Ein Konflikt ergreift sein Umfeld, lässt Zuschauende Positionen einnehmen – alle gehen ‹in Stellung›. Der Weg zum Frieden: Einander wahrnehmen ist der erste Schritt, gelten lassen ein zweiter, verstehen ein dritter. Auszüge von Reaktionen von Leserinnen und Lesern:
«Endlich!», dachte ich beim Interview mit Serhii Kopyl. Eine Enttäuschung erlebte ich dann in der Ausgabe über Multiperspektivismus. Es ist richtig, dass ‹frei sein› bzw. sich dahin zu entwickeln nur der einzelne Mensch kann. Aber er braucht dazu die Bedingungen, die das zulassen. Die sind nicht gegeben, wenn eine benachbarte Großmacht militärisch die Macht übernehmen möchte. Dann kann der Widerstand nur kollektiv und militärisch sein und sich auf die Landesgrenze beziehen – mit dem Ziel, dass innerhalb dieser Landesgrenze Sprachen, Kultur, politische Verfassung, Zugehörigkeit zu Bündnissen usw. von den Menschen bestimmt werden, die dort leben und leben wollen. Und in Prozessen, die diese selbst als legitim und rechtmäßig empfinden. Ja, wir wollen das Nationale überwinden, keine Heldenmythen schreiben, Individualität ausbilden. Das ist die Aufgabe in Mitteleuropa. Den Ukrainern stellen sich zurzeit andere Fragen, und andere Antworten sind zu geben. Man habe Russland ‹per Handschlag› zugesagt, die NATO nicht nach Osten zu erweitern. Bei jedem Vertrag wird genau das vereinbart, was darin steht, nicht mehr und nicht weniger. Und die NATO schiebt ihre Grenzen nicht nach Osten, sie nimmt nur Länder auf, die das ausdrücklich wollen – und selbst das nicht immer, siehe Ukraine 2008. «Die (russische) Befürchtung, dass die Ukraine rasch in den westlichen Einflussbereich abrutschen würde […]», schreibt Louis Defèche. Wenn die Menschen in der Ukraine das westliche Gesellschaftsmodell attraktiver finden als das in Russland herrschende, sollen wir das als ‹Abrutschen› wahrnehmen, nur weil Russland das so interpretiert? Ralph-Guido Günther
Ich schreibe aus Australien, war aber lange in den USA als Vertreter der Anthroposophischen Gesellschaft tätig. Die eindringlichsten Aussagen, die Steiner immer wieder wiederholt, beziehen sich auf die Wahrheit und darauf, dass Unwahrheit einem seelischen Mord gleichkommt. Er fügt dann hinzu, dass es keine Rolle spielt, ob der Sprecher glaubt, die Wahrheit zu sagen. Daher war ich verblüfft, als ich das Editorial las: «Vermutlich über zwei Millionen Soldaten und Soldatinnen sind im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine beteiligt und über eine Million Kämpfende sowie Zivilistinnen und Zivilisten sind in den über vier Kriegsjahren verwundet, vermisst, getötet worden.» Es gibt keinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Belege dafür liegen bereits seit Jahren vor. Mittlerweile gibt es Dutzende detaillierter Berichte, darunter auch von Angela Merkel (yahoo.com). Möglicherweise ist Ihnen das nicht bewusst. Wenn dem so ist, sind öffentliche Äußerungen zur Ukraine umso missbräuchlicher. Bill Camp
Danke für diesen authentischen und nachvollziehbaren Bericht aus Sicht eines tatsächlich vor Ort Betroffenen. Dennoch bleibt, dass dieser und andere Kriege inzwischen ein zynisches Geschäftsmodell sind, an dem Dank Spekulationsgeschäften mit Rüstung und anderen Gütern, die den Krieg unterstützen, unbeschreibliche Gewinne erzielt werden. Das sehe ich als den eigentlichen Grund an, warum dieser Krieg nicht endet. Wiebke D.
