Eine Fahrradreise quer durch die Ukraine nach Odessa im Jahr 2018 war für Jakob Marti der Anstoß, sich mit der Geschichte des Landes zu befassen. Angesichts des Krieges fragt er, was er selbst zum Frieden beitragen kann. Seine Antwort: die Ambivalenz der Wirklichkeit aushalten, statt Partei zu ergreifen.
Von der Coronapandemie über den Ukrainekrieg bis zum Gazakrieg zeigte sich ein Muster, besonders in Deutschland. Im öffentlichen Raum – dominiert von Leitmedien, Fernsehen und Politik – entstanden Narrative in Windeseile. Sie erklären eine bestimmte Sichtweise für politisch und moralisch korrekt und stigmatisieren abweichende Sichtweisen. Auf der anderen Seite haben sich Gegennarrative mit großer Resonanz in alternativen Medien etabliert, die von Leitmedien einfach ignoriert oder als Fake News, Propaganda und Verschwörungstheorien diffamiert werden.1
Darstellungen in alternativen Medien weisen dabei eine große Bandbreite auf, von Beiträgen seriöser Wissenschaftler bis hin zu Positionen an den Extremen des politischen Spektrums. Viele Menschen übernehmen, soweit sie solche Ereignisse verfolgen, die eine oder andere Sichtweise. So organisieren sich um die Narrative herum Glaubens- oder Überzeugungsgemeinschaften, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Daran können auch Freundschaften und Familien zerbrechen.
Nicht verwunderlich, dass besonnene Menschen auch mit Blick auf die Gefahr für die Demokratie fordern, wir müssten wieder miteinander reden. Aber diese Debatte findet nicht statt. Es dürfte jedoch selten zutreffen, dass die Deutung zeitgeschichtlicher Prozesse der einen Seite lückenlos durch Tatsachen gedeckt würde, während Darstellungen der anderen Seite nur auf Fiktionen oder Propaganda beruhen. Beide Seiten stützen sich in der Regel auf Tatsachen, die als solche nicht bestritten werden können, auch wenn sie im Kampf der Narrative konträr gedeutet oder wechselseitig ausgeblendet werden.
Der Kaukasuskrieg im Jahr 2008
Wer hat im Kaukasuskrieg von 2008 den ersten Schuss abgegeben? Entgegen der hartnäckig verbreiteten Erzählung, wonach russische Truppen den Krieg begonnen hätten, kam die von den EU-Außenministern eingesetzte Unabhängige Untersuchungskommission zum Konflikt in Georgien (IIFFMCG) unter der Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini zu dem Ergebnis, dass der Krieg mit einem massiven georgischen Artillerieangriff auf Zchinwali begann, bei dem auch russische Friedenstruppen getroffen wurden, die mit internationalem Mandat in Südossetien stationiert waren. Auch ließ sich nicht nachweisen, dass Russland kurz vor einem eigenen Angriff gestanden hätte. War der georgische Angriff dennoch möglicherweise völkerrechtlich gedeckt? «Nein, das war er nicht.»
Der Abschlussbericht hält jedoch auch fest, dass dem georgischen Angriff wochenlange, von Russland unterstützte Provokationen in den abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien vorausgegangen waren und Russland auf den georgischen Vormarsch «unverhältnismäßig hart» reagierte. Zur Verschärfung des Konflikts trugen auch das wenig hilfreiche Agieren der NATO und der Russischen Föderation bei. Dazu zählten die Aufhebung früherer Beschränkungen gegenüber Abchasien durch Moskau im März 2008 sowie die Erklärung des NATO-Gipfels in Bukarest im April desselben Jahres, Georgien und die Ukraine würden NATO-Mitglieder werden.
Abschließend stellt der Bericht fest, dass der Konflikt vielfältige Ursachen hatte, die verschiedenen zeitlichen Ebenen und Handlungen zuzuordnen sind. «Eine Folge von Fehlern, Fehleinschätzungen und verpassten Gelegenheiten auf allen Seiten steigerte sich bis zu dem Punkt, an dem die Gefahr einer Gewaltexplosion real wurde.»2
Es gibt ein Faktum. Wer hat den ersten Schuss abgegeben? Im Rahmen einer neutralen Untersuchung ist das Faktum eindeutig zu klären. Der zeitgeschichtliche Prozess, der zum Krieg geführt hat, ist jedoch viel komplexer und kann nicht mit einer einfachen Aussage, die wahr oder falsch ist, abgebildet werden. So können völlig konträre Erzählungen des Konflikts entstehen, indem passende Tatsachen ausgewählt, im Sinne des Narrativs gedeutet und zu einem konsistenten Narrativ verwoben werden.
