Ernst Lehrs (1894–1979), einer der Studierenden, die den ‹Pädagogischen Jugendkurs› initiierten, beschreibt in seiner Biografie ‹Gelebte Erwartung› ein Gespräch, das mich für zwei Tendenzen in der Jugendarbeit Rudolf Steiners aufweckte.
Im Sommer 1922 wurde Lehrs deutlich, dass sich die studentische Arbeit rund um die Bestrebungen mit den Hochschulkursen bisher nur der Westgrenze der anthroposophischen Studentenschaft gewidmet hatte, Steiner sich nun aber für die Ostgrenze der Studierenden einsetzen würde.1 Mit der ‹Westgrenze› war die bisherige Arbeit der mehr vom Verstand ausgehenden, studierten jungen Menschen angedeutet, die mit Steiner von 1920 bis 1922 in den ‹Hochschulkursen› arbeiteten. Die ‹Ostgrenze› betraf die Intentionen derjenigen, die anstelle von einem spirituellen ein rationales Verhältnis zur Anthroposophie vorzogen. Diese jungen Menschen kamen mehr vom Erleben, vom Gefühl her.
Diese zwei Tendenzen hemmten und polarisierten sich, wobei manche jungen Menschen sich weder auf der einen noch der anderen Seite zu Hause fühlten. Wie geht Rudolf Steiner mit diesen Gruppierungen um? Seine Zusammenarbeit mit den Studierenden der ‹Ostgrenze› im ‹Pädagogischen Jugendkurs› (Oktober 1922) soll hier beschrieben werden. In einem zweiten Text soll dann die Arbeit Steiners mit den Studierenden der ‹Westgrenze› exemplarisch an dem ersten Hochschulkurs ‹Grenzen der Naturerkenntnis› (Oktober 1920) zur Darstellung kommen. Mit Dank ist hier die Stiftung Forschungsförderung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland zu erwähnen, die dieses Vorhaben unterstützte.
Eine Welt im Sterben, eine Welt im Dunklen
Im Podcast-Gespräch im Oktober 2023 mit Markus Lanz zitiert die Klimaaktivistin Luisa Neubauer den Freiheitskämpfer Antonio Gramsci: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren, es ist die Zeit der Monster.» Hundert Jahre zuvor: Junge Menschen um Steiner fragten ihn: «Wir haben von Ihnen gelernt, daß der Menschheit in lang vergangener Zeit eine Urweisheit geschenkt worden ist. Das ist wie ein Kapital, von dem sie bisher gelebt hat. Als solches ist es nun aufgezehrt. Wir heute sind genötigt, geistig gewissermaßen von der Hand in den Mund zu leben. So erleben wir uns eigentlich als geistige Proletarier. – Hinter uns ist das Nichts, vor uns ein ungestaltetes Dunkel, in das wir hineinzuschreiten haben. Wir bitten Sie, uns Licht zu werfen auf den Anfang des Weges in dieses Dunkel.»2
Neubauer beschreibt dieselbe Situation. Eine Welt liegt im Sterben – die neue im Dunkeln. Die Zukunft ist noch nicht sichtbar. Dieser Zwischenraum ist gefährlich. Wie kann ein Anfang des Weges in dieses Dunkel aussehen? Steiner hält für die jungen Menschen 13 Vorträge, den ‹Pädagogischen Jugendkurs›. Ausgangspunkt dieser ersten Jugendgeneration im 20. Jahrhundert, die Steiner vor sich sitzen hat, ist, dass sie sich von der älteren Generation distanziert. Steiner macht im ersten Vortrag deutlich, die Jugend sei durch einen Abgrund von der alten Generation getrennt. Bisher mieden sie auch die Bildungseinrichtungen und damit die moderne Wissenschaft. Viele wandten sich früheren Jahrhunderten zu, andere suchten Zuflucht in Schwelgerei und Mystik, ergriffen auch praktische Berufe. Kurz: Sie mieden das Denken, wie sie es bislang als Intellektualismus kennengelernt hatten. Die alte Generation verkörperte für sie dieses Denken. Steiner versucht nun mit ihnen gemeinsam zu verstehen, was man ablehnt: ein Denken, das man in der alten Generation erlebt, ein Denken, das zu Lebenskonsequenzen führt, die man umso stärker verneint. Knotenpunkt: Kann ich das Alte durchdringen, dass daraus «die neue Welt» entstehen kann, wie Luisa Neubauer es formuliert, oder erste Schritte ins Dunkel gegangen werden können? Erst einmal muss das Alte qualifiziert werden, damit der Blick frei wird. Steiner bemüht sich, die jungen Menschen anzuregen, sich vom Gefühl für das eigene Leid zu lösen und dieses Gefühl auf die Kulturphänomene auszuweiten, die er ihnen darstellt. Entsprechend lässt sich der Kurs als eine Zusammenstellung von ‹Kulturschäden› lesen. 3
