Die Erde ist unsere Schicksalssubstanz

Wir inkarnieren auf einem Planeten, dessen Entwicklung mit dem Schicksal von uns Menschen zusammenhängt. Die ‹Große Mutter› ist unser Leib. Wir haben eine karmische Beziehung mit der Erde.


Das Primärerlebnis ist das einer Einheit, einer Einheitlichkeit von mir und der Welt. Allmählich entsteht die Zweiheit von Kind – Mutter, von Ich – Welt, von Mensch – Erde. Jeden Tag beim Aufwachen kann man diesen Moment versuchen zu erhaschen, wo das Ich neu herausfällt aus dem einheitlichen Erlebniskontinuum und Ich und Welt sich gegenständlich gegenüberstehen. Das Aufwachen zur Zweihaftigkeit geschieht immer wieder neu während des ganzen Lebens, es ist ein archetypisches Erleben von uns als bewussten und selbstbewussten Menschen. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, wie ich als junger Mensch in der Wiese liegend und in den Himmel schauend schlagartig merkte: Die Wolken ziehen und ich nicht. Menschheitlich hat sich das vollzogen beim Übergang vom nomadisierenden Leben als Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit, vor etwa 12 000 Jahren. Eine herausragende archäologische Fundstätte dafür ist Göbekli Tepe, am oberen Euphrat gelegen, heute in Ostanatolien in der Türkei. Auf einem Hügel, die Ebene überragend, sind Rundbauten in den kalkigen Grund eingelassen. Zwölf Stelen aus Stein, vertikal aufragend mit breitem horizontalem Querbalken, ein T bildend wie eine Menschengestalt andeutend, stehen im Rund. Umlaufend zwischen den Stelen eine Bank zum Sitzen für die Gemeinschaft. In der Mitte zwei größere Stelen, verankert in einer Felsplatte. Der Eindruck ist, dass sie nicht aus der Erde aufstreben, sondern wie aus dem Götterkosmos hineingesendet worden sind. Die ganze Anlage bringt zum Ausdruck: Hier stehe ich, löse mich aus dem Eingewobensein in das ständige horizontale Lebensgeschehen in der Landschaft mit den Tieren, halte die Zeit an und setze einen Punkt im Raum. Ich – hier und jetzt – aufrecht und in der Gegenwart. Ich stehe der irdischen Welt gegenüber.

Tafelzeichnung von Rudolf Steiner, 30.6.1924, Quelle: Rudolf Steiner Archiv

Eine zweite Stufe ist das Erlebnis, dass ich mich entwickle, während die irdische Welt sich nicht entwickelt, sondern stabil bleibt. Ich als Mensch kündige die erste Zweisamkeit auf und folge dem inneren und äußeren Drang nach neuen Horizonten. «[…] Der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen» – so beschreibt ihn Novalis. Und wer kann sich nicht erinnern, sich so gefühlt zu haben in seinen romantischen Jahren? Und dann wird es auch bitterernst und existenziell: Kann ich meinen Weg finden, meinen ganz individuellen Weg in dieser so fixierten Welt? In dieser soziologisch gesehen konservativen Erwachsenenwelt, in der religiös gesehen geschöpften Vaterwelt? Und ja, es kann gelingen. Die Menschen von Göbekli Tepe domestizieren den Wolf, und er wird zum Hund – das wilde Fremde wird zum Beschützer des Eigenen. Die vielsamigen Gräser werden gezüchtet zu schwerem, körnertragendem Getreide. Der Boden wird geritzt mit dem Pflug. Licht und Finsternis, Ahura Mazdao und Ahriman werden in die Begegnung gebracht. Aus der neolithischen Revolution geht die Landwirtschaft hervor.

Und wie hat es Odysseus angestellt in Troja? Mit dem ersten Funken von Eigendenken hat er den heiligen Weisheitskosmos der Alten Welt überlistet. Das Wissen, dass die Geistseele des Menschen eigentlich kosmischer Natur ist und wiederholt auf der Erde zu Gast ist, war Kern der alten orientalischen Weisheit. Das Rad der wiederholten Erdenleben, verbunden durch das Karma, dreht sich unerbittlich durch die Zeitenläufe. Und die Freiheit? Odysseus nimmt sie sich. Und wer ist nicht Odysseus, wenigstens einmal in seinem Leben? Das Neue, das ich bringe, hat Erfolg! Und dann kommt die Heimreise mit Sirenen, Zyklopen und Nebenbuhlern.

