Die Herausforderungen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind soziopolitisch und ökonomisch hoch. Die Landwirtschaftliche Sektion antwortet darauf in der Jahrestagung vom 4. bis 7. Februar mit dem Thema ‹Gemeinschaft›. Ein Gespräch von Wolfgang Held mit den Sektionsleitern Ueli Hurter und Eduardo Rincón.
Wie seid ihr auf den Titel gekommen? Er erinnert an den Song ‹You’ll never walk alone›?
Ueli Hurter Der Ursprung ist ein anderer: Wir waren vergangenes Jahr mit dem Vertreterkreis der Sektion im flämischen Teil Belgiens. Dort gibt es eine industrialisierte Landwirtschaft, wie ich sie noch nicht gesehen habe: sieben Kühe pro Hektar. In diesem ökologisch absurden Setting gibt es einen kleinen Demeterhof, den zwei 35-Jährige mit ihrem Team bewirtschaften, und zwar erfolgreich. Sie bilden fünf Gemeinschaften in und um den Hof. Auf dem Hof ist es eine Arbeitsgemeinschaft, dann haben sie ein Abonnement-System mit Kunden und eine Kooperation mit anderen Höfen für den Anbau und eine Kooperation, um in Gent mit anderen Höfen einen Laden zu betreiben. Jetzt gibt es eine weitere Gemeinschaft, um das Land zu kaufen. Sie leben, wo man eigentlich nicht leben kann, weil sie Gemeinschaften haben. Einer der Gründungsväter des Hofes hat diesen Slogan geprägt: ‹You never farm alone›.
Eduardo Rincón Jeder Ort bietet seine Möglichkeiten, stellt eigene Aufgaben. Was überall zählt, ist, dass sich Schwierigkeiten leichter bewältigen lassen, wenn da eine Gruppe ist, die sagt: «Wir schaffen das!» So ist es bei diesem Hof in Belgien. Gemeinsam entwickeln sie Lösungen für die Fragen von Landbesitz, Formen des Handels und Kooperationen aller Art.
Bei dem Song, der in Sportstadien skandiert wird, heißt es ja: ‹You’ll never walk alone›. Das ist Futur, ein Versprechen. Ihr sprecht von der Gegenwart!
Hurter So ist das Erlebnis: Ich bin allein in meiner Arbeit und niemand kümmert es, ob es mir gut geht, ob ich bewältige, was es zu tun gibt. ‹You never farm alone› heißt: Schau um dich: Du bist nicht allein!
Das Gefühl ist trügerisch?
Hurter Ja, in beiden Fällen. Wenn man sich auf das ‹You never farm alone› verlässt, ist es trügerisch, wenn man sich völlig allein empfindet, ebenso. Wir sind heute Einzelgänger, wir sind antisozial geprägte Individualwesen. Deshalb können wir nicht mehr Gemeinschaften bilden wie früher. Es mag in den Gründerjahren einer Initiative gelingen, sich romantisch als Gemeinschaft zu fühlen, doch dann wird es tägliche Arbeit, um als Gemeinschaft zu gelingen. Das ist das Thema unserer Tagung: Wir wollen mit uns heutigen eigenständigen und einsamen Menschen rechnen.
Rincón ‹You never farm alone› ist Affirmation und Provokation. Wir sagen es zum Bauer, zur Bäuerin, die morgens um vier Uhr die Kuh melken und sich fragen: «Was mache ich hier? Niemand hilft mir im Stall, niemand sieht mich und meine Produkte!» Es ist auch eine Einladung als Frage: «Bist du wirklich allein?» Und man beginnt zu überlegen: Da gibt es die unmittelbare Gemeinschaft auf dem Bauernhof, dann kommt die Familie hinzu, dann die Händler, Wissenschaftlerinnen, all diese Gruppen, die im weiteren Sinne zum Hof dazugehören. Im spirituellen Sinne kommen die Verstorbenen hinzu. Können wir mit ihnen in Kontakt treten und ihnen Fragen stellen, wie auch unseren Engeln?