Ambivalenz der Wirklichkeit und innere Neutralität
These: Die Ereignisse (die zeitgeschichtlichen Prozesse) selbst enthalten Elemente, die zu konträren Deutungen führen und diese begründen. Die Wirklichkeit selbst ist in sich widersprüchlich. Sie enthält Licht und Schatten. Das ist die Ambivalenz der zeitgeschichtlichen Prozesse, die wir aktuell durchleben. Der Begriff Ambivalenz ist aus lateinisch ‹ambo› (beide) und ‹valere› (gelten) gebildet. – Die Überlegungen im vorliegenden Text berühren sich mit der Forderung nach Multiperspektivismus, die Louis Defècheim ‹Goetheanum› vom 21. Mai 2026 dargelegt hat. Hier soll jedoch gezeigt werden, dass Multiperspektivismus nicht nur in der Komplexität von Wirklichkeit begründet ist, sondern darüber hinaus in ihrer inhärenten Widersprüchlichkeit, durchaus in einem ontologischen Sinn gemeint.
Wenn ich im Rahmen eines Narrativs argumentiere, achte ich auf die Konsistenz der Argumente (der Beweismittel, Indizien). Das ist ein übliches Verfahren, das wir meist unbewusst anwenden. Die Argumente sollen sich gegenseitig stützen und verstärken. Lücken in der Indizienkette sind zu schließen. Ziel ist eine ‹widerspruchsfreie› Darstellung. Damit geht zwingend die Reduktion der vorgefundenen Komplexität einher. Was die Überzeugungskraft der Darstellung schwächen könnte, wird abgewertet, ausgeblendet oder als feindliche Propaganda beschrieben.
Die dem historischen Prozess innewohnende Ambivalenz wird externalisiert und erscheint nun als das Narrativ der Gegenseite. Im Meinungskampf bin ich zutiefst überzeugt, dass meine Darstellung eigentlich jeden vernünftigen Menschen überzeugen müsste, wenn er nur bereit wäre, einmal zuzuhören.
Parallel zum Ringen auf dem Schlachtfeld findet der Kampf um das allein wahre Narrativ statt. Indem ich selbst zusammen mit Hunderttausenden Position beziehe, werde ich durch Parteinahme und die moralisch richtige Haltung zum Kombattanten im Informationskrieg. Beide Seiten wollen der Wahrheit zum Sieg verhelfen im Bestreben, das Gute zu tun und dem gefühlten moralischen Impuls die Treue zu bewahren (Rutger Bregman: ‹Im Grunde gut›). Die ernste Sorge um den Frieden, die Freiheit, die Demokratie oder allgemein um eine lebenswerte Zukunft verlangt den Sieg über den Feind im Meinungskampf.
Aus der These, dass historische Prozesse in sich selbst ambivalent sind, ergibt sich die Aufforderung, die Sichtweisen beider Seiten verstehend nachzuvollziehen und dabei auf das schnelle Urteil und auf Parteinahme für die eine oder andere Seite zu verzichten.
Mit dieser Praxis begebe ich mich auf das offene Meer der Widersprüche und kehre wahrscheinlich mit neu gewonnenen Einsichten zurück. Zugleich öffne ich die Aufmerksamkeit für vielleicht noch unbekannte Tatsachen, die fundamental für das Verstehen zeitgeschichtlicher Prozesse sein können. Wissen wir denn heute alles wirklich Wichtige über die Coronapandemie, über Gaza oder die Ursachen des Krieges in der Ukraine?
Mit dem Verzicht auf die ‹richtige Haltung› und auf Parteinahme schaffe ich eine Sphäre innerer Neutralität. Ich lasse Komplexität zu, statt sie zu reduzieren. Ich verzichte auf die Konsistenz meiner eigenen Perspektive und nehme die Ambivalenz des zeitgeschichtlichen Prozesses in meine Betrachtung hinein, indem ich die Widersprüchlichkeit möglicher Deutungen aktiv vergegenwärtige und aushalte.
