Am 12. August ereignet sich eine totale Sonnenfinsternis über Island und Spanien – ein Grenzerlebnis für Sinne und Geist!
Es ist die erste totale Sonnenfinsternis auf europäischem Festland nach der Finsternis vom 11. August 1999. Der Finsternisstreifen beginnt in Nordsibirien, zieht über den Nordpol, Grönland und Island, um dann Spanien zu passieren und bei den Balearen im Mittelmeer zu enden.
Dass die Finsternis genau einen Tag später stattfindet als diese letzte europäische, ist dabei Zufall, wie auch die Tatsache, dass sich in Spanien nun drei Sonnenfinsternisse hintereinander ereignen: jetzt am 12. August, dann am 2. August 2027 weiter südlich auf der Iberischen Halbinsel und eine ringförmige Sonnenfinsternis am 26. Januar 2028 an Spaniens Südspitze. So wird die Bevölkerung der Iberischen Halbinsel in einer seltenen Fülle mit diesem Grenzphänomen beschenkt. Und es ist ein Grenzphänomen! Fünfmal habe ich eine Totalität beobachten können und jedes Mal war es ein einzigartiges Erlebnis. Wie bei allen Grenzphänomenen sind Schönheit und Furchtbarkeit beieinander, wenn «der geheimnisvolle Schein eines Jenseits» zu sehen ist.
Zu einem Grenzphänomen gehört, dass vertraute Beschreibungen kaum greifen. Das gilt für die Farbe der Landschaft: eine merkwürdige Mischung aus bleiernem, ockergelbem Licht liegt auf der Natur. Gleichzeitig erzeugt die immer schmaler werdende Sonnensichel eine scharfe Zeichnung von Licht und Schatten. All die Phänomene um eine Sonnenfinsternis steigern sich mit der Totalität. Die Sichel der Sonne zerfällt in einzelne Lichttropfen, und dann wird es dunkel. Es lohnt sich, kurz zuvor westwärts zu schauen, wie die Finsternis heranrollt. Es ist, als würde sich ein Finsterniswesen der Erde bemächtigen. In diesem Moment versteht man die germanische antike Vorstellung des Fenriswolfes. Er repräsentiert die Mondbahn, die nun die Sonne zu verschlingen droht. Mit der Totalität senkt sich ein Schauder über alle Beobachtenden. Die Sonne und ihr ewiges Versprechen von Licht und Wärme scheinen gebrochen.
Doch was geschieht dann? Um den anthrazitfarbenen Mond vor der Sonnenscheibe entfaltet sich ein transparenter Schleier von unermesslicher Schönheit – die Sonnenkorona! «Schauer und Erhabenheit» nennt es Adalbert Stifter, was in diesem Moment zugleich durch die Seele zieht. Es sind nur eine oder zwei Minuten – doch diese Zeitspanne ist eine Ewigkeit. Man meint, die Zeit stehe still. Und dann ist es mit einem Mal zu Ende. Ein erster Lichttropfen findet durch ein Mondtal den Weg zum Auge. Da reicht dieser einzige Strahl und sogleich ist alles anders. Die Bedrückung weicht, die finstere Stimmung verfliegt. Es gibt keine stärkere Naturerfahrung, die die Stimmung von Ostersonntag, von neuem Anfang, so mächtig ausdrückt wie dieses erste neue Licht.
Dramaturgie der Finsternis
Die letzten Minuten vor der Totalität sind dramatisch. Ein Wind setzt ein, und wer einen weiten Blick nach Nordwest hat, sieht einen Schatten heraneilen. Die Menschen werden still, gespenstisch wird die Atmosphäre. Die ganze Natur wird vom Schauspiel ergriffen. In einer Woge kommt die Finsternis über einen. Der zuvor schwarze Mond bekommt eine anthrazitfarbene Tönung. Der Himmel wechselt in ein tiefes Stahlblau und am Horizont sind gelbe und orange Farben vergleichbar mit einem Sonnenuntergang zu sehen. Es ist so still, man hört das eigene Herz schlagen. Bei der Sonnenfinsternis 2006 in der Türkei lief eine Taube auf uns zu und legte ihren Kopf auf den Schuh meines Freundes. Die ersten Sekunden der Totalität sind kostbar. Denn jetzt sieht man für wenige Augenblicke die Chromosphäre der Sonne. Es ist eine dünne, 2000 Kilometer mächtige Haut über dem Sonnenleib und geht in die Sonnenkorona über. Was auf Fotografien wie Feuerzungen aussieht, das zeigt sich hier im Fernglas oder Teleskop als unendlich zarte, inkarnatfarbene Lichterscheinung.
Anthroposophie der Sonnenfinsternis
Die Erde ist immer im Glanz der Sonne aufgehoben. Alles auf der Erde ist im Sonnenlicht beheimatet. Die Sonnengesänge von Echnaton, von Julian Apostata und später von Franz von Assisi besingen diese sinnlich-übersinnliche Lebens- und Liebesgabe der Sonne. Bei einer Sonnenfinsternis ist für einen Moment diese Sonnenhülle der Erde unterbrochen. Eine Schülerin sagte beim Anblick der Finsternis, sie habe sich auf einen anderen Planeten entrückt gefühlt. Was für eine Beobachtung! Tatsächlich, auf der Erde zu leben, bedeutet zugleich, ‹in› der Aura der Sonne aufgehoben zu sein. Wir leben auf der Erde und in der Sonne. Damit ist auch all das, was zum Schattenhaften der Persönlichkeit gehört, vom Sonnenglanz ergriffen. In Goethes ‹Faust› preisen am Anfang die Engel die Schöpfung und setzen die Sonne an die erste Stelle:
Am Ende der Szene wendet sich Gottvater dann an die Engel: «Doch ihr, die echten Göttersöhne, / Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! / Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, / Umfass euch mit der Liebe holden Schranken, / Und was in schwankender Erscheinung schwebt, / Befestiget mit dauernden Gedanken!»
Mit «der Liebe holden Schranken» sollen die Engel das, was in schwankender Erscheinung schwebt, mit dauernden Gedanken befestigen. Alles, was Faust auch tut, mögen die Engel mit Gedanken der Liebe begleiten. Sie sollen nicht eingreifen, aber es gedanklich mittragen. Damit ist die geistige Sonne gemeint! Während die sichtbare Sonne jeden unserer Schritte in ihr Licht taucht, sind es die Engel als die Boten der geistigen Sonne, die ideell die menschlichen Wege in geistiges Licht hüllen. Mit der Sonnenfinsternis ist diese sinnlich-übersinnliche Hülle für kurze Zeit fortgenommen. Die Erde, wir Menschen, sind kosmisch hüllenlos. Das ist ein Schmerz und auch ein sonderbares Gefühl der Befreiung. Doch wie gut, wenn nach den wenigen Minuten Finsternis das erste Licht wie ein allererstes Licht wieder die Erde berührt! Da gilt noch mal Fausts Wort: «Die Erde hat mich wieder!»
Siehe Wolfgang Held, Sternkalender Ostern 2026 bis Ostern 2027 – Die totale Sonnenfinsternis im Jahr des Löwen. Dornach 2025.
Bild ebd.

