Vor 100 Jahren versammelte sich eine Gruppe junger Menschen in Stuttgart um Rudolf Steiner. Sie erlebten die Dringlichkeit, ihr eigenes Werden mit dem Werden der Welt in Einklang zu bringen. Diesen Impuls griffen die Gründerinnen und Gründer des International Youth Initiative Program (YIP) in Järna auf. Hier einige Erfahrungen und Einblicke in Anliegen und Wirkung dieses gemeinsamen Studienjahres in Schweden.
«Die Bedürfnisse unserer Zeit brennen hell und heiß. Den Materialismus herauszufordern und einer monokulturellen Gesellschaft zu widersprechen, indem wir unsere Individualität pflegen, erfüllt mich mit Begeisterung – und zugleich fühle ich mich überwältigt und unfähig zu wissen, wie ich tatsächlich positiven Wandel bewirken kann.»
Lilliahna, 19 Jahre, Australien, YIP 2025/26
Vor über 100 Jahren versammelte sich eine Gruppe junger Menschen aus Deutschland zu einer 13-tägigen Begegnung in Stuttgart. Ihre Sorge über die empfundene Entfremdung zwischen Selbstwerdung und Weltwerdung in einer Zeit großer Unsicherheiten hatte sie zu einem Gespräch mit Rudolf Steiner zusammengeführt. In dieser Begegnung wurden verschiedene Fragen erkundet, die aus diesem tief empfundenen Anliegen hervorgingen: Gibt es eine Form von Erkenntnis, die uns wieder mit der Welt verbindet? Wie können wir innerhalb von Gemeinschaften echte Mensch-zu-Mensch-Beziehungen anstreben? Was ist das einzigartige Potenzial menschlicher Initiative? Wenn wir unsere heutige Welt betrachten, sehen wir, dass sich die Fragen der jungen Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der heutigen jüngeren Generation noch verstärkt haben. Ob nah oder fern, ob direkt oder indirekt betroffen: Die jungen Menschen wachsen heute mit den vielfältigen Folgen auf, die aus entfremdeten Formen der Weltbeziehung hervorgehen. Ihre Sehnsucht ist, Erkenntnisse zu erlangen, die nicht abschnüren, sondern Raum geben für den Anschluss an die Welt, Gemeinschaft mit anderen zu gestalten und Formen der Initiative zu üben. Sie spiegeln das Bedürfnis nach einer neuen Bildungsform wider, die der heutigen jungen Generation gerecht wird.
«Es war mir sehr klar, dass ich zu einer integrativeren Gesellschaft beitragen wollte, sowohl für unsere Mitmenschen als auch für zukünftige Generationen, aber ich wusste nicht, wie ich dazu beitragen wollte.»
Tessa, 26 Jahre, Niederlande, YIP 2022/23
Einer der Bildungsräume, die aus diesem Ruf hervorgegangen sind, ist das International Youth Initiative Program (YIP) in Järna (Schweden). Die Gründerinnen und Gründer, eng in Verbindung mit der Jugendsektion in Dornach stehend, waren Sussie Hansen, Reinoud Meijer, Rose Nekvapil, Ani Hanalius, Pernilla Fogelqvist und Mathias Bolt Lesniak. Selbst junge Menschen mit verschiedenen Nationalitäten, hörten sie den Ruf junger Menschen nach einem Bildungsansatz, der es ihnen ermöglicht, den Herausforderungen der heutigen Welt zu begegnen – nicht nur auf intellektueller, sondern auch auf sozialer, emotionaler und praktischer Ebene. Sie entwickelten einen Bildungsansatz innerhalb des Gemeinschaftslebens, der darauf abzielt, die Fähigkeit junger Menschen zu stärken, Initiative zu ergreifen – individuell wie auch kollektiv. YIP wurde zu einer zehnmonatigen, gemeinschaftsbasierten Bildungszeit für Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren aus aller Welt. Jedes Jahr lebt und lernt eine Gruppe von 20 bis 40 Gleichaltrigen gemeinsam auf dem Gelände des anthroposophischen Campus in Järna – umgeben von der Ostsee, biodynamischen Feldern und schwedischen Wäldern. Mit der diesjährigen 18. YIP-Gruppe haben seit dem Beginn des Programms im Jahr 2008 über 600 Menschen teilgenommen. Sie bilden ein weltweites Netzwerk von Alumni. Die folgenden Reflexionen entstehen aus den gelebten Erfahrungen junger Menschen, die in der Vergangenheit am YIP teilgenommen haben, sowie derjenigen, die derzeit Teil des Programms sind.

