Hierarchien des Lebendigen

Die Engelwelt bildet in anthroposophischer Anschaung eine lebendige Ordnung. Diese durchdringt Natur, Mensch und Kosmos. Michiel ter Horst fragt, wie Angeloi, Archangeloi, Archai und die höheren Engelwesen im Denken, Fühlen, Wollen und im Grundsteinspruch wirksam werden. Eine Annäherung.


In einer Pause der 100. Aufführung von Goethes ‹Faust› trafen Christiane Haid und ich uns in der Sonne vor dem Westportal des Goetheanum, beide noch ganz erfüllt von den grandiosen Bildern, die wir gesehen hatten: Faust mit seinem Doppelgänger in fünf verschiedenen Erscheinungsformen, stets auf der Suche nach der schönen Helena. Ist sie, als Gegenpol zu Mephisto, die Verkörperung seines höheren Ich? Das Drama beginnt und endet in der Engelwelt, mit drei Engelchören. Eigentlich hatten wir vor, über die Rolle der Engel in der Anthroposophie zu sprechen. Mich bewegt schon lange, ob es die Engel sind, die den Grundsteinspruch sprechen. Als ich unter der Leitung von Christiane Haid eine Textsammlung von Rudolf Steiner zu dieser Frage herausgeben durfte1, hatten wir uns schon ausführlich über die neunfache Struktur der Engelwelt unterhalten. Zurückgreifend auf diese Gespräche fragte Christiane Haid mich, ob ich daraus nicht das Wesentliche in einem kurzen Artikel zusammenfassen könnte. Eine herausfordernde Frage! Tatsächlich umfasst sie die Rolle der Engel in der Erdentwicklung, wie sie in ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss› und in vielen anderen Werken Rudolf Steiners beschrieben wird, gipfelnd im ‹Grundsteinspruch› und in den ‹Klassenstunden› der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Eigentlich geht es um die Grundlage der gesamten Anthroposophie. Glücklicherweise hatte ich als vorbereitende Recherche für das erwähnte Büchlein bereits 150 Texte von Rudolf Steiner über die Engelhierarchien gesammelt. Daraus wage ich den Versuch, einiges davon zu skizzieren.

Die Natur

Die Welt sehen, verstehen und begreifen ist Anthroposophie, aber nicht weniger das Lauschen auf das Weltenwort im tiefsten Grund der Seele, wie es im ‹Seelenkalender› heißt. Im August mögen wir das Weltenwort durch die Sinnestore in unsere Seelengründe führen. Durch Sinnestore. Sinne, die das Göttliche in der Natur erblicken, wenn wir gut hinschauen und lauschen! Bei einer Autofahrt von Basel nach Bern konnte ich so etwas einmal erfahren. Ein Tal von unwahrscheinlicher Schönheit tauchte vor mir auf. Hohe, scharfe Felsspitzen am Horizont, ringsum Sonnenlicht, frische Luft, weißer Schnee. Die Welt von Erde, Wasser, Luft und Feuer, die Welt der Elemente. Weiter unten war alles von Gräsern, Pflanzen und Bäumen bedeckt. Das ganze Pflanzenreich war auch durchsetzt mit Bauernhöfen, Wegen und anderen Spuren menschlicher Besiedlung. Drei Welten ganz unterschiedlicher Natur, jede mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. In und um die Berggipfel die Welt, wo die Naturgesetze herrschen. In der Mitte das Leben, das trotz der Schwerkraft lebendig nach oben strebt, statt herunterzufallen. Ein großer Unterschied! Wie schnell ein Apfel vom Baum herunterfällt, kann man berechnen, aber wie der Apfel dort oben in den Baum gekommen ist, kann niemand ausrechnen. Die Sphäre des Lebens folgt eigenen biologischen Gesetzen. Und der Mensch, dort unten im Tal, kennt wiederum ein völlig anderes Element: die Freiheit! Drei unterschiedliche Sphären: die Elemente oben, das Leben in der Mitte, unten der Mensch. Die Hierarchie der schöpferischen Denkkräfte wird hier erlebbar. War vielleicht in diesem Bild die Hierarchie der Kräfte-Geister, Lichte-Geister und Seelen-Geister, wie Rudolf Steiner sie im Grundsteinspruch zusammenfasst, sichtbar? Durch die Sinnestore?

