Dialog schafft, was Gewalt zerstört

Ein ‹Restorative Circle› ist eine Art dialogisches Sozialsystem, das sich im Prozess einer Konfliktlösung jeweils wieder neu ergibt. Man könnte es übersetzen mit ‹Versöhnungskreis›. Dominic Barter hat ihn zusammen mit den Menschen gefunden und entwickelt, die marginalisiert in den konfliktgeladenen Favelas von Rio de Janeiro leben. Gerald Häfner sprach mit ihm über die Kraft des Dialogs, des Zuhörens, über den Mut, einen Schritt weiterzugehen, um gemeinsam das Zusammenleben neu zu verhandeln.


Als ich nachdachte, wie ich Dominic Barter vorstellen könnte, kam ‹Erfinder der Restorative Circles›, ein Lehrer des Dialogs. Seine Antwort: «Ich bin ein Schüler des Dialogs.» Willkommen Dominic. Was bedeutet das: Schüler des Dialogs?

Dominic Barter Danke Gerald, dass ich hier sein darf. Ich befinde mich auf einer Abenteuerreise des Erforschens und Fragens, die kein Ende hat. Martin Bubers Angaben zu Dialog, die mir so gut gefallen, beschreiben ein Gespräch zwischen Gleichberechtigten, dessen Ende unbekannt ist. Und genau diese Ungewissheit finde ich so anregend, die Vorstellung, dass es immer etwas gibt, das am Rande unseres persönlichen Lebens, unseres Beziehungslebens und unseres sozialen Lebens entsteht und noch keinen Namen und keine Definition hat. Das ist das Neue, nach dem ich suche, mit dem ich mich beschäftigen und von dem ich lernen möchte.

Erzähle uns, wie hat alles angefangen?

Nicht so sehr aufgrund einer bewussten Entscheidung, sondern aufgrund der Beobachtung der Folgen von fehlendem Dialog. Wenn man in Rio de Janeiro lebt, wo Krieg als Teil des Alltags normal ist und Menschen darunter leiden, sieht man immer wieder, wie fatal fehlender Dialog ist. Zuerst zerstört der fehlende Dialog das Verständnis zwischen den Menschen, dann ihre Beziehungen. Und wenn nichts unternommen wird, zerstört er schließlich Menschen. Wir beobachten das in unserem Innenleben, in der Art und Weise, wie wir aufhören, auf unsere eigenen Stimmen, Wünsche, Gefühle und Träume zu hören, oder wie wir unsere Mitmenschen und andere Spezies behandeln. Ohne Dialog schwindet die Möglichkeit des Zusammenlebens und fatalerweise verschwindet sie irgendwann schließlich ganz.

Wie hat das alles angefangen?

Ich bin im Norden Großbritanniens geboren. Als Dreijähriger sagte ich wohl zu meiner Mutter: «Wenn ich groß bin, reisen wir um die Welt und sagen den Menschen, sie sollen aufhören zu kämpfen.» Also eine frühe Veranlagung. Ich war sehr fasziniert von Vereinbarungen, die es uns ermöglichten, zusammen zu sein. Ich wollte sie kennenlernen, hinterfragen, mit gestalten. Und die Schule war für mich sehr frustrierend, weil sie mir das nicht erlaubte. Schlussendlich wurde ich sogar von der Schule verwiesen. Am Ende meiner Teenagerzeit verliebte ich mich in eine Brasilianerin. Sie kehrte nach Rio zurück. So landete ich in dieser erstaunlichen Stadt, wunderschön und beeindruckend. Der Wald, der Strand, alles ist unglaublich. So auch diese außergewöhnliche Spaltung. Rio ist eine geteilte Stadt. Es gibt eine sehr grundlegende Apartheid, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und schreckliches Leid und Distanz zwischen den Menschen verursacht. Das war für mich ein großer Schock und eine Herausforderung. Wenn man dort leben will, muss man sich damit auseinandersetzen. Man kann nicht einfach nur Tourist sein. Ohne jegliche Grundlage, ohne zu verstehen, was ich tat, musste ich etwas tun. Forschung beginnt ja meistens mit einem ‹Ich weiß es nicht›.

