Güte in der Erziehung

«Güte ist die einzige ehrliche Antwort auf alles.» – George Sanders


‹Güte› bedeutet, echte Fürsorge und Mitgefühl in hilfreichem Handeln zu zeigen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die Etymologie des Wortes ‹Kindness› stammt aus dem Altenglischen und leitet sich vom Wort ‹kynd› ab, das die eigenen Verwandten oder Familienmitglieder bezeichnet. In dieser Zeit, von der Mitte des 5. bis zum 12. Jahrhundert, bedeutete Güte, seine Familie mit mitfühlender Güte zu behandeln. Seitdem hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt und das Wort ‹Güte› beinhaltet auch die Tugend, alle Menschen universell mit Herzensgüte zu behandeln. Der Ursprung des Wortes ‹kind›, im Deutschen ‹Kind›, hat ebenfalls eine ähnliche Wurzel. Das kleine Kind ist voll unschuldiger Güte, frisch aus der spirituellen Welt, sehnt sich aber danach, von denen, die sich um es kümmern, zu lernen, wie man Güte zeigt.

Unsere Aufgabe als Pädagogen und Pädagoginnen besteht darin, Vorbilder zu schaffen, die dem Kind einen Weg weisen. Kleine Kinder sind voller Enthusiasmus und möchten von ihren Lehrpersonen lernen, wie man das Leben meistert. Ein Vorbild dafür zu sein, ist eine Verantwortung und erfordert Engagement und Großzügigkeit seitens der Lehrenden. Wir können hier die Frage stellen: Wie sind meine Beziehungen zu meinen Kollegen, meinen Freunden und meiner Familie? Schaffe ich Vorbilder, denen das Kind folgen kann? Unsere Arbeit mit der Waldorfpädagogik konzentriert sich auf die natürliche Fähigkeit des kleinen Kindes, nicht nur das nachzuahmen, was der Lehrer oder die Lehrerin in den Unterricht einbringt. Es ist das Privileg des Lehrenden, vorzuleben, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Das kleine Kind nimmt Gedanken, Gefühle und Handlungen seiner Bezugspersonen durchsichtig wahr und ahmt sie in unbewusstem Vertrauen nach. Es hat keine Filter, alles, was die Erwachsenen um es herum tun und sagen, fließt in seine Erfahrung ein. Das Nachahmen durch das kleine Kind geschieht, indem es zunächst etwas mit voller Aufmerksamkeit wahrnimmt, es innerlich nachbildet und dann dem Muster folgt und es nachahmt. Jeder Mensch hat einen Schutzengel, der ihn begleitet. Wenn wir uns für andere einsetzen und ihnen selbstlos und gütig begegnen, ahmen wir die Arbeit des Engels in uns nach. Das kleine Kind erkennt diese Geste und beginnt zu spüren und nachzuahmen, wie man Güte zeigt. Wir sind nicht perfekt und manchmal laufen die Dinge nicht so, wie wir es uns wünschen. Großzügig zu sich selbst zu sein, ist wichtig, damit wir eine vergebende, mitfühlende Beziehung zu uns selbst pflegen können. Unsere Kraftquelle ist unerschöpflich, wenn wir uns spirituell bemühen. Es ist eine Tugend, nach einem Sturz inmitten von Schwierigkeiten und Herausforderungen wieder aufzustehen und neu anzufangen. Die Kinder spüren dies bei ihrem Lehrer und es gibt ihnen Mut für ihre eigenen Kämpfe.

Es kommen viele Kinder zu uns, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Jedes Kind trägt ein Geheimnis mit sich und es ist unser Privileg als Erzieherinnen und Erzieher, sie zu begleiten und ihnen zur Seite zu stehen. Wenn wir diese Haltung einnehmen, sagt Henning Köhler, «legt der Engel des Kindes mir die richtige Frage in den Mund, und die wesentliche Frage, die keiner Worte bedarf, legt der Engel in meinen Blick, meine Fingerspitzen, meine Körpersprache, den Klang meiner Stimme.»1

Bei diesen Kindern ist es unerlässlich, dass die Erzieherin sich besonders bemüht, sensibel zu werden, mit Empathie und Verständnis für die Situation des Kindes. Ein Kind wird sich einem Lehrer widersetzen, der ihm gegenüber nicht einfühlsam ist. Herzlichkeit ist wichtig, damit sich das Kind sicher und umsorgt fühlt. Gerade diese Kinder, die uns am meisten abverlangen, helfen uns dabei, neue Potenziale in uns selbst zu entwickeln. Toleranz, Akzeptanz und Geduld aufzubauen, hat bereits eine heilende Wirkung. Auch übertriebene Freundlichkeit ist ein wertvolles Geschenk für diese Kinder.

