Anthroposophie verkörpern

Unser Körper ist allem Sichtbaren, Geformten ähnlich. Als Leib angeschaut, entsteht er als lebendige Gestalt. Und Anthroposophie lässt sich lesen als geistiger Leib für das Ich. Eine Meditation zwischen Ostern und Pfingsten.


Der Körper meint die materiell erscheinende Gestalt eines Menschen. Das lateinische Grundwort ‹corpus› steht für Leichnam und auch für Dinge wie den Teil eines Möbels oder ein Musikinstrument, aber auch für den Gekreuzigten. Angesprochen wird dadurch das Geformte, Tote. Die deutsche Sprache unterscheidet Körper und Leib. Das Wort Leib kommt von Leben. Die geformte Materie ist vergänglich. Die formende Lebenskraft ist geistiger Natur. Das Lebendige spiegelt sich im Sinnlichen, entwickelt und verwandelt sich wiederkehrend. Dadurch sind sinnlich wahrnehmbare Körpererscheinung und inneres, verborgenes Leben zu unterscheiden. In der Materie eines Tisches spiegelt sich eine Möglichkeit, die um der Wirklichkeit willen existiert. Die Wirklichkeit ist das Geistige, wie der Begriff Tisch alle ideell möglichen Tische enthält. Der Mensch hat beides unterschiedlich bewusst in sich: die einzelne sinnliche Erscheinung und seinen übersinnlich umfassenden Ursprung. Die sinnlich-körperliche Natur befriedigt, löst jedoch nicht das Rätsel, wer man selbst ist als Ich, und warum man so ist und nicht, wie man gerne wäre. Etwas liegt vorerst um der Freiheit willen im Dunklen.

Aus diesem Grund ist die Erkenntnismethode der Anthroposophie vollumfänglich ausgerichtet am Wesen und Werden des Lebendigen in der Verkörperung des Menschen und der Erde. Und in Rudolf Steiners Werk hat Anthroposophie selbst eine sichtbare Verkörperung. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, die eigene Selbst- und Welterkenntnis durch Anthroposophie mit Leben zu erfüllen.Das der Anthroposophie Eigene kann individuell und universell verstanden werden. Es ist vergleichbar mit dem rhythmischen Verhältnis der selbst eingeatmeten Luft zu der allen gemeinsam verfügbaren Lufthülle der Erde. Diese Sichtweise auf die nötige innere Eigenaktivität widerspricht dem Dogma einer lebensfremden Trennung von Subjekt und Objekt. Anthroposophie wird äußerlich betrachtet leicht als wunderlich-mühsames Lehrgebäude oder auch als eine das Körperliche verneinende Kopfsache missverstanden.

Auf der anderen Seite zersplittert eine einseitige, vorwiegend auf äußere Funktionen gerichtete Sicht die Welt. Dadurch geht Menschlichkeit verloren. Um dem entgegenzuwirken, ist Anthroposophie «ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf».1

Die erste Liebe

Die Anthroposophie ist durch Rudolf Steiners Werk sichtbar zur Welt gebracht worden. In ihrem Sinne bringt menschliches Handeln innere und äußere Welt in ein gesundes Verhältnis zueinander. Ihre Gestalt will wie eine erste Liebe, die Ich und Du vereint, von Menschen angesehen werden. Rudolf Steiner hat sich in unserer Zeit die Fähigkeit erarbeitet, von diesem geistigen Wesen zu zeugen. Seine ‹Philosophie der Freiheit› ist wie Licht, das eine beschränkende Weltanschauung durchscheint. Es entsteht ein organisches Verständnis der Welt, wenn man erkennt, inwiefern Wahrnehmungs- und Lebensprozesse im eigenen Denken als Weltprozesse aus ein und derselben Quelle stammen. Das menschlich tätige Ich und die Welt sind kein beliebiges Stückwerk, sie bilden ein organisches Miteinander. Im denkenden Menschen erwachen dieselben Kräfte, die als Auferstehungskräfte in allem Lebendigen der Welt gestaltbildend wirken. Das will einander in gesunder Weise entsprechen.

