Nebelwelten (September)

Nebel ist kein Vorhang vor der Landschaft, sondern Verwandlung des Sehens selbst. In sinnlich genauer Betrachtung wird aus dem Alltagsphänomen eine philosophische Entdeckung.


‹Nacht- und Nebelaktionen› heißen wohl so, weil sie von der freien, alles offenbarenden Sicht im Tageslicht, mithin also von der Zeugenschaft bewahrt bleiben sollen. Nicht unsichtbar, sondern verborgen, verdeckt, versteckt. Mit Nacht und Nebel verbinden wir Sichtentzug. Man sieht vor lauter Nebel die Welt nicht mehr. Tatsächlich aber sieht man sehr wohl. Man sieht nur anders. Man sieht nicht das, was man tags bei freier Sicht zu sehen bekommt. Was aber sieht man dann bei Nebel? Wir erleben Nebel in der Regel so: Zwischen einer da draußen, vermeintlich an sich gegebenen, objektiven Dingwelt und mich als subjektiven Betrachter drängt sich Nebel hinein. Zwischen Baum und mich schiebt sich der Nebel wie eine Wand und verstellt mir die Sicht. Aber sieht das Auge den Nebel auf diese Weise? Rufen wir die Maler als Augen-Zeugen auf. Denn sie erzeugen auf der Leinwand mit Farbe und Pinsel genauso ein Bild, wie der ‹Weltenmaler› ein Bild für unser Auge malt. Zwar ist letzteres begehbar, aber für das Sehen besteht kein Unterschied zwischen diesen beiden Kunstwerken – zwischen der Leinwand und der sichtbaren und betretbaren Welt. Das Sehen ist in beiden Fällen, ja es ist immer distanzlos. Was meine ich damit? Die Leinwand des Malers ist eine Fläche. Er hat keine Möglichkeit, dort hintereinander zuerst Häuser, Bäume und Berge aufzubauen, um dann in einem zweiten Schritt zwischen diese ‹Kulissen› Nebel zu malen. Maltechnisch käme dem vielleicht noch eine Vorgehensweise nahe, die zunächst die dargestellte Landschaft voll sichtbar malt und dann anschließend eine halbtransparente weißlich-graue Farbschicht darüber ziehen würde. Ob das aber Nebel im Bild ergibt – und nicht eher Nebel vor dem Bild, das sei dahingestellt. Nebel erscheint uns auf der Leinwand dann, wenn der Maler andere (z. B. gedecktere, blassere und aufgeweißte) Farben auf die Leinwand bringt als die Farben, die er verwenden würde, um eine freie Sicht zu malen. Damit die Sicht vernebelt erscheint, verwendet der Maler die Farben des Nebels, nicht die Farben der freien Sicht. Wie schwer das ist, weiß jeder, der einmal versucht hat, die Farben der Natur, die er vor sich sieht, vorstellungsfrei auf eine Leinwand zu bringen. Man muss dafür sein Sehen umerziehen: Weg von den Vorstellungen, hin zum Farbensehen, zum eigentlichen Kerngeschäft des Auges.

Nebel zieht nicht als Zwischenwand in die Welt ein, sondern als Veränderung der sinnlichen Erscheinungen. Diese Veränderungen machen dann das Erlebnis ‹Nebel› aus: Die sinnliche Erscheinung der nebelfreien Sicht wird zurückgenommen, verklärt, entfärbt, entkörperlicht und schließlich aufgelöst. Nebel ist eine vollkommen andere Situation als die freie Sicht. Wir haben es mit einer Verwandlung des ganzen Landschaftsblickes zu tun. Was ich meine, gleicht dem Unterschied zwischen den Jahreszeiten: Winter ist eben nicht, dass sich auf die sommerliche Welt Schnee legte; vielmehr ist alles Winter geworden, alles ist verwandelt, sodass kein Sommer mehr da ist, sondern nur noch Winter. Es braucht den Frost, damit der Schnee liegen bleibt, die kalte und zugig entleerte Landschaft. Genauso wenig, wie unter dem Winter eine zugedeckte Sommerlandschaft zu finden ist, genauso wenig schiebt sich der Nebel vor die freie Sicht. Nebel zu sehen, das will also erst einmal gelernt sein. Und diesem Sehen-Lernen von Nebel widmen sich die folgenden Betrachtungen. Was macht der Nebel mit unserer Sicht?