Ich sprach mit Menschen darüber, etwas zu unternehmen. Sie sagten mir, das sei gefährlich. Dann las ich ein Interview mit Gandhi, in dem der Journalist ihn fragte, was das Gegenteil von Gewaltlosigkeit sei. Er antwortete, das Gegenteil von Gewaltlosigkeit sei die Unterwerfung unter die Angst. Also unterwarf ich mich der Angst. Das stand in völligem Widerspruch zu dem, was ich mit meinem Leben erreichen wollte. Schließlich kam mir durch diese Krise der Gedanke, dass es gerade diese Distanzierung von Konflikten ist, die Gewalt wahrscheinlicher macht. Je weiter ich mich von den anderen entferne, desto lauter müssen sie sprechen und desto mehr müssen sie schreien, und schließlich müssen sie mich verletzen, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass meine Entscheidungen sie beeinflussen und ihre Entscheidungen mich beeinflussen. So begann ich zu begreifen, dass wir uns vielleicht, als Hypothese, tatsächlich in Gefahr begeben, wenn wir uns von Konflikten zurückziehen, und dass wir sicherer wären, wenn wir uns annähern würden. Meine Art, dies zu tun, bestand einfach darin, mit dem Bus bis zur Endstation zu fahren, mit dem Zug bis zur letzten Haltestelle zu fahren und jene Menschen zu sehen, denen ich sonst nicht begegnen würde.

Dominic Barter und Gerald Häfner im Gespräch in ‹Die transformative Kraft des Dialogs› auf goetheanum.tv

Ich begann, mich in die Favelas zu begeben. Aber die Menschen dort sind damit beschäftigt, ihrem normalen Leben nachzugehen. Also fing ich an, mit einer Gruppe von Kindern abzuhängen, die einfach nur auf dem Bordstein saßen. Sie hatten Zeit und waren neugierig. Ich begann zu erkennen, dass es bestimmte Elemente gab, die eine Verbindung herstellten, und bestimmte Elemente, die diese Verbindung schwächten. Eines der verbindenden Elemente war, gemeinsam zu feiern. Ein anderes war, gemeinsam zuzugeben, wenn es Schmerzen gab, und sich nicht davor zu drücken. Das warf die Frage auf: Wie bleibt man mit Menschen verbunden, wenn es Konflikte gibt? Es waren improvisierte Lösungen, die zur Entwicklung des ersten dialogischen Sozialsystems führten, an dem ich beteiligt war, nämlich den Restorative Circles.

Wie funktioniert solch ein restaurativer Kreis?

Das ist für mich eine immer wiederkehrende Frage. Wir kommen jedes Mal, mit jeder neuen Gruppe von Menschen, auf diese Frage zurück, egal ob es sich um ein formelles Justizsystem, eine Nachbarschaft, eine Schule, ein Unternehmen, eine Gewerkschaft, eine Kirche oder eine Familie handelt. Jedes Mal, wenn wir uns mit einer neuen Gemeinschaft befassen, kehren wir zu dieser ursprünglichen Frage zurück. «Was beobachten Sie also? Was funktioniert gut, wenn es zu Konflikten kommt? Und was versucht sich an der Peripherie Ihres sozialen Lebens zu entwickeln, was Ihnen Hinweise geben könnte?» Mein Team und ich versuchen, dies zu stärken, damit sich jedes ‹restaurative System› auf einzigartige Weise auf der Grundlage der endogenen Intelligenz dieser Menschen entwickelt. Das ist das Einzigartige an Gewaltfreiheit. Sie gibt keine Antworten, sondern lädt dazu ein, die Antworten gemeinsam herauszufinden. Ich fragte mich am Anfang, wie diese Menschen in den Favelas so viele Widrigkeiten überleben? Sie müssen also etwas wirklich Unglaubliches wissen. Anstatt zu lehren, hörte ich und hören wir noch heute zu. Durch unsere Beobachtung unterstützen wir das wachsende Selbstbewusstsein der am Circle teilnehmenden Menschen, indem wir ihnen helfen zu verstehen, was sie bereits wissen, damit es stärker wird. Auf diese Weise gibt es kein Rezept und keine festgelegte Methodik für einen Restorative Circle. Es ist eine Entdeckung des angeborenen Verständnisses der Menschen für das Thema, über das keiner von uns spricht, das wir aber alle sehr gut kennen: Unsere Vereinbarungen sind veraltet und müssen aktualisiert werden. Wir verstehen Konflikte also einfach als Feedback, das innerhalb eines Systems sagt, dass Vereinbarungen aktualisiert werden müssen. Ein Restorative Circle ist nichts anderes als eine Möglichkeit, dies in Übereinstimmung mit kollektiven Werten zu tun.

Mit welcher Art von Konflikten beschäftigst du dich in diesen Kreisen?

