Der ‹Missgeschickte› – Fritz Koegel und seine Familie

Marginalien zu Rudolf Steiners Leben und Werk Nr. 39

Als begabter Herausgeber findet Fritz Koegel seine Aufgabe im Nietzsche-Archiv. Er gerät in Spannungen mit Elisabeth Förster-Nietzsche, in die auch Steiner von ihr verwickelt wird. Berufliche Brüche, künstlerische Versuche und ein von Depressionen überschattetes Familienleben münden in frühe Tragödien.


Als Rudolf Steiner mit seinen Archivkollegen und der Dichterin Gabriele Reuter am 26. Mai 1894 erstmals das Nietzsche-Archiv in Naumburg besuchte, lernte er auch Fritz Koegel kennen: Der neu berufene Herausgeber von Nietzsches Werken las den Besuchenden Passagen aus dem ‹Antichrist› vor – einer der nachgelassenen Schriften des damals immer berühmter werdenden Philosophen, der sich mit ihnen unter demselben Dach befand, aber nichts mehr von sich wusste.

Fritz Koegel war am 2. August 1860 geboren worden – war also nur ein halbes Jahr älter als Rudolf Steiner. Er war das älteste von 14 Kindern eines Pastors. Er studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie in München, Halle und Göttingen – ohne eigentliches Berufsziel: «Ein Mensch wie ich taugt nicht zum Gelehrten, zum Poeten fehlt ihm dies und jenes; was wird er dann?»1 Er schrieb 1883 eine Dissertation über ‹Die körperlichen Gestalten der Poesie›, übernahm die Redaktion eines Lexikons, verfasste Essays und Bücher. Auch war er sportlich sehr aktiv: Er liebte das Wandern und Klettern in den Alpen und war ein früher und begeisterter Radfahrer. Als seine Cousins, die Brüder Mannesmann, ihn 1886 baten, sie beim Aufbau ihrer Röhrenwalzwerke zu unterstützen, wurde er im technisch-kaufmännischen Bereich tätig und 1890 sogar Verwaltungsdirektor der Deutsch-Österreichischen Mannesmannröhren-Werke. Als die Firma in Schwierigkeiten geriet, verlor er 1893 seine Stelle. Seine weitere berufliche Tätigkeit sah er in der Diplomatie, doch dann erreichte ihn die Anfrage Elisabeth Förster-Nietzsches, die Werke ihres Bruders herauszugeben. Er nahm diese Aufgabe an.

Koegel hatte die Schriften Nietzsches schon Ende der 1880er-Jahre für sich entdeckt. Er hielt einen Vortrag über ihn und veröffentlichte anonym die von Nietzsche inspirierte Aphorismensammlung ‹Vox humana. Auch ein Beichtbuch›, mit der er den Menschen den Zugang zu dem Dichterphilosophen erleichtern wollte: «Dass ich Nietzsche gefunden, ist der Glücksfall meines Lebens und dass ich da nicht nötig hatte, auf meinem Pfade umzukehren, sondern mit meinem Fußsteig in seinen Pfad einlenken konnte und auf ihm zur Höhe steigen, der auch ich zustrebte, das ists, was mich mutig gemacht hat, ihm zu folgen und offen in seiner Art und Sprache zu reden, soweit sie auch meine Art und Sprache ist.»2

Elisabeth Förster-Nietzsche war zunächst ganz begeistert über ihn und schrieb an Gustav Naumann, den Neffen ihres Verlegers: «Dieses enorme Wissen von Dr. Koegel, sein Dispositionstalent, seine Arbeitskraft, seine Exactheit bis in die kleinsten Dinge, seine robuste Gesundheit, vor allem sein wahrhaft erstaunliches Nietzsche-Verständnis, sein Nachempfinden bis in die feinsten Nuancen und sein litterarischer Tact – ich sage Ihnen, es ist geradezu beispiellos!! Sie und ich, wir haben den Vogel abgeschossen, daß wir einen solch eminenten Herausgeber bekommen haben.»3 Von allen Menschen fand sie Koegel ihrem Bruder am «congenialsten» – und auch andere, so Kurt Eisner und Rudolf Steiner, sahen ihn als berufenen Nietzsche-Herausgeber an.