Innere Neutralität, die hier gemeint ist, ist nicht mit kalter Distanz den Opfern gegenüber zu verwechseln. Der Verzicht auf Parteinahme hindert mich nicht an Empathie und Unterstützung für diejenigen, die der Hilfe bedürfen.
In der Mediation einer persönlichen Konfliktsituation gewinne ich unter der Leitung eines Mediators Einsichten in die Motive der Gegenseite. Aus der Perspektive des anderen entdecke ich vielleicht auch Momente meines eigenen Verhaltens, die die Eskalation befeuern. So kann ich auch den eigenen Schatten erkennen.
Die Protestbewegung auf dem Maidan im Winter 2013/14
Die Entwicklung der Proteste auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, die am 21. November 2013 begannen, ist ein komplexer Prozess, der von der einen Seite als ‹Revolution der Würde› mit einer Verklärung der Todesopfer als ‹Himmlische Hundertschaft› erzählt wird, während die andere Seite die Ereignisse als Staatsstreich rechtsextremer und nationalistischer Kräfte mit verdeckter ausländischer Unterstützung darstellt.
Die Protestbewegung, an der von November 2013 bis Februar 2014 mehrere Hunderttausend Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen teilnahmen, richtete sich sowohl gegen die grassierende Korruption der herrschenden Elite wie auch gegen eine Politik, die dem als prorussisch geltenden Präsidenten Wiktor Janukowytsch unterstellt wurde, durch Aussetzung des Assoziierungsabkommens mit der EU die Ukraine erneut dem russischen Machtbereich auszuliefern.
Die Proteste waren geprägt von der Fähigkeit zur Selbstorganisation der Zivilgesellschaft, von Solidarität und Hilfsbereitschaft, vom Mut und der Entschlossenheit, dem Druck der Regierung in drei bitterkalten Wintermonaten zu widerstehen und mehrere Versuche der Regierung, die Proteste gewaltsam aufzulösen, abzuwehren. Die russische Dichterin Olga Alexandrowna Sedakowa schrieb: «Das Licht des Maidan, das ist das Licht der Solidarität. […] Diese Solidarität hat alle gesellschaftlichen und nationalen Grenzen überschritten.»3 Für den Einzelnen war es die intensive, manchmal geradezu rauschhafte Erfahrung, in etwas Großem, ganz Neuem aufzugehen. Auf dem Maidan wurde die Selbstermächtigung einer Zivilgesellschaft zur konkreten individuellen und sozialen Erfahrung und hat den Gründungsmythos einer neuen Ukraine erschaffen.
Das ist die heute vorherrschende Darstellung in den Leitmedien und der Politik. Die zunächst friedlichen Proteste wurden jedoch zunehmend von Gewalt überschattet, die auch von Gruppen innerhalb des Protestlagers ausging. Zu nennen sind hier besonders die rechtsextreme und radikal nationalistische Partei Swoboda, 1991 als ‹Sozial-Nationale Partei der Ukraine› gegründet, und der Rechte Sektor, in dem sich rechtsextreme paramilitärische Gruppen und Fußball-Ultras zu Beginn der Proteste zusammengeschlossen hatten. Diese Gruppen stellten zwar zahlenmäßig eine deutliche Minderheit im Protestlager dar, verfügten jedoch über eine klare Strategie, kampferprobte bewaffnete Einheiten und organisatorische Erfahrungen aus früheren Protesten (Orange Revolution von 2004, ‹Steuermaidan› von 2010) und waren damit der amorphen Masse des zivilgesellschaftlichen Lagers deutlich überlegen. Steffen Dobbert, ein Reporter der ‹Zeit›, berichtete im Januar 2014 aus Kiew: «Die Anhänger der rechtsextremen Swoboda-Partei sind auf dem Maidan nicht in der Mehrzahl, bestimmen aber die Protestaktionen, weil sie wie in einer Armee der Opposition organisiert sind.»4
Die führenden Aktivisten von Swoboda und rechtem Sektor verfolgten von Anfang an das Ziel, die verhasste Regierung notfalls gewaltsam zu stürzen und einen ethnisch definierten ukrainischen Nationalstaat zu errichten. Ihre Taktik bestand darin, die Dynamik der Proteste durch bewaffnete Angriffe auf die Sicherheitskräfte und die Besetzung von staatlichen Gebäuden in Kiew und weiteren Städten der Ukraine am Leben zu erhalten und gewaltsam zu eskalieren, die Gewaltexzesse jedoch einseitig der Regierung zuzuschreiben und diese damit innenpolitisch und international zu diskreditieren.
