You Never Farm Alone

Gemeinsames Wirtschaften neu denken – unter diesem Titel findet an der kommenden Landwirtschaftlichen Tagung ein Panel statt. Die Beiträge dazu kommen im Wesentlichen von Mitgliedern des Wirtschaftskreises an der Sektion für Landwirtschaft. Das ist eine Plattform für Praxisforschung, um sich über Erfolg und Misserfolg in Produktion, Verarbeitung und Handel auszutauschen.


1924, als Rudolf Steiners Landwirtschaftlicher Kurs entstand, wurde der Großteil der Lebensmittel noch traditionell erzeugt, verarbeitet und gehandelt. Seit dieser Zeit hat sich eine industrialisierte Ernährungswirtschaft durchgesetzt. Parallel entstanden seit 1924 die biodynamische Landwirtschaft und später der ökologische Landbau, die sich insbesondere seit den 1970er- und 1980er-Jahren deutlich ausbreiteten. In vielen Ländern – etwa in Deutschland, der Schweiz oder Österreich – konnten relevante Markt- und Flächenanteile erreicht werden – eine Erfolgs- und Aufbauzeit des Biosektors.

Seit einigen Jahren jedoch – verstärkt durch Covid, Krieg, Inflation und geopolitische Spannungen – erlebt diese Entwicklung einen Bruch. Eine neue gesellschaftliche ‹Welle› überrollt den Bio- und Nachhaltigkeitssektor. Sicherheitspolitik, Versorgungssouveränität und wirtschaftlicher Druck gewinnen an Bedeutung, während ökologische Ziele an Gewicht verlieren. Auch politische Programme wie der Green Deal der eu vertreten ein anderes, stärker technokratisches Verständnis von ‹grün›, wodurch der ökologische Landbau nicht mehr selbstverständlich als führende Kraft der nachhaltigen Transformation wahrgenommen wird. Die gegenwärtige Situation lässt sich als ein tiefgreifender Zeitenwandel beschreiben, insbesondere im Bereich Landwirtschaft, Ernährung und Nachhaltigkeitswirtschaft.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich drei mögliche zukünftige Ausrichtungen:

  • weitere Industrialisierung und stärkere Präsenz im Supermarkt,
  • Rückbesinnung auf einen eng gefassten biodynamischen Kern oder
  • eine stärkere Anknüpfung an traditionelle, handwerkliche, regionale Formen der Verarbeitung und Vermarktung.

Diese Orientierungssuche ist Ausdruck eines tieferen Epochenwechsels, in dem die bisherigen Leitwerte der ökologisch-sozialen Transformation zunehmend infrage gestellt oder sogar zurückgedrängt werden.

Der Sozialwissenschaftler Ingolfur Blühdorn analysiert, dass das Projekt einer ökologisch-demokratischen Gesellschaftstransformation – getragen von einer mündigen Bürgerschaft – faktisch an Grenzen gestoßen ist. Stattdessen seien weltweit demokratische, ökologische und emanzipatorische Entwicklungen rückläufig. Auch internationale Vereinbarungen (z. B. das 1,5-Grad-Ziel) oder der Atomausstieg zeigen, dass beschlossene ökologische Ziele politisch nicht durchgehalten werden.

Diese Entwicklung führt zu Regulierung und Bürokratie, die insbesondere kleine Betriebe belastet, und zu politischen Gegenbewegungen, die Umweltauflagen zurücknehmen. Die Proteste von Landwirten und Landwirtinnen in Europa zeigen diese Spannung. Insgesamt wird deutlich: Die bisherige Form ökologischer Transformation funktioniert so nicht mehr.

Trotz dieser ernüchternden Analyse gibt es eine positive Perspektive, nämlich – wie vom französischen Soziologen Bruno Latour gefordert –, die Erde nicht länger als totes Objekt, sondern als lebendiges Wesen zu verstehen. Nur auf dieser Grundlage könne eine neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung entstehen. Dieser Gedanke ist heute kein Randphänomen mehr, sondern Teil anerkannter sozialwissenschaftlicher Debatten. ‹Die Erde als Lebewesen› war das Thema der letztjährigen Landwirtschaftlichen Tagung.

