Sexualität verbindet Körper und Geist auf einzigartige Weise. Aber es fällt schwer, unbefangen darüber zu sprechen. Zwischen digitaler Omnipräsenz und spiritueller Verdrängung droht das Intime, Heilige dieser Art von Begegnung verloren zu gehen. Ein Plädoyer für eine Erotik, in der Eros, Philia und Agape zusammenwirken und den ganzen Menschen meinen.
Von zwei Eltern mit Kind, die uns geschäftig auf der Straße begegnen, wissen wir unwillkürlich, dass das Paar in einem ganz anderen Augenblick ihrer beider Leben ein verwandeltes Gesicht gezeigt hat: gerötet, erregt, begehrend, schamhaft, außer sich, voller Ambivalenz vielleicht auch, voller Zuneigung, unendlich zärtlich, selbstvergessen. Wir alle haben uns verkörpert, weil zwei Menschen miteinander geschlafen haben. Jeder, der diesen Text zu lesen beginnt, wäre dazu nicht in der Lage, wenn nicht eine Frau und ein Mann Sex gehabt, Liebe gemacht hätten. Allerdings kann dieser Akt auch mit einseitigem Schmerz und ohne Einverständnis vollzogen worden sein. (Auch künstliche Befruchtung bleibt hier aus äußerlichen Gründen unberücksichtigt.)
Wir sind aber auch deshalb auf der Welt, weil zwei Menschen miteinander gewacht haben. Weil man Sexualität nicht realisieren kann, ohne den anderen Menschen, mit dem man sie teilt, den Partner, in seinem oder ihrem So-Sein sich bewusst zu machen. Ich mache mir bewusst, wie schön sein Wesen ist, und begehre ihn. Ich will eins werden mit ihm, in den Augenblicken der Liebe, in denen es uns vergönnt ist. Denn natürlich bleiben wir trotzdem Einzelne, Getrennte, und nicht selten fühlen sich Liebende hinterher so. Manchmal vertieft sich aber auch das Gefühl der Verbundenheit, und das Begehren erneuert sich. Die sich lieben, bleiben vereinigt und seelisch verbunden und bewahren und transferieren das Erlebnis des Einsseins aus dem physischen Akt in den Alltag. Wer sein Leben mit dem anderen Menschen vereint hat, will es immer wieder mit ihm teilen. Nicht nur die sinnliche Lust, auch das Interesse am anderen erneuert sich stetig, an dem, was er denkt, wie er dies und jenes empfindet und beurteilt, wie er seinen Tag verbracht hat und was er träumt und plant. Genauso interessiert sich der liebende Leib für jedes Detail und jede Regung an der sinnlichen Gestalt des anderen, für die eine Sehne am Unterarm, für die eine unmerkliche typische Bewegung, für die winzigste Einzelheit, für Hand und Fuß und Haut und Haar, weil alles von einer Aura der Ehrfurcht und Nähe umhüllt ist, in der zwei Menschen wieder zu Kindern werden: Forschende und Staunende, Spielende und Vertrauende. Freie.
Miteinander schlafen, miteinander wachen
Warum aber ist es so schwer, frei über Sexualität zu sprechen? Weil es, wenn man ehrlich ist, auch so schwer ist – so komplex –, sie zu praktizieren? Oder weil es allzu leicht ist, zumindest öffentlich so vorgelebt wird, einschließlich des überall zugänglichen Supports, vom Spielzeug bis zur Prostitution? Und wir es uns deshalb schwer machen?
Es hilft ja nichts: Was man nicht beim Namen nennt, ist umso mehr anwesend. Sexualität ist in der medialen Öffentlichkeit omnipräsent. Die Optionen der Sprache erschöpfen sich nicht in Kategorien wie Bereden oder Beschweigen. Das gilt auch für andere Bedürfnisse. Die Konvention, die uns schützt, ist die Konvention, die uns offenbart. Ob ich sage: ‹Ich bin gleich wieder da› oder ‹Ich muss kurz auf die Toilette› – jeder weiß, was dort geschieht. Der offensive, entwaffnende, freimütige Umgang mit schambesetzten Bereichen der Existenz ist nur möglich, wenn wir als Menschen sozial liebevoll miteinander verkehren und so natürlich verbunden sind, so im gelassenen Wissen um unsere Gleichheit vereint, dass sich die Natur gar nicht erst hervordrängt, sondern sich zurückzieht – und sich ganz in den Dienst unserer sprachlichen, ‹technischen› und sozialen Gestaltungsfreude stellt.