Das Massaker vom 20. Februar 2014
Die Proteste kulminierten am 20. Februar 2014 in bürgerkriegsähnlichen Zuständen und der Erschießung von 48 Demonstranten auf dem Maidan durch Scharfschützen. Die Maidan-Aktivisten haben sofort die Berkut-Sicherheitskräfte beschuldigt. Diese unterstanden dem Innenministerium und sollen auf Befehl des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch gehandelt haben. Diese Darstellung wurde weitgehend, wenn auch zunächst nicht vollständig, von den westlichen Leitmedien übernommen und hat sich inzwischen fest etabliert und wird so auch von renommierten Osteuropahistorikern wie zum Beispiel Andreas Kappeler, Serhii Plokhy oder Martin Schulze Wessel vertreten. Bereits im Frühjahr 2014 gab es jedoch mehrere Darstellungen, die diese Version infrage stellen.5
Wir haben zwei konträre Narrative zu den Maidan-Protesten, die beide Wahrheit für sich beanspruchen, weil sie sich auf gut dokumentierte Ereignisse stützen. Im Unterschied dazu gibt es aber nur eine Wahrheit zur Frage, von welcher Seite Scharfschützen am 20. Februar Demonstranten und Polizisten auf dem Maidan erschossen haben. Hier kommt es nun gerade auf die Konsistenz der Beweise an. Beispielhaft seien hier die Arbeiten von Ivan Katchanovski, einem ukrainisch-kanadischen Politikwissenschaftler an der Universität Ottawa, genannt. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist der Maidan-Protest und insbesondere die Frage, wer für das Massaker am 20. Februar 2014 verantwortlich ist.
Ivan Katchanovski stützt seine Analyse auf mehrere Hundert Zeugenaussagen, auch von Scharfschützen, auf über 2000 Videos und Aufzeichnungen von Live-Internet- und Fernsehsendungen, auf Beiträge von 120 Journalisten, die aus Kiew über das Massaker berichteten, ferner auf mehr als 6000 Fotos sowie auf forensisch-medizinische und ballistische Untersuchungen im Maidan-Massaker-Prozess. Katchanovski hat seine Forschungsarbeit, die von einigen Historikern als unwissenschaftlich und spekulativ abgelehnt wird, seit 2014 in wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern renommierter Verlage veröffentlicht.
Katchanovski gelangte zum Ergebnis, dass das Massaker am 20. Februar unter falscher Flagge gezielt organisiert und unter Beteiligung von oligarchischen und rechtsextremen Akteuren des Maidan-Protestlagers durchgeführt wurde. Im Verlaufe des Vormittags hätten Scharfschützen im Hotel Ukrajina und auf Dächern weiterer Gebäude, die unter der Kontrolle des Protestlagers standen, insgesamt 48 Demonstranten und vier Polizisten erschossen und nach Katchanovski mindestens 149 Demonstranten verletzt. Laut Katchanovski konnten keine belastbaren Beweise dafür ermittelt werden, dass Janukowytsch oder seine Minister das Massaker an den Maidan-Demonstranten am 20. Februar angeordnet hatten.6
Mit dem Massaker stieg die Zahl getöteter Demonstranten auf über 100. Es wurde zum Kulminationspunkt der Proteste und trug dazu bei, dass das am Folgetag zwischen der Regierung und den Maidan-Führern unter Vermittlung der Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens unterzeichnete Abkommen sofort scheiterte. Unmittelbar danach folgten der Sturz der Regierung, die Flucht von Janukowytsch und die Bildung einer neuen Regierung, der auch drei Minister von Swoboda angehörten. Ausgelöst wurden durch diese Ereignisse der Separatismus auf der Krim und im Donbass; die Annexion der Krim durch Russland im März 2014; das militärische Vorgehen gegen die Separatisten im Donbass im April 2014 durch die neue Regierung in Kiew, damit der Beginn des Bürgerkrieges.
Unter einem moralischen Aspekt ist die Darstellung von Katchanovski schockierend. Ist sie aber auch vertrauenswürdig? Rechtsextreme Maidan-Aktivisten sollen die Erschießung von Demonstranten, also sozusagen der eigenen Leute, organisiert haben? Hervorzuheben ist zunächst, dass Katchanovski streng wissenschaftlich vorgeht. Und prorussische Sympathien kann man ihm in keiner Weise vorwerfen.
