Kaum jemand könnte die Pfingstzeit besser vertreten als Novalis. Ewig jung, mit neuem Sprachsinn und als Christuskünder gab er sich dem Ideal hin, Kunst und Denken zu vereinen. Die Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum veranstaltete vom 22. bis 25. Mai 2026 eine Novalis-Studientagung. Hier einige Eindrücke.
‹Romantik›, ‹romantisch› und ‹Romantisieren› sind drei sich steigernde Stufen. Neben den Inhalten zur Romantik und den Werken von Novalis versuche ich, dem Einheitsprinzip von Kunst und Denken folgend, die romantische Qualität und den Willen zum Romantisieren zu erfassen – experimentell, fragmentarisch und selbstdialogisch. Diese drei Qualitäten hat Philipp Kleinfercher in seinem Vortrag ‹Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein – zur Autopoiesis bei Novalis› gezeigt.
Die Wahrheit erklingt
In den Werken von Novalis entstehen Musik und Klang, wenn es um den Eintritt in einen neuen Bewusstseinszustand geht. Im Klang verbergen sich tiefe Harmonie und Weisheit. Er weist auf die Stufe der Inspiration, die halb aktiv und halb passiv ist und die Geburt des Weltwortes fördert. Fortwährend musikalisch umrahmt waren die Programmpunkte, aber zwei besondere Initiativen legten ihr Augenmerk darauf. «Alles ist Samenkorn», lautet ein Aphorismus von Novalis. Wie könnte die Wahrheit in diesem Ausdruck erklingen? Dazu wurde eine Melodie von Michael Denhoff komponiert und von Emmanuel Vukovich und Michael Hernandez gespielt. Nacheinander klingende Samenkörner entfalteten eine Pflanzenwelt. Das zweite Beispiel bezog sich auf das Märchen vom König von Atlantis (aus dem dritten Kapitel von ‹Heinrich von Ofterdingen›), der Gesang und Gedichte liebt. Dass «alle widrige gehässige Leidenschaften, wie Misstöne von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht wurden», kennzeichnete damals die Stimmung des Landes. Die Schauspielerin Adelheid Arndt erzählte das Märchen, Peter Martin Lackner spielte auf sieben Flöten aus unterschiedlichen Materialien und mit vielfältigen Klangfarben. So passte er sich den sich wandelnden Erzählungsstimmungen an. Ja, die Wahrheit erklingt!
Eros als Kern der Frühromantiker
Bruce Donehower sprach über Novalis als ‹Trickster›. Er erzählte vom nordamerikanischen Kojoten, der bei den Indigenen als heiliges Tier gilt. Er kann sich flexibel an seine Lebensumgebung anpassen und ist wegen seiner Wandelbarkeit kreativ und zugleich zerstörerisch. Auch Novalis war kein schwärmerischer Träumer. Sein Satz «Die Welt muss romantisiert werden» bedeutet hier nicht nur, die Welt mit einem neuen Sinn wahrzunehmen, zu erkennen und zu verschönern. Denn «Schönheit ohne Eros hat keine wesentliche transformative spirituelle Kraft». Eros, der aus dem Chaos hervorgeht, sei für die Frühromantiker von zentraler Bedeutung, wie sich am Märchen von Eros und Fabel bei Novalis ablesen lässt.
Die innere Welt in Sprache offenbaren
Warum verfügt Novalis über eine ‹Zaubersprache›? Weshalb klingt sein Wort so zart und zärtlich? Wie können seine in der Schrift gleichsam versteinerten Wörter und Worte wieder zum Leben erweckt werden? Im Laufe der Tagung wurden Texte von Novalis auf vielfältige Weise rezitiert und erzählt. Besonders eindrücklich war die zweimalige Rezitation des Gedichtzyklus ‹Hymnen an die Nacht› durch Katja Axe, Catherine Ann Schmid und Barbara Stuten. Mir wurde neu bewusst, dass die drei geschulten Sprachgestalterinnen einen langen und vollen, dem Sprechen dienenden Atem beherrschen. Sie haben jedoch jeweils eine ganz eigene Weise entwickelt, das unsichtbare innere Erleben in die hörbare Sprache zu verwandeln. Charakterisierend könnte man diese drei Sprechweisen als lyrisch, episch und dramatisch bezeichnen: aus der Mitte des inneren Bildes heraus sprechen, das innere Bild sprechen und das innere Bild wechselseitig schaffend und zerstörend sprechen. Als vom Eros erfüllter künstlerischer Denker schreibt oder ‹spricht› Novalis in einer Mischung dieser drei Arten. «So ist es auch mit der Sprache – wer ein feines Gefühl ihrer Applicatur, ihres Takts, ihres musikalischen Geistes hat, wer in sich das zarte Wirken ihrer innern Natur vernimmt […]». Kann er der Sprachgestaltung neue Impulse bescheren?
