Wenn das Licht schwindet, wie bei einer Sonnenfinsternis, werden wir für einen Augenblick in der Dunkelheit sehend. Die ‹Pietà› von Tizian zeigt diesen Prozess, der auch immer einen Neuanfang in sich trägt.
Der Maler Tizian (1488/90–1576) öffnete einen neuen gefühlsbetonten Innenraum durch die Leuchtkraft und Lebendigkeit seines Kolorits und seine Art, farbige Erscheinungen mit Licht zu durchfluten. Von seinen Zeitgenossen wurde er ‹die Sonne unter den Sternen› genannt. Fast unmittelbar nach ihm schloss sich dieser Innenraum wieder. Die Farben wurden immer weniger vom inneren Licht zum Erscheinen geführt. Sondern sie wurden, veräußerlicht zwischen Hell und Dunkel, zur Kontrastwirkung angewendet. Seinen eigenen Umlauf um die Sonne begann Tizian in einem Zeitalter, in dem sich das Verhältnis vom Einzelnen zur Gemeinschaft grundsätzlich änderte. Die Kräfte, die eine Gesellschaft zusammenhielten, begannen, weniger wirksam zu sein. Es wirkt, als hätte Tizian in seinem ganzen Schaffen ein letztes Mal Licht und Farbe zu ihrer höchsten Offenbarung gebracht. Seine Farben triumphierten mehr noch als das Licht, um am Ende seines langen Lebens die Farben selbst auszulöschen. Anders kann man einem seiner letzten Gemälde (1575–1576) nicht nahekommen. Die ‹Pietà›, vermutlich geschaffen für sein eigenes Grabmal, befindet sich heute in der Galleria dell’Accademia in Venedig. Fast quadratisch (3,53 × 3,49 m), weckt dieses Bild nie endende Fragen.
Was die Szene erzählt, ist ergreifend. Wir erkennen es unmittelbar wieder. In jedem Leben kann sich diese Erzählung ereignen, wenn auch auf verschiedene Arten. Es geht um die Verletzlichkeit eines jeden Menschen und wie sie sich auswirkt. Jede Figur bezeugt sie. Als käme der alte Mann (der Eremit Hieronymus) rechts unten gerade erst an, die leblose Hand am Boden fassend. Auf der kleinen Votivtafel ganz rechts sprechen zwei Kniende (Tizian und einer seiner Söhne) Gebete, die nicht erhört werden. Im Zentrum versucht die Mutter vergebens, ihren Sohn aufzurichten, damit sie sein Antlitz sehen kann. Ab diesem Moment soll sie das Unfassbare als offene Wunde tragen. Der Pelikan in der Nische über ihr hat sich die Brust geöffnet, um seine Jungen mit seinem Blut zu ernähren. Das Gold glänzt noch nach, aber es schenkt Maria keinen Trost mehr. Sie ist mit Verstummung geschlagen. Den Schrei, der sich nicht aus ihr befreien kann, trägt Maria Magdalena weiter in die Welt, in der dieses Ereignis erst noch eintreten wird. Jeden Moment kann das, was vom Tempel noch aufrecht steht, einstürzen. Etwas Unfassbares bahnt sich seinen unwiderruflichen Weg.
Sterbendes Licht
Darüber entfaltet sich das Drama des verlöschenden Lichtes. Wir tauchen ins Zeitliche, ins Prozesshafte ein, wie beim Anschauen einer Ikone. Die Farben an der Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem offenbaren Schritt für Schritt dieses Geschehen. Erst jetzt werden zwei Figuren bedeutungsvoll. Ganz unten links ‹umarmt› eine Figur, sich vorbeugend und nach der Mitte schauend, ein Gefäß. Auf der anderen Seite, auf Höhe der Goldkuppel, erscheint eine geflügelte Figur, die im Heruntersteigen die Fackel löscht. Dann erst wird die Finsternis ganz eingetreten sein. Beide Gestalten, Cautes und Cautopates genannt, gehören zum alten römischen Mithraskult. Sie stehen jetzt aber in einem neuen Zusammenhang, der sich noch enthüllen soll. Noch ein letztes Mal zeigen sich die Farben im verschwindenden Licht. Ihre Leuchtkraft nimmt immer mehr ab. Das bleierne Grau der Gesteine um die Nische wird allmählich in totaler Dunkelheit ausgeblendet werden. Bald werden die Figuren und ihre Gewänder zu auseinanderfallenden Resten von fahlen Lichtspiegelungen. Jedes Antlitz wird wie Asche, grau und weiß, und nimmt die Farbe der absoluten Verlassenheit an. So kündigt es sich im Antlitz Christi schon an. Alles Rötlich-Bräunliche, wie das Nachglühen von Wärme, wird sich zum Graugrün entbinden. Letztendlich wird das Gold ganz zu Blei werden.
Und doch! Im Inneren der Kuppel, wo der geflügelte Fackelträger die Fackel umwendet, ist ein hellroter Fleck sichtbar. Die untergehende Sonne? Noch sichtbar? Oder schon sichtbar? Und bedeutet die andere Figur ganz unten an den Füßen der Maria Magdalena, die das Gefäß mit Balsam nimmt, vielleicht schon, dass dieses kostbare Öl nicht länger notwendig sei? Aber das sind Betrachtungen aus einer Zeit, in der wir erleben können, wie das Licht der Welt sich aus der unvermittelten Empfindung und dem Gewahrwerden zurückgezogen hat. Zweifellos hat Tizian aus seiner immensen schöpferischen Potenz und zugleich auch aus der Untergangsstimmung seiner Zeit vorausfühlen können, was nach ihm kommen würde. Die ‹Pietà› ist neben allen anderen auch ein Neubeginn. Wobei heutzutage sowohl das Licht als auch die Finsternis an diesem immerwährenden Neubeginn teilnehmen kann. So wie wir.