Geheimwissenschaft

Der große Entwicklungsgang des Menschen und des Kosmos durch drei vorangegangene Inkarnationen der Erde hindurch ist von Rudolf Steiner in Worten in seiner ‹Geheimwissenschaft im Umriss› dargestellt worden. Drei Hierarchien mit jeweils drei Gruppen von Engeln lenken die Entwicklung. Alle spielen ihre besondere Rolle, die genau beschrieben wird. Doch die Engelwelt wird derart lebendig, beweglich, sprudelnd, dynamisch beschrieben, und die Gruppen von Engeln bekommen so viele verschiedene und neue Namen – wie Mond-, Sonnen-, Saturnkräfte, Geister der Liebe, Geister der Harmonien, Geister des Willens, der Bewegung, der Form, der Persönlichkeit, Urkräfte, Urbeginne, Feuergeister, Söhne des Zwielichts, Mächte, Gewalten usw., und dies noch abgesehen von den ursprünglichen hebräischen und griechischen Namen, dass die zugrunde liegende, kristallklare Einteilung in eine erste, zweite und dritte Hierarchie von jeweils drei Engelgruppen nicht leicht zu fassen ist. Doch während der Arbeit an der ‹Geheimwissenschaft› hielt Rudolf Steiner eine Vortragsreihe über dasselbe Thema: unsere natürliche Umgebung als Spiegel der Engelhierarchie.2 Darin verwendet er die altbekannten griechischen und hebräischen Namen der Engel konsequenter als im Manuskript, wodurch der systematische Aufbau hier leichter erkennbar ist.

Zum Beispiel ist die Hierarchie der Angeloi, Archangeloi und Archai in unserer Seele tätig: Angeloi im Denken, Archangeloi im Fühlen, Archai in unserer Willenstätigkeit. Die zweite Hierarchie schafft und versorgt das Leben in der gesamten lebendigen Natur. Die Kyriotetes schenken alle Arten ihrer eingeborenen Weisheit. Die Dynameis wirken als Wachstumskräfte und Wachstumsbewegungen, die dann von den Exusiai verwendet werden, um die aufeinanderfolgenden Stadien der Form zu gestalten. Doch Leben kann sich nicht entfalten ohne Erde, Wasser, Luft und Sonnenwärme, die Gaben der Throne, Cherubim, Seraphim, der ersten Hierarchie. Das Schema mag nun einfach scheinen, dürr und starr. Aber Rudolf Steiner dynamisiert es sofort und schildert den Kosmos als überraschende, sich wandelnde, erneuernde, durchlebte, durchwärmte, heftig mit Gegenmächten ringende, immerfort Liebe suchende Entwicklung. Verborgen darin ist aber immer die konsequente Ordnung von dreimal drei Engelgruppen, darüber die Gottheit und darunter die Menschheit als potenzielle vierte Hierarchie, genau wie bei Dante und Dionysius. Aber außer der genannten dynamischen Entwicklung der Hierarchien schildert Rudolf Steiner auch noch einen vielgestaltigen Austausch zwischen allen Engelgruppen. Entwicklung, Austausch und Wechselwirkung in den Hierarchien findet man aber nicht nur in Texten über die himmlischen Hierarchien. In der Natur sind sie genauso spürbar. Durch Sinnestore.