In andere Zeitalter eintauchen
«Durch die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknüpfen», so der Dichter Ludwig Tieck, der eine große Rolle bei der Herausgabe der Werke von Novalis spielte, in seinem Bericht über die Fortsetzung von ‹Heinrich von Ofterdingen›. Es ist jedoch schwierig bis unmöglich, aus dem eigenen Zeitalter und der eigenen Welt herauszutreten und wirklich in andere Zeitalter und Welten einzudringen. Ariane Eichenberg zeigte in ihrem Vortrag, wie Novalis es in seinem Roman ‹Die Lehrlinge zu Saïs› vermochte, in die altägyptische geistige Stimmung einzudringen, in der Natur und Sprache als zwei Wege zum Göttlichen gelten und sich in der Menschenseele verweben. In seinem Märchen ‹Hyacinth und Rosenblütchen› ist parallel zur Entwicklung der Sinnbilder des Märchens die Entwicklung der Bewusstseinszustände der Isis-Einweihung zu erkennen. Diese Bewusstseinszustände werden künstlerisch durch Farbe und Klang gefüllt.
Erwachen, Sterben und Wiedergeburt des Ich
In Jaap Sijmons’ Vortrag erfuhren wir, wie Novalis 1795/96 das rein denkende Ich von Fichte im Sinne Hegels aufgehoben, aufgenommen und erweitert hat. Das Nicht-Ich hat Novalis ebenfalls neu entdeckt: Es sei eine lebendige «reizende» Zauberquelle, die das poetische sowie philosophische Ich durchtränkt. Christiane Haid schilderte, wie Novalis 1797 nach dem Tod seiner Geliebten Sophie von Kühn ihr nachsterben wollte und durch das seelische Sterben sowie die Begegnung mit Christus und Maria ein neues Ich gewann. Das Erlebnis der Todes-Einweihung wurde in den ‹Hymnen an die Nacht› verewigt. In einem weiteren Vortrag fasste sie, einem Hinweis Rudolf Steiners folgend, den Werdegang dieses ‹Novalis-Ich› zusammen. Zunächst wird das feurige Ich durch Elias und Johannes in der Vorgeschichte des Christus impulsiert und bereitet sich darauf vor, das Christuswesen zu empfangen. In der Neuzeit bringt dieses Ich durch Raffael und Novalis die idealsten Bilder und Worte aus höheren Welten auf die Erde. In diesem Sinne ist die Frühromantik keine Weltanschauung, sondern eine Lebens- bzw. Schaffensweise. Aus dieser Perspektive lassen sich Philipp Kleinferchers Begriff des «fragmentarischen sowie unfertigen Ich» und Bruce Donehowers «Eros-Impuls» in dieses romantische Wesen integrieren.
Poetisierung der Geschichte
Heinrich Schirmer hielt einen Vortrag über Novalis’ poetische Rede ‹Die Christenheit oder Europa›. Dort durchläuft das Christentum drei Phasen: die Vergangenheit des Mittelalters als ein sich hingebendes, paradiesisches Bewusstsein, die Gegenwart als eine Zeit des Verfalls und des Zweifels und die Zukunft als ein Bewusstsein des neuen Jerusalem. Goethe hielt diese Rede damals aus politischen Erwägungen für nicht zur Veröffentlichung geeignet. «Das alte Papsttum liegt im Grabe», so Novalis. Aus eigener Erfahrung verkündet Novalis eine rein innerlich erlebbare Religion mit Freiheit und Liebe, die auf die wahre Kommunion des individuellen Ich mit dem Christuswesen verweist und in seinen ‹Geistlichen Liedern› besungen wird.
«Goethesche Behandlung der Wissenschaften – mein Projekt», so Novalis in ‹Das allgemeine Brouillon›. Das Leben von Novalis ist zeitlich vollständig in das von Goethe eingebettet. Wunderlich ist, dass beide einerseits in der geistigen Welt verwurzelt sind und andererseits tief in die Wirklichkeit eindringen. Beide streben eine Vereinigung von Kunst und Wissenschaft an. Beide haben als Genies der deutschen Sprache einen Platz in der Weltliteratur gewonnen. Beide können als Vorboten und Inspirationsquellen der Anthroposophie gelten. Dennoch unterscheiden sie sich deutlich: in ihrer Persönlichkeit, ihrer Liebesgeschichte, ihrer Beziehung zur Philosophie und Religion sowie in ihrem Erbe. Wo liegt die Brücke zwischen beiden? Könnte dazwischen eine dritte Möglichkeit entstehen?
Die Studientagung war ein gelungenes Beispiel dafür, dass Anthroposophie nicht nur auf Erkenntnis ausgerichtet ist, sondern selbst neue Erfahrungen ermöglichen und hervorbringen kann.
In der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift ‹Stil› 2026 werden alle Vorträge als Aufsätze veröffentlicht.

