Denken wir unser Land neu! So wird es zum fruchtbaren Boden für unsere Seele und unser soziales Leben.
Was wäre, wenn wir das Land, den Boden als eine Membran zwischen Himmel und Erde verstehen würden? Eine solche Haut definiert und integriert jenes, was auf beiden Seiten liegt. Ohne diese Grenze gibt es keinen Horizont. Ohne Horizont gibt es kein Berühren von Himmel und Erde und damit keine Orientierung für uns, weder räumlich noch zeitlich, wie zum Beispiel beim Sonnenauf- und -untergang. Ohne Land hätten wir keinen Ort zum Stehen und keine Möglichkeit, die Materie zu erkennen, aus der wir bestehen. Ohne diese Orientierung wäre unsere Lebendigkeit gefährdet. Das menschliche Bewusstsein ist ebenso untrennbar mit Himmel und Erde verbunden wie der Mensch mit dem Land. Land ist als Schwelle denkbar.
Gravitation und ihre Gegenkraft, die Levitation, fließen wechselseitig entlang eines Weges, der Erdmaterie und kosmische Bewegung verbindet. Jedes menschliche Leben bewegt sich als einzigartige spirituelle Substanz, als Individualität, entlang dieses Weges. Land ist die Haut der Erde – die wunderschöne Decke über einem System aus Felsen, offenen Flächen und Durchgängen, Luft und allgegenwärtiger Feuchtigkeit. Wer schon einmal in einer Höhle war, sah inspirierend und offensichtlich, warum die Erde ‹Mutter› ist. Wer noch nie unter der Erde war, sollte nicht davon ausgehen, dass das ‹terra firma› etwas Stabiles bedeutet. Wir schreiten auf einer Oberfläche, die kontinuierlich kosmische und irdische Weisheit vermittelt. Wir werden selbst Vermittelnde, sollten wir uns für ein solches Bewusstsein entscheiden. Wir können katalytisch wirken, indem wir die Erde befreien, damit sie ihr Schicksal erfüllen kann. Oder wir wirken katastrophal, indem wir ihre Entwicklung zerstören. Es sind zwei Wege, zwei unterschiedliche Ergebnisse für die Erde und das Land, das sie umgibt, und zwei unterschiedliche Konsequenzen für den Zustand der Menschheit. Land definiert die Horizontale, die gemeinsame Grundlage. Zugleich ermöglicht es uns das Teilnehmen am Strom zwischen Geist und Materie.
Gegenstück zur Intelligenz des Menschen
Land ernährt uns, tröstet uns, schenkt uns seine Schönheit, lehrt uns die Genialität von Abhängigkeit, Gegenseitigkeit und Chaos. Es zeichnet unsere Taten auf, erträgt unsere Arroganz. Es ist auch ein wunderbares Gegenstück zur menschlichen Intelligenz. Es ist formbar und unterliegt den schöpferischen oder auch zerstörerischen Anschauungen des Menschen. Landbesitz ist eine Erfindung und spiegelt eine dieser Anschauungen wider. Eigentum, das sich auf Schätzwerte, Wertminderung und extraktive Produktion für privaten Profit über den Lebensunterhalt hinaus konzentriert, unterwirft das Land und macht es zur Ware. Gleichzeitig kann Eigentum im Namen zukünftiger Generationen Verantwortungsbewusstsein bedeuten. Solches Eigentum handelt aus der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit heraus. Wie wir besitzen, sagt etwas über uns aus, nicht über das Land. Die Realität ist, dass Land unser Gemeingut ist, denn die Natur existierte schon vor uns. In einem moralischen Universum sollten wir uns glücklich schätzen, vom Land aufgenommen zu werden, und uns mit Demut im Geiste des Schenkens mit ihm verbinden.
Land ermöglicht die soziale Welt, den Boden, auf dem sich unser Leben in dynamischen Beziehungen abspielt. Unsere täglichen Interaktionen, unsere Arbeit und unsere Berufe sind auf und in der Erde und dem gemeinsamen Boden gegründet. In der Moderne hat sich die menschliche Geschichte auf die Entwicklung der individuellen Identität konzentriert – mit den Schattenwürfen des Eigennutzes. Der gegenseitige Austausch mit der natürlichen Welt ist dadurch gehemmt, obwohl die Natur in jedem von uns wirkt. Die daraus entstehende Dissonanz verursacht Krankheiten. Wir entfremden uns von den Phänomenen der Welt, von Himmel und Erde, an denen wir unbewusst und unfreiwillig teilhaben, im Guten wie im Schlechten. Unsere Aufgabe ist es, zu erkennen, wie tief wir tatsächlich mit dem Land und der Natur verbunden sind, und dabei unsere Verbindung und gegenseitige Abhängigkeit von anderen wahrzunehmen. Diese Vorstellung von Gemeinschaft trägt die Weisheit unserer Vorfahren in sich. Sie bedarf eines erneuten und bewussten Erwachens.
Ein guter Landwirt und eine gute Landwirtin wissen um das Wesen ihrer Verantwortung. Sie wissen, dass die Fruchtbarkeit des Landes und des Bodens das Zentrum aller Landwirtschaft ist. Können wir uns eine neue Fruchtbarkeit im Sozialen vorstellen, die aus dem resultiert, was Bäuerin und Bauer schon wissen? Eine solche Vorstellung könnte den tatsächlichen Zustand des Landes und die wirklichen Bedingungen menschlicher Sehnsucht zusammenführen in eine Idee des Gemeinwohls: auf Genügsamkeit basierend, statt auf Macht; eher auf Liebe fußend als auf Ausbeutung oder Gleichgültigkeit. Ohne ein solches Ideal haben wir keine Leitidee, aus der wir Inspiration schöpfen können, kein Land, auf dem wir in Freiheit wandeln können, und keinen Horizont, der den Sonnenaufgang markiert und Hoffnung für den kommenden Tag weckt.
Foto Viateur Hwang








