In der Schule übt man das Interpretieren von Texten – in der Schule des Lebens dann Menschen lesen zu lernen: Wie deute ich Gesten, Blicke, Worte? Umso wichtiger ist das reine Wahrnehmen, bevor bloße Spekulationen handlungsleitend werden.
Wunderbar werden Muster unserer Interpretationen in Paul Watzlawicks Geschichte vom Mann mit dem Hammer illustriert.1 Heute gewinnt die empathische Wertschätzung an Bedeutung, das freilassende Zuhören. Auch für die junge Generation. «We listen and we don’t judge» gilt als Trend auf Social Media. Das Bewusstsein wächst, dass Vorurteile oft in bestimmten Interpretationen wurzeln, nicht nur von Verhalten oder Situationen, sondern auch von Merkmalen: etwa, dass eine schwarze Hautfarbe auf menschliche Minderwertigkeit oder eine per Ultraschall prognostizierte Behinderung auf ein wertloses Leben hindeute. Viele Annahmen (und Maßnahmen) basieren auf einer vorgeschalteten Deutung. Denn davon, ob ich Leben nur biologisch interpretiere oder auch spirituell, hängt mit davon ab, wie ich eine Abtreibung moralisch bewerte. Oder: Wenn ich die Tatsache, dass Tiere keine Petitionen verfassen können, so interpretiere, dass ich mit ihnen machen kann, was ich will, weil ich ja höher stehe, sinkt die Bereitschaft, ihnen Schmerz zu ersparen.
Mutmaßungen in Minneapolis
Wie interpretiere ich meine Macht, wie Menschsein? Wenn Donald Trump auf Kritik am Bruch des Völkerrechts wörtlich erwidert, das Einzige, was ihn einschränke, sei seine «eigene Moral» und sein «eigener Verstand», klingt das wie eine Pervertierung des ethischen Individualismus in Rudolf Steiners ‹Philosophie der Freiheit› und der europäischen Aufklärung («Habe Mut, dich des eigenen Verstandes zu bedienen!»). Auch wenn der US-Präsident Steiners Buch kaum kennen dürfte: Trumps Selbstentlastung mutet an wie eine monströse Fehlinterpretation von moralischer Freiheit. In Essays von Abiturienten und Abiturientinnen wird eine willkürliche, unbegründete Deutung als Fehler bewertet, für manche Regierende ist Willkür Teil des Systems. Der ICE-Polizist, der in Minneapolis eine dreifache Mutter in ihrem Auto erschoss, interpretierte deren vermutlich panische Reaktion auf ihn und seine Kollegen als Signal, dass er selbst gefährdet sei. Aber welche emotionalen Vorbehalte mögen seiner Mutmaßung zugrunde gelegen haben? Welche Stimmung herrscht in den USA, dass das ‹Don’t judge!› von Selbstjustiz abgelöst zu werden scheint?
Im Erwartungshorizont
Wir kommen um das Deuten sozialer Vorgänge und Zeichen nicht herum. Kommunikationstheorien dienen dabei vor allem der Bewusstseinsbildung. Dinge bedeuten eben etwas, auch Indirektes, Nonverbales. Manchmal deutet man nur an, wie es einem geht, und hofft, dass der andere dies als stille Bitte interpretiert, nachzufragen oder nicht nachzufragen, bei einer Not zu helfen oder Verhaltensmuster zu überdenken. Ohne Interpretation auch keine Empathie. Aber was, wenn ich mit meinem ‹Interpretationsansatz›, wie es in der Fachdidaktik heißt, danebenliege? Bei einer Textanalyse macht das nichts, denn es geht im Fortgang gerade darum, die eigene These zu überprüfen, zu belegen oder zu verwerfen. Ich bin im Dialog mit dem Text, ziehe Aspekte heran und befrage die Dinge – so wie ich auch im Sozialen meinem Gegenüber meine Empfindungen schildern kann, damit er mich ins Bild setzt, ob ich richtig liege. Doch was in der Schule verlangt und mit Noten, die über die Zukunft entscheiden, bewertet wird, scheinen wir öffentlich kaum noch zu beherzigen. Es bedarf eines Klimas des Vertrauens: dass man miteinander spricht und jene Ebene der An-Deutungen berücksichtigt. Zwischen Staaten heißt das Diplomatie. Es ist wichtig, dem anderen seine Interpretationen fragend offenbaren zu dürfen. Schüler und Schülerinnen sorgen sich oft, dass sie etwas fehlinterpretieren oder eine Erwartung nicht erfüllen. Dafür gibt es den Fachbegriff des ‹Erwartungshorizonts›, denn ich kann bei Literatur nicht alles auf einen Punkt bringen wie bei mathematischen Gleichungen. Es gibt Spielräume und Grauzonen, Lesarten, die nicht einmal der Autor selbst im Bewusstsein hatte. Etwas kann im Horizont des Möglichen liegen, das man gar nicht als Option mit einbezogen hatte.