Meine Kollegen und ich haben in über 50 Ländern Projekte durchgeführt, die darauf basieren. Ländliche Konflikte zwischen Nomaden im Norden Senegals und Dörfern, dann ein Familiengericht in Südkorea, dann Richter am Obersten Gerichtshof in einem europäischen Land, dann ein Konflikt in einer Schule in Brasilien. Es ist bemerkenswert, wie einzigartig sich jeder dieser Prozesse entwickelt. Und doch gibt es bestimmte Dynamiken, die absolut identisch sind. Menschen auf der ganzen Welt verstehen, dass Kommunikation ein Mysterium ist, obwohl eine restaurative Praxis im Bereich der Kommunikation stattfindet. Es geht um die Bedeutung, die Worte und Sprache vermitteln. Gemeinsam Bedeutung zu schaffen, ist ein sehr heikler und vielleicht immer unvollständiger Prozess. Ist es noch möglich, gemeinsam Bedeutung zu schaffen? Der Reiz eines Restorative Circles besteht darin, dass man nur ehrlich sagen kann: Ich weiß nicht, was passieren wird.

Was könnte das Ergebnis sein?

Wir entdecken die guten Gründe, warum die schlechten Dinge passiert sind. Es kann ein neues Gefühl entstehen, hinter dem Schmerz die Menschlichkeit des anderen zu sehen. Ich erinnere mich an einen der ersten Kreise, die wir innerhalb des formellen Justizsystems in Brasilien durchgeführt haben. Nach neun Jahren Arbeit in den Favelas klopfte das Justizministerium an unsere Tür und sagte, wir brauchen das in den Gerichten, in den Gefängnissen, bei der Polizei, in den Schulen und den sozialen Diensten. Also versuchten wir, das Gleiche, was auf Gemeindeebene funktioniert hatte, auch innerhalb dieser Institutionen zu entwickeln. Nach einem der ersten Projekte im Gerichtswesen haben wir einen jungen Mann interviewt, der von einem Überfall betroffen war. Die wichtigste Veränderung für ihn sei gewesen, dass das ‹Monster› verschwunden sei. Er sagte: «Wenn ich meine Augen schloss, sah ich immer noch diesen Mann die Bar betreten, sah, wie er die Waffe auf mich richtete, sah seine Nervosität, als er das tat. In dem Moment, als ich ihm das Geld gab, legte er die Waffe auf den Tisch, um das Geld zu nehmen. Für einen Moment dachte ich, ich würde selbst zum Monster werden, denn ich hätte die Waffe nehmen und ihn erschießen können.» Sein Trauma war das Monster des anderen und der Schatten seines eigenen potenziellen Monsters. Im Restorative Circle begegnete er einem Menschen und nicht mehr einem Monster. Das Ergebnis dieses Prozesses ist also ein Verständnis, das nicht auf Gefühlen basiert. Eine Annäherung, aber basierend auf der Befreiung kreativen Handelns. Der junge Mann, der in der Bar arbeitete, sagte zu dem anderen: «Ich möchte, dass du in den nächsten sechs Monaten dreimal wiederkommst. Komm einfach in die Bar, bestell dir einen Drink, setz dich hin, trink ihn und geh wieder. Das ist es, was ich brauche, um dein Gesicht zu normalisieren.» Wir evaluieren diese Handlungen, um zu sehen, ob sie in dem sogenannten ‹Post Circle› wirksam sind, der die Heilung und Veränderung bewirkt hat.

Ich denke an einen Fall, in dem ein Schüler in der Schule das Federmäppchen einer anderen Schülerin weggenommen hat und die Schülerin, die das Federmäppchen verloren hatte, einen Restorative Circle initiierte. Wir saßen zusammen, und die Schülerin sagte: «Die Federtasche war das Letzte, was mir meine Eltern vor ihrem Tod geschenkt haben. Es ist nicht nur ein Federmäppchen. Es ist meine Beziehung zu ihnen. Und was du mir genommen hast, ist meine Verbindung zu ihnen.» Eine Liste von Gesetzen reicht zwar weit, aber sie kann die Bedeutung der Handlungen nicht verstehen, sondern nur die Handlungen selbst. Und das ist bei vielen Konflikten der Fall, die uns am meisten verletzen: dass die Bedeutung der Handlungen nicht wahrgenommen wird.

Gibt es Grenzen für restaurative Kreise, zum Beispiel bezüglich der rechtlichen Situation?