Erkenntnis, die mit der Welt verbindet
«In dem aufwachsenden Menschen lebt das Begehren, nicht nur mit dem Kopfe, sondern auch mit dem übrigen Organismus sich irgendwie mit der Welt zusammenzufinden, denken zu lernen, die Welt erfahren zu lernen nicht nur mit dem Kopfe, sondern mit dem ganzen Menschen.»1 Der Übergang ins Erwachsenenalter ist in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass ein Individuum durch die Begegnung mit der Welt zu einer einzigartigen Persönlichkeit heranwächst. Oft begleitet von einer Vielzahl von Erfahrungen – dem Verlassen des Elternhauses, der Begegnung mit neuen Menschen, Ideen und Idealen – wird das Seelenleben des jungen Erwachsenen durch Eindrücke aus der Umgebung und durch die Denkfähigkeit seiner inneren Welt genährt und geprägt. In diesem Wechselspiel vertieft sich das Selbstgefühl, oft begleitet von Fragen wie: Wer bin ich? Was ist mein Platz in der Welt?
Vor 100 Jahren wurde der Ansatz, die Welt zu erkennen – als kognitiver, ja, sogar ‹toter› Intellektualismus bezeichnet – als eine Art des Erkennens beschrieben, die in Objektivität und Kausalität verwurzelt ist. Diese Form des Wissens, die ausschließlich auf den Bereich des Kopfes beschränkt ist, schnürt den Menschen letztlich von der Welt ab. Da sie wenig Raum lässt, um alle Teile des menschlichen Organismus zu erreichen, «vereinsamt» der kognitive Intellektualismus, die menschlichen «Wünsche, Willensimpulse, Fähigkeiten zum Verlangen».2
«Wir leben in einem Goldkäfig, gefangen in unserem eigenen Denken. Die Türe steht jedem offen, doch den Schritt in die Freiheit, den muss man selbst tun. Wir müssen uns aktiv dazu entscheiden, ‹Ja!› zum Leben zu sagen.»
Alva, 20 Jahre, Österreich, YIP 2025/26
Viele Teilnehmende, die zum YIP kommen, erleben eine Lücke oder ein Missverhältnis zwischen dem Erkennen der Probleme in der Welt und der Fähigkeit, dies in Taten anzugehen. Oder sie verstehen die Flut an Informationen über brennende Realitäten logisch und intellektuell, können sie jedoch nicht so fühlen, um ihren Willen zu motivieren. In extremen Fällen äußern einige Teilnehmende die Überzeugung, der Planet wäre ohne den Menschen besser dran, und beschränken ihr eigenes Handeln auf ein Minimum, um keine negativen Auswirkungen zu haben.
Bei YIP besteht das pädagogische Ethos darin, den ganzen Menschen in seinen drei Grundgesten einzubeziehen: Denken, Fühlen und Wollen. Der Lehrplan bietet Kurse, die die Teilnehmenden intellektuell dabei unterstützen, aktuelle globale Realitäten – ökologische Krise, soziale Ungerechtigkeit, künstliche Intelligenz – zu verstehen, während gleichzeitig durch Biografiearbeit, Erzählkunst und Bildende Künste ein persönliches inneres Bewusstsein wächst. Diese Brücke zwischen der äußeren und inneren Welt – innerhalb und außerhalb des Unterrichts – schafft auf natürliche Weise einen Lernraum, in dem sich die Teilnehmenden fragen: Wie verhalten wir uns zu dem, was in der Welt geschieht? Wie spiegelt sich das, was in dieser Welt geschieht, in uns wider? Welchen positiven Einfluss kann ich auf mein unmittelbares Umfeld ausüben?

