Marginalien zu Rudolf Steiners Leben und Werk Nr. 37. Nach Monaten der Vereinsamung in Weimar fand Rudolf Steiner 1891 in Pfarrer Max Christlieb einen Menschen, der ihn verstand. Doch beim Wiedersehen 1906 war aus der innigen Seelenverbindung nur noch Distanz geworden.
In seinen ersten Monaten in Weimar fühlte sich Rudolf Steiner vereinsamt, da er niemanden hatte, mit dem er sich über seine tieferen Anliegen austauschen konnte. Er vermisste Gespräche, wie er sie in Wien mit Rosa Mayreder, Pauline Specht oder Friedrich Eckstein hatte führen können. Außerdem musste er bald bemerken, dass die Art der Herausgabe, die für die Weimarer Goethe-Ausgabe vorgesehen war, seinen eigenen Anliegen und Interessen gar nicht entsprach. Doch als im Mai 1891 in Weimar eine Festwoche aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums von Goethes Übernahme der Theaterleitung begangen wurde, die eine Menge Besucherinnen und Besucher anzog und «etwas Leben in die Stadt»1 brachte, erlebte Rudolf Steiner seine bisher schönsten Tage in Weimar.2 Er traf alte Wiener Bekannte und schloss neue Freundschaften.
Am bedeutsamsten war dabei für ihn die Begegnung mit dem fast gleichaltrigen Max Christlieb (1862–1914): «Ich war froh, als ich beim Goethefeste endlich – nach 8 Monaten – einen Menschen fand, der meine ganze tragische Lage hier in Weimar begreift. Ein Württembergischer Pfarrer – der aber noch durch das Tübingerstift gegangen ist und sich daher die Entwicklung des hohen intellectuellen Vermögens mitgenommen hat, auf die die Deutschen einer besseren Zeit noch Wert legten – stellte sich mir beim Goethediner vor und entpuppte sich nach und nach als ein verständnisvoller Anhänger meines Ideenkreises.»3 Christlieb – verheiratet mit Käthe Donndorf, der Tochter des Bildhauers Adolf von Donndorf – war damals Pfarrer im badischen Wenkheim, strebte aber noch eine Promotion an der Universität Leipzig an, um dann «zu einer Art Missionsdienst»4 nach Japan zu gehen.

geb. Donndorf, ca. 1891 © Rudolf Steiner Archiv Dornach
Nun war Christlieb auf Schriften Rudolf Steiners gestoßen, hatte sich «in alles gründlich hineingelesen» – und war begeistert davon. Der junge Theologe hatte, wie Rudolf Steiner später in ‹Mein Lebensgang› schrieb, ein Verständnis davon, «wie man im Geiste lebt, wenn man in reinen Ideen lebt, und wie, da in der reinen Ideenwelt die ganze Natur vor der Erkenntnis aufleuchten muss, man in aller Materie nur Schein (Illusion) vor sich habe, wie durch die Ideen alles physische Sein als Geist sich enthülle. – Es war mir tief befriedigend, bei einer Persönlichkeit ein schier restloses Verständnis für die Geistwesenheit zu finden. Es war Verständnis für das Geist-Sein im Ideellen.»5 So befreundeten sich die Männer bei ihrer ersten Begegnung innig und begannen einen Briefwechsel, von dem allerdings nur noch die Briefe Christliebs vorliegen.6 Dieser erlebte in Rudolf Steiner «eine Persönlichkeit, die in so vollkommen einfacher, durchsichtiger Sprache Gedanken ausspricht, deren Tiefe ich, wie ich hoffe, ganz zu erfassen im Stande bin, die allem dem entgegenkommen, was in mir selbst nach Klarheit ringt, die zu allem hin noch der Schlüssel zu den als höchstes verehrten Goetheschen Anschauungen für mich sind, Gedanken aber, die ich selbständig so tief zu fassen und so klar auszudrücken mich ewig unfähig bekennen muß – wie sehr der Gedanke an eine solche Persönlichkeit in meiner Seele lebendig sein mußte, davon können Sie sich wohl keine Vorstellung machen. Denn wie ich Sie mir denke, haben Sie niemals nötig gehabt, sich fremder Gedanken zu Ihrer eigenen Fortbildung zu bedienen, sondern Ihr Geist arbeitet streng synthetisch und geht seinen eigenen Gang den Ideen entgegen oder ihnen nach, und fremde Gedanken verarbeiten Sie nur als im Verhältnis zum eigenen Aufzug geringfügigen Einschlag Ihres Gewebes, den ja freilich niemand entbehren kann. […] Ihr Geist gleicht einer Quelle, die aus unerschöpften Tiefen hervorbricht, der meinige einem klaren See, in dem die Welt sich spiegelt. Darum erlauben Sie mir, daß ich den Strom Ihrer Gedanken in und durch meinen See leite und diesen dadurch sowohl vertiefe, als auch ihm die Ihnen eigentümliche Bewegung und Richtung verleihe.»7 Christlieb gesteht im Brief vom 11. November 1891, dass es «nicht allzuviel Dinge in der Welt» gebe, «welche mich so glücklich machen könnten, als Sie es getan haben dadurch, dass Sie mich selbst ‹Freund› genannt haben».
