Die vergessenen Bauern – Wie Europa seine Landwirtschaft verliert

Unsere Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Die Situation führt regelmäßig zu großen Bauernprotesten – in Frankreich oft mit Straßensperren und spektakulären Aktionen. Halbherzige politische Maßnahmen ändern nichts Grundlegendes.


Winter 2023/24: Große Demonstrationen in den Niederlanden gegen neue Auflagen und sinkende Löhne breiteten sich über Europa aus. Seit Sommer 2025 sorgt die Vogelgrippe in Frankreich für Aufruhr – seit zwei Jahren führt sie zu systematischen Keulungen von Millionen Hühnern und Enten. Medien machten Wildvögel verantwortlich, obwohl die Infektion durch intensive Tierhaltung in Asien verursacht wurde. Parallel trafen neue Ausbrüche der Blauzungenkrankheit und der Epizootischen Hämorrhagischen Krankheit (EHD) Rinder- und Schafzüchter. Diesen Sommer kam die Lumpy-Skin-Krankheit hinzu, die in Afrika endemisch, aber neu für Frankreich ist. Diese häufigeren Epidemien zeigen, wie krank das Tierhaltungssystem ist und wie tief es Landwirtinnen und Landwirte trifft.1

Statt die intensive Tierhaltung und die Globalisierung des Tiertransports – die wahren Epidemieherde2 – zu hinterfragen, ergriff die französische Regierung mit dem Bauernverband FNSEA radikale Maßnahmen. Ziel war nicht, kranke Tiere zu versorgen, sondern Rinderexporte zu ermöglichen. Die Methode: ganze Herden töten, sobald ein Tier erkrankt. Diese oft polizeilich überwachten Maßnahmen lösten erste Demonstrationen aus. Die vollständige Vernichtung seiner Herde bedeutet für einen Landwirt weit mehr als die normale Schlachtung. Es bedeutet, die Früchte langjähriger Zuchtarbeit und eine innige Verbindung zum Kern der eigenen Tätigkeit zu verlieren. Die Beziehung zum Tier berührt Landwirte und Landwirtinnen zutiefst.

Unfairer Handel

Zu diesen Epidemien kommt der umstrittene Mercosur-Vertrag hinzu, der kürzlich unterzeichnet wurde und nun auf Ratifizierung durch das Europäische Parlament und die Parlamente der südamerikanischen Länder wartet. Das Europäische Parlament beschloss am 21. Januar, das Freihandelsabkommen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) überprüfen zu lassen – eine Entscheidung, die das Inkrafttreten verzögern könnte. Die Meinungen zu diesem Abkommen gehen auseinander: von Land zu Land und von einer Gruppe von Landwirten und Landwirtinnen zur anderen.

Wie ist das zu verstehen? Landwirte haben sich angewöhnt, rein korporatistisch zu denken, statt im Sinne der gesamten Gesellschaft. Die Landwirtschaft – die die Bevölkerung ernährt und unsere Landschaften prägt – spielt eine ganz andere Rolle als eine bloße Industrie. Aus korporatistischer Sicht profitieren einige Erzeuger und Länder von Exportmöglichkeiten, beispielsweise die Winzer und Winzerinnen. Andere hingegen, insbesondere die Viehzuchtbetriebe, befürchten zu Recht massive Importe minderwertiger und vor allem viel billigerer tierischer Erzeugnisse nach Europa.

Mangelnde Anerkennung

Das sind nur Vorwände. Der wahre Grund ist mangelnde Anerkennung, ja Demütigung vieler Landwirtinnen und Landwirte. Ihre wichtige gesellschaftliche Rolle wird nicht wahrgenommen. Selbst Bio- und Biodynamik-Landwirte und -Landwirtinnen leiden unter fehlender Anerkennung durch eine städtischer werdende Gesellschaft. Sie leiden auch unter dem Unverständnis der Politik, die meint, alle Probleme durch mehr Bürokratie lösen zu können. Auch wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem Ziel einer ökologischen Landwirtschaft und ihrer Umsetzung. Die Bestimmungen wurden zu oft von oben durchgedrückt, was die Betroffenen in der Landwirtschaft auch demütigte. Besser wäre es gewesen, diese Entwicklung in landwirtschaftlichen Schulen zu verankern und durch Hofbegleitung einzuführen.

In Frankreich nutzte der Bauernverband (FNSEA) die Unzufriedenheit aus und erwirkte Vorteile, die hauptsächlich großen Agrarkonzernen zugutekommen. Kleine und mittlere Höfe profitieren kaum. Das Ziel: größere Tierfabriken und riesige Felder bei gleichzeitigem Abbau von Umweltschutzmaßnahmen. So dürfen Bauern und Bäuerinnen wieder mehr Pestizide und Kunstdünger einsetzen – obwohl gerade sie oft darunter leiden. Ein weiterer Widerspruch: Wegen der Vogelgrippe muss in Frankreich alles Geflügel eingesperrt werden – auch auf Biohöfen! Gleichzeitig dürfen immer größere Industriebetriebe mit Massentierhaltung entstehen, die Tierseuchen und Umweltprobleme verursachen – und dann strengere Kontrollen für alle anderen fordern.

Steigende Energiepreise erhöhen die Abhängigkeit der Landwirtschaftsbetriebe. Zugleich gibt es immer weniger Höfe mit praktischen Bäuerinnen und Bauern – stattdessen übernehmen große Firmen mit Managerinnen und Arbeitern. Wie durchbrechen wir diesen Teufelskreis und geben dem Beruf wieder Würde und Zukunft?

Gemeinsam neu denken

Es geht darum, dass die Bauern und Bäuerinnen selbst in die Lage kommen, souverän eine vernünftige Landwirtschaft zu betreiben. Wie kann die Gesellschaft das ermöglichen? Dafür müssten Rundtischgespräche (Bürgerkonferenzen) einberufen werden, zu denen alle Bürger und Bürgerinnen eingeladen werden, die von der Zukunft der Landwirtschaft betroffen sind. Dabei müsste man sich trauen, die grundlegende Frage anzusprechen: Was ist Landwirtschaft?

In Frankreich sprach man lange von der ‹kulturellen Ausnahme›. Wäre es nicht dringend nötig, auch von einer ‹landwirtschaftlichen Ausnahme› zu sprechen? Wie Steiner 1924 im ersten Vortrag seines Landwirtschaftlichen Kurses bereits sagte,3 müssen Kriterien aus der Realität der Landwirtschaft kommen – nicht aus abstrakten Wirtschaftstheorien.


Foto Aravind Balabhaskar/Unsplash

Fußnoten

  1. Ulysse Thevenon, Le sens du bétail. Vous ne mangerez plus jamais de la même façon. Flammarion, Paris 2025.
  2. Marie-Monique Robin, La fabrique des pandémies. Préserver la biodiversité, un impératif pour la santé planétaire. Éditions La Découverte, Paris 2021.
  3. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. GA 327, Koberwitz, 7. Juni 1924.
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