Zeichnungen von einem Jungen (5 Jahre) aus den USA, 1986. Quelle: Archiv ChildArt e.V.

In seinem Vortrag ‹Menschenschicksale und Völkerschicksale›2 beschreibt Rudolf Steiner, wie wichtig es ist, dass das eigene Herz in die Herzen anderer hineinfühlt, insbesondere in die Herzen derer, die leiden. «Wie oft wurde schon gesagt, dass menschliche Seelen, wenn sie in spirituelle Welten vordringen, auch zunehmend in der Lage sind, ihre eigenen Gefühle mit dem Schmerz anderer zu verbinden. Und tatsächlich wird der eine oder andere von uns oft in eine Situation geraten, in der die Ereignisse unserer Zeit Schmerz verursachen. Dann werden wir sehen können, ob wir stark genug sind, uns mit dem richtigen Gefühl mit dem Schmerz des anderen zu verbinden, ob der Schmerz, der in der Seele des anderen lebt, zu einem Schmerz werden kann, den wir selbst fühlen. Das Potenzial ist vorhanden, dass die Menschheit allmählich einen Punkt erreicht, an dem der Schmerz, der in einem anderen lebt, uns nicht verschont, sondern in uns weiterlebt.»

Können unsere Herzen heilige Zärtlichkeit bewahren und die Tugend selbstloser Güte für unsere Brüder und Schwestern entwickeln? Spirituelle Güte konzentriert sich auf das Wohl der Tat, die getan wird, und nicht auf den eigenen Wert darin. Wenn wir in der Lage sind, unser Selbst beiseitezulassen und ganz für einen anderen Menschen da zu sein, vollziehen wir eine Tat der Güte, die uns für die Gnade frei macht, Teil dessen zu sein, was wir tun.

In ihren Memoiren mit dem Titel ‹I Am a Girl from Africa›3 beschreibt Elizabeth Nyamayaro ihre außergewöhnliche Geschichte, wie sie trotz unvorstellbarer Widrigkeiten durchhielt und schließlich ihren Weg zu ihrer Mission gefunden hat. Später in ihrem Leben wurde sie Beraterin der Vereinten Nationen und Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Sie widmet ihre Memoiren mit folgenden Worten: «Für meine liebste Gogo, deren unerschütterlicher Geist, Liebe und Weisheit den Kern meiner Persönlichkeit geprägt haben.»

Elizabeth beschreibt eine ihrer schönsten Kindheitserinnerungen an ihre Großmutter Gogo. Sie lehrte sie, dass es niemandem wirklich gut gehen kann, wenn es einem Menschen nicht gut geht. Der Ubuntu-Gruß in ihrer Gemeinde lautete: «Ndiripo kana waka diyiwo», übersetzt: «Mir geht es gut, solange es dir gut geht.» Was für eine schöne Art, einen anderen Menschen zu begrüßen.

Es gibt Kinder, die jetzt auf die Welt kommen und die Eigenschaft der ‹spirituellen Güte› mitbringen. Vor einigen Jahren sagte ein anthroposophischer Arzt auf einer Konferenz für Erzieherinnen und Erzieher in New York: «Es sind die Kinder, die uns die neuesten Nachrichten aus der spirituellen Welt bringen.» Ich habe festgestellt, dass diese tiefgründige Aussage in den letzten 50 Jahren wahr ist, und ich bin so glücklich und gesegnet, mein Leben mit kleinen Kindern verbringen zu dürfen.