Und das alles ist noch die beschauliche Welt des Mittelmeers. Die Portugiesen schauten auf den Atlantik und niemand segelte außer Sichtweite des kontinentalen Ufers. Dann begründet 1418 Heinrich der Seefahrer die Schule von Sagres. Neue Schiffe, mit denen man am Wind kreuzen kann, werden gebaut, die Triangulation zur Navigation auf hoher See wird entwickelt und ein Handelsethos wird gelehrt. Die Entdecker stechen in See, die Erde wird zum Globus, jedoch entartet der Handel in Kolonialisierung. Die Freiheit der einen wird zum Schicksal der anderen. Die Freiheit der Moderne ist nicht unschuldig zu haben, Fortschritt erzeugt Schuld unter den Menschen, kollektiv und individuell. Die Karmaverhältnisse werden kompliziert.

In einer dritten Stufe erwacht die Erde aus ihrem astronomischen und geologischen Schlaf und zeigt sich ihrerseits als sich entwickelndes Wesen. Hat sie selbst auch ein Schicksal und ein Karma wie der Mensch? Zunächst kommt sie in Bewegung. Kopernikus fixiert die Sonne am Himmel und lässt die Erde um sie kreisen. Und sie kreist auch um sich selbst. Und der Mond kreist um die Erde und die anderen Planeten mit der Erde um die Sonne. Und Kepler rechnet nach und kommt dank der genauen Messungen von Tycho Brahe zum Schluss, dass die scheinbaren Kreise in Wirklichkeit Ellipsen sind. Die Welt ist nicht zentrisch, sondern exzentrisch, es gibt nicht den einen Mittelpunkt, sondern es gibt mindestens zwei Brennpunkte. Jedes Wesen lebt nicht nur aus sich selbst, sondern aus der Beziehung zu einem Gegenüber. Der Kosmos – eine Welt von Beziehungen und die Erde mittendrin.

Im Weiteren kommt die Erde auch in Entwicklung. Die Evolutionslehre von Charles Darwin und anderen zeigt, dass die vielfältigen Arten des Pflanzen- und Tierreiches entwicklungsgeschichtlich zusammengehören. Dass die Arten sich entwickeln, von einfacheren Spezies zu komplexeren, von den Farnen bis zu den Kompositen, von den Fischen bis zu den warmblütigen Säugetieren. Und der Mensch? Steht er in dieser Reihe? Und wenn ja, wo und wie? Die Erdengeschöpfe fordern vom Menschen seine Menschlichkeit und er wird sich seines eigenen Ursprungs und Zieles unsicher. Dann gerät auch der Boden ins Wanken – Alfred Wegener publiziert 1912 seine Theorie der Kontinentalverschiebung. Zuerst belächelt, wird daraus die heute anerkannte Tektonik, die ziemlich genau beschreiben kann, wie die Landmassen sich bewegt haben und bewegen auf dem meeresblauen Planeten Erde.

Der Boden und die Erde und mit ihnen die Landwirtschaft geraten in den Sog des aufgeklärten naturwissenschaftlichen Blickes und werden physikalisch-chemisch erforscht, verstanden und erklärt. Stickstoff, Phosphor und Kali werden 1840 von Justus Liebig als die wichtigsten Pflanzennährstoffe erkannt und in der Folge entstehen die synthetisch-chemischen Dünger, allen voran der N-Dünger. Dieser wird im Haber-Bosch-Verfahren, das während des Ersten Weltkrieges entwickelt wird, in industriellen Mengen erzeugt. Damit startet die industrielle Landwirtschaft und wird von vielen Bauern als Befreiung von Mühsal und Tradition erlebt. Ihren lebensfeindlichen Ansatz aber wird sie nicht los und so ist sie heute ein wesentlicher Verursacher von Bodenerosion, Wasserverschwendung und Klimabruch.

Rudolf Steiner greift den Evolutionsgedanken auf und beforscht die Erdenentwicklung geisteswissenschaftlich. Das Resultat wird 1910 in der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› publiziert. Ja, so sein Resultat, auch die Erde kommt und geht, inkarniert und exkarniert. Wir leben in der vierten Entwicklungsphase der Erde. Sie bildet die Mitte einer Folge von sieben Erdinkarnationen. Der Mittelpunkt ist überschritten. Den abbauenden Kräften für die Erde und den Menschen konnte mit einem neuen Einschlag in die Entwicklung das Potenzial einer neuartigen Aufwärtsentwicklung eingepflanzt werden. Dieser Einschlag war die Verbindung des Sonnenwesens Christus mit der Erde und der Menschheit. Auferstehungskräfte sind seit dieser ‹Zeitenwende› in der Erde, der Erdatmosphäre und den Menschenherzen real da. Aber diese Kräfte brauchen eine aktive Rezeption vonseiten der Menschen.

