Gemeinsam üben

Anfang Oktober fand in Xi’an zum dritten Mal eine Konferenz zu den Nebenübungen statt. Eingeladen waren die sogenannten Begleitenden, die Menschen bei diesen Übungen unterstützen. Die Teilnehmenden reisten aus China und Malaysia an.


Die meisten der 15 Teilnehmenden verfügten bereits über Erfahrung darin, andere bei den Nebenübungen zu begleiten. Unter ihnen waren vier Waldorflehrkräfte sowie sechs Eltern, die sich aktiv für den Aufbau von Beziehungen zwischen Familien und Waldorfschulen einsetzen. Andere konzentrieren sich darauf, die Basisübungen in berufliche Organisationen zu tragen. Die jährliche Konferenz bietet eine konzentrierte Gelegenheit, gemeinsam zu üben und Erfahrungen aus der Begleitungsarbeit auszutauschen. Durch diese gemeinsame Arbeit entdecken die ‹Begleitenden› neue Möglichkeiten und entwickeln ihre individuellen Fähigkeiten weiter, um ihren jeweiligen Kursen und Gemeinschaften zu dienen.

Die Veranstaltung geht auf eine Initiative zurück, die Walter Siegfried Hahn vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat, um diese Übungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Aktuell läuft bereits der neunte Onlinekurs dazu. In diesen Kursen lernen die Teilnehmenden über ein oder zwei Semester hinweg, die Übungen zu beherrschen. Manche bleiben sogar länger dabei. Das übergeordnete Ziel der Kurse ist jedoch die Entwicklung genau jener Begleitenden, die nun zu dieser dritten Konferenz zusammengekommen sind. Sie führen an verschiedensten Orten eigene Kurse durch und nutzen den zentralen Onlinekurs als gemeinsame Lernplattform, um ihre eigenen Angebote zu unterstützen. Auf diese Weise konnten bereits mehrere tausend Menschen erreicht werden.

In diesem Jahr lag der Schwerpunkt der Konferenz auf der Erprobung eines ‹Peer-Review›-Systems, bei dem sich die ‹Begleitenden› gegenseitig zertifizieren. Der Begriff ‹Begleiter› bringt das Anliegen dieser Arbeit zum Ausdruck: andere bei ihrer Praxis zu unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen. Die Erfahrung zeigt, dass es bei der Anleitung der Übungen weder darum geht, fachliches Wissen zu vermitteln, noch darum, fertige Lösungen anzubieten. Es erfordert eine Unterstützung, die innerhalb des Gesamtrahmens der Übungen auf das jeweilige Individuum eingeht. Ein direkter Austausch mit der einzelnen Person oder Organisation ist daher von besonderer Bedeutung. Für die ‹Begleitenden› stellt jeder Durchlauf eine Gelegenheit dar, den eigenen Lern- und Wachstumsprozess zu vertiefen. Durch gegenseitiges Wahrnehmen und Verstehen gewinnen sie neue Erkenntnisse.

Im Verlauf der Konferenz entwickelte sich der Prozess der gegenseitigen Begutachtung (Peer Review) so weiter, dass zwei Sitzungen parallel stattfanden – jeweils mit einer Person, die sich im Zertifizierungsprozess befand, zwei Zertifizierenden sowie ‹Beobachtenden›, die einen äußeren Kreis bildeten. Der Lerneffekt war enorm, insbesondere für jene, die alle drei Rollen einnehmen konnten. Die Zertifizierung und der regelmäßige Peer-Review-Prozess dienen dazu, die Qualität der Arbeit durch einen kollegialen Austausch zu sichern. Zertifizierung steht hier für Verantwortung und Offenheit. Verantwortung gegenüber den Teilnehmenden durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen Praxis. Offenheit für Feedback und Korrekturen durch Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Phasen des Weges.

