Das Verhältnis von Mensch, Engel und höheren Hierarchien bestimmt sich in der Gegenwart neu. Denn die geistige Wirklichkeit wandelt sich. Dabei spielt die Beziehung zum Engel eine entscheidende Rolle.
Die folgende Darstellung ist risikoreich, erscheint aber inhaltlich und methodisch notwendig. Es soll ausgehend von der heutigen Beziehungssituation zwischen Engel und Mensch, Mensch und Engel auf einige wenig bekannte Andeutungen Rudolf Steiners geblickt werden. Wohlgemerkt nicht umgekehrt: Es geht nicht darum, ausgehend von Ansätzen Rudolf Steiners die Engelbeziehung der Gegenwart zu entwickeln. Vielmehr handelt es sich um den Versuch, eine geisteswissenschaftlich-esoterische Blickrichtung methodisch einzulösen, ein auch im Umgang mit dem Werk Rudolf Steiners wenig beachtetes Entwicklungsprinzip: Der geisteswissenschaftliche Stand der Gegenwart lässt sich nicht aus der Vergangenheit ableiten, auch nicht aus dem Werk Rudolf Steiners. Vielmehr kann die Realität und Kraft der Geisteswissenschaft von damals nur entstehen und wirksam werden, wenn von der geisteswissenschaftlichen Position der Gegenwart ausgegangen wird, die eigenständig und selbstverantwortlich erfasst werden muss. Als eine Art Gegenprobe zu diesem Entwicklungsprinzip der Geisteswissenschaft aus ihrer eigenen Zukunft könnte eine interessante Imagination gelten: Man könnte versuchen, sich vorzustellen, welche Gestalt die ‹Anthroposophie› Rudolf Steiners angenommen hätte, wenn er sie nicht zeitentsprechend autonom entwickelt, sondern beispielsweise aus den Werken des Thomas von Aquin, aus der rosenkreuzerischen Strömung, aus der Tradition des Platonismus, des Aristotelismus, der Theosophie etc. abgeleitet hätte. Die Wirksamkeit der genannten und anderer Strömungen (auch auf die Geisteswissenschaft) konnte umgekehrt erst aus der damals gegenwärtig und situativ geschaffenen Anthroposophie Rudolf Steiners hervorgehen.1
Der Engel als Grenze hierarchischer Wirklichkeit
Eine Veränderung in der Beziehung des Engels zum Menschen hat eine Veränderung in der Beziehung zu den Wesen der höheren Hierarchien zur Folge. Umgekehrt kann sich ein Entwicklungsschritt in höheren geistigen Dimensionen, beispielsweise im Verhältnis von Geistern der Form (zweite Hierarchie) zu Geistern der Persönlichkeit (dritte Hierarchie), nur durch eine Modifikation im Verhältnis des Engels zum Menschen in die menschliche Existenzstufe vermitteln. Das damit angesprochene Wirkungsprinzip soll in der folgenden Darstellung konkretisiert werden. Dabei ist zunächst vorbereitend wichtig zu verstehen, dass eine entsprechende Begriffsbildung für solche Wirklichkeitsbereiche nicht einfach als eine inhaltliche Beschreibung aufgefasst werden darf. Begriffe und die mit ihrer Hilfe mögliche Zusammenhangsbildung sollten vielmehr als Sensibilisierung für eine Wahrnehmungsmöglichkeit im Gedankenraum verstanden werden. Der Gedankenraum ist der für die gegenwärtige menschliche Entwicklung und die entsprechende geisteswissenschaftliche Haltung angemessene Fähigkeitsbereich für geistige Wahrnehmung. Eine spirituelle Erkenntnisbildung hat sich auf diesem Gebiet zu vollziehen, wenn sie nicht veraltete Auffassungsformen verfestigen will. In der im begrifflichen Denken gegebenen Zusammenhangsbildung begegnet uns also nicht eine Form des geistigen Inhalts, sondern im Denken der hier anklingenden Inhalte kann sich eine Sensibilisierung der eigenen Auffassung vollziehen – und zwar wiederum im Denken. Die entsprechenden Begriffe dürfen nicht mit möglichen geistigen Wahrnehmungsinhalten verwechselt werden.
