Frühgeburt und Spätfolge

Wie etablieren wir universelle Werte, wenn Macht selbst zur Ideologie geworden ist? Von den Pilgervätern der Mayflower, Müttern, die ihre Kinder nicht Großkapitalisten opfern wollen, und einem Präsidenten, der Engelworte sprach.


Nachdem der US-Präsident in Davos gelandet war, sagte ein Freund meines Sohnes beim Abendessen, dass Macht selbst zur Ideologie geworden sei. Sie tarne sich nicht mehr hinter demokratischem Sendungsbewusstsein, obwohl man doch auch im Irak schon das Öl haben wollte, nicht mehr hinter Kommunismus, Christentum, Islam, dem Glauben an eine Herrenrasse oder hinter Wissenserwerb. Ganz unverhohlen hat sich durch die Macht des Stärksten oder besser Reichsten die Macht selbst an die Spitze gesetzt. Sie braucht keine Werte mehr vor sich herzuschieben, die dann zu Ideologien pervertieren. Das Ego selbst hat sich ins Zentrum platziert und ermächtigt sich, auch sinnentleert. Wenn dieser Fall eingetreten ist, kann man überzeugt davon sein, dass man einfach so Anspruch auf Grönland erheben kann. Das ist so, als würde ich auf den Hof meiner Nachbarn spazieren und Anspruch auf ihr Haus erheben. Wie absurd erscheint ein solches Vorgehen, wenn wir es im Kleinen betrachten! Doch genau so sind europäische Mächte seit 1492 bei der Eroberung der Welt vorgegangen. Kolumbus rammte die spanische Flagge in den Boden der Karibik, noch bevor seine Kundschafter nach Inselbewohnerinnen Ausschau gehalten hatten. Wir wissen, dass der Reichtum der westlichen Welt darauf gründet, dass unsere Vorfahren genommen haben, was sie wollten, und zwar ohne zu fragen. Kann es sein, dass Trump uns nun wie aus einem Spiegel entgegenblickt? Ist er eine ‹Nachgeburt›, eine Spätfolge unseres eigenen Handelns, einer vermeintlich antiquierten Art der Machtausübung, die sich in ihm ad absurdum führt? Europa und auch die USA müssen nun ihre Werte aktualisieren an diesem Hephaistos des Kapitalismus, der mit der Kraft eines Vulkans durch die Beziehungsgeflechte der Welt donnert. Darin sehe ich immerhin eine Chance.

Am selben Tag wurde ich gefragt, was ich über die Beziehung zwischen Europa und den USA denke. Puh … Die ersten europäischen Siedler, die Nordamerika betraten, waren Vertriebene oder Flüchtende, ob ihres Glaubens nicht mehr Geduldete. Pietisten, Quäker, Evangelikale – Menschen, die einen neuen Anfang suchten, weil sie ihre Visionen von gemeinschaftlichem Leben daheim nicht ins Leben gebären konnten. Die Mayflower stach mit den Pilgervätern und -müttern am 6. September 1620 von England aus in See. 102 Passagiere und 31 Mann Besatzung. Ein Kind wurde während der Überfahrt geboren und zwei Menschen starben. Ziemlich guter Schnitt, wenn man bedenkt, wie viele ‹Pilger› auf der Suche nach einer neuen Heimat im Mittelmeer heutzutage – also 400 technologische Äonen später – den Tod finden. Philadelphia, ursprünglich eine Stadt in Lydien, heißt ‹Bruderliebe›, nach dem Beinamen des lydischen Königs, der seinem Bruder sehr nahestand. So etwas wollte also in Nordamerika, von Europa kommend, entstehen. Und nun rennt ein trotziger Berufsteenager durch die Welt und gibt einen Dreck auf das von den globalen Marktbedingungen verstaubte Wertekabinett der Alten Welt, in seinem Gefolge chaotisierende Selbstjustiz. Und man weiß nicht genau: Ist er wahnsinnig? Meint er das ernst? Kommt er damit durch? Geht es nun darum, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eine Etage tiefer in die Welt zu verkörpern? Und wer übernimmt wie die Pflegschaft dafür?