Lernen in der Gruppe

Die Teilnehmenden tauschten ihre Erfahrungen aus drei Perspektiven aus: als zu begutachtende Person, als begutachtende Person und als beobachtende Person im äußeren Kreis. Tianzhong, der sich in der Rolle der zu begutachtenden Person befand, fühlte sich wahrgenommen und lernte – dank der Unterstützung und der unterschiedlichen Sichtweisen der Mitstreitenden –, Feedback anzunehmen. Als begutachtende Person erkannte Lai Fanglin, dass verschiedene Perspektiven unterschiedliche Aspekte offenbaren und das Begutachten selbst ein Prozess des Lernens, Anpassens und Nachjustierens ist. Sie bemerkte zudem, wie sich ihr eigener innerer Zustand unterschied, je nachdem, ob sie gerade begutachtete oder selbst begutachtet wurde. Huang Jing, die dem äußeren Kreis angehörte, erlebte eine Atmosphäre, die von Lachen und aufmerksamem Zuhören geprägt war – was sie als sehr ermutigend empfand. Das sorgfältige, objektive Zuhören der Begutachtenden sowie die allgemeine Bereitschaft, zu lernen und neue Einsichten zu gewinnen, machten den Begutachtungsprozess zu einer gemeinsamen Lernerfahrung für alle Beteiligten.

Während der dreitägigen Konferenz wechselten sich verschiedene Begleitende darin ab, die Gruppe durch die insgesamt sechs Übungen zu führen. Das gemeinsame Üben sowie die Auseinandersetzung mit den Methoden und der Bedeutung der einzelnen Übungen vertieften das Verständnis der Teilnehmenden – sowohl für die Praxis selbst als auch für die Anleitung anderer. Ergänzend gab es einen Vortrag zur Lernbegleitung (Learning Facilitation) sowie zahlreiche Projektvorstellungen und Gespräche zu Forschungs- und praktischen Fragen. Nicht zu vergessen der Festabend, der mit einem traditionellen chinesischen Hot Pot in jenem unverwechselbaren, organisch gestalteten Workshop-Raum begangen wurde – dem Ort, an dem auch die Konferenz stattfand –, begleitet vom A-cappella-Gesang zahlreicher Lieder im Kerzenschein.

Projekte

Die Beteiligten treiben eine Reihe von Projekten voran, in denen diese Übungen in Bereiche wie bildende Kunst, Theater, Therapie, Weiterbildung und andere integriert werden. Zum Beispiel setzt Zhangyi aus Luzhou die Nebenübungen seit vielen Jahren im Kontext von Unternehmenstransformationen ein. Basierend auf seiner Erfahrung in der Begleitung organisatorischer Veränderungsprozesse berichtete er, wie das gemeinsame Üben von Führungskräften und Mitarbeitenden dazu beigetragen hat, eine Organisation neu aufzubauen, wobei gleichzeitig positive Veränderungen in deren Privatleben sichtbar wurden. Er untersucht derzeit Möglichkeiten, die Basisübungen auch in seine Arbeit mit weiteren Unternehmen und Organisationen zu integrieren.

Dann wurde ein Forschungsprojekt initiiert, das den positiven Einfluss der Übungen wissenschaftlich belegen soll. Im Jahr 2025 beantworteten 19 Teilnehmende vor und nach dem Übungszeitraum Fragebögen zu ihrem persönlichen Wohlbefinden. Die Teilnehmenden berichteten von einer geschärften Wahrnehmung und einem gesteigerten Selbstbewusstsein, einem besseren Gleichgewicht zwischen Denken, Fühlen und Wollen sowie mehr Klarheit bei der Bewältigung alltäglicher Angelegenheiten. Zudem beschrieben sie mehr Mut und Gelassenheit, eine größere Standhaftigkeit in unerwarteten Situationen, die Fähigkeit, mehr Handlungsoptionen zu erkennen, eine stärkere Eigeninitiative sowie einen besseren Schlaf. Die Projektgruppe möchte die Gelegenheit dieses Berichts nutzen, um Organisationen, Institutionen oder Einzelpersonen, die über entsprechende Erfahrung in der Durchführung solcher Forschungsvorhaben verfügen, zur Zusammenarbeit einzuladen.

Letzte Kommentare