Die Sexualität ist hier kein besonderes, isoliertes Feld der zwischenmenschlichen Begegnung, sondern in ihr kristallisiert und verdichtet sich alles und spitzt sich zu, was wir auch sonst in unserem Zusammenleben beherzigen und verabreden. Heute sind wir sensibilisiert und woke und erwachen am anderen Menschen. Wir müssen aber vielleicht auch wieder lernen, miteinander zu schlafen. Im Schlaf vertraue ich. Ich höre auf zu problematisieren. Ich lasse mich fallen, ich gebe mich hin, ich schließe die Augen. Das heißt nicht, dass wir blind sein und die Augen verschließen dürfen vor den Abgründen der Gewalt, dem Missbrauch, dem falschen Vertrauen und dem Sich-Verfehlen. Aber so wie Männlichkeit mehr ist als ein Gift, mehr als überdosierte Dominanz, so wie Weiblichkeit mehr ist als passive Überempfänglichkeit, und überhaupt Geschlechtlichkeit in Zukunft vielleicht nur noch das Menschengeschlecht meinen wird, so ist auch Sexualität – oder Erotik – mehr als nur der Vollzug des Beischlafs.
Peripherien der Sexualität
Als sie befreit wurde, in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, wurde sie zugleich auch gefangen genommen, wurde, wie man sie lebte, eine Art Programm. Und immer schon gab es seltsame Koalitionen zwischen spiritualistischem Lehrer- oder Gurukult und Konzepten vermeintlich kosmischer, freier Liebe. Dabei ist Sexualität ideologisch unverfügbar. Sie ist etwas so Intimes und Heiliges und Privates wie vielleicht sonst nur der Tod. Sie ereilt uns, sie macht uns ohnmächtig. Ich bin im Tod und im Entdecken der eigenen Sexualität vollkommen allein mit mir selbst, und wie es an den Rändern dieses Abgrunds den Selbstmord gibt, zählt zu den Nöten der Sexualität die Selbstbefriedigung. Doch heute verführen die digitalen Möglichkeiten dazu – versteht man Selbstbefriedigung umfassender: als Selbstbespiegelung und Selbstoptimierung – einschließlich der Selbstüberwindung, der Überwindung unserer Sterblichkeit im Transhumanismus, dass gerade Jugendliche ihre Sexualität kaum mehr unabhängig von einer Problematisierung entdecken oder besprechen können. Die überall verfügbare Pornografie und Gewalt rufen als Reflex (zurecht) eine ausgeprägte Moralität hervor. Jemanden küssen zu wollen, scheint mehr davon abhängig zu sein, ob der andere auf Social Media zu Trump die gleiche Meinung gepostet hat, statt von Verlangen oder plötzlich empfundener Anziehung. Das ‹Dämonische›, wie Goethe es nannte, das Überwältigende und Unerklärliche der Liebe, das Magische, das nicht zwangsläufig böse ist, kommt darin kaum mehr vor.
Es kippt ins Kollektive, was eigentlich still, übersinnlich, geheimnisvoll ist, und was einen Schutzraum braucht: einen Safe Space in ganz anderem Sinne, als Entwicklungsraum für jeden, für das Ich, egal welchen Geschlechts.
