Technologische Intelligenz lässt uns neu verstehen, wer wir Menschen sind.
Das Prinzip ‹Geist ist niemals ohne Materie; Materie ist niemals ohne Geist› gehört zur Überzeugung vieler spiritueller Richtungen, doch wie erfahren wir diese Einheit? Die Kräfte, die mit, in und durch uns wirken, zu spüren, ist eine erste Antwort. Die Vorstellung, Technologie als ‹intelligent› zu betrachten, gründet sich auf der mechanistischen Sichtweise. Was Logik und Algorithmus übertrifft, was individualisiert statt homogenisiert, ist das innere Streben. Es ist ein Weg, der von den Rhythmen und vom Wissen des menschlichen Herzens im wechselseitigen Spiel zwischen Selbst und Welt im Fluss der Zeit sich bahnt – außerhalb der Zwänge und Strukturen intelligenter Technologie.
Raum wird zu Zeit
Intelligente Technologie ersetzt Raum durch Zeit. Die Geschwindigkeit der Berechnung verdrängt das Denken. Schnelligkeit der Ergebnisse verhindert innere Auseinandersetzung. Macht und Glanz der Erscheinung lassen die Kraft in ihr verborgen bleiben. Hier liegt ein tiefgreifender Fehler in den westlichen Wahrnehmungssystemen, die die Erscheinung als das Eigentliche verstehen. Durch diese Veräußerlichung der Wahrnehmung ist es den Entwicklern intelligenter Technologien gelungen, durch codierte Eingaben etwas zu konstruieren, das als kohärentes Denken erscheint, jedoch von direkter Sinneserfahrung abstrahiert ist. Ein solcher Abstraktionsprozess entfremdet vom ursprünglichen Impuls des Denkens.
Entwicklung durch innere Führung
Dieser Prozess steht menschlicher Entwicklung gegenüber. Bis zum dritten Lebensjahr wächst das Kind durch eigene Aktivität in seinen Leib hinein – Lebenskraft ergreift die Materie. Das kleine Kind lernt durch innere Führung und nicht durch äußere Anweisung, zu krabbeln, zu laufen und zu sprechen, wobei die Ermutigung für diese Entwicklung von den Menschen und der Umgebung kommt. Je mehr wir so als Kind in der Welt ankommen, desto stärker werden wir durch Atmung und unser Rhythmussystem geprägt. Unsere Sinne atmen die Welt ein, und wir atmen unseren individuellen Ausdruck in sie hinein. Als engagierte Teilnehmende an der Welt fühlen wir uns als Teil von ihr, beeinflussen sie und werden von ihr beeinflusst, insbesondere von der sozialen Welt. Wir lernen, die Individualität anderer zu erkennen.
Diese Seelenqualität prägt unser Verständnis von und unsere Verbindung zur Welt. Im Laufe der Zeit entsteht das Selbstgefühl zusammen mit den Gedanken, die ein Gefühl der sich entwickelnden Individualität und Identität sichtbar machen. Mit dieser Ich-Bildung geht die Fähigkeit einher, das, was in der frühen Kindheit ein inneres, spirituell geleitetes Ordnungsprinzip war, in die Gedankenbildung der selbstbestimmten Autorität und damit des Bewusstseins zu verwandeln. In gewisser Weise verbringt man den Rest des Lebens damit, sich bewusst mit dieser spirituellen Führung zu verbinden.
Die technologische Wissenschaft beabsichtigt demgegenüber, menschliche Entwicklung in ihren Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens nachzubilden. So wie in der Renaissance das individuelle Genie an die Macht der Religion gebunden war, scheint intelligente Technologie an die Macht des Marktes gebunden zu sein – im Sinne des Sprichworts ‹Follow the money›. Der Unterschied zwischen damals und heute: Die religiöse Agenda und ihre Inhalte waren offener; die heutige Agenda ist schwerer zu erkennen. Die für die technologische Entwicklung erforderliche Programmierung und Codierung werden mit Algorithmen erstellt, die mit einer bestimmten Absicht entworfen wurden, und jede ahnungslose Person nimmt unbewusst die Absicht einer anderen Person oder eines Unternehmens über die Benutzeroberfläche auf.
Aus Führung wird Steuerung
Durch die ständige Interaktion mit intelligenter Technologie wird die Fähigkeit, die eigene Erfahrung jetzt und hier zu gestalten, überschrieben und durch die visuellen, auditiven und sprachlichen Funktionen der Maschine ersetzt. Die neuronalen Bahnen werden von diesen Prozessen geprägt und können sich nicht mehr frei durch innere kreative Prozesse bilden, die später der Vorstellungskraft und Intuition dienen. Freies und unabhängiges Bewusstsein gelingt kaum.
In der menschlichen Frühentwicklung ist die Erfahrung vom Hier und Jetzt durch nichts zu ersetzen. Sie ist die Substanz der Erfahrung und prägt zukünftige Entwicklung, die Ich-Bildung. Mit künstlicher Intelligenz tritt Codierung an die Stelle der Erfahrung spiritueller Kraft und Führung. Eine Folge davon ist die Neigung, an die Stelle spiritueller Wiedergeburt und ihrer Wirklichkeit über Zeit und Raum die Verherrlichung unserer Bindung an die Materie zu setzen. Es ist diese materialistische Sichtweise, die dazu beiträgt, die Schwäche unseres Bewusstseins aufrechtzuerhalten, das die Darstellung mit dem Dargestellten verwechselt, Materie und Geist durcheinanderbringt und die Bedeutung der menschlichen Seele als Vermittlerin zwischen ihnen nicht erkennt.
Dreiteiliges Bewusstsein
Im Umgang mit intelligenter Technologie sind wir Teil einer dreifachen Gegensätzlichkeit von Geist, Materie und Ich-Bewusstsein. Jedes der drei ist eigenständig und doch untrennbar mit den anderen verbunden. Dies ist das Terrain, auf dem wir uns, geleitet von unserem moralischen Kompass, bewegen. Das Prinzip ‹Geist ist niemals ohne Materie; Materie ist niemals ohne Geist› fordert uns heraus, moralisches Bewusstsein in unseren Umgang mit Technologie einzubringen, ganz gleich, wie komplex diese Technologie auch sein mag. Wir müssen nicht in einem binären Dilemma verharren, das uns scheinbar zwingt, Materie vor Geist zu priorisieren oder umgekehrt. Vielmehr befinden wir uns in einem Zustand, in dem ein neues dreiteiliges Bewusstsein Geist, Materie und Seele in einem Rahmen der Komplementarität vereinen kann, der die Gaben und Grenzen berücksichtigt, die jeder mitbringt. Jede Sinneserfahrung wird gleichzeitig von ihren inneren, damit einhergehenden Bildern begleitet. Um eine solche dreiteilige Einheit zu verwirklichen, sollte man den Wert und die Gültigkeit dieser inneren Erfahrung als ebenso bedeutsam anerkennen wie die Sinneserfahrung.
Ein Grund, die innere Führung, die uns in der frühen Kindheit erstmals bewegt hat, weiterhin anzuerkennen und uns wieder mit ihr zu verbinden, besteht darin, die zutiefst menschlichen Fähigkeiten weiter zu kultivieren, richtiges Denken, richtiges Handeln und richtige Worte zu unterscheiden. Es ist ein Weg zur inneren Freiheit, der voller Hindernisse zu sein scheint. Der Weg ist hier und jetzt und wartet auf unser kollektives Gewissen.
Bild Asimo, ein humanoider Roboter von Honda im Miraikan – National Museum of Emerging Science and Innovation in Tokyo, Japan. Foto: Unsplash.

