Elementares Lesen

Was die griechische Elementenlehre groß macht, ist ihre Doppelnatur: Kaum etwas vermag die Macht der Natur in so einfache Vokabeln zu bringen wie die Idee der vier Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Sintflut auf der Erde und Wärmetod des Kosmos sind antike und moderne Erzählungen dieser elementaren Allmacht. Zugleich zeugen die Elemente von unserem menschlichen Zugriff auf die Natur. Mit Feuer formen wir das Eisen, wir trotzen wie Goethes Faust dem Wasser Land ab, wir erobern wie die Vögel die Luft. Ja, Fliegen wird zum Mythos der Moderne. So sind die vier Elemente die vier Seiten der Natur und zugleich die vier Seiten unserer menschlichen Kultur. Als sinnlich-geistiges Maß schenken sie Ordnung. Vielleicht auch hier beim Lesen: Die Buchstaben, die Zeichen, Worte und Sätze dieses Textes sind die Erde. Im Lesen wird daraus ein Fluss des Verstehens. Und da, wo die Zeilen über sich hinausweisen, den Blick ins Weite lenken, da weht und umweht der Text als Luft den Lesenden. Und wie arm ein Text, wenn er nicht zündet, wenn da nicht – am besten im letzten Drittel – die Worte ein Feuer in der Seele entfachen und geistig das Blut in die Glieder bringen. So ist Lesen wie auch das Schreiben eine Sache der Erde, des Wassers, der Luft und des Feuers.


Bild Andy Goldsworthy, ‹Spire›, Presidio, San Francisco, USA, Foto: Skull Kat/Unsplash

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