Wenn heilige Orte geschützt werden sollen, indem man Eintritt verlangt und Zäune baut, schwindet die Verantwortung der Einzelnen. Über den Menhir in Callanish, Stonehenge und die Frage nach dem freien Zugang zum Heiligen.
Ich erinnere mich an eine Sommersonnenwende im Steinkreis von Callanish (Isle of Lewis, Schottland), als gleichzeitig Vollmond war – ein seltenes kosmisches Ereignis. Menschen strömten herbei, Trommeln und Gesänge erfüllten die Nacht, hier eine Flöte, dort ein Dudelsack, Menschen in Gewändern, Druiden, Priesterinnen und Priester. Erst war mir vieles fremd, doch im ruhigen Dabeisein wurde daraus eine friedliche, andächtige Stimmung. Jede und jeder feierte seine eigene Beziehung zu den Steinen: Manche suchten Stille, andere tanzten, wieder andere hielten Rituale ab. Verschiedene Wege der Verbindung standen nebeneinander und trugen sich gegenseitig. Irgendwann lehnte ich mich an einen Stein und schaute dem Treiben zu. Ein Paar, das ich von früheren Besuchen kannte, gesellte sich zu mir. Sie hatten gerade ein Kind in der Schwangerschaft verloren. Die Frau begann in der nicht ganz dunklen Mittsommernacht zu tanzen, später tanzten wir Männer mit. Zwischen den Steinen feierten wir in einer kleinen Tanzzeremonie Schmerz und Trauer – und es war bedeutungsvoll und schön.
Was ich an Callanish so liebe, ist genau das: Man kann über Hügel und Wiesen kommen, vom Wasser herauf oder vom Moor, über eine kleine Steinmauer klettern – und ist da. Man geht auf einem anderen Weg heim, wie es das Herz begehrt. So entsteht Beziehung. Und wo Beziehung wächst, wächst Verantwortung. Bisher gab es keinen Vandalismus; die Menschen respektieren die Steine – gerade weil sie frei zugänglich sind.
Eintritt ändert das Verhältnis
Nun ist beschlossen, Callanish einzuzäunen und Eintritt zu verlangen – 15 Pfund, als Jahresticket gedacht. An sich ist das nicht das Problem. Natürlich kann man dafür bezahlen, dass Menschen den Ort pflegen. Der kritische Punkt ist, was damit fast zwangsläufig einhergeht: Restriktionen. Eintritt lohnt sich nur, wenn die Besucherströme gebündelt werden. Es wird also nur noch einen Eingang geben, der Rest wird abgezäunt – mit Sicherheitspersonal und Aufpassern, so wie es bei Stonehenge schon lange ist. Und damit stellt sich die Frage: Was heißt das für unser Verhältnis zu diesem Tempel in der Landschaft? Etwas, das frei zugänglich ist, zu dem ich gehen kann, wann und wie ich möchte, fordert meine Eigenverantwortung heraus. Wo ich dagegen um Einlass bitten, mein Recht erst erkaufen und mich dann an vorgegebene Wege, Zeiten und Regeln halten muss, verändert sich die Geste. Aus einem freien Gegenüber wird ein kontrollierter Besuch.
Stonehenge als Vorbild – oder Mahnung?
Zur Wintersonnenwende war ich in Stonehenge. Nur zu den Sonnenwenden sind dort ein paar Stunden lang die Steine frei zugänglich – und ausnahmsweise ohne Eintritt. Viele Menschen aus Naturreligion, Druidismus, Wicca und verwandten Richtungen bezeichnen Stonehenge als ihren Tempel; an diesen Festtagen bekommen sie Zugang. In dieser Nacht konnte man tatsächlich zu den Steinen gehen, sie anfassen, mitten im Kreis stehen. Normalerweise aber darf man sich nur auf einem breiten Rundweg bewegen, in Abstand zum Kreis, und nur etwa zur Hälfte darum herum. Man sieht die Steine aus einer vorgegebenen Perspektive. Oft ist es so voll, dass es schwerfällt, mehr zu tun, als ein paar Fotos zu machen, wie alle anderen. Man kann sich leicht vorstellen, dass Callanish in eine ähnliche Richtung entwickelt wird: Tickets, Zäune, definierte Wege, begrenzte Zeiten, Aufsicht.
Solange ich frei in die Landschaft gehen kann, bin ich selbst verantwortlich: keinen Müll liegen zu lassen, nichts zu beschädigen, meine eigenen Grenzen und die des Ortes zu achten. Sobald ich Eintritt zahle, erwarte ich im Gegenzug Mülleimer, Hinweisschilder, klare Regeln – und Aufpasser, die alles überwachen. Aus meinem inneren ‹Ich schütze diesen Ort› wird ein äußeres ‹Andere schützen ihn für mich, ich bin Kunde›. Gerade dort, wo ich den Schutz an andere abgebe, wächst oft meine Unsicherheit. Kann ich diesen Leuten vertrauen? Haben sie eine wirkliche Beziehung zum Ort, oder verwalten sie bloß? Die Menschen, die hier das Jahr hindurch feiern, haben eine Verbindung. Von ihnen ging kein Vandalismus aus. Das freie Modell hat bislang funktioniert. Mit Zaun und Eintrittsgeld wird etwas, das vorher Allgemeingut war, in der Geste privatisiert und wie weggenommen. Was zuvor etwas Lebendiges von einem war – wie ein geliebter Freund –, wird zur Touristenattraktion. Ein heiliger Ort verwandelt sich atmosphärisch in ein Produkt, das man vor allem fotografiert, um der Welt zu zeigen, dass man ‹auch da war›. Die Idee, mit einem Jahresticket immer wieder kommen zu können, ist nett gemeint. Aber eingepfercht wie im Zoo, Teil eines Zirkus, verliert der Ort genau das, was ihn für eine Schulung der Wahrnehmung geeignet macht: Ruhe, Abgeschiedenheit, eigenen Rhythmus.
Auf dem Spiel
Zwischen einem sanften Eingreifen, das konkrete Gefährdungen mindert, und einem System von Zäunen, Tickets und Kontrollen liegt ein großer Unterschied. In Callanish geht es nicht nur darum, ob wir bereit sind, 15 Pfund zu zahlen. Es geht darum, ob wir uns weiterhin als Menschen erleben dürfen, die frei, in eigener Verantwortung, in Beziehung zu einem heiligen Ort treten – zu jeder Tages- und Nachtzeit, auf selbst gewählten Wegen –, oder ob wir unser Verhältnis zum Heiligen zunehmend in vorgefertigte Formate auslagern. Was wir zu verlieren drohen, ist die Möglichkeit einer authentischen Erfahrung des Heiligen: dass jede und jeder auf eigene Weise, im eigenen Rhythmus, in eigener Verantwortung diesen Tempel in der Landschaft aufsuchen kann. Ein heiliger Ort müsste einfach da sein dürfen – offen, ohne Zaun, ohne institutionellen Schutzschirm. Wird er profanisiert, eingezäunt und verwaltet, dann ist er im inneren Sinn kein Tempel mehr – und damit letztlich auch nicht mehr wirklich geschützt.
Bild Stein von Callanish, Foto: Renatus Derbidge