Ramona Rehn, ‹Peripheres Ich›

Engelhierarchie

Die Weisheit über die Engelwelt und die himmlischen Hierarchien stammt aus dem frühen esoterischen Christentum und wurde um 485 n. Chr. von einem geheimnisvollen Unbekannten niedergeschrieben, der sich Dionysius nennt und sich so sehr mit Dionysius Areopagita, dem Schüler des Paulus, identifiziert hat, dass er seine eigene Persönlichkeit vollständig verborgen hielt. Das Einzige, was wir wirklich über den Autor der dionysischen Werke wissen, ist, dass er als Schüler des Paulus gesehen werden will. Wir sollen diese Werke lesen als Schüler des Paulus. Sie haben einen riesenhaften Einfluss auf nahezu alle christlichen Strömungen gehabt.3 Thomas von Aquin hat sie mehr als 1700 Mal zitiert. Und Rudolf Steiner sagt mit Verweis auf Dionysius, dass dessen Auslegung des Christentums dasselbe sei wie das, was die Anthroposophie ans Licht bringen möchte.4 Zwischen Dionysius, Thomas und Steiner besteht eine intime Verwandtschaft, die mich zur folgenden Schlussfolgerung geführt hat: Steiner erweist sich als ein ebenso großer Sachkundiger im Hinblick auf Dionysius wie Thomas von Aquin. Aber er übernimmt die Lehre nicht ohne Weiteres. Die souveräne Art und Weise, mit der Rudolf Steiner die Lehre des Dionysius behandelt, umgestaltet und entwickelt, ist meines Erachtens ein Hinweis darauf, dass er die Inhalte nicht nur kannte, sondern sie in seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen auch unmittelbar wahrnehmen konnte. Einen Hinweis dazu gibt Rudolf Steiner in einer einzigartigen Aussage über ‹vorschöpfliche Gedanken› selbst. Er verwendet tatsächlich dieses ungebräuchliche Wort und schreibt dieses Thomas und Dionysius zu. Aus der gleich zitierten Stelle geht hervor, dass er auch selbst zu dieser Sphäre Zugang hatte. «Auf diese Weise finden wir in Thomas aufs Neue gedacht die vorschöpflichen göttlichen Gedanken, frei von Irrtum und Täuschung, wie sie nur gedacht werden konnten in einer Klosterzelle, weit entfernt von dem Lärm der Welt. Der Mensch der Welt beeilt sich zu verstehen, sich schnell eine Auffassung zu eigen zu machen und alles zu vereinfachen. Aber die Gottheit ist nicht so einfach! Mit Thomas von Aquin erhebt sich der menschliche Gedanke. Er ist nicht weniger Mystiker als Scholastiker. Er konnte nämlich solche Beschreibungen geben, weil er die geistigen Hierarchien sah, so wie sie der Seher Dionysius der Areopagit uns gegeben hat.»5

Die Beschreibungen der Engelhierarchie als Wirklichkeit vor der Erschaffung der Erde sind Beschreibungen einer überhimmlischen Realität, auf die Rudolf Steiner immer wieder auf neue Weise zurückkommt. Man findet die Engel und die Engelhierarchie in mehr als 200 Bänden der Gesamtausgabe, insgesamt vielleicht an 3000 Fundstellen, wie ich vorsichtig zu schätzen wage.6 Im Oktober 1905 nennt Rudolf Steiner die vollständige Engelhierarchie zum ersten Mal7, in der ‹Geheimwissenschaft› wird sie in allen Einzelheiten ausgearbeitet. Im ‹Grundsteinspruch› und in den ‹Klassenstunden› lebt der überirdische Schlussakkord.

Grundsteinspruch

Acht Tage lang, vom ersten Weihnachtstag 1923 bis zum Neujahrstag 1924, jeden Morgen um zehn und am letzten Tag auch abends, insgesamt neunmal, sprach Rudolf Steiner den Grundsteinspruch in unterschiedlichen Fassungen. Die Hierarchien der Engel sprach er mit deren hebräischen und griechischen Namen unmittelbar an und bat sie darum, ihre Stimmen miterklingen zu lassen. Jede Hierarchie antwortet dann mit einem Teil des lateinischen Spruches von Christian Rosenkreutz.8

Lassen wir uns mit einigen Sätzen von Rudolf Steiner vorbereiten: «Nehmen wir einmal einen Gedanken, also das, was wir als Menschen denken. Zunächst sind diese Gedanken in unserem Bewusstsein, aber sie sind nicht bloß in unserem Bewusstsein. Sie sind zugleich in dem Bewusstsein der Wesen der nächsthöheren Hierarchie, der Angeloi, der Engel. Während wir einen Gedanken haben, ist unsere ganze Gedankenwelt zum Beispiel Gedanke der Engel. Die Engel denken unser Bewusstsein.»9

Und hören wir dann die Worte der uns am nächsten stehenden Hierarchie:

«Archai Archangeloi Angeloi
o lasset aus den Tiefen erbitten, was in den Höhen erhöret wird
Dann spricht es durch die Welt
per Spiritum Sanctum reviviscimus.»10

Nun kommt vielleicht die Frage auf: Wer ist es, der diesen Gedanken überdenkt? Bin ich offen für das Sprechen der Engel? Verstehe ich das ‹reviviscimus› – wir werden wiedergeboren? Und wie ist es, wenn Seraphim, Cherubim, Throne von Rudolf Steiner gebeten werden, ihr Schöpferwort erklingen zu lassen?