Es soll zunächst versuchsweise angenommen werden, dass die vor langer Zeit vollzogene Trennung in der Entwicklungsgemeinschaft von Engel und Mensch inzwischen aufgehoben ist; dass also auf gleicher Ebene der Engel für den Menschen und der Mensch für den Engel zugänglich werden. Man könnte diese Situation auch als eine Wirkung der Anthroposophie nach über hundert Jahren auffassen. Dabei wäre zu beachten, dass die Anthroposophie nicht nur bewusst mit ihren Inhalten, sondern auch untergründig in der geistigen, seelischen und leiblichen Konstitution der Menschen und in dem System hierarchischer Zusammenhänge gewirkt hat und wirkt. Der Engel ist also dieser Annahme nach kurz gesagt wieder da. Und es wäre notwendig, ihn unter den genannten geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen auch zu bemerken.
Der Engel und das Ich-Erleben
Der Begriff der Ich-Individualität, der in der Anthroposophie im Zusammenhang der sogenannten ‹Wesensglieder› beschrieben wird, ist in der Umgangssprache und in dem mit ihr verbundenen Bewusstsein nach wie vor geläufig. Aber in der Psychologie hat der Ich-Begriff immer mehr an Bedeutung verloren und ist im Grunde aufgegeben worden (unter anderem zugunsten der sogenannten First-Person-Perspektive). In der Tat erscheint es ungeheuer schwierig, die mit dem Begriff ‹Ich› benannte Wirklichkeit zu verstehen und zu begründen. Eine Voraussetzung für das Ich-Bewusstsein bildet das mehr oder weniger bewusste Erleben, die vielleicht nur leise Empfindung: «Ich bin es, der oder die die gegenwärtige Situation, den Menschen mir gegenüber, die Landschaft, die Stimmung etc. erlebt.» Dieses Erleben, das mich vom Tier (und auch vom Engel) unterscheidet, ist die Grundlage meiner Erinnerungsfähigkeit und die Voraussetzung meines biografischen Bewusstseins.
Kein Tier und auch kein Engel ‹feiert› Geburtstag. Das Tier geht von Erleben zu Erleben, von Wahrnehmung zu Wahrnehmung, von Tätigkeit zu Tätigkeit – ohne das hier angesprochene Ich-Bewusstsein. Für den Engel sind das Gegenstandsbewusstsein und das Selbstbewusstsein, die ihm zugängliche Weltwirklichkeit und die eigene Wirklichkeit identisch. Darauf hat beispielsweise bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert hingewiesen, wenn er davon spricht, dass der Engel mit der Selbsterkenntnis auch die Welterkenntnis und mit der Welterkenntnis auch die Selbsterkenntnis verlieren müsste.2
Um das Erleben und die Wirklichkeit von Ich-Identität wirklich zu verstehen, könnte ein umfassender menschenkundlicher und psychologischer Neuansatz hilfreich sein, der die Beziehung zum Engel mitberücksichtigt. Man kann versuchsweise die irdische Geburt des Menschen als Aufhebung der bis dahin gegebenen geistigen Identität von Engel und Mensch begreifen. Aus dieser Identität, in der Wirklichkeit und Bewusstsein eines sind, ist beispielsweise auch die Entstehung des Organismus möglich. Von der Geburt an bildet der Mensch dann ein Ich-Bewusstsein aus, in dem er sich täuschen, irren und übrigens auch lügen kann – alles Voraussetzungen der Freiheit. Das Ich-Bewusstsein des Menschen entwickelt sich nun nach und nach im Gegenüber zur Welt. Unkenntnis, Irrtum, Inkompetenz und auch Unwahrheit können immer wieder überwunden werden.