Vielleicht haben Menschen, die diese Zeilen lesen, Sexualität nie erlebt, oder nie so, dass sie eine gute Erinnerung und ein Zutrauen in sich tragen. Oder jemand hat sie lange nicht mehr erlebt und trägt eine Wehmut in sich, weil die Sexualität gebunden war an einen bestimmten Menschen oder eine bestimmte Zeit. Und es gibt Menschen, die ihre Form der Liebe nie leben durften. Glücklicherweise gehört eine tiefe Toleranz ebenfalls zur Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Auch die Peripherien der Sexualität dürfen mitten unter uns zu Herzen gehen und in unserem Bewusstsein leben: der ganze Regenbogen. Dass die Wärme des Herzbluts alles und alle versorgt, egal, was ich wähle, ist wie ein Geschenk des Zeitgeists.
Warum aber bleibt es in manchen Milieus dennoch so schwer, über diese Dinge unbefangen zu sprechen und zu schreiben? In besonderem Maße ist die Sexualität, auch die Zeugung, das ‹Kinder-bekommen-können›, ein gesellschaftlicher Ort von Versagensängsten. Aber wir meditieren und sensibilisieren unseren Geist und unsere Seele doch nicht für uns selbst, sondern auch für die Welt, für den anderen. Wir fragen einander doch auch sonst: Was brauchst du? Wonach sehnst du dich? Wann bist du ganz Mensch? Ganz der Mensch, der du sein willst, ganz das Begehren, das du sein willst, ganz das Spiel, mit dem es dir ernst ist? Oder, mit dem jungen, leidenschaftlichen Parzival gesprochen, der an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit steht: Was wirret dir, Freund, wenn es um Sex geht?

Eros, Philia und Agape
Unterschätzen wir, gerade als explizit spirituell Strebende, beieinander manchmal die Großmut, die Gelassenheit, und auch die Leidenschaft? Dringen wir so oft zur Welt nicht durch, weil wir zu wenig von ‹Welt› durchdrungen sind? Vergeistigung jedenfalls ist kein Gegensatz von Verkörperung und Sexualität kein Gegensatz von Spiritualität. Sie durchdringen sich. Erst diese Erfahrung macht die Liebe wirklich frei, und den Liebenden auch. Ich möchte nicht getrennt werden in einen Menschen, mit dem man so gut reden kann und dessen Rat oder Interesse anregend und attraktiv sind, und einen Körper, der einen in dieser Weise nicht so anzieht. Ich möchte gemeint sein als Körper und als Geist, möchte als Mensch nicht getrennt werden von mir selbst, wo doch die Trennung allgegenwärtig ist. Selbst wenn es der andere ‹nicht böse meint›: Auch Mitleid und Erotik schließen sich aus. Vereinigung heißt, dass die griechischen Worte für Liebe, die Qualitäten von Eros, Philia und Agape, zusammenwirken: Ich begehre, dich um deiner selbst willen zu erkennen und zu unterstützen, ich begehre, dein Freund zu sein und immer seelisch zugeneigt, was auch geschieht. Und weil ich all dies fühle, begehre ich dich auch sinnlich. Meine Liebe ist eine Lemniskate: Denn ich fühle all dies auch, ich fühle dein Wesen, weil ich dich sinnlich begehre. Dein individueller Geist durchdringt deine Gestalt, deine ganze Art ist ja anwesend in deinem Blick und deinen Händen. Ich kann es nicht an etwas Bestimmtem festmachen. Dieses Lebendige ist es, das über meine Liebe bestimmt, das sie entfacht, das sie begründet.
Wäre die Sexualität ein Wesen, sehnte sie sich vielleicht danach, wirklich befreit und mit dem ganzen Menschen-Ich verbunden zu werden: nicht mit moralischer, psychischer, körperlicher Erschöpfung, sondern mit einem beseelten, schöpferischen Liebe-‹Machen›, einem liebevollen Sprechen, offen, ehrlich und gerade deshalb verhüllt. Die Sexualität ist in Gefahr, wieder etwas zu werden, wovor wir uns schützen wollen, weil sie uns mit etwas Unverfügbarem auch in uns selbst konfrontiert. Weil sie nicht demokratisch ist. Sie behandelt und macht uns nicht gleich, sie verändert uns. Sie ist Ausdruck der tiefen Liebe des Lebens zu uns allen.








