Sich herzwärts bewegen

Das Herz pumpt nicht nur, sondern lauscht auch dem strömenden Blut. Zwischen Stille, Weite und Wärme offenbart sich ein lebendiger Kreislauf. Sich herzwärts zu wenden, heißt dorthin, wo Liebe zum Lebensimpuls wird.


Was heißt es, sich von Herzen zuzuhören? Von Herzen zu handeln? Im Herzen zu ruhen? Wie können wir uns zu diesem Ort bewegen, der weiß, der den ganz individuellen Weg kennt? Wie finden wir eine Anbindung an die lebendige Kontinuität des ureigenen Seins, durch den Alltagsdschungel, durch die emotionalen Achterbahnen, durch die zu vielen Möglichkeiten hindurch?

Ein erster Schritt ist, das Herz von der Geschichte ausgehend zu begreifen, die wir seit dem 17. Jahrhundert über es erzählen. Denn unsere Gedanken formen Realität. Wenn wir uns vorstellen, dass das Herz eine Pumpe ist und mit all seiner Kraft das Blut durch den Körper pumpt, dann liegt es nicht fern, dass wir das Gefühl haben, wir müssten mit all unserer Kraft unser Herzensanliegen in die Welt pumpen. Und Druck aufbauen, dass etwas möglich wird. Wenn wir aber unser Herz in einem kontinuierlichen Blutkreislauf eingebettet wahrnehmen, in dem die Beziehung zwischen Quelle und Ziel, Zentrum und Peripherie eingebunden in einen sich rhythmisch bewegenden Blutfluss ist, ändert das unsere Auffassung. Dann wohnt dem Blut eine lebendige Kraft inne, die das Herz bewegt – so wie es Kräfte gibt, die dafür sorgen, dass das Meer Wellen schlägt, dass die Quellen aus der Erde sprudeln und die Flüsse fließen. Kann es also auch sein, dass es eine unsichtbare Kraft gibt, die per se nicht mechanisch ist, die unser Blut zum Fließen bringt? Aber wie kommt es, dass heute das Herz immer noch in Lehrbüchern als Saug-Druck-Pumpe beschrieben wird? William Harvey entdeckte im 17. Jahrhundert den zusammenhängenden Blutkreislauf, in den das Herz als Zentralorgan eingeschaltet ist. Er ging davon aus, dass durch die Kontraktion des Herzens das Blut angetrieben wird. Seither wird das Herz als Pumpe erforscht. In heutigen Physiologiebüchern wird noch der Frank-Starling-Mechanismus gelehrt. Herr Frank entnahm einem Frosch das Herz und perfundierte es mit Rinderblut. Er beobachtete, dass je mehr der Herzmuskel durch das Blut gedehnt wurde, desto mehr Blut ausgestoßen wurde. Zwei Jahrzehnte später beobachtete Herr Starling das gleiche an einem isolierten Herz-Lungen-Präparat eines Hundes. Der Mechanismus beschreibt die Fähigkeit des Herzmuskels, in Abhängigkeit von der Dehnung, also der Menge des Blutes, eine Kraft zu erzeugen, zu kontrahieren und so das Blut weiterzubewegen. Dies geschieht auch ohne nervale Innervation, einfach durch die Beziehung zwischen Blut und Herz. Durch diese Kontraktion entsteht auch Druck im Herzen. Daraus wurde ein Modell entwickelt, in dem sie das Herz als einheitlich arbeitende Antriebspumpe des Blutes beschrieben. Alle Modelle betrachten das Herz dabei isoliert und schalten die physiologischen Verhältnisse aus. Einige Widersprüchlichkeiten bleiben bestehen. Zum Beispiel kann der Herzmuskel nur einen Bruchteil der Kraft eines Skelettmuskels aufbringen (200g/cm² gegenüber 2–5 kg/cm²) und ist somit nicht in der Lage, durch rein muskuläre Kontraktion das Herzzeitvolumen, also das Blutvolumen, das in einer Minute durch den Blutkreislauf fließt, aufzubringen.

Wenn wir uns die Anatomie des Herzens vor Augen führen, bemerken wir, dass der Ein- und Ausflusswinkel sehr steil sind. Dieser Aufbau ist somit sehr ineffizient für eine Pumpe, denn durch diesen steilen Einflusswinkel wird das Blut erst einmal ordentlich abgebremst. In der Kammer macht es dann eine 180-Grad-Wendung, bevor es wieder ausströmt. Eigentlich wird das Blut dadurch abgebremst und kurz angehalten, bevor es mit neuem Schwung in die entgegengesetzte Richtung strömt. Wenn wir uns dies empfindend vor Augen führen, können wir erleben, welch lebendiger Schwung und Puls dem Blut innewohnt. Wenn wir unser Herz nicht separat vom Kreislauf beleuchten, sondern die Bewegungsdynamik in den Kapillaren einbeziehen, herrscht dort ebenso ein sehr bewegter Austausch zwischen Zellen und Blutkapillaren entlang eines Konzentrationsgefälles. Auch dort herrschen Drücke, einmal der kolloidosmotische Druck, der Flüssigkeit in die Kapillare zieht, und der hydrostatische Druck, der Flüssigkeit aus der Kapillare in den Zwischenzellraum fließen lässt. In den Arteriolen ist der hydrostatische Druck größer. Das heißt, Flüssigkeit fließt aus den Gefäßen in den Zwischenzellraum. In den Kapillaren gleichen die Drücke sich aus. Es gibt also eine Art Nullpunkt, bevor der kolloidosmotische Druck den hydrostatischen Druck übersteigt und Flüssigkeit wieder in die Kapillare strömt. So wie es im Herzen Umkehrpunkte, Momente der Stille gibt, gibt es diese Schwellenumkehrpunkte auch in der Peripherie. Als würde dort in dieser Stille das Blut neu beschwingt werden, wieder zurück zum Zentrum zu finden, mit all den Stoffen und Informationen, die es von Körperzellen aufgenommen hat. All diese Bewegungen geschehen in einer Gleichzeitigkeit.