Ich verstehe den menschlichen Wert der im Interview mit Serhii Kopyl geschilderten Zeugnisse vollkommen und möchte weder das Leid des Krieges noch die persönliche Erfahrung des Interviewpartners relativieren. Gerade aus diesem Grund möchte ich jedoch ein gewisses Unbehagen hinsichtlich der redaktionellen Entscheidung und des Gesamttons des Textes zum Ausdruck bringen. Obwohl der Artikel sich als persönliche Zeugenaussage präsentiert, hat er einen politisch und moralisch geprägten Charakter, mit einer polarisierenden Darstellung des Konflikts. Bestimmte Formulierungen und historische Analogien bergen das Risiko, ein kulturelles und geistiges Organ wie das ‹Goetheanum› in einen Raum zu verwandeln, der als Teil einer gegenwärtigen geopolitischen Erzählung wahrgenommen wird. Meine Sorge betrifft nicht die Tatsache, dass einer ukrainischen Erfahrung eine Stimme gegeben wird – was vollkommen legitim und wichtig ist –, sondern vielmehr das Risiko, dass Sprache und Kategorien der Anthroposophie mit einseitigen politischen Deutungen der Gegenwart verbunden werden. Was ich persönlich in der Anthroposophie suche, ist ein Impuls zu einem tieferen Verständnis des Menschen, zur Fähigkeit innerer Offenheit, Urteilsfähigkeit und Differenzierung, besonders in Zeiten von Konflikt und starker gesellschaftlicher Polarisierung. Ich befürchte eine zunehmende Politisierung des anthroposophischen Umfelds, mit dem Risiko, Lesende und Forschende zu verlieren, die einen geistigen Raum ohne zeitgeschichtliche Parteinahme bewahren möchten. Ich teile diese Überlegungen mit Respekt und ehrlichem Interesse an der Zukunft der anthroposophischen Bewegung und des kulturellen Dialogs, den das Goetheanum verkörpert. Cristiano Frassetto
Rudolf Steiner war ein scharfer Kritiker des 14-Punkte-Plans von Woodrow Wilson, der eine der tragenden Säulen des verheerenden Nationalismus war. Die Ideen Wilsons sind der Nasenring der USA, mit dem Europa durch die Manege der Zeitgeschichte seit über hundert Jahren durch die Katastrophen gezogen wird. Ich kann Ihnen und allen anderen Zeitgenossen die Vorträge empfehlen, welche mit der GA 173 a, b, c bezeichnet sind. In diesen Vorträgen untersuchte Steiner die Hintergründe, welche zum Ersten Weltkrieg geführt haben. Er nannte seine Methode ‹Geschichtliche Symptomatologie›. Gerade die heutigen Presseerzeugnisse sind Nebelkerzen gegen die Objektivität und gegen eine geistige Tiefe. Wer also ein Interview mit dem «russischen Angriffskrieg» einführt, arbeitet nicht anders als die gewöhnliche Presse. Dieses Narrativ gleicht dem Geist, der Deutschland allein für den Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht hat und zum Versailler Vertrag führte. Wie es weiterging aufgrund des einseitigen Schuldspruchs, wissen wir aus der Geschichte. Insbesondere als Redakteur des ‹Goetheanums› mit deutscher Herkunft wäre äußerste Vorsicht geboten. Auch hier noch eine Literaturempfehlung des englischen Historikers Christopher Clark, ‹Die Schlafwandler Europas› von 2014. Diese Auseinandersetzung mit den Gründen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges unterstützt Rudolf Steiners geschichtliche Betrachtungen. Wir können uns kein Schlafwandlertum in Europa erlauben. Der Bürgerkrieg in der Ukraine begann spätestens im Jahre 2014. Wir haben seit zwölf Jahren den offenen Krieg. Mögen wir einen Weg finden, dass wir in unseren Köpfen beginnen, den Krieg zu beenden. Die Geisteswissenschaft und die Wachheit Rudolf Steiners können hierzu eine Hilfe sein. Europa kann nicht ohne Russland und die Ukraine leben. Die in einem späteren Heft vom 21. Mai von Louis Defèche geführten Ausführungen ‹Multiperspektivismus – eine Forderung des Friedensgedankens› unterstützen und ergänzen dieses hier vorgebrachte Anliegen. Tobias Langscheid
