Ita Wegmans Ansprache zur Eröffnung des Arlesheimer Klinik-Ausbaus (1926) vor 100 Jahren.
Wenn von Menschen, die einer Weltanschauung angehören, in der das Übersinnliche eine Rolle spielt, etwas getan wird, dann wird dieses Tun innerhalb dieser Weltanschauung immer zweierlei Charakter haben.
Es wird, wenn das Tun nach außen gerichtet ist, dieses Tun ein exoterisches Gepräge haben, das heisst, es wird so geartet sein, dass jeder Anders-Denkende es verstehen kann, sodass es nicht aus dem Rahmen fällt des schon Bestehenden. Es gibt aber innerhalb dieser Weltanschauung das andere Tun, das sich einreiht und sich orientiert nach übersinnlichen Gesetzen.
Daran müssen wir denken, wenn wir heute hier zusammengekommen sind, um eine Tat zu verrichten, die nach innen und außen eine große Bedeutung hat. Es ist der Tag, an dem wir der Öffentlichkeit übergeben eine Stätte, von der aus, unsere medizinische Arbeit kraftvoll sich nach außen entfalten soll, eine Stätte, in der Kranke und Müde an Körper und Seele Ruhe und Heilung finden sollen.
Diese Seite unseres äußeren Tuns wird von der Außenwelt mit Interesse beobachtet werden. Man wird ihm auch mit Kritik begegnen. Und umso glanzvoller wir dieses Tun einleiten, umso besser wird es sein; dann wird dieser unser erster, nach außen gewendeter, Schritt von Erfolg gekrönt sein. Umso weltmännischer man sich dabei benimmt, umso bejahender wird das Echo von außen sein. Umso sicherer die Haltung derjenigen ist, die die Tat vollbringen, umso mehr wird dieselbe akzeptiert von solchen Außenstehenden, die sonst nur Kritik haben und eine negative Einstellung neuen Ideen gegenüber.
Aber was muss zu gleicher Zeit die Innenseite unseres Tuns sein? Als die gleichen Menschen, die so nach außen in weltmännischer Art sich zu benehmen wissen, die mit sicherer Haltung den Menschen entgegentreten können, die durch ihr Wissen die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich lenken; als die gleichen Menschen müssen wir uns bewusst sein, dass noch ein anderes Tun von uns gefordert wird, ein Tun, mit dem wir uns nicht mehr nach außen richten, das vielmehr in unserm Herzen geboren werden muss, ein Tun, das dahin geht, sich nicht mehr nach den Menschen zu orientieren oder sich mit ihnen zu befassen, sondern sich als Glied hineinzustellen in die geistige Welt.
Ganz real wollen wir als solche Menschen auf der einen Seite mit den Menschen und der Welt verkehren, auf der andern Seite mit den Göttern Umgang pflegen. Nimmt man die geistige Welt ernst, nimmt man sie real, dann muss selbstverständlich eine ganz andere Seelenstimmung, eine ganz andere Seelenverfassung herrschen in dem Momente, wo man sein inneres Auge, sein inneres Ohr, seine Seele dem hinwenden will, was die geistige Welt zu offenbaren hat. An Stelle der selbstsicheren stolzen Haltung muss demutvolle bescheidene Haltung eintreten, eine Haltung, in der man empfangen will, statt zu geben. Bis in die Gebärde und Geste muss sich diese Umwandlung vollziehen, der Kopf beugt sich wie nach innen lauschend, der Blick haftet nicht mehr an dem Glanz der äußeren Gegenstände, die sonst sein Interesse erwecken, sondern kehrt sich nach innen; die Hände falten sich in erwartungsvoller Versenkung, und die Seele wird still, lässt ab von dem, was sie sonst emotionell bewegt. Diese Umwandlung, diese Innenkehr muss vollzogen werden, will man seine innere Stimme, die Stimme des Gewissens, hören.