Aus der Perspektive der Swoboda-Aktivisten erscheint die von Katchanovski beschriebene Handlungsweise durchaus rational. Nachdem diese Aktivisten über Monate das Ziel verfolgt hatten, die Regierung zu stürzen, und der Erfolg in greifbare Nähe rückte, drohte nun das von den EU-Außenministern angekündigte Abkommen zwischen dem Protestlager und der Regierung, alles zunichtezumachen. Aus dieser Perspektive war es rational, die Gewalt auf eine maximale Spitze zu treiben, um sowohl der Regierung als auch allen internationalen Vermittlungsbemühungen den finalen Todesstoß zu versetzen.
Swoboda und der Rechte Sektor stehen in der Traditionslinie der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), gegründet 1929, und ihres militärischen Arms, der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA), gegründet 1942. Aktivisten beider Gruppen bezogen sich öffentlich mehrfach auf diese Tradition, explizit auch auf Stepan Bandera (1909–1959), einen Anführer der OUN im Zweiten Weltkrieg. OUN und UPA arbeiteten im Zweiten Weltkrieg eng mit der deutschen Wehrmacht und der SS zusammen, in der Hoffnung, einen vom Deutschen Reich akzeptierten ukrainischen Nationalstaat zu errichten. Von 1943 bis 1945 ermordete die UPA in Vorbereitung auf einen ethnisch reinen Staat in Ostgalizien und Wolhynien (heutige Westukraine) mindestens 70 000 Polen und unterstützte aktiv den Holocaust.
In Interviews, die die Brüder Dmytro und Vitaliy Kapranov mit Maidan-Aktivisten durchgeführt haben, sagte Dmytro Jarosch, Anführer des Rechten Sektors auf dem Maidan: «Erstens legten wir den Schwerpunkt auf Propaganda, wie Bandera es gelehrt hatte, und zweitens mussten wir zu gewaltsamem Widerstand bereit sein, denn wir wussten, dass wir ohne ihn nicht auskommen würden.» Diese Interviews, die 2017 in Kiew veröffentlicht wurden, sind eine wertvolle Quelle für das Verständnis der Innenperspektive und des radikalen Nationalismus rechtsextremer Maidan-Aktivisten, wurden aber von der Forschung bisher nur am Rande berücksichtigt.7
Die Ideologie des radikalen ukrainischen Nationalismus wurde in der Zwischenkriegszeit maßgeblich von Dmytro Donzow (1883–1973) geprägt. Sein Hauptwerk ‹Nazionalism› von 1926 kann als ideologisches Manifest der OUN bezeichnet werden und wurde auch von Swoboda-Aktivisten rezipiert und verbreitet.8 Nach 1991 erlebte es mehrere Neuauflagen. Donzow propagierte Kampf und Gewalt anstelle von Pazifismus. Der ukrainische Staat werde aus dem Krieg gegen Russland geboren.9 Er postulierte eine Doktrin der ‹Amoralität›, die darin besteht, moralische Skrupel bedingungslos dem absoluten Ziel eines unabhängigen ukrainischen Nationalstaats unterzuordnen und damit jedes Verbrechen zu rechtfertigen. Und er forderte die totale geistige, kulturelle und politische Trennung der Ukraine von Russland.
Die dunklen Kräfte des Nationalismus
Im Geschehen der Maidan-Proteste ist helles Licht mit dunklen Schatten vermischt. Im Maidan sind wie in einer Keimzelle Elemente enthalten, die sich im weiteren historischen Verlauf entfalten.
Auf der einen Seite sind es die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstorganisation und die bewunderungswürdige Kraft, die Entschlossenheit und die Solidarität, mit denen die ukrainische Gesellschaft bis heute dem russischen Angriffskrieg widersteht.