Biodynamische Großbewässerung (24 Hektar) von SEKEM in der Wüste, Ägypten 2021. Foto: Ueli Hurter

In der vierten Stufe sind beide in Entwicklung, der Mensch und die Erde. Und sie sind nicht mehr unabhängig voneinander, sondern aufeinander angewiesen. Als Menschen leben wir jeden Tag aus dem mütterlichen Sein der Erde und der Erdennatur. Das kann leicht in Vergessenheit geraten in einem technologisch geprägten Alltag und im immer schneller werdenden Strom von Erfindungen, die nahe daran kommen, das Leben zu imitieren. Und so nervig es ist, wenn man keinen Handyempfang hat und ihn haben sollte, so wäre es viel schlimmer, der Schlaf würde uns nicht mehr regenerieren, die Nahrung wäre nicht mehr aufbauend, der Frühling stumm und die Luftmassen blockiert. Die Erde lebt und wir sind in ihr Leben aufgenommen.

Wie sieht die Partnerschaft für die Erde aus? Sind wir nach wie vor die wunderlichen Geschöpfe, die sie als Mutter augenzwinkernd lieben kann? Einerseits sicher ja, und hoffentlich huscht uns das öfter durch die Seele, mit einer Prise Selbstironie gewürzt. Andererseits ist unser emanzipatorisches Gehabe längst überflüssig, und wir vergehen uns täglich an der Erde. Das hat eine ökologische Dimension. Nach wie vor beuten wir die Erde und ihre Ressourcen aus und bringen sie an den Rand des Kollapses. Jeder von uns ist beteiligt, weil wir alle eingespannt sind in die Zivilisationsverhältnisse, die als Ganzes einen negativen ökologischen Fußabdruck erzeugen. Was machen? Mutig und momentan ausbrechen! Immer ein paar Gummistiefel im Kofferraum haben, damit man beim nächsten Stau in den Feldweg einbiegen und dem Bauern sagen kann: Hier bin ich, wo kann ich anpacken und helfen? Steine auflesen, Unkraut zupfen, Kirschen pflücken?

Und ich kann erfahren: Die Erde wartet auf meinen Fußabdruck – ich will auf ihr gehen und meinen Beitrag leisten für unsere gemeinsame Zukunft. Nicht das Herauskatapultieren auf den Mond und den Mars, weil hier auf der Erde alles kaputt ist, sind meine Zukunftsvisionen, sondern im Gegenteil: der Erde neue Lebenskräfte schenken aus unseren menschlichen Möglichkeiten. So wie der ‹Sämann› von van Gogh – jeder von uns kennt das Bild – die Himmelssamen in die offene Furche sät. Was ist unser Saatgut? Was haben wir der Erde als Lebenskeime zu geben? Es sind die von uns erkannten und ergriffenen Auferstehungskräfte, die seit der Zeitenwende potenziell, als Samen in die Hand und ins Herz genommen werden können.

In die Hand: Als Antwort auf den aufkommenden chemischen Stickstoffdünger als Motor für die industrielle Landwirtschaft, hat Rudolf Steiner 1924 im landwirtschaftlichen Kurs auf Anfrage von Bauern eine anthroposophische, das heißt menschenbasierte und menschenorientierte Landwirtschaft erforscht und dargestellt. Es geht um den lebendigen Boden als Organ des vielfältigen landwirtschaftlichen Organismus aus dem die Pflanzen ohne Chemie, in der Vertikalen zwischen Sonne und Erde, gesunde Früchte erbringen können. Mit den biodynamischen Präparaten können wir dem Boden und der Erde, den Lebensmitteln und den Menschen, die sie essen, Auferstehungskräfte zukommen lassen – aufschließend und öffnend zum Kosmos und differenzierend in die irdische Gestalt- und Substanzbildung.

Ins Herz: Die Erde will in mir auferstehen – das kann zum deutlichen inneren Erlebnis werden. Wie kann ich sie im Herzen tragen, damit sie sein kann in mir, wie ich in und auf ihr sein kann? «Erde, ist es nicht dies, was du willst: Unsichtbar in uns erstehen?» Das fragt Rilke. Und er antwortet: «Erde, du liebe, ich will.» Wie kann ich dieses «Ich will» realisieren? Eine Möglichkeit ist, beim Eingang in den Schlaf die Erde mitzunehmen, bewusst mit ihr über die Schwelle zu gehen, um sie am neuen Tag intentional im Herzen zu tragen. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes. Wenn ich die Erde mitnehmen kann auf meine Schicksalsgestaltungswege, dann wird sie, und das ist meine Bitte an sie, mich und uns weitertragen auf dem Weg ihres Schicksals.


Titelbild Göbekli Tepe, Şanlıurfa, Türkei, CC BY-SA 3.0

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