Interpretierst du dich selbst eigentlich richtig?
In Konflikten geäußerte Vorwürfe wie «Das ist nur deine Interpretation!», «Du deutest mich völlig falsch!» oder «Du hast nichts verstanden!» unterliegen letztlich auch nur einer einseitigen Vermutung. Man verstand das Verstehen des anderen eben auf eine unverständige Weise. Im Begriff ‹Textkörper› fallen dieses Zwischenmenschliche und das Literaturwissenschaftliche zusammen. Wie deute ich den Körper des anderen richtig? Wie dessen Gesten? «Nein heißt Nein»? Es gibt Worte, die in bestimmten Situationen, wo ein klares Ja oder Nein nötig ist, unmissverständlich sind. Aber bis dahin, und vielleicht auch hinterher, ist das Leben fluid, prozessual und spielerisch, dort testen wir es, tastend. Kein Text ist für immer ausgeschöpft, auch Begegnungen können ihre (karmischen) Nach-Spiele haben, und nur selten ist eine Interpretation alternativlos und ein Verhalten eindeutig. Nötig ist indes das Reden über die Filme im Kopf und die Hammer-Geschichten, alternativlos ist die Frage an das Du: Habe ich dich richtig interpretiert? Erst wenn mir andere gar nichts mehr bedeuten, ist die Zivilisation am Ende, erst wenn wir einander nicht mehr helfen bei der mindestens so wichtigen Frage: Interpretierst du dich selber eigentlich richtig?2
Politisch hängt viel davon ab, wie Regierende in Ost und West die Absichten der jeweils anderen Seite auslegen. Wird eine vorsichtig ausgestreckte Hand noch gesehen? Europa müsste dabei ein Ort des Gesprächs und der Spielräume bleiben,3 so wie im Alltag jeder Einzelne dazu beitragen kann, dass der Horizont der Hoffnung, der Freiheit und des Rechts nicht verdunkelt wird. Die Kinder der in Minneapolis erschossenen Renée Nicole Good erwarten dies von uns, wie die ganze junge Generation.
Bild Beamte der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE und der Grenzpolizei auf der Nicollet Avenue am 24. Januar 2026. Dies geschah nach der Erschießung des in Minneapolis lebenden Alex Pretti. Pretti ist die zweite Person, die diesen Monat in Minneapolis von Bundesbeamten getötet wurde, und die dritte Person, auf die sie geschossen haben. Foto: Chad Davis, CC BY 4.0
Fußnoten
- Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein. München 1983. Ein Mann will sich beim Nachbarn spontan einen Hammer borgen. Doch plötzlich zweifelt er, denn es fallen ihm nach und nach angebliche Indizien dafür ein, dass der Nachbar etwas gegen ihn habe. Der Mann steigert sich immer mehr in die Vorstellung hinein und es erbost ihn, dass sich der andere offenbar auch noch für unentbehrlich halte. Er klingelt und schreit den verblüfften Nachbarn ohne jede Erläuterung an, er möge seinen Hammer behalten.
- Napoleon etwa, so Rudolf Steiner, interpretierte seinen spirituellen Auftrag, Europa zu einen, in dem Sinne fehl, dass er diese Aufgabe militärisch verstand. – Siehe dazu: Andreas Laudert, Die vergessene Lebensaufgabe. Stuttgart 2011.
- Siehe dazu auch: Andreas Laudert, … und wofür ich kämpfe, in: Gegenwart 4/2025.