Beim Menschen sind also Bewusstsein und Sein getrennt, beim Engel nicht. Das Bewusstsein des Engels ist Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist im jeweiligen Bereich sein Bewusstsein. Damit sind für den Engel Selbstbewusstsein und Weltbewusstsein identisch. Der Mensch kann im Laufe des Lebens ein individuelles Ich-Bewusstsein ausbilden, weil sich der Engel dem Menschen gegenüberstellt. Dadurch entsteht gleichsam ein doppeltes Bewusstsein und ein einfaches Sein. Beim Engel sind Bewusstsein und Sein identisch. Er ist Wirklichkeit. Der Mensch bildet demgegenüber zunächst ein fragiles Bewusstsein aus, das sich nach und nach das Sein erschließen kann. Ich-Wirklichkeit (zentrales Ich) kann mit und aus der Erschließung der Weltwirklichkeit (jeweils individuelles peripheres Ich) entstehen. So ist das Bewusstsein in der dabei notwendig gegebenen Beziehung zwischen Engel und Mensch zweifach: nur potenziell real beim Menschen und immer real beim Engel – während das Sein, auf das sich das zweifache Bewusstsein bezieht, stets einfach ist, also ein und dasselbe beim Engel und beim Menschen, sofern es Wirklichkeit ist. In dieser Situation kann sich der Mensch bei der Erschließung der Wirklichkeit selbst erleben und erkennen – und er bleibt über das Wirklichkeitsbewusstsein des Engels mit der Wirklichkeit verbunden, auch wenn er sich (zunächst) täuscht.
Der Mensch findet durch Irrtum und Unkenntnis hindurch Wahrheit und Wirklichkeit, weil der Engel in seinem Bewusstsein die Wirklichkeit gleichsam ‹vorhält›. In diesem Prozess kann nur der Mensch, nicht aber der Engel Ich-Bewusstsein ausbilden: weil der Mensch in der Erschließung der Weltwirklichkeit sich selbst erlebt, während der Engel in Bewusstsein und Sein stets mit der Wirklichkeit identisch ist; er ist Wirklichkeit als Bewusstsein und Sein. So entsteht im potenziellen, nicht im unmittelbar realen Wirklichkeitsbezug das Ich-Bewusstsein des Menschen: eben in der begleitenden Denk-Empfindung «Ich bin es, der oder die dies erlebt; ich bin es, der oder die handelt». Aus solchen Erlebnissituationen, die im Denken verknüpft werden, geht das Bewusstsein der eigenen Biografie hervor, das dem Tier fehlt. In dieser Perspektive kann das Tier als ein irdischer Engel erscheinen, der den menschlichen Ich-Prozess vergessen oder verlernt hat. Und der Engel könnte an der Ich-Entwicklung des Menschen teilhaben und Individualität ausbilden, wenn das menschliche Ich das Geistselbst berührt, also die Existenzebene des Engels.
Johannes Scotus Eriugena hat im 9. Jahrhundert die so gegebene Nähe von Engel und Mensch in unnachahmlicher Weise beschrieben.3 Hier fallen vor der eigentlichen Ich-Entwicklung Selbsterleben und Engelerleben des Menschen, Selbsterleben und Menschenerleben des Engels noch zusammen. Rudolf Steiner datiert interessanterweise für dieselbe Zeit den Beginn der Ich-Individualisierung in der allmählichen Trennung von Engel und Mensch.4 Johannes Scotus Eriugena sieht die Identität von Engel und Mensch im Intellectus-Geist, also im Denken. Rudolf Steiner konstatiert etwa ein Jahrtausend später den Anfang der Trennung und der Individualisierung ebenfalls im Denken.
