Michaela Glöckler fragt in ihrem Buch, wie die persönlichen und kollektiven Krisen heute zu verstehen sind und wie sie sich bewältigen lassen.
Inspiriert ist die Publikation durch die Bewusstseinsforschungen Rudolf Steiners und seine Ausführungen zu den sieben Lebensprozessen. Die Sieben, als Zahl der Entwicklung, ist wesentlich in diesem gut verständlichen Büchlein. Konflikte werden darin als Störungen der Lebensprozesse begriffen. Die beispielhaften Ausführungen eröffnen eine ganz neue Perspektive auf die Vielfalt der Konflikte, in denen wir Menschen stecken. So zeigen Generationskonflikte – mitunter ein Klassiker in vielen Waldorfeinrichtungen – etwa gestörte Selbsterhaltungsprozesse. Wenn frischer Geist auf Altbewährtes trifft, beginnt es zu brodeln. Wechsel erfordern eine Bejahung des Neuen. Ein Bekenntnis zur Entwicklung, das auch dem Anliegen der Autorin entspricht. Michaela Glöckler zeigt, wie Ehekrisen im Rahmen ihres Erklärungsmodells mit gestörten Ernährungsprozessen zusammenhängen und Entscheidungsunfähigkeit mit einem stockenden Absonderungsprozess. Deutlich wird, dass die Quelle menschlicher Vitalität in lebenslanger Selbstentwicklung liegt: in der zweiten Geburt, verstanden als Entwicklungsziel und Erneuerung von innen heraus. Es geht darum, alte Muster abzulegen und wirklich Herrin im Haus zu sein. Getragen vom Mut, sich wieder und wieder an den Anfang zu stellen. Lesende finden hier spirituelle Orientierung und Lebenspraxis wunderbar verbunden. Einen neuen Blick auf den Zeitgeist konnte ich als Leserin vor allem in der Darstellung der kulturepochalen Entwicklung der Menschheit gewinnen. Kulturepochen sind große Zyklen von 2160 Jahren. Es war ein ungewohnter Blick, von so weit oben auf die kleine Erde und ihr Menschenvolk hinunterzuschauen. Wie sich das Bewusstsein von der reinen Sinneswahrnehmung zum Denken und Fühlen weitet und schließlich am Willen und am Tod erwacht, um sich dann zu individualisieren. Und hier sind wir. Und um uns Kriege und Aufrüstung. Individualisierung ist ein Kampf, der die Chance bietet, Freiheit bewusst zu erleben, Fremdbestimmung und Außenbestimmung wahrzunehmen und am Bösen für das Gute aufzuwachen. Offen bleibt für mich die Frage, wie die Entwicklung weiterginge, wenn die Menschheit in der siebten Kulturepoche endlich zum Guten und Göttlichen erwacht. So schön könnte es doch eigentlich weitergehen.
Buch Michaela Glöckler: Entwicklungsperspektiven im Leben des Einzelnen und der Menschheit. Worauf kommt es heute an? Gesundheitspflege initiativ, Esslingen 2026.