Im Verhältnis zur Bewusstseins- und Kulturgeschichte der Menschheit ist Anthroposophie jung. Sie ist genau um dieser heutigen Zeit willen da und hat sich in den kurzen 100 Jahren nach ihrer Geburt weiterentwickelt. Menschen auf allen Kontinenten, in vielen Ländern erkennen ihre Kraft. Werke Steiners wurden bisher in 34 Sprachen übersetzt. Ihre menschenkundlich begründete, geisteswissenschaftliche Methode zielt auf praktische Anwendung in den Lebens- und Arbeitsbereichen, überall dort, wo Notwendigkeit besteht und Menschen sie für ihr Weiterkommen brauchen. Durch das Engagement vieler Menschen in den Lebensfeldern ist eine erstaunliche Vielfalt, eine einander befruchtende Lebendigkeit und ideelle Substanz möglich geworden. Das geistige Wesen der Anthroposophie nimmt – weil alle Menschen geistige und Ich-begabte Wesen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen sind – an ihren Lebensorten durch ihre Praxis unterschiedliche Gestalt an. So wird sie sichtbar und entwickelt sich in der Welt. Mikrokosmos und Makrokosmos sind ein zusammengehöriges, aufeinander bezogenes Ganzes. Die einzelnen Menschen gestalten, frei und unsichtbar vereint, das mannigfaltige und vielfarbige Menschheits-Ich. Steiner formuliert dieses Zukunftsbild in der oben erwähnten Freiheitsphilosophie: «Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen.»2

Bis hierhin ist gesagt, dass die Anthroposophie eine Heranwachsende ist, die sich durch tätig voneinander lernende Menschen weiterentwickelt und im praktischen Leben aktualisiert. Die Herausforderungen erscheinen im Angesicht kaltherziger Weltanschauungen groß. Ein inneres Feuer und eine Erkenntnisanstrengung sind nötig, um schöpferisches Denken, verstehendes Fühlen und gestaltendes Wollen wach und warmherzig den Nöten in der Welt zuzuwenden. Anders als Tiere, die das Notwendige in sich haben, ist der Mensch ein unfertiges Wesen. Und doch hat jede Nuss innerhalb ihrer harten Schale bereits jenes Leben in sich, ein schöner Baum zu werden.

Im Zustand des Entstehens …

Anthroposophie lebt im Status nascendi. Sie entwickelt sich frei und fortwährend durch menschlich liebevolles «Erwachen am Seelisch-Geistigen des Anderen»3. Im Anderen erwache ich und werde Zeuge, was ist und ich auch bin. Es gibt kein jenseitiges Außerhalb. Ich lebe in der Welt und bin es, der wahrnimmt, anschaut, Zweifel in sich trägt, urteilt oder annimmt und liebt, was ist. Ich bin, lebe und werde durch das Mich-berühren-Lassen vom Anderen, das leben will. Das Ich und mein aktives Denken leben aus denselben Kräften, wie das Lebendige in der Welt. Das, was die Werk-Welt der Dinge belebt, ist das gestaltende Ätherische, ist das alles Leben Tragende des Auferstandenen. Das Prozessual-Lebendige, das im Denken bewegt wird, muss der Mensch willentlich erinnernd aufsuchen und üben. «Das Geistige ist die ewige Nahrung des Menschen.»4 Ohne dies stirbt das Menschliche.

… lebt der Geist im Ich

Anthroposophie ist insofern kein abgeschlossenes Gebäude, kein toter Körper, sondern ausgelegt auf immer neues, lebendiges Begreifen, dessen, was ist. Das braucht eigene Ich-Bestimmung und praktizierte «Liebe zum Handeln». Wenn es gut ist, finden Menschen mit ihrer Individualität frei atmend zusammen, hören das unverzichtbar Besondere beim Anderen und halten doch auch fest am Glauben an das mit der Erde und den Menschen verbundene geistige Ich-bin-Wesen. Dieser Rhythmus zwischen Ich und dem Anderen ist es, was für mich hinter der Anthroposophie steht. «Uns allen nämlich wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außen her hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen, und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. Diese Anschauung ist die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher allein alles abhängt, was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben […]. In diesem Moment der Anschauung schwindet für uns die Zeit und Dauer dahin: Nicht wir sind in der Zeit, sondern die Zeit – oder vielmehr nicht sie, sondern die reine absolute Ewigkeit ist in uns.»5