Es wäre für die Gegenwart die Frage zu stellen, ob zur Weiterentwicklung des Ich nicht ein Bewusstsein ausgebildet werden müsste, in dem ich mich, inzwischen menschheitsgeschichtlich im Ich-Erleben erkraftet, wieder vom Engel miterlebt erleben kann. Sich miterlebt erleben zu können, auch von anderen Menschen, ist ein wichtiges, bisher kaum beachtetes Phänomen der Ich- und auch der Kindheitspsychologie, eine unabdingbare Dimension menschlicher Entwicklung. Die Individualität des Kindes (und letztlich auch des Erwachsenen) kann nur lernen, sich die Welt zu erschließen und damit auszubilden, wenn sie sich im Hintergrund des eigenen Ich-Erlebens und seiner Entwicklung an der Welt miterlebt erleben kann. Diese Erfahrung muss im Ich-Gefühl nicht immer situativ konkret und aktuell, aber prinzipiell gegeben sein.
Aufmerksam für Veränderungen
In einer Notizbucheintragung (vermutlich des Jahres 1918) findet sich folgende komprimierte Aussage Rudolf Steiners: «Ein neues Äußeres soll lebendig aus einer neuen Geistigkeit hervorwachsen – die Geister der Form sollen ihr Formendes aufgeben und die Geister der Persönlichkeit sollen an die Stelle treten – die Archangeloi sollen in die Persönlichkeit eintreten, d. h. der Mensch soll die geistige Ordnung verstehen lernen; die Angeloi sollen dazu die Kraft geben – der Mensch aber soll finden, dass er in seinem Leib nicht ist; er kann es nur, wenn er diesen geistig versteht […].»5
Die Aussage zum «neuen Äußeren» setzt voraus, dass das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung zunehmend problematisch wird. Die Beziehung zu dieser Umgebung kann aber offenbar nicht geheilt werden, sondern das Problem soll als Symptom der Notwendigkeit gelten, ein «neues Äußeres» aus der eigenen geistigen Fähigkeit zu entwickeln. Man könnte in dieser Hinsicht das «neue Äußere», das zugleich subjektiv-individuell und objektiv ist, als neues peripheres Ich des Menschen bezeichnen. Wäre es nicht objektiv im Sinne einer substanziellen Wirklichkeit, hätte man es mit einer Illusion zu tun. In der anschließenden Passage bringt Rudolf Steiner zum Ausdruck, dass es sich um einen Irrtum handeln würde, wenn man die in solcher Weise auftretenden Phänomene nur für «Fantasien» halten würde. Die «Vortäuschung», diese Phänomene nur als Fantasien anzusehen, hätte die restriktive Intention, «den Menschen auf der gegenwärtigen Stufe seiner Entwicklung» festhalten zu wollen.6
Wenn beim Menschen die geistige Kreativität und Produktivität zur Gestaltung der neuen Außenwelt gegeben ist, kann sich innerhalb der geistigen Hierarchien ein entwicklungsgeschichtlich notwendiger Schritt vollziehen: die Geister der Persönlichkeit (Archai) können dann in ihrer Wirkung die Geister der Form (Exusiai) ablösen. Schon aus diesen Begriffen wird deutlich, dass hier eine gleichsam ‹objektive› Wirksamkeit der Geister der Form in die ‹subjektive› der Geister der Persönlichkeit übergeht. ‹Subjektiv› meint dabei, was auch im Begriff der Persönlichkeit anklingt: dass die Tätigkeit der Persönlichkeitswesen von der geistigen Aktivität im individuellen Erleben des Menschen abhängig ist, eben von der geistigen Persönlichkeit.
Der Mensch vermittelt in seinem geistigen Bewusstsein, indem es zur Persönlichkeit wird, den Übergang von den ‹alten› Geistern der Form (zweite Hierarchie) zu den ‹neuen› Formgeistern, den Geistern der Persönlichkeit (dritte Hierarchie). Die Geister der Persönlichkeit sind die «neu sich offenbarenden Geister der Form», und als solche sind sie die neuen «Schöpfer».7 Werden durch den Menschen nicht die Voraussetzungen für diesen Übergang im hierarchischen Bereich geschaffen, so kommt es nicht nur zu einer Entwicklungsstagnation, sondern zu einer neuen Kraftwirksamkeit der «Geister der Finsternis». Die andeutenden Formulierungen Rudolf Steiners legen hier den Eindruck nahe, dass durch das entsprechende menschliche Versagen die hierarchischen Wesen gezwungen werden, selbst als Geister der Finsternis zu wirken.
