Jugendlicher Eigenwille

Wie die Handschrift eines Schülers für Sven Saar zum Damaskuserlebnis wurde.


«Für eine Sache möchte ich mich bei dir entschuldigen», sagte ich einem Schüler, den ich nach acht Jahren Klassenlehrerzeit in die Oberstufe verabschiedete. «Ich habe es wirklich versucht, aber es ist mir einfach nicht gelungen, dir eine ordentliche Handschrift beizubringen. Da habe ich als Lehrer versagt, und es tut mir leid!»

«Ich kann Ihnen sagen, warum Sie gescheitert sind», erwiderte Oliver trocken, aber freundlich. «Ich habe mich Ihnen ja acht Jahre lang widersetzt, weil ich lieber auf der Tastatur schreibe, und in der Mittelstufe haben Sie dann endlich aufgegeben.»

Dieses Gespräch fand vor zehn Jahren statt, und seine Botschaft erschüttert mich noch immer: Hatte ich wirklich versäumt, Oliver und vielen anderen Schülerinnen und Schülern vor ihm einen energischen Eigenwillen zuzugestehen? Warum kam ich gar nicht auf die Idee, «dass der das einfach nicht will»? ­Henning Köhler hat einmal gesagt, der Mensch sei in dem Maße Individuum, in dem er sich der Anpassung verweigert. Gilt das vielleicht vor allem für Kinder, gerade weil sie dabei spontan und ungeschickt vorgehen und sich dadurch offenbaren?

Folgt im professionellen Ethos des Lehrenden noch immer vieles dem Grundsatz «Werde so wie ich»? Vor allem, wenn ich als Waldorflehrer ja künstlerisch, lieb und weise bin? So ist der Mensch, so soll er sein. Dürfen Kinder bei mir auch anders sein und sich in der Opposition zu meinen Erwartungen besonders gut kennenlernen? Was brauche ich, um das auszuhalten? Was, um es zu ermöglichen?


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Bild Sven Saar, privat

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