Kultur des Menschen
«Man sucht etwas. […] Der Mensch hat den Menschen verloren, der Mensch sucht wiederum den Menschen.»3
Die jungen Menschen in Stuttgart erkannten, dass sich die Menschen in den mitteleuropäischen Gesellschaften zunehmend voneinander und von den Erfahrungen der anderen entfremdet hatten. Sie beobachteten, dass viele nicht offen für die Perspektive des anderen waren, sondern lieber an der eigenen festhielten. Den Willen zu üben, die Welt aus der Erfahrung anderer Menschen zu betrachten und eine Vielfalt von Sichtweisen in eine gemeinsame Welt zu integrieren, erlebten sie als eine Herausforderung ihrer Zeit.
«Anderen die Freiheit zu lassen, Dinge anders zu machen, hat etwas in mir geöffnet. Das Verständnis dafür, dass Unterschiede existieren dürfen, hat mir geholfen, das Potenzial in jedem Menschen zu erkennen.»
Michael, 25 Jahre, Großbritannien/Zypern, YIP 2019/20
Bei YIP leben 20 bis 40 Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Muttersprachen, Praktiken und Gewohnheiten gemeinsam in einem Haus und gestalten im Laufe des Jahres eine gemeinsame Kultur. Der Tag beginnt mit einer Stunde Dienst – im Gemüsegarten, beim Reinigen der Gemeinschaftsräume oder beim Kochen für das anschließende gemeinsame Frühstück. Bevor der Unterricht beginnt, versammeln sich die Teilnehmer im Kreis und starten den Tag mit gemeinsamen Gesängen und Ankündigungen für den bevorstehenden Tag. Ein gemeinsamer Raum für Reflexionen und Betrachtungen über das Gemeinschaftsleben ist in den Wochenrhythmus eingebettet. Denn Gemeinschaft zu gestalten bedeutet Lachen, Freundschaft und Freude – aber auch Hindernisse, Konflikte und Frustration. Dynamiken der größeren Weltgemeinschaft fließen natürlich auch in die YIP-Gemeinschaft ein. Gemeinsame Entscheidungen zu treffen, Führungs- und Unterstützungsrollen auszubalancieren und Raum für unterschiedliche Realitäten und Meinungen zu schaffen, eröffnet Einblicke in die Weite menschlicher Erfahrung und in die vielfältigen Möglichkeiten, wie man sich dem Leben nähern kann. Wenn man in der Lage ist, durch die Augen des anderen zu sehen und dessen Expertise in bestimmten Bereichen menschlicher Erfahrung anzuerkennen, finden zahlreiche Perspektiven ihren Platz in der Gemeinschaft. Bei der Bildung einer Gemeinschaft stellt sich immer wieder die Frage: Wie bringe ich meine persönliche Freiheit mit der Verantwortung für das Kollektiv in Einklang?
