Künstliche Intelligenz und soziale Medien verändern das Verhältnis zu Sprache und ihrer Bedeutung. Sie fordern das menschliche Denken heraus. John Bloom wagt für diesen Zustand ein Gegenmittel, welches er ‹wildes Denken› nennt. Es hilft, ein Gefühl spiritueller Freiheit wiederherzustellen, und schafft die Möglichkeit einer sich erneuernden Kultur.
Unsere Zeiten erfordern keine wilden Gedanken, sondern ein wildes Denken. Wildes Denken ist das Herz und der Wille, die in die Vorstellungskraft einfließen. Es wird von engelhaften Wesen geführt, die uns in eine moralische Atmosphäre der Liebe tauchen. Wildes Denken manifestiert spirituelle Freiheit. Seine Bedeutung leitet es ab aus der individuellen und gegenseitigen Verantwortung für das Wohlergehen des Menschseins im Zeitalter der Angst. Ein solches Denken zeugt vom Mut und der Notwendigkeit, positiv zu bleiben in einem Feld, das von Künstlichkeit, der Kommerzialisierung aller Dinge und realen oder imaginären politischen Agenden geprägt ist. Der Drang, zu alten Gewohnheiten zurückzukehren, die sich auf Monokultur und imperiale Herrschaft konzentrieren, geht mit der Absicht einher, das Denken durch Ideologie zu prägen. Langfristig erwirkt das, den Fluss des Denkens von dem zu trennen, was ihn seit jeher vorantreibt: die menschlichen Bedürfnisse und natürlichen Realitäten. Zu diesen Bedürfnissen gehören: 1. der Wille, die Welt zu erkennen; 2. die Freiheit, sich selbst zu erkennen; und 3. die Erkenntnis, dass wir gemeinsam ein sich ständig wandelndes Verständnis davon schaffen, wie die Welt funktioniert und warum jeder von uns in ihr präsent ist. Es besteht ein wesentlicher Zusammenhang zwischen wildem Denken und dem Schicksal menschlicher Beziehungen und Kultur sowie zwischen wildem Denken und der Notwendigkeit, spirituelle Freiheit zu pflegen und zu schützen.
So vieles in unserer Kultur scheint dieser Freiheit entgegenzuwirken. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür ist das Ausmaß, in dem die Künstlichkeit der Intelligenz mit einer zunehmenden Verkümmerung der menschlichen Denkfähigkeit einherzugehen scheint. Künstliche Intelligenz kann in ihrer Funktionsweise den Ursprung des Denkens nicht nachvollziehen. Ihr Inhalt setzt sich aus bereits vorhandenen digitalen Quellen zusammen. Die werden mit oder ohne Urheberrechtsgenehmigung übernommen und mittels Algorithmen zu etwas Neuem kombiniert, das wie ein zusammenhängender Gedanke erscheint. Als solche ist sie selbstreferenziell und in sich geschlossen. Während wir einen gewissen Sieg über die Information feiern, scheinen wir die Prozesse und Orte zu ignorieren und sogar anzugreifen, die die Erneuerung und Mitgestaltung des Denkens auf einer tiefen persönlichen und menschlichen Ebene fördern. Das sind die energetischen oder spirituell-kulturellen Felder, die den Ursprung des Denkens und der Gedanken ermöglichen.