Hurter Der Biolandbau ist enorm unter Druck. Es gibt nicht wenige in der Landwirtschaft, die nicht wissen, wie sie die nächste Rechnung bezahlen sollen oder ob sie nächstes Jahr noch Mitarbeitende haben. Wir haben festgestellt: Diejenigen Höfe, denen es gelungen ist, Gemeinschaft zu bilden, die kommen besser durch schwierige Zeiten. Gemeinschaftsbildung wird ein Überlebensthema. Dabei droht ständig, dass eine Gemeinschaft einschläft oder in Konflikten überhitzt. Für neue Gemeinschaften fehlen uns die Regeln. Beispiel: Nach 30 Jahren Zusammenarbeit verlässt jemand die Gruppe und fordert eine Auszahlung für die Arbeit, die im Hof als Kapital gebunden ist. Da kann ein Hof auseinanderbrechen!
Sind das die typischen Widerstände der Gemeinschaft?
Hurter Ich glaube, wir sind als moderne Menschen nicht mehr unmittelbar gemeinschaftsfähig. Gemeinschaftsbildung müssen wir neu lernen, auch auf unseren Höfen, die naturgemäß Gemeinschaftswesen, inklusive Orte sind. Deshalb wäre es schön, wenn als Ergebnis dieser Tagung Gemeinschaftsbildung in allen biodynamischen Ausbildungen ein Fach wird.
Rincón Ich nehme mal die Arbeit des Pflanzenzüchters Peter Kunz: Er arbeitet eine Zeit allein in der Züchtung. Dann braucht er die Verbindung zu den Bauern und Bäuerinnen, zum Beispiel, um die Saat zu vermehren. Das gilt für alle: Du bist allein und zugleich nicht allein. Als einzelner Mensch sind wir der Ort, an dem etwas hereinkommen kann, was die Sache weiterbringt. Dann musst du Wege finden, um das mit einer Community zu teilen. Der Community muss es gelingen, das, was im Einzelnen lebt, zu spüren.
Hurter Das passt zum Spruch, den wir uns wöchentlich am Goetheanum im Kreis der Mitarbeitenden sagen: «Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.»
Inwiefern ist Landwirtschaft ein Experimentierfeld des Sozialen?
Hurter Landwirtschaft wurde im Nachgang der 68er-Bewegung zum sozialen Labor. Da kamen viele von der Stadt aufs Land und kreierten diese sozialen Labore. Ich glaube, zukünftig wird jeder Landmensch ein ehemaliger Stadtmensch sein.
Stadtluft macht frei?
Hurter Diesen Entwicklungsweg kannst du nicht umgehen. Auf dem Hof kommt es dann zum Clash, denn die Kuh oder die Jahreszeiten haben keine Freiheit. Aus diesem Widerspruch hat sich die Kultur der biodynamischen Bewegung entwickelt – vom Land Ownership bis zur Betriebsgemeinschaft und zur Solidarischen Landwirtschaft (SOLAWI). Es sind Gemeinschaftsformen, um die Freiheit des Einzelnen mit der Bedingtheit der Natur zu verbinden. Jetzt geht es darum, dass wir diese Gemeinschaftsformen verfügbar machen, dass wir sie so durchdringen, dass sie lehrbar und lernbar werden.
Heute ist viel von Co-Kreation die Rede, wo sich Kräfte nicht nur addieren, wie bei der Zusammenarbeit, sondern multiplizieren.
Rincón Gemeinschaften aus freien Individuen aufzubauen, das ist ja ein Paradoxon, und es gibt wohl niemanden, egal auf welchem Lebensfeld, der nicht die Reibung erfahren hat, die sich hier bildet. In der Landwirtschaft sind wir umgeben von der Natur, in der überall Kooperation und Co-Kreation geschieht. Das inspiriert.
Hurter Co-Kreation betrifft dabei nicht nur das Mit- und Füreinander von uns Menschen, sondern gilt auch gegenüber der Natur. Das ist die Bedeutung von Biodynamik. Unsere Haltung ist, dass wir die Natur nicht nur schützen, sondern – das meint ‹dynamisch› –, dass wir die Natur auf unseren Entwicklungsweg mitnehmen, «You never farm alone».
Rincón Das ist biodynamische Landwirtschaft: Wir bauen mit Erde, Pflanze und Tier, wir bauen mit der sozialen Gemeinschaft, und wir bauen mit der umfassenden, kosmischen Gemeinschaft auf drei Feldern ein Ganzes.
Jahrestagung der Sektion für Landwirtschaft vom 4. bis 7. Februar 2026.
Bild Ueli Hurter und Eduardo Rincón, Foto: W. Held