Als der Deutsche Bundestag vor gut zwei Monaten abgestimmt hat, dass er 300 000 Soldaten rekrutieren will, gab es unter befreundeten Müttern einen großen Protest, auch Angst. «Ich werde nicht meine Söhne opfern für einen Krieg, an welcher Front auch immer, an dem Großkapitalisten und Waffenfirmen unglaublich reich werden», hieß es. Oder: «Meine Kinder werden nicht zu Kanonenfutter für diese Trumps, Putins, Netanjahus, Nasrallahs, Kassims, Merzens, Macrons, Kim Jong-uns und wie sie alle heißen, die mit der Welt ‹Risiko› spielen wie wir bei einem Spieleabend.» Fast möchte ich sagen: Eltern aller Länder, vereinigt euch. Leben ist Leben. Wozu und wie wollen wir also Nein sagen und wozu Ja? Wie etablieren wir ‹universelle› Werte, die zu säen, zu pflegen und zu erhalten der globalisierte Mensch sich verantwortlich fühlt? Ich hoffe, Europa findet einen Weg. Und reicht dem ‹anderen› Amerika eine schwesterliche Hand. Gilda Bartel


Engelworte in Davos

Verborgene Konflikte müssen auf den Tisch, damit sie gelöst werden können. Diese Erkenntnis hat vermutlich jeder schon einmal lebensnah erkannt. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl wählte als Bild dafür die Temperatur: Kalte Konflikte sollten zu warmen Konflikten werden. So befreie sich die Emotionalität und ein gemeinsamer Blick auf die Wirklichkeit werde möglich. In die gleiche Kerbe schlug der kanadische Regierungschef bei seiner viel beachteten Rede am Wirtschaftsgipfel in Davos: Mark Carney zitierte aus Václav Havels Essay ‹Die Macht der Machtlosen› die Geschichte von einem Gemüsehändler, der in sein Schaufenster ein Schild stellt ‹Proletarier aller Länder, vereinigt euch!›. Der Verkäufer glaubt dabei nicht an diesen Spruch und auch die Kunden nehmen ihn nicht für voll. Trotzdem ist er da, auch in anderen Läden. Weil alle, so Carney, so Havel, die Lüge als Wahrheit verkaufen, hat sich Macht etabliert – so lange, bis einige sich dazu entschließen, das Schild herauszunehmen. In dieser Entscheidung seien wir heute, so Carney. Mit dem Bruch der Weltordnung durch Russland, und jetzt auch durch die USA, und dem Rückfall in das Recht des Stärkeren, offenbare sich, was schon zuvor eine verschleierte Lüge war. Wurden Machtspiele und Interessenpolitik bisher unter dem Tisch ausgefochten, so seien sie jetzt offenbar. Damit leben wir – wenn wir Glasls Konfliktlehre folgen – in einer guten Zeit, weil nun die Konflikte lösbar werden. Entsprechend rief Carney dazu auf, die imaginären Schilder aus unseren Schaufenstern zu nehmen, all diese Lügen aus Übereinkunft fallen zu lassen. Was für ein Moment an dem Wirtschaftsgipfel: Carney ermutigte dazu, es mit zwei Tugenden mit den Großmächten aufzunehmen: Man solle die Scheinwahrheiten hinter sich lassen und sich auch nicht einzeln den Mächtigen andienen, sondern sich zusammenschließen. «Entweder sitzt man am Tisch oder auf der Speisekarte», war sein Appell. Drei Tugenden waren es also, die er der Weltöffentlichkeit ins Stammbuch schrieb: ‹Wahrhaftigkeit›, ‹Geschwisterlichkeit› und ‹Tatkraft› oder kürzer: Weisheit, Liebe und Stärke – im Kampf mit dem Drachen die drei Tugenden des Engels. Wolfgang Held


Bild Rede von Mark Carney auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums 2026, CC BY 4.0

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