Abstraktes Denken macht frei
Es geht darum, eine neue Beziehung zum Denken zu finden. Steiner eröffnet diese Perspektive, indem er das Denken als Weg zur Wahrhaftigkeit versteht. Steiners Versuch ist, aufzuzeigen, wie man bis zum 15. Jahrhundert noch sagen konnte: Großartig, was ihr Alten uns zu bieten habt, wir übernehmen es gerne. Das Denken trug damals noch die Kraft in sich, produktiv auch ins soziale und moralische Leben zu wirken. Seit dem 15. Jahrhundert sei aber eine Situation eingetreten, in der man nur noch von den Erbschaften des Vorigen gelebt habe, das Kulturgut des alten Geisteslebens verkam zu bloßen Traditionen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Erbe so phrasenhaft geworden, dass es die jungen Menschen fühlen ließ, man stünde vor einem ‹Nichts›. Das Gefühl der jungen Menschen war so sensibel, dass sie das Denken als «kalt, schattenhaft, abstrakt», als ein ‹Nichts› empfanden. Auch die überlieferten Ideale tauchen als schattenhafte, abstrakte Vorstellungen auf. Steiner geht mit Nietzsche: «Ein Irrtum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert.»4
Rudolf Steiners Schluss: Der Weg in die abstrakte Vorstellung, in kraftloses Vorstellen, war notwendig, denn dieses abstrakte, kraftlose Vorstellen bedeutete eine Entwicklung hin zur Freiheit. Würden lebendige Vorstellungen einfach in uns Menschen leben, könnten wir nie frei sein. Allein der innere Tod, der innere Vorstellungstod, das innere ‹Nichts›, ermöglicht die Freiheit. Verdichtet ist diese Perspektive in Rudolf Steiners Leitsatz 59: «Eine unbefangene Betrachtung des Denkens zeigt, daß die Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins kein eigenes Dasein haben, daß sie nur wie Spiegelbilder von etwas auftreten. Aber der Mensch fühlt sich als lebendig in den Gedanken. Die Gedanken leben nicht, er aber lebt in den Gedanken.»5
Man ist auch versucht, eine Stelle aus den ‹Michaelbriefen› Rudolf Steiners zu zitieren und den ‹Jugendkurs› aus der Perspektive Michaels zu verstehen, denn diese Perspektive zeigt die Entwicklung zum Materialismus als Gewinn für die Selbsterkenntnis. «Die Gedankenbildung ist in ihrer eigenen Wesenheit nicht eine Entwickelung nach dem Materialistischen hin. […] Er fiel in die materialistische Anschauung in dem Zeitalter, das sein eigenes geistiges Wesen auf eine Stufe brachte, die höher ist als die vorangehenden. Das kann leicht verkannt werden; man kann den ‹Fall› in den Materialismus, nur allein betrachten und dann über ihn traurig sein.»6 Im ‹Jugendkurs› wird diese Perspektive auch biografisch aufgezeigt. Die Biografie wäre dann auch unter dem Aspekt der Entwicklung des Denkens bis zum Vorstellungstod anzuschauen. Mit dem 14. oder 15. Lebensjahr beginnt dieser innere Vorstellungstod. Die Jugend will ihn aber erst langsam vollziehen, als Schritt in Richtung Freiheit, und sie braucht dafür Begleitung. «Und so stellt sich, trotz allen Nachdenkens über die Erziehungsgrundsätze, die in neuer Zeit gefasst worden sind, immer mehr heraus, daß, wenn die steif gewordene objektive Wissenschaft, die das Tote umfaßt, zur Erzieherin wird und an das Lebendige, Jugendliche herankommt, diese Jugend das wie ein Hereinstoßen eines Pfahles ins Fleisch fühlt. Man stieß ihr einen Pfahl ins Herz, den Tod, und sie soll sich aus dem Herzen das Lebendige herausreißen.»7 Hier liegen wohl viele der heutigen Jugendsorgen und Motivationsprobleme im Unterricht in der Oberstufe. Ob biografisch oder menschheitlich-historisch: Man steht hier in einer entscheidenden Perspektive: Die Würdigung des toten Denkens als eines Wegs zur Freiheit.