Wolken und Nebel

Man sagt mit dem Wissenschaftsverstand, dass es sich beim Nebel ‹eigentlich› um tief liegende Wolken handle. Aber erlebe ich das so? Ist für mich eine Wolke nicht gerade das, was ich geformt, sich auftürmend als weißluftig-sonnenbeleuchtete Erscheinung am blauen Himmel erwarte? Und ist nicht Nebel gerade das, was alles ohne Himmel erscheinen lässt, was uns auf die Erdenwelt begrenzt und gerade diese auch noch auszulöschen droht? Wolken nehmen Formen und Gestalt an. Nebel ist gestaltlich unfasslich. Er fließt, wabert heran und verhüllt wie ein kalter Atemhauch die Welt. Wolken sind Objekte auf Distanz. Durch Nebel muss ich hindurch, das macht ihn existenziell. Er nimmt den Horizont. Es gibt dadurch keine Trennlinie mehr zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde. Der Unterschied verwischt im dunstigen Nebelmeer. Während die Dinge bei freier Sicht wie selbstverständlich in die Perspektive zum Horizont hin eingeordnet sind und bleiben, verliert sich diese Orientierung bei Nebel. Die Häuserfassade löst sich, je weiter sie von mir entfernt ist, im Nebel einfach auf, was durchaus gespenstisch anmutet. Filmszenen arbeiten mit diesem Effekt, indem etwa eine schwungvolle Brücke nicht das jenseitige Ufer erreicht, sondern wie ihr Geländer, ihre Hängeseile, ihre Straße, ja die Menschen darauf vom Nebel verschluckt wird. Weg sind sie, vom Nebel aufgenommen, ins Nichts gesogen. Zum Glück aber nicht in das schwarze Nichts eines finsteren Abgrunds, sondern in das luftig-auflösende Nichts, das vom anderen Ufer, vom Jenseits kommt. Was in den Nebel gerät, gerät ins Nichts, ins Nirwana. Das verunsichert. Fast befürchtet man, dass bald auch der Boden unter den eigenen Füßen dem Nichts erliege.

Indem Nebel aufzieht, entschwindet die Ferne. Was in der freien Sicht noch in der Ferne zu sehen war, ist dem Nichts überantwortet worden. Die Welt besteht im Nebel nur noch aus Nähe. Und diese erlebt eine Steigerung ihrer Gegenwart. Sie erscheint schärfer, präsenter, hiesiger, sie geht mich stärker an. Bewegt man sich im Nebel vorwärts, so sieht man nicht, was auf einen zukommt. Es fehlt das Ziel, das sonst dem Weg Sinn und Bedeutung gibt. Man sieht weder, woher man kam, noch wohin es gehen wird. Was sonst wie ein großer, bedeutungsverleihender Kontext die Nähe bestimmt – die horizontumfassende Ferne der Landschaft –, ist uns im Nebel weggenommen. Nebel entzieht uns mit dem Entzug von Horizont und sinnstiftendem Umkreis die innere und äußere Orientierung. Jeder, der auf einer Bergwanderung einmal in dichten Nebel geraten ist, weiß davon ein Lied zu singen. Nebel wirft uns auf uns selbst zurück. Er entzieht uns die Sichtwahrnehmung. Was bleibt, sind wir selbst, umgeben von der uns zugehörigen Nähe.

