Immer sind wir umgeben – von Klima und Landschaft, Kultur, Tradition und anderen Menschen. Wir finden sie zunächst vor, dann suchen oder fliehen wir sie, verschlafen, erkennen und formen sie. Dass wir immer Teil der Umgebungen sind, in denen wir leben, realisieren wir nicht unbedingt, sicherlich nicht vollständig. Und umgekehrt erfahren wir die Folgen unseres Daseins für unsere Umgebungen nur sehr ausschnittsweise. Unsere Gegenwart scheint danach zu rufen, dass wir uns dieser Prägungen und Wirkungen bewusster werden. Wir leben im Anthropozän.
Im meditativen Leben verbinde ich mich willentlich mit ganz bestimmten Inhalten und Formen. Die Art der inneren Praxis, ihre Motive, Bilder und Worte stammen aus bestimmten Traditionen oder Schulen. Durch Neigung, Wahl und Zuwendung, dann in Konzentration und Kontemplation entsteht eine Verbindung, die es ohne meine eigene innere Tätigkeit nicht gäbe. Was sich in meinem Bewusstsein dadurch bildet, ist individuell, nicht allgemein und irgendwie. Es kann nicht alles umfassen oder etwa beanspruchen, ist begrenzt, auch wenn es sich auf Grenzenloses richtet.
In der anthroposophischen Tradition spielt die mantrische Meditation eine besondere Rolle. Das Mantra – das heilige Wort, der göttliche Gesang oder das geistige Instrument –, dem ich mich zuwende, dem ich näher und näher komme, formt einen Klangkörper, in den ich eintrete. Das mantrische Spätwerk Rudolf Steiners scheint wie ein Klang, mit dem ich eins werden kann, indem ich mich verwandle, ohne mich zu verlieren. Das Mantra wird zu innerer Umgebung. In dieser mantrischen Umgebung sind Tradition und Gegenwärtigkeit, Begrenztes und Unbegrenztes, Bewusstsein und Leben keine Gegensätze.
Bilder Helen Comerford, ‹The Nineteen›