Den Drachen verstehen, begrenzen und überwinden
Ebenso entscheidend ist, was man seit Mitte des 19. Jahrhunderts überliefert bekommen hatte. Rudolf Steiner adelt deswegen diese Generation in ihrer Sensibilität, wach zu werden für ein ‹negatives Erbe›. Im Auge hat er hier eine Wissenschaft, die das Bewusstsein ihrer eigenen Grenzen verloren hat. Er versucht, die jungen Menschen auf dieses ‹negative Erbe› hinzuweisen. Das naturwissenschaftliche Denken ist nicht per se das negative Erbe, aber sein Ausufern in Bereiche, in denen diese Form der Wissenschaft zerstörerisch wirkt, ist es. Naturwissenschaft braucht eine Perspektive, die ihren Übergriff bemerkt und sie begrenzt.
Der Vortragszyklus gipfelt in einem Bild: Geschildert wird ein naturwissenschaftlicher Drache. Dieser stammt aus dem menschlichen Kopf, aus unseren Vorstellungen, belebt sich daraufhin an der Natur neu und ist dabei, uns Menschen zu zerstören. Nun tritt er uns von außen entgegen. Wir begegnen ihm in Naturzerstörung, in Kriegen, unkontrollierter Technik und ähnlichen Phänomenen. Wie begegne ich diesem Drachen? Steiner rät: Lerne ihn verstehen, begrenzen und überwinden! Der Schritt der Überwindung ist der entscheidende: «Die Menschenseele kann nicht leben in der Welt, aus der der Drache sein Lebensblut entnimmt; aber der Mensch muß in der Überwindung des Drachens die Kraft gewinnen, um leben zu können.»8
In den Notizen zum Jugendkurs: «Ausziehen, den Drachen zu töten – nicht irgendwo hingehen, wo kein Drache ist, weil die Alten einen nur zum Drachen führen – sonst wird man in seiner Ausatmung ersticken – man braucht seinen Lebensinhalt.»9 Der ‹Jugendkurs› stellt die Perspektive der Überwindung im 5. Vortrag dar. Das an der Naturwissenschaft entwickelte Denken kann sich seiner selbst im reinen Denken bewusst werden. Auch hier ist eine Wende gefordert. In der Beobachtung des Denkens, dem Anschauen des gefassten Gedankens, kann eine innere Kraft sich selbst zu Bewusstsein kommen, deren Tätigkeit gestaltender Art ist. Es ist der Weg der ‹Philosophie der Freiheit›, Intellekt und Gefühl zusammenzubringen. Ein reines Denken zu entwickeln und aus ihm moralische Intuitionen zu schöpfen, ist die praktischste, gefühlreichste, moralischste Tätigkeit: Allein durch sie ist ein neues Zukunftstor zu eröffnen. Dadurch würde ein «zweiter Mensch» geboren; ein innerer Künstler, ein innerer Revolutionär (Beuys). Er ist der Jugendträger – aus dieser Perspektive lässt sich das Wort Rudolf Steiners, dass die Anthroposophie das lebendige Kind der Naturwissenschaft werden kann, verstehen.
Ein schwarzes Tuch in jeden Hörsaal
Wer mit der kommenden Generation arbeitet, kann durch seine neu errungene Jugend sich mit der Jugend verbinden. In den Notizen zum ‹Jugendkurs› heißt es: «Was gibt der Erzieher = er macht das Tote seiner Generation lebendig.»10 An einer weiteren Stelle macht Steiner auf den Drachen aufmerksam. Vor Lehrern und Lehrerinnen der ersten Waldorfschule schildert er im Oktober 1923: «Der Drache hat die verschiedenste Gestalt; der Drache hat alle möglichen Gestalten. Die von menschlichen Emotionen kommenden sind schädlich genug, aber die sind nicht so schädlich wie diejenige Gestalt, die der Drache von dem toten, von dem ertötenden Wissen der Gegenwart bekommt. Da wird der Drache ganz besonders scheußlich, und eigentlich möchte man sagen, das eigentliche Symbolum der heutigen höheren Lehranstalten müßte sein: ein dickes schwarzes Tuch, und das müßte im Grunde genommen in jedem Hörsaal irgendwo an der Wand hängen. […] Und hinter dem schwarzen Tuch müßte das Bild des Kampfes des Michael mit dem Drachen sein. Der Kampf mit der ertötenden Intellektualität. Das, was heute gesagt ist, ist die Form, wie heute der Streit Michaels mit dem Drachen unter Lehrern und Erziehern leben soll. […]; denn zeitgemäß heute leben, heißt, in den Drachen hineinkriechen und den alten intellektuellen Betrieb fortsetzen. In der Wahrheit leben, heißt, sich mit dem Michael verbinden. […] Verstehen wir den Streit Michaels mit dem Drachen auf einem besonderen Gebiete, dann wirken wir zum Heile der Menschheit in der Zukunft.»11
