Priester zwischen Ost und West

Es gibt Biografien, die man liest, um etwas über einen Menschen zu erfahren. Und es gibt Biografien, die man liest, um das Leben selbst in seinem geschichtlichen Lauf und seiner inneren Dramatik kennenzulernen. Das Buch von Frank Peschel über Josef Adamec gehört zu dieser zweiten Kategorie.


Josef Adamec wurde am 22. April 1902 in dem kleinen ostböhmischen Ort Kerhartice als Sohn eines Schuhmachermeisters geboren und starb am 14. April 1995 – mitten in den Vorbereitungen seiner Karfreitagspredigt, das Notizenblatt noch auf dem Tisch, der letzte Satz unvollendet: «Die Stätte unseres Herzens brennt, das ist eine mystische Tatsache …» Dieser erschütternde Auftakt ist zugleich der Schlüssel zum ganzen Buch: Ein Priester der Christengemeinschaft, der seine Berufung das 20. Jahrhundert hindurch lebt, bis in den letzten Atemzug – und diese Berufung nicht nur durch einen gewaltigen Zeitraum trägt, sondern auch durch Räume, die in diesem Jahrhundert durch unüberwindliche Überzeugungen, Ideologien, Mauern und Zäune getrennt waren. Frank Peschel, selbst Priester der Christengemeinschaft und langjähriger Mitarbeiter von Adamec in Prag, zeichnet dessen Lebensweg mit liebevoller Sorgfalt nach. Das Buch ist die deutsche Übersetzung des tschechischen Originals aus dem Jahr 2022, das Peschel selbst verfasst hat als ein Zeichen seiner persönlichen Verbundenheit.

Weihehandlung in der Küche

Das Werk gliedert sich in drei groß angelegte Abschnitte. Weg, Leben, Wahrheit. Diese Dreiteilung ist nicht nur strukturell, sondern tief inhaltlich gemeint. Im ersten Teil verfolgt Peschel Adamecs Kindheit in armen, aber spirituell lebendigen Verhältnissen, seine Jugend in der tschechischen Provinz, seine Begegnung mit dem Werk Rudolf Steiners, die religiöse Erneuerungsbewegung der frühen 1920er-Jahre und schließlich seine Priesterweihe. Ein besonderes Gewicht erhält ein einschlagendes Erlebnis des jungen Josef: Schon als Kleinkind von Ohnmacht heimgesucht, wird er durch ein Muttergebet in einer kleinen Kapelle geheilt und antwortet fortan auf die Frage nach seinem Berufswunsch stets nur mit einem Wort: Priester. Diese innere Überzeugung trägt Adamec mit unhinterfragter Festigkeit durch alle folgenden Krisen und Lebensverhältnisse.

Der zweite, umfangreichste Teil schildert das eigentliche Priesterleben Adamecs unter den lebensfremden Bedingungen des Nationalsozialismus und anschließend der tschechoslowakischen Diktatur: Berufsverbote, Verhöre, Staatssicherheit, Jahrzehnte des Schweigens. Und doch wirkt Adamec unbeugsam in einem kleinen Kreis treuer Gemeindemitglieder und führt zum Beispiel jahrelang Weihehandlungen in seiner eigenen Küche durch. Seinen Lebensimpuls als Priester hält und bewahrt er in sich und wirkt im Kleinen fort. Der Prager Frühling 1968 lässt kurz aufatmen, der darauffolgende ‹tiefe Winter› trifft umso härter. Diese Kapitel sind historisch lebensvoll, dramatisch, berührend und lesen sich stellenweise wie ein Zeugenbericht aus einer anderen unzugänglichen Welt, in die wir durch das Auge Peschels hineinblicken dürfen.

Der dritte Teil ‹Wahrheit› begleitet den alten Adamec auf dem Weg in den Tod – ruhig, würdevoll und von einer stillen Größe geprägt.

Peschels Stärke liegt in der Unmittelbarkeit. Er hat Adamec selbst gekannt, mit ihm gearbeitet, seine letzten Jahre miterlebt. Das verleiht dem Buch eine Wärme und Glaubwürdigkeit, die rein akademische Biografien selten erreichen. So lässt der Autor bewusst die lebensvollen Auseinandersetzungen zwischen der deutschen Priesterschaft der Christengemeinschaft in seinen bekannten Vertretern wie Rittelmeyer, Bock oder Lenz und der in der Person von Adamec selbst entstehen wollenden tschechischen Priesterschaft aufscheinen. Ist er ja selbst als deutscher Priester in Prag persönlich involviert! Dadurch aber kann etwas aufleuchten, das noch mehr Bedeutung in sich trägt. Lebt doch in diesen lebensvollen Auseinandersetzungen eine noch größere Problematik auf: der West-Ost-Konflikt. Umso mehr kann es berühren, wie in dem Ringen von Josef Adamec, dem Vertreter der östlichen Seite, Lösungen und Befriedungen dieses Konflikts durchscheinen und aufleuchten. Wir blicken so auf ein Werk, das nicht im Äußeren seine beeindruckende Wirksamkeit entfaltet, sondern im Innern. Die östliche Seele selbst nimmt in dieser Lebensskizze Gestalt an. Gleichzeitig stützt sich der Autor auf Adamecs eigene Erinnerungen, auf Archivmaterial, Kirchenbücher und Zeugenberichte, sodass das Werk trotz seiner persönlichen Färbung quellengesättigt und historisch zuverlässig ist. Ein umfangreicher Anhang mit Familienangaben, Anmerkungen, Register und Nachwort rundet das Werk wissenschaftlich ab. Das Buch zeichnet so nicht nur einen Teil der Geschichte der Christengemeinschaft, sondern auch das Schicksal eines religiösen Menschen unter einem totalitären Regime und damit einen bisher wohl wenig beachteten Teil tschechischer Geistesgeschichte.

«Ich selbst bin nichts, doch hinter mir steht etwas Großes» – dieses Selbstzeugnis Josef Adamecs steht dem Buch als Motto voran und gibt ihm seinen Ton. Frank Peschel ist mit dieser Biografie ein stilles, ernstes und berührendes Werk gelungen, das über das Leben eines einzelnen Priesters hinausweist und von der Unzerstörbarkeit des Geistes in dunklen Zeiten erzählt.


Buch Frank Peschel: Die Stätte unseres Herzens brennt. Josef Adamec – Der erste tschechische Priester der Christen­gemeinschaft. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2026

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