Die Trennung von Wissen und Glauben hat ermöglicht, bis in kleinste Einzelheiten hinein, Wissen über die Funktionsweise von Dingen zu entwickeln. Glauben und Wissen gehen seither getrennte Wege. Das Wissen von Körperlichkeit verschob den lebendigen Prozess der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung im Denken mehr und mehr in den Bereich ‹irrelevanter› Subjektivität. Glauben, als Ge-Wissens-bildung gehört zum Menschen und bedarf stetiger innerer Prüfung. Wenn wir Menschen jedoch den Ursprung unserer Ich-Tätigkeit vergessen, der sich im eigenen Wahrnehmen und Denken spiegelt, gerät die eigene empfindsam wahrnehmende Tätigkeit im Denkprozess ins Vergessen. Das erste Erwachen zu sich selbst geschieht durch die sinnliche Gegenstandswelt. «Das zweite Erwachen ist das Erwachen an Seele und Geist der andern Menschen.»6


PS: Am 24. September 1919, mitten in den Chaoszeiten nach dem Ersten Weltkrieg, hielt Rudolf Steiner einen öffentlichen Vortrag. Er sprach darin über das innere Feuer, das durch die Bildung in der neu gegründeten Waldorfschule entwickelt werden soll. Es waren die Arbeiterinnen und Arbeiter, nicht Steiner, die eine andere Bildung für ihre Kinder und kommende Generationen ersehnten. Sie wussten sehr genau, dass sich im Denken das Tun und Lassen vorbereitet. An den Schluss stellte Steiner einen Spruch. Darin geht es unter anderem um das Wort ‹Fortschritt›. Ich zitiere ihn in der Version der Erstveröffentlichung dieses Vortrags in der Monatsschrift ‹Die Menschenschule›:

Suchet das wirklich praktische materielle Leben,
Aber suchet es so, dass es euch nicht betäubt
über den Geist, der in ihm wirksam ist.
Suchet den Geist,
Aber suchet ihn nicht in übersinnlicher Wollust,
aus übersinnlichem Egoismus,
sondern suchet ihn,
Weil ihr ihn selbstlos im praktischen Leben,
in der materiellen Welt anwenden wollt.

Wendet an den alten Grundsatz:
‹Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist› In der Art, dass ihr sagt:
Wir wollen alles Materielle im Lichte des Geistes tun,
Und wir wollen das Licht des Geistes so suchen,
Dass es uns Wärme entwickele für unser praktisches Tun.

Der Geist, der von uns in die Materie geführt wird,
Die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu ihrer Offenbarung,
Durch die sie den Geist aus sich selber heraustreibt;
Die Materie, die von uns den Geist offenbart erhält,
Der Geist, der von uns an die Materie herangetrieben wird:
Die bilden dasjenige lebendige Sein, Welches die Menschheit zum wirklichen Fortschritt bringen kann;
Zu demjenigen Fortschritt, der von den Besten
in den tiefsten Untergründen der Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann.7


Bild Westfassade des Goetheanum, Foto: Xue Li

Fußnoten

  1. Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, 1. Leitsatz. Dornach 1982, S. 14.
  2. Rudolf Steiner, Philosophie der Freiheit. Dornach 1978, Kap. IX, S. 166.
  3. Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung. Dornach 1989, S. 176.
  4. Rudolf Steiner, Theosophie. Dornach 1978, S. 54.
  5. F. W. J. Schelling, Sämtliche Werke. Stuttgart, Cotta, Bd. I, 1, 1861, S. 317.
  6. Monatsschrift ‹Die Menschenschule› 1936, und Rudolf Steiner, Idee und Praxis der Waldorfschule. Dornach 1998, S. 116 f.
  7. Rudolf Steiner, Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung. Dornach 2007, S. 264.

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