Während ich dies schreibe, bin ich mir bewusst, dass meine Worte sofort nach ihrer Veröffentlichung im Internet erfasst werden. Sie werden in ein System aufgenommen, das zu groß ist, um zu scheitern, und über zu viele Ressourcen verfügt, um zur Rechenschaft gezogen zu werden. Im Wesentlichen betreibt dieses System einen Mega-Plagiatakt – ein Wort, dessen Ursprung ‹Entführung› bedeutet. Alle ‹Gedanken› oder Worte, die von künstlicher Intelligenz erzeugt werden, entstehen in Gefangenschaft. Sie sind somit isoliert oder losgelöst von den wilden Instinkten und der tiefen Disziplin menschlichen Wissens und Ausdrucks. Shakespeare erkannte diese starke Entfremdung bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts. In ‹Hamlet› (3. Akt, 3. Szene) hat König Claudius während seines Gebets einen Moment der ehrlichen Einsicht: «Meine Worte fliegen empor, meine Gedanken bleiben unten.» Shakespeare erkannte den Unterschied zwischen Denken, Gefühlen und Worten. So gesehen können wir sagen, künstliche Intelligenz beschäftigt uns mit einer Sprache, die aus Worten ohne lebendige Gedanken besteht.
Freies Feld
Auch wenn meine Worte festgehalten werden können, bleibt mein Denken frei. Das Geniale am Denken ist, dass es sich selbst – weil es kein Ding ist – vor den Zwängen und Begrenzungen digitaler Dimensionen schützt. Wildes Denken fordert uns auf, uns mit den Bedeutungen unserer Gedanken, Worte und Sprache auseinanderzusetzen und uns dabei ihres poetischen Charakters ebenso bewusst zu sein wie ihres sprachlichen. Wildes Denken enthält eine Qualität der Unterscheidungskraft, die das Wörtliche transzendiert und uns befähigt, in unseren eigenen Gedanken und denen anderer zu leben.
Das vom gedanklichen Sinn getrennte Wort ist ein typisches Merkmal des digitalen Zeitalters. Man könnte jedoch argumentieren, dass die Verwechslung der Darstellung mit dem, was sie darstellt, in der Welt der Kunst eine jahrhundertelange Geschichte hat. Die Fähigkeit, realistische Illusionen zu schaffen, hat zu einer andauernden Schwachstelle in unserer Wahrnehmung dessen geführt, wie wir wissen. Angesichts figürlicher Ethik und Ästhetik, die diese Substitution ermöglichen (man denke an die Bildschirmzeit), verlieren wir unsere Fähigkeit, in Echtzeit und im realen Raum zu beobachten. Damit verlieren wir auch unsere Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, denn ihr Ursprung ist undurchsichtig geworden. Das bedeutet, dass unser höheres moralisches Wesen, das in wildem Denken und spiritueller Freiheit gedeiht, mehr denn je aktiv sein muss. Das Fördern des Sinns für Wahrheit durch freies Denken ist ein wesentlicher Bestandteil des Bildungsprozesses für die kommenden Generationen. Dieser Sinn für Wahrheit ist bei kleinen Kindern, deren Geist noch unberührt ist, ganz natürlich. Ohne diesen Kultivierungsprozess riskieren wir, den Bezug zu verlieren zum Generieren von Bedeutung, die durch Wärme und Beziehungen von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wärme und Beziehung sind keine typischen Eigenschaften von digitalen Plattformen.
Beim Schreiben ist der Impuls, der die Worte hervorbringt, immer noch ein ‹freies Wesen› in mir, trotz der kulturellen und kommerziellen Impulse, die heute darauf abzielen, ihn zu eliminieren. Die Freiheit (engl. original ‹freehood›) als das soziale Feld, welches ‹freie Wesen› anerkennt und wertschätzt, muss wiederhergestellt werden. Dazu bedarf es eines kollektiven sozialen Willens, innovativer Vereinbarungen und einer mitfühlenden Regierungsführung. Wir werden einander brauchen, um uns in den Reichen des wilden Denkens zurechtzufinden, eine Kultur spiritueller Einsichten und praktischer Anwendungen zu fördern und gemeinsam neue Vereinbarungen zu schaffen, die uns befreien und uns angesichts gemeinsamer Absichten und Werte ehrlich bleiben lassen.