Die Rolle der Initiative
«Was ich wünschte, ist, dass Sie etwas in Ihren Herzen haben, und dass Sie das, was Sie in Ihren Herzen tragen, in Wirksamkeit umsetzen. Was der Mensch im Kopfe trägt, verliert er unterwegs. Aber was er in das Herz aufnimmt, das bewahrt das Herz in alle Wirkungskreise ihnen, in die der Mensch versetzt werden wird.»4 Das 13-tägige Gespräch in Stuttgart führte zu der Erkenntnis, dass der Mensch, indem er ein tieferes Selbstbewusstsein findet und sich bemüht, sich mit dem Strom der Weltentwicklung zu verbinden, das Potenzial besitzt, einen einzigartigen und authentischen inneren Impuls zu entwickeln. Die jungen Menschen wurden ermutigt, ihre Impulse zu erwecken und in die Welt zu tragen, besonders im Angesicht äußerer und innerer Herausforderungen. 100 Jahre später, angesichts einer zunehmenden Zahl moderner Herausforderungen, ist dieser Ruf nach menschlicher Initiative dringlicher denn je. «Eine Initiative ist idealerweise ein bewusster Akt freien Willens im Dienst des Kollektivs», sagt Reinoud Meijer, Mitbegründer von YIP. Initiative steht im Zentrum des Programms. Initiative wird bei YIP als Vereinigung von authentischem Selbstausdruck und Dienst an etwas Größerem als dem individuellen Selbst verstanden. Eine der Formen, in denen junge Menschen bei YIP dies erforschen, ist die ‹Persönliche Initiative›. Dieses selbst gestaltete Projekt lädt jeden Einzelnen dazu ein, eine Frage zu erforschen, die sie oder ihn innerlich trägt und zu der sie oder er sich gerufen fühlt. Unabhängig davon, ob die Frage weitreichend ist oder eher lokal bleibt, sucht jeder und jede Einzelne nach Wegen und Formen, um seine und ihre Initiative zu gestalten. Gegen Ende des Jahres wird eine Zeit von drei bis vier Wochen eingeräumt, in der individuell und kollektiv an den Initiativen gearbeitet wird. Dabei entstehen vielfältige Aktivitäten: die Entwicklung eines Geschäftsplans für die Zukunft, Amateurtänzern einen selbst choreografierten Tanz beibringen, stundenlanges Gitarrenüben, um Flamencokünstlerin zu werden, oder Arbeit in der Holzwerkstatt, um einen Bienenstock zu bauen. In der abschließenden Präsentationswoche stellt jede Person ihren persönlichen Weg vor, den sie mit ihrer Leitfrage unternommen hat. Diese Woche wird bei YIP oft als ‹Woche der Sternbeobachtung› bezeichnet – in der die Teilnehmenden sich gegenseitig dabei beobachten, wie sie ihre authentischen Impulse zum Ausdruck bringen.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft: die Gegenwart
Die 600 Menschen, die einst einzeln nach Schweden gereist sind, um zehn Monate ihres Lebens in einer Lerngemeinschaft zu verbringen, sind nach dem Ende ihres YIP-Jahres weitergezogen. Heute sind sie über die ganze Welt verteilt und wirken auf vielfältige Weise in sie hinein. Fragt man sie, was während ihrer Zeit bei YIP den tiefsten Eindruck hinterlassen hat, antworten viele, dass es nicht ein bestimmter Kurs, Lehrer oder ein bestimmtes Thema war, das ihnen in Erinnerung geblieben ist. Vielmehr sind es die Eindrücke der anderen jungen Menschen, denen sie begegnet sind, und die Art und Weise, wie sie durch den Umgang mit, den Respekt vor und die Wertschätzung der Andersartigkeit des anderen etwas über die Welt und sich selbst gelernt haben.
Vor 100 Jahren versammelte sich eine Gruppe junger Menschen in Stuttgart, bewegt von der Dringlichkeit, ihr eigenes Werden mit dem Werden der Welt in Einklang zu bringen. Ein Jahrhundert später ruft derselbe Impuls noch immer: dass jede junge Person erwache und das zur Welt bringe, was in ihrem Innersten liegt. YIP bietet eine lebendige Verkörperung dieses Rufes – einen Raum, in dem die heutige Generation ihr authentisches Selbst erkunden und ihre einzigartigen Gaben zur Entfaltung der Welt einbringen kann.
Mehr The International Youth Initiative Program
Bilder Youth Initiative Program (YIP) in Järna, Schweden
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Pädagogischer Jugendkurs, GA 217, S. 157.
- Ebd.
- Ebd. S. 40.
- Ebd. S. 194.






