Ein Tropfen Ostersonne

Eine dreistündige Sonnenfinsternis habe über der Stätte gelegen, so berichten es die Evangelien. Nun dauert eine Sonnenfinsternis nur wenige Minuten und die Kreuzigung geschah am Pessachfest, das um den Vollmond liegt. Eine Sonnenfinsternis geschieht aber, wenn sich der Neumond vor die Sonne stellt.


Emanuela Assenza, ‹Dreiklang›, Acryl-Mischtechnik und Ölpastell, 117 × 150 cm

So die astronomische Rechnung. Die astronomische Erfahrung spricht eine andere Sprache. Da stellt sich für diese kurze Zeit der Mond vor die Sonne und all ihr Glanz ist verschwunden, stattdessen bleierne Düsternis in der Landschaft und ein schwarzer bis stahlblauer Himmel über ihr. Dann findet das Auge den transzendenten Strahlenkranz der Sonne um den dunklen Mond. Der Mond hat der Sonne die Kraft und das Leben genommen, aber nicht ihren Geist, er scheint jetzt so viel sichtbarer zu sein. Und dann geschieht das Wunder, das die Herzen aller, die eine solche Finsternis bezeugen, höher springen lässt: Der Mond schiebt sich weiter, sodass durch ein Tal seiner Gebirge ein Sonnenstrahl den Weg wieder zur Erde findet. ‹Diamantlicht› wird dieser erste Tropfen Sonnenlicht genannt. Er reicht aus, um alle Finsternis fortzujagen, alle Beklemmung, alle Endzeit, alle Schwere aufzuheben. Ein stiller Jubel ergreift in diesem Moment alle, die eben noch in der Depression verharrten. Es gibt keinen Moment der Natur, der einen solch österlichen Klang besitzt, wie dieses erste Sonnenlicht nach ihrer Verdunklung. Welch Überfülle an Licht, Wärme – und Liebe schenkt die Sonne, wenn schon ein Bruchteil ihres Lichts, ein Promille, es mit der Finsternis aufnehmen kann, dieser Tropfen Ostersonne; das lehrt die Sonnenfinsternis.

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