Bereits 1921 stellte Steiner den Oberstufenlehrpersonen die Aufgabe, sich einer «Gewissenserforschung»12 zu unterziehen. Es ist dieselbe Aufgabe wie das Aufmerksamwerden auf das negative Erbe. Wie viel versteckter Materialismus liegt in mir? Wie kann ich ihn überwinden? Das hier angedeutete «Lüften des schwarzen Tuches» war auch Steiners Perspektive in seiner Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Studenten 1920 bis 1922 in den ‹Hochschulkursen›: den Streit Michaels mit dem Drachen auf den besonderen Gebieten verstehen lernen, um den Drachen zu begrenzen und zu überwinden. Michael Ende gelang mit einem Bild von diesem ‹wissenschaftlichen› Drachen ein Durchbruch. Er muss den ‹Jugendkurs› gekannt haben. In den 60er-Jahren formt er den Drachen aus dem ‹Jugendkurs› in die Kindergeschichte ‹Jim Knopf›. Ein Drache unterrichtet in einer Schule. Die Kinder sind darin eingesperrt, nur der mutige Junge kann die Kinder befreien. Ende war sensibel auch für die kulturellen und sozialen Sorgen seiner Zeit. In einem Gespräch mit einer Künstlerin und einem Politiker: «Ich glaube, dass das eigentliche, noch nicht explizit formulierte Anliegen der jungen Generation darin liegt, dass sie wieder eine Kultur haben will. […] Unser ganzes Denken ist aber noch immer – vor allem auch das naturwissenschaftliche Denken – aus dem Materialismus des 19. Jahrhunderts heraus geprägt. Das ganze Begriffsrüstzeug, das wir haben, ist eigentlich immer noch materialistisch geprägt, bis in die Denkformen hinein, die da vorliegen. […] Wenn ich aber auch den Menschen nur als ein kausales Gebilde sehe, als ein in Kausalitäten eingebundenes Wesen, dann kann ich keine Wertvorstellungen entwickeln, dann ist alles Reden von Kultur, von Lebensqualität leeres Phrasendreschen.»
Von der Sehnsucht zur Aufgabe
Wie gelangt man in eine Perspektive, die weder in starke mystische Gefühle, Medien, vergangene Zeiten flüchtet (Tendenz der ‹Ostgrenze›), noch im reinen Ausleben des intellektuellen Denkens verharrt (Tendenz der ‹Westgrenze›)? Gemeint ist ein dritter Weg: der Eintritt in die Entwicklungsperspektive des Denkens und seine Verwandlung. Im Eröffnungsvortrag der ‹Weihnachtstagung› bezeichnet Steiner die Anthroposophie als etwas «Weltenjugendhaftes»13. Dieses Weltjugendhafte ist auch eine Sehnsucht, sie lebt in der ersten Jugendgeneration des 20. Jahrhunderts, wie es im ‹Jugendkurs› beschrieben wird. Es ist die Sehnsucht nach einem neuen Geistesleben. Zugleich ist sie Aufgabe: Es kommt auf jeden einzelnen Menschen an, sich dieser Sehnsucht auch bewusst zu werden. Der ‹Jugendkurs› kann diesen Weg unterstützen, auch heute noch. Auf die Frage, ob nicht ein zweiter Jugendkurs folgen könnte, antwortete Steiner, der erste sei noch nicht erarbeitet.
Noch immer zieht sich die Frage nach Jugend und Alter durch die Anthroposophische Gesellschaft. Waren die jungen Menschen damals von einer «anthroposophisch frisierten Wissenschaft»14 abgeschreckt, so stellt sich heute die umgekehrte Frage: Wie stehen sie vor einer «wissenschaftlich frisierten Anthroposophie»? Was wäre geschehen, wenn sich die weiteren Jugendgenerationen des 20. Jahrhunderts – etwa die 68er – auf den langen Weg gemacht hätten, den eigentlichen Abgrund zwischen den Generationen zu verstehen und die brennenden Probleme des ‹Systems› im sozialen Leben und im Wirtschaftsleben auch als eine geistige Krise zu erkennen?