Welt und zurück
Christlieb vollendete seine Dissertation im Sommer 1892,8 um dann nach Japan aufzubrechen. Er plante, dort für Rudolf Steiners Gedanken über Goethe zu wirken: «Die Steinersche Philosophie (oder soll ich sagen Steinersche Schule?) hat also wenigstens Einen Lehrstuhl erobert, wenn auch noch ein bisschen weit weg aber Entfernungen gibts nicht mehr. Im Ernste, geben Sie mir wo ich stehe und ich will den Materialismus der Japaner aus den Angeln heben, wenn Ihre Gedanken der Hebel sind – ich hänge dann meine zwei Centner dran und wirke so höchst nüzlich. […] Ich vertrete ja Ihre Gedanken mit dem Gefühl völliger Selbständigkeit, es ist mir grad, wie wenn es meine eigenen waren, weil ich sie als die einzig mit meinen Wesen übereinstimmenden erkenne.» So schrieb er am 12. August 1892 aus London; dies ist sein letzter vorliegender Brief an Rudolf Steiner. Doch seine Mutter teilte diesem mit, dass das Paar im Oktober 1892 glücklich in Tokio angekommen sei. Christlieb war dort tätig als Missionar des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins, als Lehrer für Philosophie und Theologie an der Vereinsschule und als Pfarrer für die deutsche Gemeinde.
Sieben Jahre später kehrte die Familie nach Deutschland zurück, und Christlieb übernahm eine Pfarrstelle in Freistett bei Kehl. 1905 schied er aber aus dem Pfarrdienst aus und wurde nach Ablegen des Bibliothekarsexamens wissenschaftlicher Assistent an der Universitätsbibliothek in Marburg. Eine Zeit lang war er auch Redakteur bei der Zeitschrift ‹Christliche Welt›; schließlich ging er als Hilfsbibliothekar an die Königliche Bibliothek nach Berlin. Nach Andeutungen aus dem Familienkreis war sein Ausscheiden aus dem Kirchendienst nicht freiwillig geschehen. Seine Schwägerin Fifi Donndorf (1880–1953) – Mitglied der Christengemeinschaft – schrieb an Emil Bock: «Was nun diesen meinen Schwager betrifft, so kann ich nicht unterlassen, Ihnen eine Andeutung seines rätselhaften Charakters zu geben, sozusagen einen Schleier wegzuziehen, der im Leben die Untergründe verbarg. Vom Schicksal begünstigt, mit aussergewöhnlicher Begabung, feinstem Einfühlen in geistige Werte, ausserordentlichem Gedächtnis – alles dies zusammengenommen versprach Grosses. Er stand aber einer dämonischen Gewalt gegenüber, die ihn immer wieder herunterzog und ihn schliesslich auch vernichtete. […] die ganze menschliche Tragik konnte einen überkommen, wenn man seine geistigen Kräfte dem Übel unterliegen sah.» So führte Christlieb eine Art «Doppelleben»9 mit vielen Affären, was für seine Frau schwer zu tragen war.