Auf der anderen Seite ist es die Propagierung und schrittweise Durchsetzung eines militanten ethnischen Nationalismus durch rechtsextreme Kräfte, der sich aus dem Hass auf alles Russische speist. Dazu gehören der wachsende staatliche Druck auf die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) bis hin zu einem Verfahren zur Auflösung der Kiewer Metropolie der UOK, die Entfernung von Millionen russischsprachiger Bücher aus Bibliotheken, der Abbau von Puschkin-Denkmälern, die gesetzliche Ehrung von OUN und UPA als ‹Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine› im April 2015, die Umbenennung des Moskauer Prospekts in Kiew in Stepan-Bandera-Prospekt im Juli 2016 und zuletzt die Umbettung und feierliche Beisetzung der sterblichen Überreste der OUN-Führer Andrij Melnyk (1890–1964) am 25. Mai 2026 sowie Jewhen Konowalez (1891–1938) am 18. August auf dem Nationalen Militärfriedhof nahe Kiew, jeweils in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten. Auf dessen offizieller Webseite heißt es, der Präsident habe festgestellt, «dass Andrij Melnyk in eine freie, starke und stolze Ukraine zurückgekehrt sei – genau die Ukraine, von der er geträumt habe.»10
Tatsache ist aber auch, dass die Sympathien für rechtsextreme Parteien in der Bevölkerung der Ukraine – im Vergleich zu Deutschland – verschwindend gering sind. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2014 verfehlte die Partei Swoboda mit 4,7 Prozent der Stimmen die Fünfprozenthürde. Und bei den Wahlen im Jahr 2019 fiel sie trotz eines Wahlbündnisses auf 2,1 Prozent zurück.
Gegenüber übermächtigen Nachbarn suchte die Ukraine ihre Eigenständigkeit immer wieder durch Nationalismus zu behaupten. Die Ukraine ist jedoch ein Land, das wie kein anderes in Europa die Gegensätze von Ost und West in sich selbst vereint, in Herkunft, Sprache, Geschichte, Religion und geografischer Lage, und damit geradezu prädestiniert ist, eine Brücke zwischen Ost und West mit einer konföderativen Struktur zu bilden. Rudolf Steiner hat besonders 1920 mehrfach auf die zerstörerische Kraft des Nationalismus hingewiesen.11
In einem größeren historischen Kontext sollte auch der Umstand berücksichtigt werden, dass mit der Wiedervereinigung 1990 der deutsche Nationalstaat wiederhergestellt wurde, nach einem ersten erfolglosen Versuch 1849 und einem zweiten erfolgreichen Anlauf 1871. Die Alternative nach dem Fall der Mauer war die Bildung einer Konföderation, die auch die Staatenbildung in Ostmitteleuropa und Südosteuropa (Jugoslawien) hätte inspirieren können.
Die Ursachen des Krieges liegen nicht allein in Russland. Sie liegen auch in der seit Mitte der 1990er-Jahre vor allem von den USA vorangetriebenen NATO-Erweiterung, ebenso im ungeschickten Vorgehen der Europäischen Union gegenüber der Ukraine im Zusammenhang mit dem Assoziierungsabkommen. Meist ausgeblendet wird auch der Beitrag der innenpolitischen Entwicklung in der Ukraine. Ferner spielt auch die seit Mitte der 2000er-Jahre wachsende russlandfeindliche Berichterstattung in westlichen Leitmedien eine wichtige Rolle.12
Es handelt sich insgesamt um eine vielschichtige Dynamik mit vielen Akteuren, in der Ursache und Wirkung oft nicht unterschieden werden können und die schwer zu durchdringen ist. Die maßgeblichen Akteure, die deutschen Leitmedien eingeschlossen, sind bis heute in dieser Dynamik gefangen.
Was kann ich selbst zum Frieden beitragen?
Der international bekannte Konflikt- und Friedensforscher Friedrich Glasl sieht als Lösung für die Ukraine einen völkerrechtlich neutralen Status. In einem Interview mit Gerald Häfner13 sagte er, dass das Konzept der Neutralität die Lösung schlechthin wäre. Neutralität sei kein Verlegenheitskonzept, sondern etwas, das schon längst hätte ergriffen werden sollen, als «Kräfte der Mitte».
Für den Prozess einer gegenseitigen Annäherung der Konfliktparteien und der Entwicklung einer Perspektive gibt es derzeit jedoch keine sichtbaren Anzeichen, weder in Russland noch in der Ukraine. Die Konfliktparteien sind in der Kriegslogik gefangen, die als Lösung nur den militärischen Sieg kennt, und sind aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage, den Konflikt zu beenden, aus jeweils ganz unterschiedlichen Gründen. Im fortgeschrittenen Konfliktstadium kann eine Vermittlung nur von außen helfen. Umso tragischer ist es, dass auch Leitmedien und Politik in Deutschland und Westeuropa den Konflikt befeuern. Die öffentliche Debatte auf allen Seiten wird vielmehr von militärischen, geopolitischen und moralischen Argumenten dominiert.
