Die Projektgruppe Alterskultur und -medizin der Medizinischen Sektion zeigt Aufgaben und Hilfen für das Älterwerden. Jeder Mensch möchte in Würde altern, wofür es den Zusammenhalt der Gesellschaft braucht. Um einen entsprechenden Kulturwandel zu gestalten, sind alle Beteiligten gefragt, auch die Älteren selbst.
Die Vielschichtigkeit und die Aufgaben des Altwerdens werden in der Projektgruppe auf Grundlage geisteswissenschaftlichen Verständnisses und aus interprofessioneller Perspektive aufgezeigt. Dabei machen wir auf gegenläufige Tendenzen aufmerksam: Einerseits rückt der alt werdende Leib in das Bewusstsein des alternden Menschen. Andererseits wird die Zeit des Alterns zur Ressource für innere, seelenwarme Prozesse, die bis in die soziale Umgebung ausstrahlen können. So setzt im Altern ein für manche überraschender Lernprozess ein. Statt kognitiven Lernens ist nun ein ‹Seelenlernen› vonnöten: Es gilt, mit sich und anderen Geduld zu haben, Einsicht in das Gegebene zu erlangen und Positivität zu pflegen. Doch der Umgang mit Einschränkungen muss erlernt werden. Der Lebensradius verkleinert sich und es finden Verlusterlebnisse statt. Die Überwindung überholter Selbstbilder und das Verblassen von gesellschaftlicher Bedeutung gehören dazu sowie das allmähliche Loslassen des Verantwortungsgefühls für die Welt.
Demgegenüber tritt neue Sinnerfahrung für Tätigkeiten auf. Im Dialog mit Jüngeren zählt das Gespräch, das Wertschätzen des Lebens und das Vermitteln von Zuversicht für eine liebevolle Sicht auf die Welt. So mögen die Älteren den Jüngeren die Fähigkeit vorleben, wie wir Situationen annehmen und aus ihnen lernen können.
Diese Lebensreife auszuprägen, fällt vielen Menschen im Alter schwer. Empfindungen, das eigene Leben nicht genügend ergriffen zu haben, Enttäuschungen oder seelische Verletzungen können auftauchen. Einsamkeit, seelische und körperliche Schmerzen sind dann nicht fern. Die Erinnerung an frühe biografische Ereignisse blüht auf, das Bewusstsein für die gegenwärtige Realität kann blasser werden. Zugleich ist es möglich, dass ein neuer Zugang zu den eigenen schöpferischen Kräften im Seelisch-Geistigen heranwächst. Es werden vielleicht neue innere Erfahrungen gemacht, die in der religiösen oder spirituellen Vertiefung liegen.
Demografisch betrachtet kommen jetzt Menschen ins Alter, die die Kriegs- und Nachkriegszeit nicht mehr miterlebt haben. Ein gesteigerter Individualismus wird voraussichtlich das Bild in der Seniorenbetreuung bestimmen. Daher wird das verträgliche Auskommen zwischen den Generationen wichtiger. Wenn wir uns daran erinnern, dass die Maßnahmen in der Zeit der Coronapandemie zulasten der jüngeren Generation gingen, um die ältere Generation zu schützen, könnte daraus ein stillschweigender Generationenvertrag erwachsen, in dem die Älteren den Jüngeren etwas zurückgeben.
Literatur
- Volker Fintelmann, Von der Kunst alt zu werden. Gesundheitspflege initiativ, Esslingen 2023.
- Rudolf Steiner, Alt werden. Ausgewählte Texte. Rudolf Steiner Verlag, Basel 2019.
Foto Artyom Kabajev