Sofern die Übergabe an die Geister der Persönlichkeit gelingt, können die Archangeloi, also die Erzengel, «in die Persönlichkeit [des Menschen] eintreten». Diese Aussage wird erläutert bzw. konkretisiert als ein Begreifen der «geistigen Ordnung» durch den Menschen. Damit ist die Verfasstheit der Welt und der Wirklichkeit gemeint, wie sich an den vorangegangenen Formulierungen zeigt. Um mit den ‹Erdenverhältnissen› umgehen zu können, darf sich der Mensch nicht den irdischen Gegebenheiten anpassen, sondern «er muss sich geistigen Verhältnissen anpassen».8 Die Beziehung zu geistiger Wirklichkeit qualifiziert die Beziehung des Menschen zum Erdenleben und auch die irdischen Verhältnisse selbst, «denn durch den Menschen werden die neuen Geister der Persönlichkeit von den Verhältnissen der Erde Besitz ergreifen können».9
Wenn sich also die Archangeloi mit der menschlichen Persönlichkeit verbinden, wird die geistige Grundlage der Welt zugänglich. Aber es gilt, wie im Geistigen fast immer, auch das Umgekehrte: Wenn der Mensch die geistige Konstitution der Wirklichkeit begreift, können die Archangeloi in seinen Seelenprozess einziehen. Die Kraft dazu kommt, wie eine anschließende Formulierung Rudolf Steiners zeigt, von den Engeln, den Angeloi. Hier ist nicht an eine äußere, sondern an eine innere Kraft zu denken: gleichsam auf geistiger Augenhöhe mit dem Menschen, während die Erzengel, die Archangeloi, nun im Menschen selbst die Beziehung zur Welt repräsentieren, deren Zusammenhang sie vorher gleichsam von außen bilden und halten konnten.
Vergeistigung der Realität
Es handelt sich bei dieser Entwicklung um einen umfassenden Prozess der Vergeistigung substanziell-objektiver Realität. Man kann sich dieser Vergeistigung annähern, indem man empfindet, dass hier der Erzengel an die frühere Stelle des Engels und der Mensch an die Stelle der früheren geistigen Kraft des Engels tritt – durch die Kraft des Engels im Menschen. Damit ist der Engel wieder da, ähnlich wie im 9. Jahrhundert vor der Trennung, jetzt aber auf der Grundlage der seither vollzogenen Ich-Entwicklung, die inzwischen das Geistselbst berühren kann.
Der Vorgang des Einlebens in die geistige Grundlage substanzieller Realität umfasst auch den menschlichen Organismus: «[…] der Mensch aber soll finden, dass er in seinem Leibe nicht ist […]».10 Das Wort «aber» bezieht sich an dieser Stelle darauf, dass der Mensch in die Reihe der hierarchischen Wesen eingegliedert wird. Die Geister der Persönlichkeit, also die Archai-Wesen, übernehmen die Wirksamkeit der Geister der Form; die Archangeloi ziehen in die menschliche Seele ein, und die Angeloi bilden die geistige Kraft des Menschen – «aber» der Mensch selbst ist dabei aufgerufen, seinen Leib geistig zu verstehen und damit zu empfinden, dass er nicht im Leib, sondern durch den Leib lebt: nämlich in der geistig neu zu gründenden Welt.11
Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert eine Prognose über das Verhältnis des Engels zum Menschen ausgesprochen. An ihr wird deutlich, dass sinnvoll über den Engel oder andere hierarchische Stufen nicht ‹an sich›, sondern nur in ihrem Entwicklungsverhältnis zum Menschen gesprochen werden kann. Thomas bringt zum Ausdruck: Noch wird jedem Menschen bei seiner Geburt ein individueller Schutzengel ‹zugeordnet›. Es werden aber Zeiten kommen, in denen der Mensch keinen Schutzengel mehr haben wird. Vielmehr wird er dann entweder gemeinsam mit dem Engel regieren – oder er wird von einem bösen Dämon gequält werden. Das begriffliche lateinische Gegensatzpaar lautet im Originaltext ‹angelus conregnans› und ‹daemon puniens›.12
Die Entwicklungszukunft des früheren Engels hängt also vom Menschen ab. Thomas thematisiert nicht die Auswirkung dieser Entwicklung auf die anderen hierarchischen Stufen. Es deutet sich aber an, dass der Mensch die geistige Kraft des Engels zum Positiven oder zum Negativen qualifiziert, und zwar in Abhängigkeit davon, ob es ihm gelingt, die geistige Höhe des Engels zu erreichen, ‹mitzuregieren› (conregnans). Andernfalls ist der Engel in seiner Kraft gezwungen, als Dämon zu strafen, im Sinne der oben erwähnten ‹Geister der Finsternis› zu wirken.