Nun lernte der an Theosophie interessierte Philologiestudent Ludwig Kleeberg (1885–1972) Christlieb 1905 in Marburg kennen und wurde von diesem über Theosophie ausgefragt, über die sich der ehemalige Theologe kritisch geäußert hatte. Christlieb erzählte dem Studenten, «wie er Rudolf Steiner persönlich gekannt und ihn in Weimar oft besucht habe»; doch habe ihn Steiner «sehr enttäuscht durch seine Stellungnahme zu Haeckel.10 Das hinderte ihn aber nicht, Rudolf Steiner zu bewundern und ihn mehr als einmal einen genialen Menschen zu nennen. Er trug mir Grüße an Rudolf Steiner auf. […] Wir trafen uns öfter und sprachen über Rudolf Steiner. Aber das sacrificium intellectus, welches dieser gebracht hätte, als er zur Mystik überschwenkte, erschien ihm immer unverständlich.»11
Wiedersehen
Als Rudolf Steiner am 20. Januar 1906 nach Marburg kam, um dort über den ‹Begriff des Geistes in der deutschen Philosophie› einen Vortrag zu halten, kam es – nach 14 Jahren – zu einem Wiedersehen der ehemaligen Freunde. Christlieb und Kleeberg holten Steiner gemeinsam am Bahnhof ab. Es kam zu einem Gespräch über Theosophie in Christliebs Arbeitszimmer. Der Theologe kritisierte vor allem, dass «die englischen Theosophen Jesus 105 Jahre früher ansetzten […]. In Wirklichkeit, sagte Rudolf Steiner, lebte Jesus Christus in der von uns ihm zugeteilten Zeit.»12 Zu dritt besichtigten sie dann die Kirche der heiligen Elisabeth und das Schloss: «Christlieb war unermüdlich im Fragen, Rudolf Steiner antwortete ebenso unermüdlich. Christlieb fragte nach den geschriebenen Quellen. Rudolf Steiner zeigte ihm, dass vieles durch Erkenntniserweiterung erreicht werden solle – dass manches geschrieben sei, aber symbolisch – dass jedoch mehr noch in der Tradition bewahrt sei. So beruhe, was Kant plötzlich im Jahre 1755 über das Planetensystem vorbrachte, auf einer Rosenkreuzertradition, ebenso des Cartesius Lehre von der Zirbeldrüse.»13 Über dieses Gespräch erzählte Rudolf Steiner später in einem Vortrag: «Wir sprachen darüber, wie die eigentliche Christus-Auffassung in der neueren Theologie immer mehr und mehr verloren gegangen ist […]. Da sagte mir dieser vielgereiste, daher die Welt etwas sich angeschaut habende protestantische Theologe: Ja, unsere jüngeren Theologen haben eigentlich keinen Christus mehr, könnten sich gar nicht mehr Christen oder Christus-Bekenner nennen; die müssten sich eigentlich, wenn der Name nicht schon vergeben wäre, Jesuiten nennen, denn sie haben nur noch einen Jesus! – Das ist nicht mein Urteil, sondern eines, das eben dem Kopfe eines vielgereisten protestantischen Theologen entsprungen ist.»14
Max Christlieb kam dann auch zum Vortrag. Rudolf Steiner berichtete Marie von Sivers von dem Treffen im Brief vom 25. Januar 1906: «Er zeigte mir eine Rezension des ‹Esoterischen Christentums› von A. Besant, die er für eine protestantisch kirchliche Zeitschrift geschrieben hat. Diese seine Rezension schließt mit den netten Worten ‹Mich dünkt, die Alte redet im Fieber›. Das ist das Urteil eines liberalen Protestanten-Gelehrten, der obendrein Trine15 ins Deutsche übersetzt. Von der Theosophie scheint er nun durch den Marburger Vortrag doch ein klein wenig bessere Vorstellungen erlangt zu haben.»16
«Oft nun», berichtet Ludwig Kleeberg, «sprach ich mit Max Christlieb über Steiner, von welchem er als einem wissenschaftlich-menschlichen Problem nicht loskam.» Er lieh Christlieb die ‹Theosophie›, über die dieser «seine Befriedigung» äußerte. «Nur wollte er nicht gelten lassen, dass die Farben der Aura richtige Farben seien; Farben könne man nur das nennen, was auf der körperlichen Netzhaut hervorgebracht werde […]. Auch schien Christlieb der ‹Pfad der Erkenntnis› nicht deutlich genug gezeichnet.» Doch Christliebs «Kritik über Rudolf Steiners Vortrag ‹Erziehungsfragen› im Lucifer war geradezu vernichtend. Die theosophischen Erklärungen der Bibel bezeichnete er ständig als gesucht und künstlich […].»17
Rudolf Steiner äußerte Ludwig Kleeberg gegenüber 1906, «Christlieb habe keine Ahnung, wie nahe er der Theosophie sei»18; ein Jahr später jedoch: «Zur Theosophie wird Dr. Christlieb nicht mehr kommen.»19
1914 starb Christlieb in der Berliner Untergrundbahn an einem Gehirnschlag. Zwei Jahre später erwähnt Rudolf Steiner ihn in einem Vortrag: «Ich kannte einen ganz lieben Menschen – er ist vor Kurzem hier in Berlin gestorben –, der, als ich zuerst veröffentlicht hatte die Schriften, die ich der Interpretation Goethes gewidmet habe, für diese Schriften dazumal enthusiasmiert war. Dann ist er älter geworden und hat nun – daraus sehen Sie, dass der Enthusiasmus nur so ein Sprühfeuer war – gerade in der letzten Zeit eine ganze Menge von solchen Seelensauce-Werken, […] Ralph Waldo Trine [und] andere aus dem Amerikanisch-Englischen ins Deutsche übersetzt.»20 Das hatte Rudolf Steiner wohl schon beim Treffen in Marburg befremdet, wie es im Brief an Marie von Sivers anklingt: Christlieb habe sich durch seine Übersetzungen eingesetzt für das «mystische Gequassel» von Trine, «das im Vergleich mit demjenigen, was da ist in der mitteleuropäischen Geistessubstanz» nur «ein seelisch-egoistisches Streben nach einem inneren Wohlsein, nicht nach einem wirklichen geistigen Aufschwung»21 sei.