Drei Themenfelder stehen im Fokus:

  1. Blick auf die Höfe, die aktuell stark unter wirtschaftlichem und strukturellem Druck stehen
  2. Analyse der regionalen Markt- und Handelssituation
  3. Einordnung in einen globalen Zusammenhang
Entwicklung der Landwirtschaft 1924–2025
Ueli Hurter, Demeter Deutschland, März 2025

An Beispielen wie dem Hof De Kollebloem in Belgien zeigt sich, dass starke Gemeinschaften die Grundlage für landwirtschaftliches Leben und gesellschaftlichen Sinn bilden. Auf dem Hof ist alles gemeinschaftlich organisiert: das Mitarbeiterteam, der Verkauf der Produkte mittels einer CSA, die Freiwilligenarbeit. Die Landwirte, Gärtner und Ladner bilden eine Genossenschaft und pachten den Boden von einer eigens dazu gebildeten Stiftung. Damit ist die Zukunft des Hofes dauerhaft gesichert. Angesichts des starken Drucks der industrialisierten Landwirtschaft in Flandern werden Preisverhandlungen und Kooperationen bewusst als Übung in Vertrauen, Begegnung und gegenseitigem Willkommenheißen verstanden. Der Hof zeigt, dass Landwirtschaft Gemeinschaft bedeutet und dass Stadt und Land, Produzentinnen und Konsumenten, Arbeit und Kultur in diesem Sinne verbunden werden können.

Ein anderes Beispiel: Die Vilicus-Farm in Montana im Norden der USA, illustriert die Chancen und Grenzen großflächiger regenerativer Landwirtschaft. Auf rund 6000 Hektar bewirtschaften Anna, Doug und ihr Team vielfältige Fruchtfolgen, fördern Biodiversität, pflegen Böden und integrieren Rinderhaltung, um ökologische Kreisläufe zu schließen. Die Farm operiert in einem extrem offenen, dünn besiedelten Raum, in dem die Wirtschaftlichkeit stark von weit entfernten Märkten abhängt, kurzfristige Verträge und instabile Abnahmebedingungen jedoch ökonomische Risiken erhöhen. Um diesem Dilemma zu begegnen, wurde das Konzept der ‹Community Supported Stewardship Agriculture› CSSA entwickelt, das ökologische Leistungen als wertvoll anerkennt und durch Unterstützende mitgetragen wird. Zudem sollen sogenannte ‹Supply Circles› langfristige Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglichen und ökologische Verantwortung mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit verbinden. Die Farm zeigt exemplarisch, dass selbst beste agronomische Praxis ohne neue Marktbeziehungen und langfristige Kooperationen nicht zukunftsfähig ist, und unterstreicht zugleich das Potenzial regenerativer Landwirtschaft in großem Maßstab.

Im Handel und in den Marktbeziehungen werden langfristige Verträge und transparente Kommunikation als Wege zu fairen Preisen vorgestellt, etwa bei Odin aus den Niederlanden. Dabei geht es um die biologische Qualität der Produkte und noch mehr um den Aufbau von Vertrauen, Transparenz und langfristigen Partnerschaften mit den Produzierenden, zum Beispiel bei Bananen. Dies geschieht durch Fünfjahresverträge, Investitionen in Bewässerung, neue Sorten und Minipflanzungen sowie die Einbindung der konsumierenden Menschen in True-Cost-Kampagnen (tatsächliche Kosten), die die realen Anbaukosten der Bananen berechnen und soziale Standards reflektieren.

Oder NaturaSì aus Italien. Transparente Kampagnen erklären Konsumenten und Konsumentinnen die tatsächlichen Kosten, während wissenschaftliche Studien die ökologischen und sozialen Effekte der biodynamischen Landwirtschaft quantifizieren und in ökonomische Werte übersetzen sollen. NaturaSì zeigt, dass faire Preise und langfristige Partnerschaften nicht nur den Landwirtinnen und Landwirten zugutekommen, sondern auch dazu beitragen, Marktstrukturen zu verändern und regenerative Landwirtschaft wirtschaftlich tragfähig zu machen.

In der Verarbeitung und Skalierung von Produkten zeigt Lucas Didden mit der Bäckerei der Vital Speisehaus ag, wie industrielle und handwerkliche Ansätze kombiniert werden können. Die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Großhändler Coop ermöglicht die Abdeckung hoher Fixkosten, während kleine Kunden und Kundinnen weiter beliefert werden.

Ralf Kunert von Naturamus handelt weltweit: Ob Bio-Macadamia-Nüsse in Kenia, Lanolin aus Argentinien oder Rizinusöl und Mangos in Indien – zentrale Elemente sind langfristige Beziehungen zu Produzierenden, transparente Preisgestaltung und Diversifizierung, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Resilienz aufzubauen. Biodynamische Landwirtschaft wird dabei nicht nur als ökologische, sondern auch als soziale und kulturelle Praxis verstanden, die Bildung, Beziehungspflege und lokale Eigenständigkeit erfordert.

Andrea Valdinoci von der World Goetheanum Association zieht einen historischen und philosophischen Bogen zurück zu Daniel Nicol Dunlop. Er sah die weltwirtschaftliche Zusammenarbeit als Voraussetzung für Frieden und eine lebensfähige Zukunft.


Titelbild Laura Summer ‹Resolution›. Motiv zur Landwirtschaftstagung 2026

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