Es besteht definitiv eine Spannung zwischen einer restaurativen Reaktion und einer rechtlichen Reaktion eines Staatsapparats. Hier liegt ein weiterer kreativer Ansatz, mit dem wir uns beschäftigen. Viele Menschen forschen, denken, schreiben und experimentieren mit diesen Ansätzen. Die Mainstream-Bewegung für ‹restaurative Justiz› versucht, sich mit dem Rechtsprozess zu versöhnen und restaurative Justiz als Ergänzung zu Gerichtsverfahren, Disziplinarverfahren und Verfahren zur Rechenschaftspflicht zu nutzen. Es gibt also einen Arbeitsbereich, der im Einklang mit dem Rechtssystem steht. Aber immer am Rande davon gibt es ‹restaurative Reaktionen›, die die Grenzen der rechtlichen Verfahren selbst infrage stellen. Sie hinterfragen auch historisch, wie diese kodifiziert sind innerhalb einer Logik des Kolonialismus, innerhalb der Idee des Königs oder der Königin oder jetzt des Staates als Vertreter, der in hierarchischer Weise sagt, wir bestimmen, was akzeptabel ist und was nicht. Die restaurative Justiz kann meiner Meinung nach auf die Herausforderungen unserer jetzigen Zeit reagieren. Denn eine dialogische Art des Zusammenlebens mit anderen scheint mir viel realistischer, selbst inklusive all der kreativen Verwirrung, die durch die Vermischung verschiedener Nationalitäten entsteht, inklusive all der Arten, wie unsere Stimmen zu dieser erstaunlichen, vielfältigen Mischung werden. Dadurch lernen wir uns selbst als Individuen und als Menschen immer besser verstehen. Das fordert uns auf, Gerechtigkeit aus einer völlig neuen Perspektive zu verstehen.

Meinst du, dass restaurative Justiz letztendlich Gerichte und Gefängnisse ersetzen könnte?

Wir wissen noch keine Antwort darauf, aber es ist auf jeden Fall interessant genug, um die Forschung zu rechtfertigen. An den meisten Orten, an denen ich gearbeitet habe, waren die beiden parallele Systeme. Aber es gibt immer mehr Bereiche im sozialen System, die bereits existieren, wie Schulen, das Gesundheitswesen oder die Wirtschaft, in denen die Menschen bereit sind, ein wenig mehr zu riskieren, um zu sehen, was passieren würde. Tatsächlich verzichten sie auf formelle Strafen, um herauszufinden, wer ich in Bezug auf das jeweilige System mit seinen Menschen bin oder wer sie in Bezug auf mich sein sollen. Das geschieht, wenn ich verstehe, dass Dialog nicht mehr nur eine Option ist, sondern die Grundlage für unsere Fähigkeit, die Welt, in der wir leben wollen, gemeinsam zu gestalten.

Sind dafür bestimmte Voraussetzungen erforderlich?

Es ist die Bereitschaft, voranzugehen und es zu versuchen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie offen Menschen dafür sind, dies auszuprobieren. Ich erinnere mich an einen besonders traumatischen Fall: den Tod eines Kindes bei einem Unfall während eines Autodiebstahls. Wir besuchten die Familie des jungen Mannes, der an dem Autodiebstahl beteiligt war. Wir setzten uns mit der Familie zusammen, um ihnen zunächst einmal zuzuhören. Am Ende fragte ich den Vater: «Möchten Sie weitermachen?» Und er sagte: «Ob ich mich hinsetzen möchte und der Mutter, deren Kind durch die Handlungen meines Kindes ums Leben gekommen ist, ins Gesicht sehen? Das ist das Letzte, was ich tun möchte. Aber ich werde gehen, weil mein Gott es von mir verlangt.» Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Ich verstehe immer noch nicht, was er damit gemeint hat. Aber jedes Mal, wenn ich das erzähle, bekomme ich Gänsehaut, weil es offensichtlich etwas Tiefgründiges bedeutet und weil er einen Weg gefunden hat, es auszudrücken, obwohl es in dieser Sprache und Kultur noch keine andere Möglichkeit dafür gibt.

Es kann vorkommen, dass eine Seite fast keine Rechte, kein Geld und keine Möglichkeiten hat. Und auf der anderen Seite stehen sehr mächtige Menschen oder Gesetze. Wie geht man damit um?

