Zukunftsnetze

Viele von Ihnen kennen sicherlich den auferstandenen Christus von Matthias Grünewald, der zum Isenheimer Altar gehört. Dieses Wesen schwebt so durchlichtet im Gewölbe der Ganzheit, dass die römischen Soldaten sich geblendet abwenden.


Früher habe ich mich gefragt, ob man mit so einem Wesen körperlich intim sein kann. Denn eigentlich ist dieser Auferstandene antiphysisch. Und doch blickt er sehr direkt, sehr konkret. Er meint mich, unmittelbar, in diesem Moment. Und ich ihn. Was für eine Form von Begegnung ist mit einem solchen Wesen möglich? Wie sähe das Bewusstsein aus, welches sich hier erlebt? Welche Intimitäten würden darin aufscheinen? Wohin in mir schaut er?

Im Kontext transhumanistischer Fragen fehlt mir oft ein Bild dafür, wie ich mir das Bewusstsein vorstellen kann, welches wir als Gegenstück zur binären Verarmung entwickeln sollten. Leibfrei verbunden, also vernetzt, und doch nicht nur in Bits, Bytes und Terabytes verwahrte Informationen der Vergangenheit, aus denen künstliche Intelligenz tote Antworten generiert.

Ich hatte ein Gespräch mit einem Menschen, in dem wir tief tauchten in unseren Himmeln. Absichtslos war das Ganze, fast eine Zufälligkeit. Das kennen Sie wahrscheinlich auch alle. Etwas Nichtkörperliches berührt sich dort und zeugt miteinander. In einer Lichtsphäre, die Leben ist. In einer Wärmehülle, die Leben schafft. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, Grünewalds Christus ist ein Bild für unser zukünftiges Miteinander-bewusst-Sein: Wir berühren uns ohne Körper, unsere Iche verbinden sich ohne Begehr. Es ertönt etwas mir Neues, was ich allein nicht hätte hervorbringen können. Und das war sehr konkret, nicht ausgedacht.


Bild Fabian Roschka, Handbewegungen auf Scanner, 2022

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