Manfred Koch beleuchtet Rainer Maria Rilke aus den Perspektiven der Angst und Einsamkeit. Die Biografie ist eine beeindruckende Zusammenschau der literarischen Quellen und Rilkeforschung.
Rilke polarisiert seit jeher. Die einen belächeln oder verachten gar den Snob und Geck, Schnorrer und Adelshofierer, Hypochonder, Frauenhelden, süßlichen Reimeschmieder, Manieristen und Mystagogen. Andere verdanken seinen ‹Briefen an einen jungen Dichter› oder seiner lapidaren Formel: «Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles» entscheidenden Zuspruch in einer Lebenskrise, erliegen Rilkes orphischer Sprachmagie oder haben gar ihr Leben geändert wegen der Schlusszeile im Gedicht über den Archaischen Apollotorso. Manfred Koch gehört zu beiden Gruppen. Er hat seine frühere studentische Häme nach der Lektüre der ‹Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge› revidiert und mehr und mehr auch die Gedichte, Prosastücke und Briefe hoch schätzen gelernt. Aus seiner offenbar jahrelangen Beschäftigung ist zu den Rilke-Gedenkjahren 2025/2026 eine ergreifende Biografie entstanden, die geprägt ist von einer beeindruckenden Zusammenschau der literarischen Quellen und der Rilkeforschung. Mit den vieltausend Briefen, der minutiösen Lebens- und Werkchronik von Ingeborg Schnack und der noch nicht lange vorliegenden dreibändigen Sammlung von Erinnerungen an Rilke stand Koch vor einem immensen dokumentarischen Korpus, das der Biograf souverän auswertet und für zahlreiche Querverweise in seiner Werkinterpretation nutzt.
Die Biografie ist wesentlich unter der Perspektive der Angst verfasst. Rilke habe aus einer Grundstimmung der Angst gelebt und geschrieben, er habe als Dichter seine Ängste «melodisiert», sein Schreiben sei ein Versuch der literarischen Selbsttherapie gewesen, ein «Dinge machen aus Angst». Ein anderes (werk)biografisches Leitmotiv, das ebenso gut zum Untertitel getaugt hätte, ist die Einsamkeit. Rilke kultivierte geradezu ein Pathos der Einsamkeit, er suchte sie und zugleich litt unter ihr und flüchtete doch quasi an jedem Ort seines unsteten Wanderlebens in eine neue Verliebtheit, um die Zweisamkeit dann jeweils nur kurz auszuhalten, sich heiter-versöhnlich davonzuschleichen und dann die Beziehung in eine seiner zahlreichen sehnsuchtsvollen Briefliebschaften zu überführen. Solche Widersprüchlichkeiten und Inkonsequenzen behandelt Koch interessiert-empathisch, ohne darüber zu urteilen – so etwa auch Rilkes verklärtes Russlandverständnis und seine beiden Tolstoibegegnungen (1899/1900), die mehr seinen Wunschprojektionen als der Realität entsprachen, oder seine pathetische Überhöhung der Künstlernatur Rodins, der viel mehr Erotomane und kommerziell-industrieller «Weltausstellungskünstler» war, als Rilke wahrhaben wollte. Der Rodinrezeption stellt der Biograf dann in einem gelungenen Kontrast die Entdeckung Cézannes gegenüber, der in seinem radikalen Verzicht auf Leben zugunsten der Kunst, seinem übergroßen Anspruch und dem notwendigen Scheitern und seiner Einsamkeitssehnsucht ein «überwältigendes Identifikationsangebot» für Rilke darstellte. Auch «Verstiegen-Esoterisches» wie Rilkes Sensibilität für «Schwingungsräume» bespricht Koch respektvoll. Diese Geduld ermöglicht, dass er vielen kryptischen Formulierungen und Gedichtzeilen nachspüren und sie psychologisch oder biografisch verorten kann, ohne das Werk und das Leben plump in eins zu setzen. Dabei gelingen Koch immer wieder treffliche Formulierungen, die man sich dick anstreichen kann, etwa dass Rilke «das eigene Innere zum unmittelbaren Resonanzraum des Außenraums» mache. Aufschlussreich sind auch die Verortungen von Rilkes Schaffen in der Geistesgeschichte seiner Zeit, so beispielsweise in Bezug auf Georg Simmels Rollentheorie, mit der die verschiedenen Rollen sowohl in Rilkes Leben als auch im ‹Malte› erläutert werden.
Rilkes Auffassung der Religion (lies: Christentum, lies: Katholizismus) war ganz ablehnend. Er kritisierte scharf alle Metaphysik und hatte ein ganz diesseitiges, innerweltliches Gottes- und Engelsverständnis, seinen eigenen göttlichen «Weltinnenraum». In diesem Sinne mystifizierte er gerne sein Dichten als immanente religiöse Inspiration. Das machte den Dichter zu einem unzeitgemäßen Sonderling, der dadurch für viele immer wieder schwer rezipierbar war. Koch aber bekennt sich in den Schlusszeilen seiner Biografie unumwunden zu Rilke, indem er Robert Musils Worte bei der Gedenkfeier 1927 zitiert: Rilke war der größte deutsche Lyriker seit dem Mittelalter und hat «das deutsche Gedicht zum erstenmal vollkommen gemacht».
Buch Manfred Koch: Rilke. Dichter der Angst – Eine Biographie. C. H. Beck, München 2025