Märchenwelt

Wer sich auf den Nebel einlässt, wer also im Nebel ist, der befindet sich in einer Märchenwelt. Man erlebt sich wie eingehüllt in einem Innenraum, wie in einem Privatraum, in dem die Nähe mit einem Mal wesenslebendiger wirkt als bei tagnüchterner, freier Sicht. Man denke an die Verzauberung eines schneeverhangenen Winterwaldes durch heranwehende Nebelschwaden, oder an die sagenhafte Anmutung von flechtenüberhangenen Lärchenzweigen im Nebelwald. Die im Nebel noch sichtbare Welt wirkt überreal oder dadurch eben auch weniger real, jenseitiger. Das zeigt sich deutlich auch in der Hörwelt. Insgesamt wirkt alles gedämpfter, stiller. Ferne Klänge kommen aus einem Nichts zu uns herüber, wie Nachrichten aus dem Jenseits. Die nahen Klänge überraschen in ihrer Deutlichkeit. Sie klingen wie bei mir, an mir, mit mir. Das Bild der Brücke, die sich im Nebel verliert, macht es deutlich: Der Nebel scheint aus dem Jenseits auf uns zuzukommen. Der Nebel ist ein Zauberer. Mit jedem Schritt, den wir auf ihn zu- oder in ihn hineingehen, entweicht er uns. Er schafft immer wieder einen Näheraum von Sichtbarem um uns herum. Das widerfährt auch denen, die dort drüben spazieren gehen, auch denen entweicht der Nebel immer wieder, er entrückt ständig. Nebel löst damit die Vorstellung einer An-sich-Gegebenheit der Welt auf. Er unterstreicht das Individuelle, das Persönliche der Erscheinungswelt. Jeder hat seine nebelbegrenzte Welt.

Nebel gehört zur Luft

Luft ist an und für sich durchsichtig. Im Nebel trübt sie ein und gibt ihre Selbstlosigkeit auf, mit der sie sonst zurücktritt, um die Welt erscheinen zu lassen. Sie wird dichter, kälter, drängt sich uns auf, verdeckt die Welt. Was in den Nebel hineingerät, verliert seine irdische Festigkeit. Die Konturen werden weicher, wattiger, die Farben werden zurückgenommen, schließlich bleibt nur noch eine grauweißliche Silhouette, bevor sich alles in Nebel, das heißt in eine wolkenartige, luftige Haptik auflöst. Nebel erhebt also die Dinge aus dem Aggregatzustand des Festen in den des Luftigen. Er sublimiert (lateinisch: emporheben, erhöhen, veredeln, verbessern). Dafür muss die sonst so zurückhaltende Luft selbst irdischer werden. Nebel ist ein Abkömmling der Luft. In den feinsten Tröpfchen, die die Welt triefend nass werden lassen können, zeigt er seine Nähe zum Wässrigen. In seiner schnellen Reaktion auf das Licht zum Aufblenden in Weiß zeigt er seine Nähe zum Licht. Warm ist Nebel eigentlich nicht. Er hat mit Kälte, mit Verdichtung zu tun. Mit ihm zieht oft eisige Kälte ins Diesseits. Er ist ein kühles, feuchtes Luftwesen. Tagsüber hellt er im Verein mit der Sonne alles zum strahlenden Weiß auf, es hat dann etwas Verheißungsvolles, das sich aber bis hin zur vollkommenen Orientierungslosigkeit in der Blendung steigern kann. Abends, vor allem im Herbst, kommt mit ihm ungemütliche Kälte auf, Totenstimmung. Nebel in der Nacht: Man sieht nichts mehr, es finstert – besser keinen Schritt weiter, hier bleiben, Rast machen, am besten einschlafen. Nebel in der Sonne spricht mehr den oberen Menschen an. Es kommt zu Blendung, Desorientierung, hell, überwach, Verwirrung, Panik. Orientierungslosigkeit stellt sich ein. Nebel in der Nacht lässt uns in den Schlaf des Gliedmaßen-Stoffwechselpols sinken. Es ist weniger die Orientierungslosigkeit als die Aussichtslosigkeit, die in diesem Falle ‹ablähmt›. Drei Grunderfahrungen mit Nebel lassen sich unterscheiden. Mehr in Richtung Denken: Nebel und Sonne. Mehr in Richtung Fühlen: Der Privatraum um mich herum, der mal größer, mal enger begrenzt erscheint, geht pulsierend mit mir. Mehr in Richtung Wollen: Nebel in der Nacht. Nebel, Nacht und Winter gleichen sich insofern, als sie die sinnliche Erscheinung zurücknehmen. Das Ende dieser Reihe ist der alles auslöschende Tod. Solange wir aber noch leben, lohnt es sich, immer wieder neu dem Nebel in seinem Wirken auf die Finger zu schauen.


Foto Gilda Bartel

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