Wenn die Ich-Entwicklung des Menschen die Geistselbst-Stufe erreicht, wird er für den Engel verantwortlich, gleichsam schicksalhaft. Damit erreicht der Mensch die Stufe des Engels, und der Engel sieht sich wieder auf der Höhe des Menschen. Der Engel wirkt als geistige Kraft des Menschen, und der Mensch kann sich dabei gleichsam als neuen Engel sehen, der dem alten Engel Ich-Individualität vermitteln kann. Zwei Geistwesen begegnen sich in der neuen geistigen Wirklichkeit der Erde. Wer ist dann Engel, und wer ist Mensch? – Auf die Lebenskonsequenzen und die Erkenntnisvoraussetzungen dieser Situation soll in einem anschließenden Beitrag eingegangen werden.
Topografie des Himmels
1. Hierarchie
- Seraphim – Geister der Liebe
- Cherubim – Geister der Harmonie
- Throne – Geister des Willens
2. Hierarchie
- Kyriotetes / Dominationes – Geister der Weisheit – Herrschaften
- Dynamis / Virtutes – Geister der Bewegung – Mächte
- Exusiai / Potestates – Geister der Form – Gewalten
3. Hierarchie
- Archai – Geister der Persönlichkeit – Urbeginne
- Archangeloi – Erzengel – Söhne des Feuers
- Angeloi – Engel – Söhne des Zwielichts
4. (zukünftige) Hierarchie
- Mensch
Fußnoten
- Das hier angedeutete geisteswissenschaftliche Entwicklungsprinzip der Anthroposophie habe ich vor einigen Jahren in dem Buch ‹Die Empfindung des Schicksals› (Verlag Freies Geistesleben) für das Gebiet Reinkarnation und Karma beschrieben.
- Näheres zu diesen Ausführungen des Thomas im Hinblick auf die sog. Morgen- und Abenderkenntnis der Engel: Wolf-Ulrich Klünker, Die Erwartung der Engel. Der Mensch als neue Hierarchie. Verlag Freies Geistesleben, 2. Aufl. Stuttgart 2004, S. 195–199.
- Vgl. dazu: Wolf-Ulrich Klünker (wie Anm. 2), S. 11 und S. 180 ff.
- Rudolf Steiner, Im Anbruch des Michael-Zeitalters (GA 26). S. 59.
- Rudolf Steiner, Fragment 95 (GA 46). S. 782; Hervorhebungen im Original.
- A. a. O.
- A. a. O., S. 781.
- A. a. O., S. 782.
- A. a. O., S. 781 f.
- A. a. O., S. 782; Hervorhebung im Original.
- Zum Verhältnis der Hierarchien zur Natur vgl. auch Wolf-Ulrich Klünker (wie Anm. 2), insbesondere das Kapitel ‹Über die Natur›, S. 36–50.
- Thomas von Aquin, Summa theologica I, 113,4. Vgl. dazu Wolf-Ulrich Klünker (wie Anm. 2), S. 9 f.