Während die Aufrüstung voranschreitet und die Gefahr eines großen Krieges in Europa von Woche zu Woche wächst, breiten sich Fatalismus und ein Gefühl von Ohnmacht und Mutlosigkeit aus. Europa wirkt in diesen Tagen wie gelähmt. Ein Prozess der gegenseitigen Verständigung, im Verstehen der anderen Perspektive und der Wahrnehmung des eigenen Schattens, wird irgendwann stattfinden müssen. Auf der individuellen Ebene kann ich die Ohnmacht jedoch überwinden und aus innerer Neutralität eine künftige Verständigung durch den bewussten Nachvollzug und die Vermittlung der gegensätzlichen Perspektiven vorbereiten – wenn möglich mit vielen anderen zusammen. Was Wirklichkeit werden soll, muss in der geistigen Sphäre vorgedacht werden.
Fußnoten
- Ausführlich dazu Richard David Precht, Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet. Goldmann, München 2025, S. 17 ff.
- Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia (IIFFMCG), Report. Volume I. September 2009, S. 19–32 (Abruf am 10.6.2025).
- Olga Sedakova, Russian society in the light of Maidan. 7.3.2014 (Abruf am 2.6.2026).
- Steffen Dobbert, Sieben Irrtümer über die Revolution in Kiew. In: Zeit Online, 30.1.2014 (Abruf am 25.12.2025).
- Vgl. z. B. Todesschüsse in Kiew: Wer ist für das Blutbad vom Maidan verantwortlich? In: Monitor (ARD), 10.4.2014, abrufbar in der ARD-Mediathek und auf youtube.com.
- Ivan Katchanovski, The ‹snipers’ massacre› on the Maidan in Ukraine. In: Cogent Social Sciences 9(2), 6.10.2023, Artikel 2269685 (Open Access). Ivan Katchanovski, The Russia-Ukraine War and its Origins. From the Maidan to the Ukraine War. Palgrave Macmillan, Cham 2025, frei zugänglich. Zur Kritik an der Analyse von Katchanovski vgl. William Jay Risch, The Maidan Shooting: Conspiracy Theories and Unanswered Questions. In: Commons, 20.2.2024.
- Брати Капранови, Майдан. Таємні файли [Brüder Kapranov, Maidan. Geheime Akten]. Nora-Druk, Kiew 2017. Online verfügbar auf 69 durchnummerierten Webseiten: rulit.me bis rulit.me; die zitierte Äußerung findet sich auf Seite 21.
- Дмитро Донцов, Націоналізм [Dmytro Donzow, Nazionalism]. 3. Auflage. Ukrainian Publishing Union, London/Toronto 1966. Online verfügbar.
- Dmytro Donzow, Die ukrainische Staatsidee und der Krieg gegen Rußland. Hrsg. von der Ukrainischen Zentralorganisation. Karl Kroll, Berlin 1915. Online verfügbar.
- Offizielle Website des Präsidenten der Ukraine: The President Took Part in the Reburial Ceremony of Andriy Melnyk and His Wife Sofia Fedak-Melnyk at the National Military Memorial Cemetery. 25.5.2026 (Abruf am 27.5.2026).
- Vgl. Rudolf Steiner, Vorträge in Dornach vom 9.1.1920 und vom 22.2.1920. In: Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung. GA 196; Vortrag in Stuttgart vom 10.3.1920. In: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken. GA 335; Vortrag in Dornach vom 3.4.1920. In: Heilfaktoren für den sozialen Organismus. GA 198. Ferner: Vortrag in Dornach vom 23.10.1919. In: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. GA 191.
- Vgl. Gabriele Krone-Schmalz, Was passiert in Russland? Herbig, München 2007; Andrei P. Tsygankov, Russophobia. Anti-Russian Lobby and American Foreign Policy. Palgrave Macmillan, New York 2009; Gemma Pörzgen, Moskau fest im Blick. Die deutschen Medien und die Ukraine. In: Osteuropa 5–6/2014, S. 293–310; ARD-Programmbeirat, Resümee zur Ukraine-Berichterstattung. Protokoll 582, Juni 2014.
- Interview von Gerald Häfner mit Friedrich Glasl, Ukraine: Wie wird Deeskalation möglich? Goetheanum TV, 30.10.2022, ab Minute 52:50.