Kürzlich hatte ein fünfjähriges äußerst sensibles Kind ein traumatisches Erlebnis. Als die Familie Freunde besuchte, sah das Kind einen Filmausschnitt mit erschütternden Szenen. Es hatte Angstträume und sagte auch: «Ich habe schlechte Gedanken.» Es gab viel Weinen und Kämpfen, denn das Mädchen konnte nicht verstehen, warum es die Bilder, die es gesehen hatte, nicht loslassen konnte. Gemeinsam mit ihren Eltern schuf sie schließlich eine ‹Werkzeugkiste› mit künstlerischem Material, durch das sie ihre Traurigkeit und Angst ausdrücken konnte – in Zeichnungen und in kleinen Bienenwachsengeln, von denen sie glaubte, dass sie sie beschützen würden. Sie bat Gott, ihr zu helfen. Einige Wochen später sagte dieses Kind zu seiner Mutter: «Jetzt weiß ich, dass ich anderen helfen kann, denen es genauso geht wie mir, weil ich das Gleiche durchgemacht habe. Ich werde ihnen meine Geschichte erzählen und ihnen helfen.» Das ist eine erstaunliche Aussage für ein so kleines Kind, eine Fähigkeit spiritueller Güte, die Schmerzen anderer als ihre eigenen zu empfinden und anderen mit Mitgefühl und Verständnis zu dienen, wie Rudolf Steiner es beschrieben hat.

Zeichung von einem Mädchen (5 Jahre) aus Deutschland, 1921. Quelle: Archiv ChildArt e.V.

In unserer heutigen Kultur gibt es Initiativen, die Freundlichkeit und soziale Gerechtigkeit in vielerlei Form fördern. Diese Bewegungen, wie die Random Acts of Kindness Foundation, richten sich an die gesamte Gesellschaft, um Empathie zu fördern. Diese Stiftung fördert viele Projekte, von der Arbeit in Schulen bis hin zur täglichen Inspiration zu freundlichen Taten. Wie James M. Barrie gesagt hat: «Sei immer ein bisschen freundlicher als nötig.» Die kleinen Gesten der Güte und des Mitgefühls in unserer täglichen Arbeit mit all denen, denen wir begegnen, sind eine heilende Geste. Eine radikale Motivation, unser Innenleben zu kultivieren und zu beleben, ist unerlässlich. Unsere spirituellen Helfer um Führung zu bitten, bringt Inspiration.

Die Waldorferzieherin segnet die Kinder in ihrer Obhut, behandelt sie mit Würde und erkennt das Wunder des spirituellen Wesens in jedem Kind an. Die Kinder in unserer Obhut sind darauf angewiesen, dass wir ihnen eine Verbindung zur geistigen Welt herstellen und diese in irdische Sprache übersetzen. Wie wir im sozialen Bereich miteinander umgehen, ist äußerst wichtig. Diese Arbeit ist herausfordernd und erfordert beharrliche Entschlossenheit, selbstlose Güte und die Bereitschaft, das Herz zu öffnen und zu erweitern.

Es gibt so viel Leid in unserer Welt, dass man leicht resignieren möchte bei dem Versuch, nach Wegen zu suchen, um es zu lindern. Wie wichtig ist es doch, nicht nur an Güte zu glauben, sondern sie auch mit ganzer Kraft zu leben, in dem gemeinsamen Verständnis, dass jeder Mensch die gleiche Fürsorge und Würde verdient, unabhängig davon, wer er ist.

Es gibt ein Gebet, das der Dalai Lama täglich rezitiert und das von dem buddhistischen Weisen Shantideva aus dem 8. Jahrhundert stammt. Es gibt mehrere verschiedene Übersetzungen. Diese Worte enthalten tiefe spirituelle Güte und ewiges Mitgefühl für die gesamte Menschheit.

Möge ich ein Wächter für diejenigen sein, die Schutz brauchen
Leitstern für diejenigen, die auf dem Weg sind
Ein Boot, ein Floß, eine Brücke für diejenigen, die die Flut überqueren wollen
Möge ich eine Lampe in der Dunkelheit sein
Ein Ruheplatz für die Müden
Ein Heilmittel für alle Kranken
Eine Vase voller Fülle, ein Baum der Wunder
Und für die grenzenlose Vielzahl von Lebewesen
Möge ich Nahrung und Erwachen bringen
Dauerhaft wie die Erde und der Himmel
Bis alle Wesen von Leid befreit sind
Und alle erwacht sind.

Mögen wir alle widerstandsfähige Hüter der Liebe, Stärke und Güte sein.


Übersetzung aus dem Englischen von Wolfgang Held

Fußnoten

  1. Henning Köhler, Schwierige Kinder gibt es nicht. Stuttgart 2022.
  2. Rudolf Steiner, Menschenschicksale und Völkerschicksale. GA 157, Vortrag vom 1. September 1914.
  3. Elizabeth Nyamayaro, I Am a Girl from Africa. Simon & Schuster, New York 2021.

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