Es ist ein Balanceakt, denn wir erkennen die Bedeutung und den enormen Beitrag der Menschen an, die im formellen Justizsystem arbeiten, um die Voraussetzungen für das Funktionieren der Gesellschaft zu schaffen. Gleichzeitig ist die Anwendung eines Mechanismus, der für die am stärksten marginalisierten Menschen an sich schon ein Akt der Gewalt und ein Instrument der Unterdrückung ist, insbesondere im Kontext Brasiliens, eindeutig eine koloniale Struktur. In gewisser Weise sind wir also an einem weitreichenderen Prozess des Dialogs zwischen sozialen Systemen beteiligt. Wie kann man die Klarheit, die ein organisiertes Sozialsystem bietet, freisetzen und es dennoch dazu einladen, seine eigenen Grenzen zu erkennen und zu überwinden? Wie kann man ein Sozialsystem schaffen, das einen Dialog ermöglicht? Wie wird das Rechtssystem selbst dialogisch? Das ist ein politischer Akt, nicht nur ein Akt des Zuhörens, Verstehens und Vermittelns. Wenn wir zu einem klaren Sozialsystem werden, wacht plötzlich das formelle Justizsystem auf. Und in der Tat, das Justizministerium klopft an die Tür, die Kirche klopft an, Drogenbanden klopfen an die Tür. Als ob sie spüren könnten, dass jemand die Selbstbestimmung über sein Leben übernommen hat. Das ist sehr ungewöhnlich, für einige von ihnen ein wenig beunruhigend, aufregend, aber auch verstörend und potenziell gefährlich. Aber das gibt die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

Ein Teil der grundlegenden Veränderung besteht darin, den Wunsch nach Konfliktlösung aufzugeben. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Konflikte ausgesprochen werden können, in denen wir uns erlauben, sie zu durchleben. Wenn Konflikte schmerzhaft oder sogar gewalttätig werden, ist der Ausdruck dieser intensiven Gefühle ein Zeichen dafür, dass etwas Wertvolles geschieht. Wir streiten uns nie mit Menschen, die uns egal sind. Und wir diskutieren nie über Themen, die uns nicht wichtig sind. Wenn es schmerzhafte Konflikte gibt, gibt es auch bedeutungsvolle Beziehungen. Konflikte sind ein gesundes Feedback innerhalb einer bedeutungsvollen Beziehung, das uns zeigt, dass Dinge aktualisiert werden müssen. Auf einer seltsamen Ebene sind sie ein Segen. Damit soll nicht der schreckliche Schmerz, den Menschen durchleben, der entsetzliche Schaden, den wir einander zufügen, das Trauma und die Schwierigkeiten heruntergespielt werden. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht nur die Erfahrung des Einzelnen ist, sondern dass es die Aufgabe der gesamten Gemeinschaft ist, dieser Person die Unterstützung zu geben, die für eine Transformation notwendig ist.

Warum gibt es dann so viele wachsende Konflikte? Warum setzen wir uns nicht zusammen, reden miteinander und hören einfach aufmerksam zu?

Überall, wo ich hinkomme, treffe ich Menschen, die sich diese Fragen bereits stellen. Aber sie sind auch sehr unsicher. Viele sagen ganz vernünftig: «Man kann dieser Person nicht zuhören. Das sind Faschisten oder Kommunisten. Die sind so und so. Mit diesen Leuten kann man nicht reden. Sie sind gewalttätig, gefährlich.» Und ich kann nicht sagen: «Oh doch, das kann man. Hier ist eine Technik.» Denn jede Kommunikationstechnik beeinträchtigt die Kommunikation. Jede methodische Antwort macht es schwieriger, den Menschen wirklich zu hören. Sie wird zu einem Schutzschild. Woher nehme ich also die Kraft, mich vor dem anderen verletzlich zu zeigen, das Risiko einzugehen, dass der andere mich berührt und mich in irgendeiner Weise verändert? Es muss ein kultureller Wandel stattfinden. Es gibt überall Menschen, aber sie stehen am Abgrund. Sie wollen gehen, sind sich aber nicht ganz sicher, ob es sicher ist. Und da der Krieg wieder in unser Leben zurückkehrt, in unser persönliches Leben, aber auch in das Leben zwischen den Ländern, sogar in Europa, denke ich, dass dies die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich zieht. Wir können selbst erleben: das Fehlen von Dialog ist fatal.

