrt. Mit ihrem Lebensgefährten verschwanden auch die inneren Erlebnisse der ersten Jahre innerhalb der Anthroposophie. «Wie durch eine Glaswand» habe sie sich «von dem Geist-Erleben abgetrennt» gefühlt, konstatiert sie in ihren Erinnerungen.11 Mehrere Monate dauerte die Rekonvaleszenz, während der Turgenjewa Zeit und Muße hatte, sich wieder der Grafik und speziell der Radierung zuzuwenden. Mit den Ergebnissen ihrer Bemühungen unzufrieden, wendete sie sich an Rudolf Steiner, der ihr diesbezüglich immer wieder Ratschläge gab. Ihr Bericht über die mehrjährige fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm auf diesem Gebiet ist im Textband zu den Goetheanum-Fenstern (GA K 12) veröffentlicht. Turgenjewa fand dadurch zu einer neuen Technik der Schraffur, die ganz auf Umrisslinien verzichtet und nur aus der schraffierten Fläche heraus arbeitet.12
Die letzten, in ihre Alben eingelegten Blätter zeugen von diesem Übergang. So findet sich eine Kohlezeichnung von 1917, die sie im gleichen Jahr unter dem ihr von Steiner gegebenen Titel ‹Eine Träumerei› als Radierung realisierte. Eine weitere Radierung von 1920 mit dem Titel ‹Eine Vision› stammt vermutlich ursprünglich von 1914; jedenfalls gibt es eine auf dieses Jahr datierte Entwurfsskizze und eine Ausführung in Blau von einer Madonna auf Stufen, in deren Hintergrund sich ein Doppelkuppelbau erhebt (Album III). Diese ‹Madonna auf den Stufen› hatte auch Steiner skizziert, um Turgenjewa die Möglichkeit vorzuführen, eine bewegte Lichtaura in Schwarz-Weiß-Technik zu gestalten.13
Außerdem erwähnt Turgenjewa in ihrem Bericht das Motiv des ‹Guten Hirten›, dem Steiner offensichtlich den Titel ‹Ein Erleben› gab und das von ihr 1918 als Radierung realisiert wurde. Sie erinnert sich daran, dass er den Versuch gelobt habe, «ein inneres Leuchten durch die ganze Gestalt durchzuführen», und «dass das Aurische an dem ganzen Körper empfunden wird». Dies hänge mit den «nachtodlichen Impulsen» zusammen, die heute in die Menschheit eingreifen müssten. Allerdings sehe die Aura am Kopf doch «aus wie Stroh» und müsse unbedingt anders gestaltet werden. (s. Abb. 7)14
Turgenjewas Radierungen weisen auf eine neue Technik des Kunstschaffens in der Arbeit mit Licht und Finsternis. Während die Künstlerin in den Meditationsalben noch ganz klassisch mit Umrisslinien in Bleistift und deren nachträglichem Ausmalen in Farbe gearbeitet hat, fand sie nach der schweren Krankheit und dem Versiegen der intensiven inneren Meditationserlebnisse im Dialog mit Rudolf Steiner eine Kunstform, die dem anthroposophischen Kunstimpuls nähersteht, weil sie aus der Fläche schafft. Turgenjewa arbeitete in dieser Übergangsphase mit religiösen Symbolen, hinter denen ihr eigenes geistiges Erleben stand.
Titelbild Assja Turgenjewas Meditationsalben I–IV, 1911–1917, Rudolf Steiner Archiv, Dornach
Fußnoten
- Andrej Bely, Aufzeichnungen eines Sonderlings. Aus dem Russischen von Christoph Hellmundt, Dornach 2012, S. 48 f..
- Assja Turgenieff: Erinnerungen an Rudolf Steiner und die Arbeit am ersten Goetheanum. Stuttgart 1972, S. 26 f.
- D. Ricci, Iz archiva N.A. Turgenevoj. Pis’ma Ėllisa, A. Belogo i A.A. Turgenevoj. In: Europa Orientalis, Vol. XIV, 1995, № 2, S. 329..
- Turgenieff, Erinnerungen. A. a. O. S. 37.
- Ebd. S. 44.
- Ricci, Iz archiva N.A. Turgenevoj. A. a. O. S. 330.
- Turgenieff, Erinnerungen. A. a. O. S. 37.
- Ebd.
- Andrej Belyj: Geheime Aufzeichnungen. Aus dem Russischen von Christoph Hellmundt. Dornach 1992, S. 17.
- Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, Basel 2022, S. 159 f.
- Turgenieff, Erinnerungen. A. a. O. S. 88.
- Vgl. Nana Badenberg, Einleitung. In: Rudolf Steiner, Zeichnungen. Karikaturen, Kostüme, Physiognomisches. GA K 17–22, 25, 48/49, Basel 2025, S. 9.
- Vgl. ebd, S. 10.
- Assja Turgenieff, Erinnerungen an die Anfänge der Hell-Dunkel-Studien. In: Rudolf Steiner, Die Goetheanum-Fenster (Textband). GA K 12, Dornach 1996, S. 52.