Der ‹Jugendkurs› blieb, dadurch dass die Sektion nur eröffnet, nicht eingeweiht werden konnte, der Hauptkurs für die Sektionsarbeit. Die Sektion hatte ihre Blütezeit unter Jörgen Smit in den 70er- und 80er-Jahren. Smit hatte seine Arbeit in der Sektion unter dem hier dargestellten Aspekt der Entwicklungsperspektive des Denkens, ob kosmologisch, menschheitlich oder biografisch, verstanden. Sein letzter großer Vortrag auf der Jugend-Oktobertagung 1990 handelte von diesem Thema: zwischen Vergangenheit und Zukunft, aus dem Tod zu neuem Leben.15 Seine Frage: Habe ich den Tod genug erlebt? Habe ich ihn genug gewürdigt? Die gefühlsbetonten jungen Menschen der ‹Ostgrenze› mieden den Tod – Steiner versucht mit dem ‹Jugendkurs› eine Würdigung des toten Denkens in der Perspektive auf die Entwicklung zur Freiheit und die andere Seite des Denkens darzustellen und zu eröffnen. Eine wahre Zukunfts- und Jugendperspektive. In allen Lebensbereichen scheint das die Aufgabe zu sein: Erst aus der Erkenntnis der Vergangenheit eröffnet sich das Tor für die Zukunft. Die Vergangenheit kann jedoch erst aus der Perspektive der Zukunft, aus einem von der Anthroposophie her verstandenen Entwicklungszusammenhang des Weges der Intelligenz, erkannt, gewürdigt und überwunden werden. Mit Luisa Neubauers Einschätzung der Zeitlage, zwischen Vergangenheit, die nicht mehr trägt, und einer Zukunft, die noch nicht da ist, bekommt diese schwankende Situation heute wieder neues Gewicht. Wie wollen wir sie anpacken? Mit oder ohne Jugend?
Beitrag erschien bereits in ‹Anthroposophie› Johanni 2025
Fußnoten
- Vgl. das Gespräch in den Biografien von Ernst Lehrs und Wilhelm Rath während des Wiener Kongresses 1922. Vgl. Ernst Lehrs, Gelebte Erwartung. Stuttgart 1979, S. 119 ff. Benjamin Schmidt/Wilhelm Rath, Ein Wegbereiter der Jugend. 2018, S. 104 ff. Die Beschreibung der ‹West- und Ostgrenze› der Studentenschaft hat ihren Hintergrund in Zweigvorträgen Steiners im Mai 1922, in denen er auf eine Kluft zwischen mehr wissenschaftlichen und mehr esoterischen Tendenzen innerhalb der anthroposophischen Arbeit aufmerksam macht. Beide Tendenzen schlossen sich damals aus – diese Tendenzen tauchen bei den jungen Menschen als ‹West- und Ostgrenze› auf.
- Ernst Lehrs, Gelebte Erwartung. Stuttgart 1979, S. 147.
- Dies ist ein Vorgehen, das Steiner schon bei der Begründung eines «Kulturrates» zur Begründung und Erarbeitung eines freien Geistes- und Kulturlebens 1919 vor Augen stand. Das Erarbeiten der Kulturschäden führt zu einem «Organisationsplan»: «Erst wenn man das richtig beachtet, findet man den Organisationsplan, den wir brauchen für einen Kulturrat. Aber dieser Organisationsplan kann nur aus dem Leben selbst hervorgehen, und dieses Leben wird ergeben, dass, wenn wir hinschauen auf die einzelnen Schäden, wir daraus finden werden das konkrete Beobachten dessen, was da ist.» Rudolf Steiner, Zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart. GA 332b, S. 179.
- Friedrich Nietzsche, Ecce homo. Menschliches, Allzumenschliches. 1889.
- Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze. GA 26, S. 41.
- Ebd. S. 65.
- Rudolf Steiner, Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation. GA 217, S. 82.
- Ebd. S. 192.
- Beiträge zur Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe. Heft Nr. 69/70, S. 37.
- Beiträge zur Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe. Heft Nr. 69/70, S. 36.
- Rudolf Steiner, Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis. GA 302a, S. 145–146.
- Zuletzt machte Andre Bartoniczek in ‹Die Zukunft der Oberstufe› in ‹Die Drei›, 9/2019, auf die «Gewissenserforschung» und die Vorträge aus GA 302 aufmerksam.
- Rudolf Steiner, GA 260. Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924. S. 41.
- Vgl. aus einem Beitrag von W. J. Stein 1923 im Rückblick auf die Arbeit des damaligen Bundes für anthroposophische Hochschularbeit sowie Rudolf Steiner, Das Schicksalsjahr 1923 in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. GA 259, S. 406.
- Jörgen Smit, Beitrag zur Oktobertagung der Jugendsektion, 28.10.1990: Die Aufgaben der Jugendsektion – Goethes Märchen und die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz. Auf: joergensmit.org.