Fußnoten
- Brief vom 20. Mai 1891 an Richard Specht; in: Sämtliche Briefe 2. GA 38/2, Basel 2023, S. 214
- Siehe Brief vom 19. Juni 1891 an Helene Richter; ebd., S. 228.
- Brief vom 20. Mai 1891 an Rosa Mayreder; ebd., S. 219.
- Rudolf Steiner, Mein Lebensgang. GA 28, 10. Aufl., Basel 2025, S. 328.
- Ebd.
- Im Rudolf Steiner Archiv, RSA 086.
- Brief vom 8. Juni 1891, RSA 086. Nur in der Stellung zum Christentum sah Christlieb «das Einzige, worin ich wie es scheint, nicht mit Ihnen übereinstimme» (Brief vom 24.9.1891).
- Max Christlieb meldet im Brief vom 12. August 1891, dass er seine Doktorprüfung am 4. August abgelegt habe; doch in den ‹Jahresverzeichnissen der an den deutschen Universitäten erschienen Schriften› ist weder im Jg. 1891/92 noch 1892/93 seine Promotionsschrift nachgewiesen.
- Brief vom 20. Dezember 1948, Nachlass Bock, Zentralarchiv der Christengemeinschaft, Berlin.
- Rudolf Steiner, Haeckel und seine Gegner. Minden i. W. 1900 (heute in GA 30).
- Ludwig Kleeberg, Wege und Worte. Erinnerungen an Rudolf Steiner aus Tagebüchern und Briefen. 2. Aufl., Stuttgart 1961, S. 77.
- An anderer Stelle ergänzt Ludwig Kleeberg: «Lehrreich ist im Übrigen die soeben berichtete Begebenheit darum, weil sie beweist, dass Steiner sich lange vorher mit einer Frage beschäftigte, ehe er über sie öffentlich sprach, d. h. erst dann, wenn die Zeit gekommen war, über sie zu sprechen. Die Wissenschaft von Jeshu ben Pandira klang schon 1906 in Max Christliebs Arbeitszimmer auf.» (Ludwig Kleeberg, Rudolf Steiner – Wie er als Mensch war. In: Blätter für Anthroposophie und Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung. Nr. 2/1956, S. 64).
- Siehe Anm. 11, S. 93.
- Vortrag vom 21. September 1920, in: Gegensätze in der Menschheitsentwicklung. GA 197, 3. Aufl., Dornach 1996, S. 143.
- Ralph Waldo Trine (1866–1958), damals populärer amerikanischer Schriftsteller und Vertreter der Neugeist-Bewegung (‹New Thought Movement›), die noch die New-Age-Bewegung der 1980er-Jahre beeinflusste. Siehe auch den Schluss des Artikels.
- Rudolf Steiner/Marie Steiner-von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901–1925. 3. Aufl. Basel 2014, S. 148.
- Siehe Anm. 11, S. 170.
- Siehe Anm. 11, S. 85.
- Siehe Anm. 11, S. 163.
- Vortrag vom 13.6.1916, in: Weltwesen und Ichheit. 3. Aufl., Dornach 1998, S. 49. Im Druck heißt es: «nicht gerade Ralph Waldo Trine, aber andere». Sinngemäße Korrektur von mir.
- Vortrag vom 9.1.1921, in: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwicklung. GA 203. 3. Aufl., Basel 2022, S. 58.