Und was sagt die Stimme des Gewissens, wenn man so still bescheiden und in Demut in sich hineinhorcht, wie offenbart sie sich? Wenn man seelisch diese Stimme hört, dann erschrickt man zuerst, man fühlt sich klein, winzig klein, zu schwach, um zu ertragen, was sie uns sagt. Die Stimme des Gewissens fordert, sie fordert unerbittlich, sie fordert: nicht zu wanken in unserm Vertrauen gegenüber der geistigen Welt, nicht nachzulassen in der Erfüllung unserer Pflichten, sie verlangt, Schicksalsschläge mutig auf sich zu nehmen, mögen sie noch so schwer, noch so unbegreiflich sein.
Und hört man noch intimer hin auf diese Stimme des Gewissens, dann sagt es wiederum in aller Strenge: Zu viel Persönliches ist noch in dir. Nicht ist die geistige Welt zu erreichen mit so viel Egoismus in dir; gib dein Ich auf. Diese Aufforderung, sein eigenes Ich aufzugeben, ist von ungeheurer Tragweite. Zuerst ist man fassungslos. Sein eigenes Ich aufgeben, würde ja nach dem gewöhnlichen Bewusstsein bedeuten: ein schwächlicher Mensch werden. Aber schon klingt es in einem: Michael wohnt in dir, du siehst mit seinen Augen, du hast Christuskraft, du hast Weihe-Macht.1
In dem Maße, als man sein Eigen-Ich auslöschen kann, wird es hell und licht in uns, und klar steigt die Empfindung in uns auf, dass niemals das eigene Ich da sein kann, wenn Michaelskräfte, wenn Christuskraft, wenn Weihe-Macht einen überschatten oder sich geistig in einem vereinen wollen. Da muss das Persönliche zurückgedrängt werden, die Eigenliebe muss getötet werden.
Und vollzieht sich das in einem, dann kann man das Bild haben: der überwindenden, blutenden Schlange, die sich verwandelt in das Kreuz, und die Kräfte des Blutes wandeln sich uns in leuchtende Sterne. Sieben Sterne umstrahlen das Kreuz, die Kräfte von sieben leuchtenden Sternen fühlt man im Herzen, sie strahlen nach allen Seiten so stark, dass es in einem innerlich licht wird. Das in sich zu fühlen, müssen wir anstreben. So wird man zum Gefäß und Mittler für die Taten der geistigen Welt.
Wir müssen in den Weihestunden mit Demut und aller Bescheidenheit unser Ich opfern, damit Götter in uns wohnen können und Besitz ergreifen von Denken, Fühlen und Wollen. Auf diese Weise erhalten wir auch für unser Tun nach außen erst die richtige Kraft, das Ich bekommt dadurch den rechten Rückhalt; es wird das Ich so gestärkt, dass man das richtige Selbstbewusstsein erhält, dass es einen durchdringt von dem Kopf bis zu den Füssen und bis hinein in die Fingerspitzen. Der Mediziner, der diesen beschriebenen Weg nicht geht, wird seine Weltenaufgabe nicht erfüllen können.
Und wenn wir, meine lieben Freunde, zusammengekommen sind zur feierlichen Eröffnung der Klinik hier, so würden alle Feierlichkeiten, die zu dieser Eröffnung angesetzt sind, keine Bedeutung haben, wenn sie noch so glanzvoll verlaufen werden, sie würden verklingen und vergessen werden, wenn nicht in den Herzen von denjenigen, die mit der Arbeit dieser Klinik verbunden sind, neben dem exoterischen Nach-Außen-Wirken ein inneres esoterisches Leben gepflegt wird.
Und so soll es für uns jetzt bedeutungsvoll sein, wenn die Worte unseres Lehrers Rudolf Steiner, mit denen er sich mit uns verbunden hat, als er noch im physischen Leibe zu uns sprach, als erste hier in diesem Raum zu seiner Weihe ausgesprochen werden, die Worte, die anlässlich der Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach gegeben worden sind, die uns auch stets den in unseren Herzen erneuern sollen: «Menschenseele, Du lebest in den Gliedern …» (hier folgte die gesamte Grundstein-Meditation).2
Bild Klinik Arlesheim. Quelle: Ita Wegman Archiv, Arlesheim (IWA)