Ich halte den Titel ‹Multiperspektivismus – eine Forderung des Friedensgedankens› für irreführend. Er verweist auf Multiperspektivität, beschreibt dann jedoch nur zwei Perspektiven, von denen eine zudem nur sehr kurz dargestellt wird. Die ukrainische Perspektive wird vollständig ausgeblendet. Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, der bereits existierte, bevor Russland überhaupt entstand. Seit der Existenz Russlands wurde die Ukraine von diesem bedrängt. Nach zahlreichen Versuchen des Zarenreichs im 19. Jahrhundert, ukrainisches Territorium abzutrennen (‹Neurussland›), wurde die Ukraine in den 1920er-Jahren von der Roten Armee besetzt und zwangsweise in die Sowjetunion integriert. Seit 1990 bemüht sich die Ukraine erneut um ihre tatsächliche Unabhängigkeit. Dieses Bestreben wurde von Russland auf vielfältige Weise massiv untergraben, insbesondere durch die Sabotage der ukrainischen Wirtschaft von Beginn an sowie durch das Installieren von Führungspersonen, die russische Interessen vertreten, und durch die Unterdrückung von Unabhängigkeitsbestrebungen mit KGB-Methoden – und das in einem unabhängigen Land! Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Ukraine jede mögliche Unterstützung von außen sucht, um sich von ihrem übermächtigen ‹großen Bruder› zu emanzipieren. Neben dieser ukrainischen Perspektive gibt es auch die vierte Perspektive des Völkerrechts und der UN-Charta. Die Ukraine ist ein unabhängiges Land und hat das Recht, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Das Handeln Russlands steht in klarem Widerspruch zum Völkerrecht. Aus völkerrechtlicher Sicht gibt es dafür keine Rechtfertigung. Der größte Teil des Artikels scheint davon auszugehen, dass Jalta die maßgebliche Grundlage für die Ordnung der multipolaren Welt darstellt. Dieses System berücksichtigt jedoch im Wesentlichen nur die russische und die US-amerikanische Perspektive (wobei ein US-Verbündeter am Tisch sitzt, ohne wirklichen Einfluss). Seit seinem Bestehen hat es gezeigt, dass es vor allem den Interessen der USA und Russlands dient und zahlreiche Gräueltaten auf beiden Seiten ermöglicht oder gedeckt hat, während das Völkerrecht weitgehend ignoriert wurde. Christian Weinberger
Der ‹Multiperspektivismus› wird, sollte er zu einer moralischen Gleichsetzung verleiten, leider keine Grundlage für die Förderung des Friedens sein. Er würde das Leid, das die Ukrainer derzeit erfahren, nur noch verschlimmern und die Ungerechtigkeit ihres Leidens herunterspielen. Als Teil einer multiperspektivischen Denkweise muss es Rechenschaftspflicht geben sowie eine klare Anerkennung – und keine Leugnung – sowohl der Opferrolle als auch der Auslösung und Ausübung von Gewalt. Lassen Sie mich eine Analogie anführen: Ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hat, mag im Sinne von ‹multiperspektivischen Betrachtungen› verständlich und erklärbar sein. Er mag selbst als Kind missbraucht worden sein, von seiner Mutter misshandelt und so weiter. Seine Perspektive ist gültig. Die Frau, die er angreift, mag sich so gekleidet und verhalten haben, dass sie zweideutige Signale ausgesendet hat. Aber zu behaupten, sie habe die Vergewaltigung selbst verschuldet, entspricht mehr oder weniger der Sichtweise, die in einigen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen Büchern und Artikeln über die Ukraine zum Ausdruck gebracht wurde. Dies streut nur Salz in die Wunden der wahren Opfer – des ukrainischen Volkes. Die Gewalttaten sind in diesem Fall eine kalkulierte Entscheidung, die weiterhin täglich getroffen wird. Die NATO hat Putin nicht gezwungen, die Ukraine gewaltsam anzugreifen. Er handelte nicht aus Verzweiflung oder ‹Selbstverteidigung›. Bestenfalls können wir Russland mit dem Deutschland der 1920er- und 1930er-Jahre vergleichen. Gedemütigt und misshandelt von den Siegern des Ersten Weltkrieges, konnte Adolf Hitler das moralische Vakuum ausnutzen und füllen. Wir können das damalige Deutschland und das heutige Russland durch «multiperspektivische Betrachtung» besser verstehen. Dabei dürfen wir jedoch niemals kriminelle Handlungen und Gewalt rechtfertigen oder entschuldigen. Vor allem müssen wir den Stimmen der echten Opfer, der Ukrainerinnen und Ukrainer, mit Liebe und Mitgefühl zuhören und sie verstehen, als etwas, das sich von Russland und vom ‹Westen› unterscheidet. Wir müssen die Opfer hier verstehen, mindestens genauso sehr, wenn nicht sogar mehr, als wir Russland und die Russen verstehen und mit ihnen mitfühlen müssen. Alex Fornal