Ich habe ein Projekt in einem Gefängnis in Italien entwickelt. Es wurde zu einem System der Wiedergutmachung unter den Gefangenen selbst, also für ihre eigenen Konflikte. Sie waren so außerordentlich intelligent in ihrem Verständnis dafür, was sie brauchten und wie es strukturiert sein sollte. Sie haben das Ganze selbst entwickelt. Ein System ist gesund und nachhaltig, wenn es von den Menschen entwickelt wird, die es nutzen. Eine der Fragen war, wie man einen Raum schaffen kann, in dem jeder sprechen kann, aber sie erkannten schnell, dass Reden allein nicht ausreicht. Sie brauchten eine Möglichkeit, um zu überprüfen, ob die gesendete Botschaft auch in dem Sinne empfangen wird, in dem sie gesendet wurde. Es ist also eigentlich eine Kombination aus Reden und Zuhören. So kann man einen Raum schaffen, in dem normalerweise zum Schweigen gebrachte Menschen sprechen können. Aber wenn niemand ihnen zuhört, wird sich nichts ändern. Die Gefangenen waren sich dessen sehr bewusst. Die Möglichkeit, zu sprechen, seinen Schmerz herauszuschreien, ist unglaublich wichtig, aber sie reicht nicht aus. Man braucht eine Zusammenkunft, bei der man sich versteht. Das ist Teil unserer aktuellen Herausforderung.

Wenn wir ein gemeinsames Bedürfnis erkennen, das immer wieder auftaucht, zum Beispiel Hunger, bauen wir ein soziales System auf, um uns darum zu kümmern. Also bauen wir überall ‹Küchen›, wo Menschen zusammenleben oder zusammenarbeiten. Wir fragen uns also: Ist es wahr, dass Gerechtigkeit ein grundlegendes, gemeinsames menschliches Bedürfnis ist? Und ist es wahr, dass ein Großteil des Leids, das wir erfahren, darauf zurückzuführen ist, dass dieses Bedürfnis nach Gerechtigkeit nicht befriedigt wird, weil wir keine Konfliktküchen haben? Können wir damit also kreativ umgehen?

Was ist deine Hoffnung? Was möchtest du an deiner Arbeit verstanden und aufgegriffen wissen?

Ich hoffe, dass wir eine Kultur entwickeln, die jene Menschen wertschätzt, die bereit sind, bis an die Grenzen unseres Wissens zu gehen und die schwierige Aufgabe übernehmen, zu prüfen, ob etwas Wertvolles bewahrt und dann wieder in den Mittelpunkt unseres Wissens gerückt werden kann. In jeder Tradition ist es in der Regel eine Minderheit, die bereit ist, direkt zur Quelle der Fragestellung zurückzukehren, nicht zu den Schlussfolgerungen, nicht zu den Formen, sondern zur ursprünglichen Untersuchung, zum ursprünglichen Zustand des Unbehagens und des Nichtwissens. Das sind die Menschen, die Erneuerungen bewirken. Wenn jemand dazu bereit ist, verehren, stärken und fördern wir diesen Menschen dann? Oder nehmen wir einfach das, was er oder sie getan hat, reduzieren es auf ein Modell und verkaufen es dann an andere? Das ist für mich absolut entscheidend. Wie gehen wir also mit den Ursprüngen dieser Arbeit um? In meinem Bereich der Restorative Circles bedeutet das: Inwieweit erinnern wir uns an die schmerzhafte Realität der ursprünglichen Versklavung, der Realität der Favelas, der außergewöhnlichen Gewalt, die an diesen Orten weiterhin herrscht? Inwieweit geben wir diesen Menschen und diesen Orten Energie, Ressourcen und Anerkennung zurück? Sind wir bereit, diejenigen zu feiern, die unbequeme Fragen stellen und uns an unsere Grenzen erinnern? Ich hoffe, dass wir das sind.


In den letzten 28 Jahren haben Dominic Barter und seine Kollegen und Kolleginnen in Brasilien erfolgreich neue Wege entwickelt, die den Menschen erlauben, ihre Freiheit neu zu ergreifen. Auf der Grundlage von Marshall Rosenberg (Gewaltfreie Kommunikation) wurden auf Dialog basierende soziale Systeme in verschiedensten Kontexten entwickelt und angewandt: von Schulsystemen, Familienunternehmen und Online-Communities bis hin zu den Favelas von Rio, zu Bürgerkriegssituationen und Umweltkatastrophen. Diese Arbeit ist so anregend und fruchtbar, dass seither in über 50 Ländern ähnliche Initiativen entstanden sind.

Mehr Das ganze Gespräch ist auf Goetheanum TV unter dem Titel ‹Die transformative Kraft des Dialogs› zu finden.

Formen Ella Lapointe, 2025.

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