Posierendes Getue

Rudolf Steiner verkehrte 1895 und 1896 oft im Nietzsche-Archiv und befreundete sich mit Koegel, der öfters seinen Rat bezüglich der Herausgabe der Nachlassbände einholte. Doch der Nietzsche-Herausgeber war eigenwillig – schon zwei Mitherausgeber waren nach kurzer Zeit gegangen, weil sie ihren Platz neben beziehungsweise zwischen Koegel und Elisabeth Förster-Nietzsche nicht finden konnten. Auch Koegels Beziehung zur Archivleiterin gestaltete sich immer spannungsreicher. Er ertrug ihre Gegenwart auf Dauer kaum mehr und schrieb am 2. Mai 1896 an eine Bekannte: «Es fehlt ihr jede geistige Finesse und das elementarste literarische Formgefühl: im Ton, im Stil und in den persönlichen Untergründen ist alles, was sie selbst schreibt, deplaciert, falsch und mir fast körperlich schmerzhaft. Dabei spricht sie, rasch urteilend und aburteilend über Dinge, von denen sie nicht das mindeste Gefühl hat (vom Wissen nicht zu reden). […] Es empört mich alle Tage, diese Unechtheit mitansehen und anhören zu müssen: dieses posierende Gethue.»4

Als zwischen Fritz Koegel und Emily Gelzer – Tochter einer mit Elisabeth Förster-Nietzsche befreundeten Familie – eine Liebesbeziehung entstand, wuchs die Spannung zwischen Nietzsches Schwester und ihrem Herausgeber ins Unerträgliche. Rudolf Steiner, der, seit das Nietzsche-Archiv im August 1896 nach Weimar übergesiedelt war, Elisabeth Förster-Nietzsche auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin Philosophiestunden gab, «wurde diese Differenz mit jedem Tage bemerkbarer und mit jedem Tage peinlicher»5. Anna Eunike schrieb er darüber Ende November 1896: «Ein Funke braucht nur zu kommen, und die schönste Geschichte kann losgehen.» Wenige Tage später ging die Geschichte tatsächlich los – und Rudolf Steiner war mittendrin, obwohl er damit eigentlich gar nichts zu tun hatte.

Fritz Koegel, Quelle: Rudolf Steiner Archiv

Schon das ganze Jahr 1896 hatte Elisabeth Förster-Nietzsche darauf hingewirkt, Rudolf Steiner als Mitherausgeber für die Nietzsche-Ausgabe zu gewinnen. Er versuchte, ihre Avancen diesbezüglich abzuwehren, auch weil ihm klar war, dass in der von ihm wahrgenommenen Atmosphäre im Archiv keine fruchtbare Arbeit für ihn möglich wäre. Als Förster-Nietzsche nun Anfang Dezember – als die Situation durch die anberaumte Verlobung Koegels mit der 19-jährigen Emily Gelzer schon höchst gewittrig war – nach einer Philosophiestunde Rudolf Steiner wieder eindringlich zu überreden suchte, kam dieser in eine für ihn höchst peinliche Lage, weil er befürchtete, dass die Situation endgültig eskalieren würde, wenn Koegel von dem Gespräch erführe. So nahm Rudolf Steiner der Archivleiterin das Wort ab, das sie auch gab, nämlich dieses Gespräch niemandem gegenüber zu erwähnen, es habe gleichsam nicht stattgefunden. Elisabeth Förster-Nietzsche brach ihr Wort jedoch gleich dreifach: Sie erzählte einem Freund Koegels, seiner Schwester und seiner künftigen Schwiegermutter so von dem Gespräch, wie es ihren Zwecken diente. Koegel, dem von drei Seiten Bericht erstattet wurde, war auf das Heftigste erzürnt und schrieb einen empörten Brief an Rudolf Steiner. Dieser hatte große Mühe, den Freund zu beruhigen. Er berichtete an Anna Eunike am 10. Dezember 1896: «Die Dinge, die Frau Foerster macht, sind einfach unerhört. Sie will mit den Menschen spielen, wie es ihr beliebt. Weil sie nicht den Mut hat, Koegel direct zu sagen, was sie mit ihm vorhat, läßt sie ihm durch seine Schwester sagen, ich hätte gesagt: ich wäre bereit, mit ihm zusammen die Ausgabe zu machen. Dies ist nicht wahr. Außerdem redet sie zu allen Leuten so, daß diese die Vorstellung bekommen müssen: ich wolle Koegel verdrängen und betriebe die Dinge hinter seinem Rücken. Koegel hat mir darüber einen impertinenten Brief geschrieben.»6