In den letzten Jahren war Krieg für mich, die in Saporischschja/Ukraine lebt, keine Theorie der internationalen Beziehungen, kein geopolitisches Konzept und keine Diskussion über die NATO-Erweiterung, sondern tägliche Realität. Es sind Nächte, in denen ich den Geräuschen von Drohnen und Raketen lausche, es sind die ständigen Luftangriffswarnungen und die Angst um mein Kind und meine Angehörigen. Es sind zerstörte Häuser, getötete Menschen, verwundete Kinder und ein Leben in ständiger Anspannung. Eines der Hauptprobleme der modernen Welt besteht darin, dass sie immer weniger zu tiefem menschlichem Mitgefühl fähig ist. Wir haben gelernt, Informationen schnell auszutauschen, sind aber nicht immer in der Lage, den Schmerz eines anderen Menschen wirklich zu spüren. Solange die Welt angesichts des Leidens anderer schweigt, solange Gleichgültigkeit zur Norm wird und die menschliche Solidarität schwächer wird, werden militärische Konflikte nicht abnehmen, sondern sich nur noch verschärfen. Frieden beginnt mit der Achtung des Rechts eines Volkes auf Sicherheit, Freiheit und Selbstbestimmung. Deshalb führt der Weg zum Frieden für mich nicht nur über politische Entscheidungen, sondern auch über das Erwachen des menschlichen Gewissens, die Fähigkeit zum Mitgefühl und die Verantwortung füreinander. Alona Permiakova, Ukraine
Die Bedrohung der Unabhängigkeit der Ukraine durch die politische Machtstruktur Russlands besteht bereits seit dem Zusammenbruch der UdSSR. In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im ukrainischen Staat wird Propaganda im Interesse Russlands betrieben. Boris Jelzins Bemerkung, die er Anfang der 1990er-Jahre an Leonid Krawtschuk, den ersten Präsidenten der Ukraine, richtete – «Glauben Sie wirklich, dass die Ukraine ihre Unabhängigkeit bewahren wird?» –, war prophetisch im Kontext der Ablehnung der ethnischen Unabhängigkeit der Ukraine von Russland. In diesem Sinne ist es möglich, dass John Herz’ Konzept des ‹Sicherheitsdilemmas› als spezifisches Modell für die politische Reaktion eines staatlichen Machtsystems auf eine wahrgenommene Bedrohung seiner Einflusssphären relevant ist. In diesem Sinne wuchs die Gefahr, dass Russland im Falle einer Nichtbeachtung seiner Interessen Gewalt anwenden würde, und eskalierte 2014 zu einer militärischen Aggression und dem Beginn der Besetzung ukrainischer Gebiete. Diese politische Maßnahme löste einen Konflikt nicht nur auf der Ebene der politischen Autorität, sondern auch auf der Ebene der Kommunikation zwischen den Bevölkerungen beider Staaten aus. Ideologische Propaganda begann, die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen beider Nationen zu zerstören, die genetisch eng miteinander verwandt sind. Negative historische Erfahrungen in den ethnischen Beziehungen wurden im historischen Diskurs immer häufiger thematisiert, was bei den Ukrainern zu einem gesteigerten Interesse an den ‹dunklen Flecken der Geschichte› in den politischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen führte – und, wie sich herausstellte, zu völlig unterschiedlichen Realitäten bei der Interpretation historischer Fakten. Die Kluft zwischen den beiden Völkern, die fließend dieselbe Sprache sprechen, vergrößert sich weiter. Um die Dynamik der Beziehung zwischen den beiden Völkern zu erfassen, bedarf es einer tiefgreifenden Analyse kultureller und historischer Ereignisse. Die Beteiligten tragen diese Dynamik der psychologischen Realität in den tiefen Schichten des Unbewussten auf der existenziellen Ebene der Bewusstseinsbildung in sich, und das, was in der Gegenwart geschieht – die wahre Realität –, ist ein Produkt dieser Dynamik.