Jenseits des Materiellen
Ein Gegenmittel zu einer Kultur, die aus der Bequemlichkeit standardisierter Denkweisen Kapital schlägt (KI und Social Media), ist die Fähigkeit, unsere selbst gewählten Gemeinschaften nach dem Leitprinzip der Liebe zu regieren. Liebe schlägt eine Brücke zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Ohne diese pulsierende Brücke ist Liebe nicht real, sondern nur ein abstraktes Konzept. Sie ist komplex, weil sie ein tiefes Selbstbewusstsein und ein ebenso tiefes und gemeinsames Verständnis der Quelle der Liebe erfordert. Dafür angelegte Betriebssysteme sind derzeit in der Welt nicht besonders sichtbar – allerdings gibt es praktizierende Gemeinschaften, von denen wir lernen können.
Eine solche Praxis erfordert das Bewusstsein, dass die Welt und wir in ihr weit über das Materielle hinausgehen, was wir berühren und messen können. So können wir Liebe als etwas in der Welt Verankertes erfahren, Verantwortung dafür übernehmen und so handeln, dass sie und wir nicht den materialistischen Kräften zum Opfer fallen. Sie ist ein allgegenwärtiges Feld, eine moralische Atmosphäre, die mit Bewusstsein selbstlos individuelle Erfahrungen und soziale Praktiken durchdringen kann.
Im Gegensatz zur Sprache der künstlichen Intelligenz, die vollständig an die Vergangenheit gebunden ist, ist Liebe nur dann vorhanden, wenn sie vorhanden ist. Und doch umfasst sie die gesamte Zeit, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft. Ein solches Verständnis von Zeit erlaubt es, die Dinge zu verlangsamen und die Zeit zu deindustrialisieren, um den Herzensraum zu schaffen, der notwendig ist, um einander zu finden und neue Vereinbarungen zu treffen.
Eine neue Wildnis
Wie wir uns selbst führen, innerlich und in Gruppen, ist eine äußerst wichtige Aufgabe, die engagierte Aufmerksamkeit erfordert. Ein Hinweis auf die soziale Flexibilität, die erforderlich ist, um in diese Richtung zu gehen, findet sich in Rudolf Steiners Konzept der Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn wir die Dreigliederung ernsthaft in die Praxis umsetzen, können wir die Kultur verändern und es ermöglichen, uns in einem gemeinsam geschaffenen Feld von Übereinkünften zu engagieren. Diese Arbeit bringt uns an den Rand der Wirtschaftswelt – jener Welt, die uns die Brillanz und Bequemlichkeit der künstlichen Intelligenz gebracht hat, angetrieben von denen, die am Schnittpunkt von Geld und Macht zu gedeihen scheinen. Wildes Denken kann diesen Zusammenhang durchbrechen. Durch das unvermeidliche Chaos, welches vom wilden Denken hervorgerufen wird, kann ein neues Gefühl von sozialem Zusammenhang entstehen. Wir werden dann feststellen können, dass wir durch unsere gemeinsamen individuellen Bemühungen eine neue ‹Wildnis der Möglichkeiten› geschaffen haben. Diese beruht auf einer breiten sozialen Grundlage anstatt auf einer begrenzten politischen Grundlage. Dies ist die Veränderung im spirituellen und sozialen Bewusstsein, die die Dreigliederung der Gesellschaft möglich macht.
Ich befürchte, solange wir uns nicht gemeinsam auf die Entdeckung einer neuen inneren Wildnis einlassen, werden wir weiterhin unsere materielle Wildnis aus Gründen des Geldes und der Macht verbrauchen. Es wird viel wildes Denken und gesellschaftlichen Willen erfordern, um uns wieder mit unserer Vergangenheit zu verbinden und gleichzeitig eine ethische und ästhetische Zukunft zu gestalten. Wir müssen nur darauf achten, dass die Macht der Bequemlichkeit und süchtig machende Algorithmen diese Erfahrung nicht dominieren.
Bild Wurzeln und Kabel, Fotos: Matteo Grando, Nathan Cima/Unsplash
Übersetzung aus dem Englischen Gilda Bartel








