Weite Stirn und blitzende Augen

Unsere Welt ist voller Widersprüche: Sie wird täglich gerechter und schreiend ungerechter, sie ist durch Vernetzung übersichtlich und doch unfassbar komplex, die Möglichkeiten jedes Einzelnen scheinen ins Grenzenlose zu wachsen, und reibt man sich die Augen, findet man das Gegenteil: Die Welt fesselt die Seele in Regel und Bürokratie. Unsere Zeit steht still und rast, ist so wohl menschlich wie keine vor ihr und treibt die Menschlichkeit zugleich vor sich her, manchmal beinahe aus sich heraus.


Doch wie nun, wenn gerade diese Widersprüchlichkeit es ist, die uns Heimat finden lässt? Warum? Weil wir selbst nicht weniger widersprüchlich sind. «Willst fliegen und bist vom Schwindel nicht sicher», hält Mephisto uns den Spiegel vor. Christian Morgenstern, dessen 150. Geburtstag wir in dieser Ausgabe feiern, hatte in seinem großen Herz Platz für all diese Widersprüche der Seele und er hörte nicht auf, sie zu besingen. «Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, sodass deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken», rät der Dichter. Einfacher: Sei mit dir zufrieden, wie es außer dir wohl nur Gott ist, und sei mit dir unzufrieden, wie es wohl auch nur ein Gott ist, der weiß, was an Möglichkeit in uns schlummert. Den seelischen Grund, um die eigenen und weltlichen Widersprüche nicht nur zu nehmen, sondern lieben zu lernen, zeigt Morgenstern in seiner weiten Stirn und den blitzenden Augenwinkeln. Sie scheinen wie seine Schriften zu sagen: Die Klugheit sollte nur so weit wachsen, wie der Humor, das Lächeln der Seele, es zulässt, um die Liebe zu den so widersprüchlichen Menschen nie zu verlieren.


Titelbild: Selbstaufnahme von Christian Morgenstern im Sanatorium Birkenwerder, Winter 1905/06; Deutsches Literaturarchiv Marbach.

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