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass im Namen der geopolitischen Ambitionen der Machthabenden eine derart weitreichende Willkür im Vorgehen Russlands gegenüber der Ukraine zugelassen wurde – eine Willkür, die die Grenzen des höchsten geistigen Wertes, nämlich des Wertes des menschlichen Lebens, überschritten hat –, was zunehmend das Misstrauen gegenüber der Wirksamkeit internationaler Institutionen als Garanten für die Einhaltung der Regeln der etablierten Weltordnung schürt. In diesem Sinne hat der Krieg in der Ukraine die Themen ‹ethnische Unabhängigkeit› und ‹Wertorientierungen auf der geopolitischen Bühne› erneut in den Vordergrund gerückt. Bei der Analyse aktueller Ereignisse weisen viele Experten darauf hin, dass Vorurteile und Vorannahmen – philosophischer, religiöser und weltanschaulicher Art – sowie die Neigung zu falschen Analogien eine wichtige Rolle spielen. Dabei handelt es sich eher um den Versuch, die Interpretation historischer Fakten zu objektivieren, was bei der Suche nach der Wahrheit naturgemäß viele ‹Fallstricke› mit sich bringt. Die Voraussetzungen für die Möglichkeit eines Krieges werden auf ideologischer Ebene geschaffen; Überlegungen zur Notwendigkeit, sich zu bewaffnen, die Armee zu stärken und die Rüstungsproduktion auszuweiten, führen in der Zukunft zur Verwirklichung dieser Pläne, wobei jede sorgfältig inszenierte Provokation als Vorwand dienen kann. Die Richtung, in die sich das Denken unter Kriegsbedingungen entwickelt – was dem Verständnis der Möglichkeiten zur Lösung militärischer Konflikte zugrunde liegt –, wird bestimmen, wie sich die Welt in der unmittelbaren Zukunft der nächsten zwei Generationen entwickeln wird, beginnend mit denjenigen, die während der Kriegsjahre geboren wurden. Um das Wesen des Krieges zu verstehen, bedarf es einer Insiderperspektive, die frei von Vorurteilen und psychologischen Verzerrungen ist. Yevgen Volchenko, Ukraine
Antworten der Redaktion
Niemand in dieser Redaktion und wahrscheinlich keiner der Lesenden fühlt nicht mit dem Schicksal der kriegsgeplagten Zivilbevölkerungen dieser Welt mit. Es ist die Fähigkeit unserer Herzen. Mich für eine Seite entscheiden zu müssen, scheint mir nicht dem Wesen des Herzens zu entsprechen. Und doch braucht es Urteile, Werte, Entschlüsse, die uns friedvoll zusammenleben lassen. Uns ihrer Zusammenhänge und Entwicklungen bewusst zu sein, ist genauso wichtig wie das Mitgefühl. Zu zeigen, wie Betroffene leben, und zu erkennen, wie Denkbilder, Geschichte, Wirtschaftsweisen sie zu Betroffenen machen, finden im Herzen zusammen. Das Herz ist irdisch konkret und geistig zugleich. Herzensentschlüsse kommen aus dem Willen, der jenseits der Argumente, der Verletzungen, der Traumata, der Polarität, der Gegnerschaft liegt. Sie können wahrscheinlich nur im kleinsten Tun beginnen, wo sie aber vielleicht die größte Wirksamkeit entfalten. Gilda Bartel
Einen multiperspektivischen Ansatz zu verfolgen, bedeutet nicht, jedes Mal ‹alle› Perspektiven darzulegen. Man kann nur aus einer bestimmten Perspektive sprechen. Mein Text zum Thema Multiperspektivismus ist daher nur eine Perspektive. Entscheidend ist, sich der eigenen Perspektive und der Existenz anderer Perspektiven bewusst zu sein. Wer den Eindruck hatte, mein Artikel vertrete einen ‹russischen› Standpunkt, den möchte ich darauf hinweisen, dass er sich fast ausschließlich auf Aussagen anerkannter amerikanischer Experten stützt. Die wirklich entscheidende Frage lautet: Wollen wir Frieden? Für mich persönlich ist die Antwort mehr als klar. Dass dies mit einem manchmal schwierigen Dialog einhergeht, ist ebenfalls klar. Louis Defèche
Weite und Tiefe sind es, die ich im Denken erobern will. Weite schenkt Freude, Tiefe Sinn. Nach Weite ruft das Leben. Seine Vielfalt, Unendlichkeit betört! Offenheit ist die Tugend. Nach Tiefe ruft der Geist. Sein Licht ermutigt. Klarheit ist hier Tugend. Gehe ich ins Weite ohne Tiefe, verliere ich Gestalt, gehe ich in die Tiefe ohne Weite, verliere ich Bewegung und erstarre. Unsere Zeit ruft, Weite und Tiefe zu verbinden, Leben und Geist zu einen. Aus meiner Werkstatt: Russlands völkerrechtswidriges Verlangen nach der Krim verstehe ich: Die Krim wurde der Ukraine übertragen, als diese zur Sowjetunion gehörte, ist Teil russischer Identität. Russlands Verbrechen, von Politik zu Gewalt zu eskalieren und millionenfaches Leid in die Ukraine und Russland zu bringen, dem zu widersprechen, Verschleppen von Kindern, Bombardieren von Städten zu verurteilen, verlangt die Tiefe. Durch sie leuchten die Werte Gewaltlosigkeit und Freiheit – menschliche Werte –, Werte, jenseits von Weite und Leben. Wolfgang Held