Wo beginnt dieser fortwährende Kreislauf? Wie entsteht diese Blutbewegung? Können Sie sich vorstellen, wie sie aus dem Blut selbst entsteht? Aus der Beziehung zwischen Gefäß und Fluss? Aus eigenem Antrieb, vielleicht sogar aus Liebe, aus Freude, aus Sehnsucht? Was ist der eigentliche Quell der Bewegung? Können Sie sich für diese Kraft öffnen, die einfach da ist? Die uns in Bewegung bringt? Und was hat das Herz dann für eine Aufgabe, wenn seine Kraft nicht mehr in der Pumpfunktion liegt? Wir müssen das Herz innerlich von seiner Pumpfunktion befreien, um zu spüren, wofür es eigentlich da ist. Was ist die eigentliche Kraft des Herzens? Was brauchen wir also, um aus dem Herzen zu leben oder unserem Herzen zu folgen?

Stille, Weite, Wärme

Die Geste des Herzens ist nicht, zu pumpen, sondern das Blut für einen Moment anzustauen, innezuhalten, bevor es wieder weiterfließt. Dieser Moment der Stille dient dazu, Informationen aus dem Blut aufzunehmen und einen Eindruck davon zu bekommen, wie es dem Körper geht. Dies ist wichtig für seine ausgleichende Fähigkeit, den Puls, den Blutdruck und den Wasserhaushalt an die Bedürfnisse des Körpers anzupassen. Das Herz stellt sich absolut in den Dienst des Gesamtorganismus. Das Herz kann ruhen, wenn das Blut im Fluss ist. Wenn wir jedoch die Offenheit für die unsichtbare Kraft, die unser Blut in Bewegung bringt, verlieren, zum Beispiel durch Verhärtung, durch Stress oder Ablagerungen bei Stoffwechselerkrankungen, leben wir häufig aus dem Gefühl, selbst Antreiber zu sein und üben Druck aus, damit Bewegung entsteht. So entstehen Belastungen für unser Herz. Dabei hat das Herz keine Pausen oder Regenerationszeiten wie beispielsweise das Gehirn im Schlaf oder der Magen-Darm-Trakt in Essenspausen. Es schlägt, solange wir leben. Wie können wir es also bei dieser ehrenvollen Aufgabe unterstützen? Zwischen den Herzmuskelzellen gibt es das Protein Titin, das dafür sorgt, dass die Herzmuskeln einer großen Dehnung standhalten können. Zugleich schützt der Herzbeutel vor einer zu großen Überdehnung. Die eigentliche Kraft des Herzens liegt also darin, weit zu werden im Empfangen des Blutes, ohne dabei den Zusammenhang zu verlieren. Es staut das Blut für einen Moment an, dadurch entsteht automatisch Druck. Den müssen wir nicht zusätzlich machen. Er entsteht einfach durch die Menge an Blut, die im Herzen für einen Moment angehalten wird. Wenn der Druck beziehungsweise die Kraft groß genug ist, öffnen sich die Klappen und das Blut fließt weiter. Wenn wir innerlich erfüllt sind, entsteht automatisch so viel Kraft, dass Liebe in die Welt überfließen kann. Auch die Herzenswärme finden wir physiologisch im Herzen. Die Wärmebildung bleibt ein großes Wunder in sich. Dennoch gibt es eine Art der Wärmebildung, die schon physiologisch erforscht wurde. Im Herzen kann eine Verwirbelung des Blutes beobachtet werden. So entstehen auch rückwärts fließende Wirbel. Dadurch wird ein Teil der Bewegungsenergie des Blutes zurückgehalten und in Form von Wärme frei.

Dem individuellen Ausdruck Raum geben

Im Medizinstudium lernen wir, wenn wir auf die Herztöne hören, vor allem krank von gesund zu unterscheiden. Wenn wir aber genau hinhören, hören wir, dass jeder Mensch einen ganz individuellen Klang hat, der vom Herzen ausgeht. In der biometrischen Forschung wird sogar diskutiert, ob der Herzton als Erkennungsmerkmal dienen könnte. Im menschlichen Herzton klingt der ganze Mensch. Je nachdem, in welchem Tonus das Nervensystem auf die Gefäße einwirkt, welche Substanzen aus dem Körper in das Blut übergehen, welche Gedanken wir denken, welche Gefühle wir fühlen, welche Luft wir atmen, ändert sich die Beschaffenheit unseres Blutflusses und damit auch der Klang unserer Herztöne. Und doch bleibt etwas unverkennbar einzigartig, sodass wir uns als Individualität darin erkennen können. Wenn wir nun unseren ‹Herztönen› lauschen und darin dem Fluss unseres Blutes begegnen, können wir erahnen, wie er Landschaften formt. Wir können uns fragen, welche Einflüsse wir ihm über unseren Atemstrom, unsere Gedanken und unsere Nahrung zuströmen lassen wollen. Wie wollen und können wir in Demut im Herzen ruhen in dem Lebensliebesspiel zwischen Formen und Geformtwerden, Schöpfen und Geschöpftwerden?

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