Am 11. Dezember 1896 kam es zu einer Aussprache zwischen Förster-Nietzsche, Koegel, Steiner und zwei Zeugen. Danach schrieb Koegel an seinen Freund Gustav Naumann: «St. ist vollkommen gerechtfertigt. Die Scene im Archiv endete […] mit einer völligen Entlarvung Frau Försters. In bündigster Form nach langem Drehn und Wenden mußte sie eingestehen, St. in eine kompromittierende Lage versetzt zu haben.»7 Rudolf Steiner wurde danach wieder sein Vertrauter in Bezug auf alle Ränke der Archivleiterin gegen ihn.

Kongeniales Schicksal

Elisabeth Förster-Nietzsche war nun auf beide Herren schlecht zu sprechen und versuchte, sich schleunigst ihres bisherigen Herausgebers zu entledigen. Es kam zum endgültigen Bruch im Juni 1897. Fritz Koegel verließ das Archiv und ging wieder in die Wirtschaft: Er übernahm die Direktion der chemischen Werke Ernst Sieglin in Düsseldorf. Auch darin war er erfolgreich, aber diese Tätigkeit füllte ihn seelisch-geistig nicht aus. Kurz bevor er ins Nietzsche-Archiv eingetreten war, hatte er das Komponieren für sich entdeckt. Dieses betrieb er in seinen Mußestunden intensiv; auch engagierte er sich im Freien Literarischen Verein Düsseldorf.

Emily Gelzer war inzwischen seine Frau geworden. Sie hatte vor der Ehe Gesangsstudien betrieben, und so musizierte das Ehepaar öfters gemeinsam. Und nicht nur das: Sie verfassten zusammen Kindergedichte, die sie 1900 unter dem Titel ‹Arche Noah› veröffentlichten. 1899 wurde Sohn Wolfgang, 1901 die Zwillingsschwestern Eva und Susanne geboren. Doch wie ein Schatten lag über der Familie die depressive Neigung Emily Koegels, die zweimal in Suizidversuche mündete.

Nach einigen Jahren war Koegel der Fabrikarbeit wiederum müde und sehnte sich nach einer kreativeren Tätigkeit. Gemeinsam mit dem Architekten und Lebensreformer Paul Schultze-Naumburg gründete er im Sommer 1904 die Gesellschaft Saalecker Werkstätten für die Gestaltung von Wohnungseinrichtungen, Häusern und Gärten. Doch kurz vor der Übersiedlung in das neue Haus der Familie in Bad Kösen erkrankte Koegel plötzlich und starb, erst 44-jährig, am 20. Oktober 1904 in den Armen seiner Frau in Jena. Schon 1898 hatte er einer Freundin geschrieben, dass er das sichere Gefühl habe, dass sein Leben kurz sein würde. Die junge Witwe nahm in Berlin wieder ihr Gesangsstudium auf und lernte dort 1906 den Dichter Gustav Kühl kennen. Die beiden wollten im September heiraten und richteten sich schon ihre Wohnung ein. Als im August die Möbel aus Düsseldorf anlangten, fiel Emily Koegel neuerlich in eine tiefe Depression, die dazu führte, dass sich die 29-Jährige aus dem Fenster der Wohnung stürzte. Kaum zwei Monate später – genau am zweiten Todestag von Fritz Koegel – starb ihr Verlobter bei einer Blinddarmoperation.

Was für ein Schicksal hatte dieses so reich begabte Ehepaar! «Die beiden sind wirklich Nietzsche kongenial; sie haben echtes Nietzsche-Schicksal»8, urteilte Emil Bock. Dieses Schicksal inspirierte ihren Dichterfreund Wilhelm Schäfer dazu, 1909 eine Novelle über sie zu schreiben, der er den Titel ‹Die Missgeschickten› gab. Sie waren reich begabte Persönlichkeiten, die sich aber in die gegebenen Verhältnisse nicht recht ‹schicken› konnten und deren Leben früh endete.