«Seraphim Cherubim Throne
lasset aus den Höhen erklingen
was in den Tiefen das Echo findet
dieses spricht
ex Deo nascimur.»11

Vergleichen wir damit einen anderen Text Rudolf Steiners bezüglich der Seraphim, Cherubim, Throne: «So also ist es unendlich wichtig, zu wissen, dass diese Wesenheiten, wenn sie entstehen, Gott anschauen, dass sie, indem sie leben, immerfort Gott anschauen. Was sie nun tun, was sie vollbringen, sie tun es aus ihrer Gottesanschauung heraus, Gott tut es durch sie. Sie könnten gar nicht anders, es wäre ihnen unmöglich, jemals anders zu handeln, als sie es tun.»12

Wer spricht durch Rudolf Steiner, indem er diese höchsten Engelwesen bittet, sie sprechend erklingen zu lassen? Bittet er um Worte des Schöpfers? Und wie ist es, wenn ich den Spruch der zweiten Hierarchie spreche? Spricht es dann von mir? Durch mich? Vernimmt es mein Engelwesen aus den Hierarchien?

«Kyriotetes Dynamis Exusiai
lasset vom Osten befeuern
was durch den Westen sich gestaltet
und es spricht
in Christo morimur.»13

Diese Hierarchie ist nicht nur Schöpferin des Lebens im Allgemeinen, sie ist Schöpferin eines jeden individuellen Ätherleibes. Was heißt das? Rudolf Steiner sagt: «Jetzt erst haben Sie aus dem Worte Ätherleib herausgeholt dasjenige, was wesenhafter Ätherleib des Menschen eigentlich ist. Er ist ein Zusammenwirken, Zusammenfluten, Zusammenweben der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, die ihre strömende, flutende, tönende, sprechende Wirksamkeit individualisieren und den menschlichen Ätherleib bilden.»14

Wenn wir uns Rudolf Steiner vorstellen, wie er dort stand, in der Schreinerei, beim Gestalten des Grundsteins, aus dem Osten befeuert, im Westen die Ruine des Ersten Goetheanum, wie verstehen wir dann seine Worte?

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Das Sprechen der Engel im Grundsteinspruch. Betrachtungen zur Anthroposophie. Auswahl und Einführung Michiel ter Horst, auch auf Niederländisch und Englisch erschienen.
  2. Rudolf Steiner, Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt. GA 110, Dornach 1991.
  3. Bis hin zur kabbalistischen Interpretation der Heiligen Schrift.
  4. Rudolf Steiner, Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtung. GA 52, Dornach 1986, S. 83.
  5. Ebd. S. 61.
  6. Ebd. S. 59.
  7. Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik. GA 93a, Dornach 1987, S. 97.
  8. Den Rosenkreutz-Spruch findet man dem Inhalt nach schon auf Griechisch bei Dionysius dem Areopagiten in seiner ‹Kirchlichen Hierarchie› als Beschreibung der Taufe.
  9. Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Forschung – Das fünfte Evangelium. GA 148, Dornach 1992, S. 307.
  10. Durch den Heiligen Geist werden wir wiedergeboren.
  11. Aus Gott werden wir geboren.
  12. A. a. O. S. 160.
  13. In Christus sterben wir. Dionysius Areopagita schildert die Taufe als Bild von Tod und Auferstehung, um als zweiter Mensch in Christus zu leben. Das Sprechen der Engel im Grundsteinspruch, S. 51, 52, 65.
  14. Rudolf Steiner, Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Wesen. GA 224, Dornach 1992, S. 41.

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