Die drei Kinder wuchsen bei der Großmutter Clara Gelzer auf. Die beiden Töchter ließen sich zu Krankenschwestern ausbilden. Eva Koegel fand 1951 den Weg in die Christengemeinschaft. Doch sie litt wie ihre Mutter an Depressionen und nahm sich wie diese 1955 das Leben. Ihre Zwillingsschwester Susanne trat am 8. Juli 1957 in die Christengemeinschaft ein «und erlebt das wie einen Heilungsvorgang im Schicksal».9 So notierte es sich Emil Bock, der beide Schwestern kennengelernt und so Einblick in die koegelschen Briefe und Dokumente bekommen hatte, von denen er sich Abschriften anfertigte.10

Es gab aber noch eine zweite Spur von der Familie Koegel zur Anthroposophie: Koegels jüngster Bruder Martin heiratete 1905 die Lehrerin Hertha Garbe. Diese fand über ihren Hausarzt Ludwig Noll zur Anthroposophie und wurde eine der ersten Waldorflehrerinnen in Stuttgart. Ihre beiden Kinder – Irene und Fritz – besuchten natürlich auch die Waldorfschule. Bei der ersten Begegnung zwischen dem kleinen Fritz und Rudolf Steiner sagte dieser: «So, du bist der Fritz, deinen Onkel, den Dr. Fritz Koegel, habe ich gut gekannt.»11 Hertha Koegel erkrankte jedoch bald schwer und starb schon 1923; Rudolf Steiner sorgte dafür, dass die Kinder bei der Familie del Monte unterkamen. Als im Dezember 1922 der wagemutige Fritz mit einem komplizierten Bruch des Ellbogengelenks nach Hause kam, war Rudolf Steiner gerade anwesend. Er «ertastete die zersprungenen Knochen, renkte sie sorgfältig ein, schiente sie mit Holz und Binden und schickte ihn zur Kontrolle zum Röntgen. Dort lobte man die Behandlung und hat an dem fachgerechten Verband nichts geändert.»12 Später wurde Fritz Koegel († 1997) Waldorflehrer und Mitbegründer der Schule am Kräherwald in Stuttgart.


Bild Fritz Koegel und Emily Gelzer, vermutlich um die Zeit ihrer Verlobung Nov./Dez. 1896, Quelle: Rudolf Steiner Archiv

Fußnoten

  1. Wilhelm Schäfer, Die Missgeschickten. Hrsg. von Chr. Knüppel u. Corn. Lüttke. Bielefeld 2016, S. 139.
  2. [Fritz Koegel], Vox humana. Auch ein Beichtbuch. Berlin 1892, S. XI f
  3. David Marc Hoffmann, Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs. Chronik, Studien und Dokumente. Berlin, New York 1991, S. 188.
  4. An Kathinka Travers, Abschrift im Nachlass Bock, RSA.
  5. Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887–1901. GA 31, 3. Aufl., Dornach 1989, S. 577 f.
  6. Rudolf Steiner, Sämtliche Briefe, Band 2: 1890–1897. GA 38/2, Basel 2023, S. 831 f.
  7. Hoffmann 1991, siehe Anm. 3, S. 221. Der genaue Ablauf dieser Geschichte findet sich dort dokumentiert und wird ausführlich auch in den Kap. 17 und 19.4. in meinem Buch ‹Rudolf Steiner. Die Weimarer Jahre› dargestellt (das Buch erscheint in der zweiten Jahreshälfte 2026).
  8. Emil Bock, Rudolf Steiner. Studien zu seinem Lebensgang und Lebenswerk. Stuttgart 1967, S. 125.
  9. NL Bock, RSA.
  10. Heute befindet sich der Koegel-Nachlass im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar.
  11. Fritz Koegel (d. J.), Über sein Leben, nach einer Ansprache zu seinem 80. Geburtstag, 21.Dezember 1987, Manuskript aus Privatbesitz, S. 7.
  12. Frank Teichmann im Nachruf auf Fritz Koegel, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. w205/1998, S. 251. Rudolf Steiner erwähnt den Vorfall in seinem Brief an Edith Maryon vom 5.12.1922: Rudolf Steiner/Edith Maryon: Briefwechsel, GA 263/1, Dornach 1990.

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